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„Auf Genossenschaften kann man bauen“

01.04.2014

In Berlin wird so viel gebaut wie seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr: Viele Wohnungen, aber auch ganze Quartiere entstehen neu und verändern das Gesicht der Stadt. Über Hintergründe, Weichenstellungen und die Rolle der Wohnungsgenossenschaften äußerten sich Berlins Stadtentwicklungssenator Michael Müller und BBU-Vorstand Maren Kern.

Berlin wächst – was bedeutet das konkret für die Stadt und die Menschen?

Michael Müller: Wir erwarten bis 2030 einen Zuzug von ca. 250.000 Menschen nach Berlin, ein ganzer Stadtbezirk mehr. Das heißt mehr Menschen, die unterwegs sind, mehr Verkehr erzeugen, mehr Menschen, die Wohnen wollen und zwar jeder nach seinem Geschmack und Geldbeutel, mehr Kinder in unseren Kitas und Schulen. Das müssen wir bewältigen. Wir wollen und müssen die Berlinerinnen und Berliner dabei mitnehmen. Dabei ist mein Anspruch, dass Berlin die solidarische Stadt bleibt, die es jetzt ist. Bezahlbares Wohnen ist mir da besonders wichtig. Mit unserem Stadtentwicklungskonzept 2030 stellen wir uns diesen Aufgaben und definieren die Lösungsansätze für eine weltoffene und lebenswerte Hauptstadt Berlin.

Maren Kern: Die Stadt entwickelt sich derzeit sehr schnell, in Sachen Wirtschaft und Arbeitsplätze auch oberhalb des Bundesdurchschnitts. Das sind doch großartige Nachrichten und tolle Grundlagen für gemeinsames Gestalten. Dieses Gefühl des Aufbruchs und des Mitmachens muss den Menschen jetzt vermittelt werden, damit sie sich von dieser Dynamik der Stadtentwicklung nicht verunsichert fühlen.

Nach Schätzungen von Senat und BBU müssten bis 2020 pro Jahr rund 10.000 Wohnungen fertig gestellt werden. Wie wird dieses Ziel erreicht?

Michael Müller: Indem wir unsere Wohnungspolitik völlig neu ausgerichtet haben! Wir schaffen Bedingungen, die den Wohnungsneubau erleichtern. Mit unserer Wohnungsbauleitstelle haben wir eine Wohnungsbauleitstelle geschaffen, die schnell und unbürokratisch hilft, wenn es mal stockt bei Bauvorhaben. Wir statten die Stellen im Land mit mehr Personal aus, die Baurecht schaffen, damit die Dinge vorangehen. Für jede Wohnungsbaugenehmigung erhalten die Bezirke eine Prämie. Und tatsächlich ist die Bautätigkeit deutlich angezogen. Dabei ist uns vor allem wichtig gewesen, dass unsere städtischen Wohnungsbaugesellschaften beim Neubau wieder eine große Rolle spielen. Mit dem vom Berliner Parlament bewilligten Wohnungsbaufonds in Höhe von 320 Millionen Euro können wir in den nächsten fünf Jahren den Wohnungsbau ordentlich ankurbeln, wobei die Schaffung von bezahlbaren Mietwohnungen bei mir immer im Vordergrund steht.

Maren Kern: Neubau geht leider auch nicht von jetzt auf gleich. Wir warnen zwar schon seit etwa drei Jahren vor einer Angebotsverknappung. In Berlin hatten wir bis vor wenigen Jahren aber noch einen deutlichen Angebotsüberhang, viele Wohnungen standen leer. Allein unsere 144 Berliner Mitgliedsunternehmen planen jetzt in den nächsten Jahren aber den Neubau von mindestens 20.000 Mietwohnungen in Berlin. Das A und O dabei ist aber natürlich, dass sie dazu auch günstiges Bauland zur Verfügung haben. Und dass es ein gutes Neubauklima in der Stadt gibt.

Stichwort Neubauklima: Worum geht es beim Widerstand gegen Neubauprojekte? Was kann man tun, um die Menschen für Neubau zu begeistern?

Maren Kern: Die Menschen müssen sich ein Stück weit erst noch an das Wachstum gewöhnen. Mehr Wachstum heißt ja immer auch mehr Chancen für alle. Vielfach haben wir es aber auch mit der Einstellung zu tun: Wachstum ja, aber bitte nicht vor meiner Haustür. Dieses Sankt-Florian-Prinzip löst aber keine Probleme, es vergrößert sie nur. Dabei sollten die Menschen immer vor Augen haben, dass Berlin auch für ihre Kinder und Enkel noch bezahlbar bleiben soll.

