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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Das vierblättrige Kleeblatt

Januar 2019

Plötzlich hielt ich es in den Händen - ein vierblättriges Kleeblatt. Muss mein Unterbewusstsein gepflückt haben, denn eben noch betrachtete ich hingebungsvoll das neue Logo meines Vermieters auf unserem Sportplatz. Jetzt sollte mich also das Glück heimsuchen - was immer das auch bedeutete. Da vierblättrige Kleeblätter in der Natur extrem selten sind, braucht man viel Glück, um solch ein Blatt zu finden. Nach einer Legende nahm Eva ein vierblättriges Kleeblatt als Andenken mit, als sie aus dem Paradies vertrieben wurde. Sie wollte wenigstens etwas bei sich tragen, dass sie immer an die glücklichen Zeiten erinnert. So kam es, dass in der Folgezeit ein vierblättriges Kleeblatt als gutes Omen angesehen wurde. Vor über 2.200 Jahren war es wegen seiner Seltenheit nur den Druiden vorbehalten. Auch bei den Kelten galt es als Schutzsymbol. Noch heute gibt es viele verschiedene Deutungen: Wer es im Schuh trägt, wird auf Reisen beschützt. Wer es in seiner Kleidung vernäht, wird vor Bösem bewahrt. Mädchen sollten sich gut umschauen, bevor sie ein vierblättriges Kleeblatt mitnehmen - angeblich heiraten sie den nächsten Mann, der ihnen begegnet. Auch getrocknete Kleeblätter im Schulbuch sollen die Noten verbessern und Glücksklee unter dem Kopfkissen schöne Träume bringen. So hat eben jeder seine ganz eigenen Vorstellungen davon, was Glück ist. Da reichen schon ein paar Beispiele, um das ganze Ausmaß zu verstehen. So sagte ein Schüler am Tag der Zeugnisausgabe „Papa, du hast Glück!“ „Wieso?“ „Du brauchst mir für dieses Jahr keine neuen Schulbücher kaufen!“ Oder der Arzt, der zu seinem Patienten sagte: "Herr Müller, Sie hatten aber verdammtes Glück - nicht Ihr Puls ist stehen geblieben, sondern meine Uhr." Nicht viel besser ist das Gespräch zwischen zwei Frauen zu verstehen: „Mein Mann ist ein Engel!“ - „Da hast du aber Glück, meiner lebt noch!" Oder als eine Frau zu ihrem Mann sagte: "Früher warst du glücklich, wenn du mich bloß ein paar Stunden am Tag sehen konntest." Worauf er erwiderte: "Daran hat sich nichts geändert!" Am ehesten halte ich es da mit dieser Variante des Glücks: Ein Golfer hat am Bag ein Hufeisen hängen „Glauben Sie etwa daran?" fragt ihn sein Partner. "Nein, aber ich bin überzeugt, dass es auch dann Glück bringt, wenn man nicht daran glaubt!" Wie gegensätzlich Glück oft empfunden wird, das habe ich auch schon häufig am eigenen Leib erfahren - und da ist eine ganze Menge Platz für Enttäuschungen! Mich macht es zum Beispiel glücklich, wenn ich im Haus oder unterwegs einen Nachbarn treffe, mit dem ich ein kleines Schwätzchen halten kann. Denn ich habe immer etwas, was ich gerne loswerden möchte, um nicht zu platzen. Nun ist mir allerdings zu Ohren gekommen, dass mir manch einer der Nachbarn lieber aus dem Weg geht. Es also seinerseits als Glück empfindet, wenn wir uns nicht über den Weg laufen. Na ja - des einen Glück, des andern Leid, heißt es ja bekanntlich. Aber selbst wenn ich mich der Frage des Glücks über die alten Philosophen nähere, erfüllt mich das nicht mit Freude. Laut Platon hat die menschliche Seele drei Teile: Die Vernunft, den Willen und das Begehren. Ein Mensch ist nur dann glücklich, wenn alle drei Seelenteile im Gleichgewicht und miteinander befreundet sind - das heißt, sich nicht widersprechen. Sich nicht widersprechen? - Da frage ich mich doch glatt: Wie soll ich da je glücklich werden?