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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Einfach mal abschalten hilft

Oktober 2020

Was habe ich mich bisher immer aufgeregt den lieben langen Tag lang, es gab ja auch immer einen Grund! Der Wetterbericht versprach den gesamten Tag über Sonnenschein und so ging ich zum Shoppen natürlich ohne Schirm los. Leider hatte mein Einkauf keinen guten Schirmherrn, ich kam in ein kräftiges Gewitter und wurde pudelnass. Bei meinem Tagesausfug nach Hamburg vor einigen Wochen wurde ein Stau angesagt und ein Umleitungstipp gegeben. In dieser Umleitung hing ich drei Stunden lang fest - der angesagte Stau hatte sich jedoch nach zehn Minuten wieder aufgelöst. Seit Wochen hatte ich mir vorgenommen, in die Picasso-Ausstellung zu gehen, aber die Wartezeit von mehreren Stunden schreckte mich ab. Eines Tages hörte ich dann jedoch im Radio einen Geheimtipp: jeden zweiten Sonntag ist die Ausstellung bis nachts um zwei geöffnet, wer gegen Mitternacht kommt, kann sich die Bilder ohne Warterei und in aller Ruhe anschauen. Natürlich war es alles andere als ein Geheimtipp, wahrscheinlich waren doppelt so viele Leute vor Ort wie an einem normalen Wochentag. Hättest Du auf Deinen gesunden Menschenverstand gehört, hättest Du Dir das doch denken können, Hermine, sagte ich mir und ging unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Seit einiger Zeit schon wollte ich mir ein Auto zulegen, konnte mich aber nicht entscheiden. Einen Deutschen, Japaner oder Franzosen? Reicht ein Kleinwagen oder sollte es besser eine Mittelklasse sein? Diesel oder Benzin? Was immer man sah, las oder hörte - überall wurde das Elektroauto als das Fortbewegungsmittel gepriesen: ökologisch, leise, fortschrittlich - also all das, was ein gutes Gewissen hören will. Und dann noch diese Förderung! Ich wurde schwach und kaufte mir einen elektrogetriebenen Kleinwagen. 400 Kilometer sollte die Reichweite betragen, also erst mal ab nach Rügen! Aber wie so oft enttäuscht die Praxis all die Theorie. Nach knapp 200 Kilometern ging nichts mehr. Der ADAC sagte nur mitleidig, Benzin oder Diesel hätten wir vorbeibringen können - so hilft nur Abschleppen bis zur nächsten Steckdose. Die versprochene Ladezeit von drei Stunden dauerte dann allerdings mehr als doppelt so lange. Auf der Heimfahrt machte ich sechs Mal Rast an einer Ladesäule - vor lauter Angst, wieder liegenzubleiben. Zum Glück fand ich eine begeisterte Nachbarin, die mir das Auto mit Kusshand abnahm und verkaufte meine Errungenschaft so schnell wie möglich wieder. Den finanziellen Verlust nahm ich gelassen hin, wer weiß, was ich mir so alles erspart hatte. Nun habe ich beschlossen, einfach mal abzuschalten. Nicht geistig - sondern das Radio und den Fernseher. Will mich auf meinen eigenen Verstand und meine Wünsche konzentrieren. Denn wie ich letztens hörte, könnten selbsterfüllende Prophezeiungen meine Probleme lösen. Was wir erwarten oder befürchten, neigt dazu, auch wahr zu werden. Im Guten wie im Bösen. Das könnte also meine Stunde als Optimistin sein - mal sehen, was daraus wird.