Michael Müller: Zunächst ist es ja verständlich, dass man in seiner Nachbarschaft nicht auf eine liebgewonnene Freifläche verzichten oder Baulärm nicht ertragen möchte. Aber wir müssen den Menschen auch verdeutlichen, dass es einen entspannten Wohnungs- und vor allem Mietenmarkt nur dann geben kann, wenn wir mehr Wohnungen bauen. Und vielleicht müssen wir noch mehr Begeisterung dafür erzeugen, dass es Menschen nach Berlin zieht. Der Zuzug bedeutet wachsenden Wohlstand, Steuereinnahmen, mehr Arbeitsplätze, ein Gewinn für das Leben aller in Berlin. Dazu gehört aber dann auch gebaute Infrastruktur. Deswegen ist mein Motto: Berlin baut!

Auch wenn die Diskussion um das Tempelhofer Feld noch laufen: Welche Bebauung ist Ihrer Meinung nach im Interesse der Berlinerinnen und Berliner?

Michael Müller: Wie gesagt: Wir brauchen neue Wohnungen. Und vor allem neue Mietwohnungen. Die Randbebauung – und nur darum geht es – auf den landeseigenen Flächen dort verdoppelt unser Potenzial an städtischen und bezahlbaren Wohnungen im Innenstadtring. 90 Prozent der Bauflächen in der Innenstadt sind privat und nicht im Landesbesitz. Gerade deswegen wollen wir am Rand des Tempelhofer Feld insgesamt in drei Quartieren bis zu 4.700 preiswerte Wohnungen bauen. Das ist im Interesse aller Berlinerinnen und Berliner. Genauso wie die große, einzigartige Freifläche mit 230 ha in der Mitte, die frei und unbebaut bleibt.

Maren Kern: Das kann ich voll und ganz unterstützen. Mit dem Tempelhofer Feld hat Berlin eine Riesenchance, zukunftsorientierte, bezahlbare und nachhaltige Stadtquartiere zu bauen, und dabei gleichzeitig eine Grünfläche zu behalten, die größer ist als der Staat Monaco. Die weitläufigen Freiräume bleiben also erhalten. Diese Chance müssen wir nutzen können. Jetzt, und nicht erst in zehn oder 15 Jahren.

Welche Rolle sehen Sie für die vielen Berliner Wohnungsbaugenossenschaften auf dem Wohnungsmarkt?

Maren Kern: Berlin ist mit seinen zahlreichen Wohnungsgenossenschaften ja quasi Genossenschaftshauptstadt. Genossenschaften haben hier eine lange Tradition von bis zu 130 Jahren. Sie stehen für bezahlbares und gutes Wohnen, für die Beteiligung ihrer Mitglieder und eine nachhaltige Quartiers- und Stadtentwicklung. Deshalb ist es auch so gut für Berlin, dass sie kräftig in Wohnungen und Neubau investieren. Auf die Genossenschaften kann man bauen.

Michael Müller: Ich habe die Wohnungsbaugenossenschaften immer als verlässlichen und sozial engagierten Partner erlebt. Ohne Wohnungsbaugenossenschaften wäre die Situation für viele Menschen in unserer Stadt sicher schwieriger. Ihnen geht es nicht um Maximalrenditen, sondern um lebenslanges Wohnen ihrer Mitglieder. Damit sind sie natürliche Partner für eine nachhaltige Wohnungspolitik. Im Rahmen unseres Genossenschaftswettbewerbs hat sich gezeigt, dass die Genossenschaften auch wirklich innovative Partner der Stadtgesellschaft sind. Ich freue mich, dass am Tempelhofer Feld die Ideal Genossenschaft auch stellvertretend für andere Genossenschaften gesagt hat: Ja, wir wollen uns hier gemeinsam mit zwei städtischen Wohnungsbaugesellschaften konsequent engagieren.

Zu den Gesprächspartnern:
Michael Müller ist seit 2011 Bürgermeister und Senator für Stadtentwicklung und Umwelt des Landes Berlin. Er ist für zentrale stadtentwicklungspolitische Themen verantwortlich – von der Wohnungs- über die Klima- und Energie- bis hin zur Verkehrspolitik.

Maren Kern ist seit 2009 Vorstand beim BBU Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V. Der BBU ist Dachverband für rund 360 landeseigene, kommunale, genossenschaftliche, private und kirchliche Wohnungsunternehmen in Berlin-Brandenburg, die rund 1,1 Millionen Wohnungen bewirtschaften.

Quelle Foto: BBU

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