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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Die Kolibris von gegenüber

März 2019

Die Maschners wohnen seit vielen Jahren direkt gegenüber. Eine nette Familie - drei Kinder im Abstand von je einem Jahr, zwischen neun und elf Jahren alt. Lange Zeit habe ich mir nichts weiter dabei gedacht - und das bei meinem gesunden Misstrauen! Aber inzwischen ist mir ein Licht aufgegangen - die Kinder sind nicht von ihrem Mann. Die Geburten lagen alle in der Zeit, als er wochen- und monatelang auf Montage war. Könnte zwar sein, dass er auch in der Freizeit ein Fleißiger ist - aber meine Indizien sprechen Bände. Die Kinder - Kolja, Linda und Brian - sehen weder ihrem Vater noch ihrer Mutter ähnlich. Das ist zwar manchmal gut für die Kinder - in diesem Fall jedoch nicht. Schon immer sahen die Kinder so aus, als ob sie einen anderen Vater hätten. Oder besser drei - denn auch die Kinder sahen sich überhaupt nicht ähnlich. Das erste Mal verdichtete sich mein Verdacht, als ich unseren Briefträger mit Brian sprechen sah. Wie aus dem Gesicht geschnitten - einschließlich der Henkelohren, der Knollennase und der feuerroten Haare. Mit geschärftem Blick wurde ich weiter fündig. Beim letzten Stromablesen stand unser langjähriger Ableser - von Frau Maschner immer liebevoll unser Lichtmann genannt - neben Linda. Auch hier wäre jeder Gentest überflüssig, denn ähnlicher kann man sich gar nicht sehen. Selbst der Wirbel am Pony saß an der gleichen Stelle. Ein paar Tage vor Koljas elftem Geburtstag schloss sich dann der Kreis. Ein Mann, der mir vor vielen Jahren häufig im Haus über den Weg lief - den ich damals aber nie zuordnen konnte - klingelte an meiner Tür. Von Anfang an hatte ich ihn den Kohlemann genannt. Nicht, weil er die Kohlen für die Öfen ins Haus brachte - wir haben seit ewig Fernheizung. Ich nannte ihn so, weil er stets bestens gepflegt und immer in einen feinen schwarzen Zwirn gekleidet war. Er sah nach viel Kohle aus, daher meine Namensgebung. Jedenfalls hatte er ein Päckchen in der Hand und bat mich, es Frau Maschner zu geben. Aber nur ihr - auf keinen Fall Herrn Maschner. In diesem Moment fiel mir auch die Ähnlichkeit zu Kolja - dem ältesten Nachbarskind - auf. Selbst die Gestik war wie geklont. Ich sollte also der Überbringer des Geburtstagsgeschenkes sein. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit gestand mir Frau Maschner, ich darf sie jetzt Julia nennen, alles. Auch wenn ich selber gerne manches verschweige - von anderen erwarte ich schon absolute Ehrlichkeit. Seit ich alles weiß, macht es mir natürlich doppelt Spaß, die Eigenheiten der Kinder mit ihren Vätern abzugleichen. Für meinen internen Gebrauch habe ich den Maschners auch einen neuen Namen gegeben: die Kolibris. Kolja für Kohlemann, Linda für Lichtmann und Brian für Briefträger. Soll mal einer sagen, Namen wären Schall und Rauch.