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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Mein Gute-Laune-Spray

April 2018

Was einem schon früh den Tag verderben kann, sind miesepetrige Gesichter in der Nachbarschaft. Einigen Mitmenschen sind die herabhängenden Mundwinkel bereits so fest angewachsen, dass sie nicht einmal der beste Witz zu einem - wenn auch noch so müden - Lächeln bringen könnte. Man müsste diesen stimmungsdämpfenden Personen vorsorglich bei jeder Mahlzeit etwas beimischen, was ihre Laune für uns alle spürbar verbessert. Oder besser noch, gleich etwas in die Atmosphäre sprühen, was schlechte Stimmung gar nicht erst aufkommen lässt. Dafür die passende Lösung zu finden, war für mich gerade wieder einmal die richtige Aufgabe. Wissenschaftler spielen können und der Menschheit einen Bärendienst erweisen. Ehe ich mich in die wissenschaftliche Arbeit stürzte, machte ich mich natürlich erst einmal schlau. Denn das Rad wollte ich auch nicht noch einmal neu erfinden. Nun, ein Airspray mit dem Namen Gute Laune - sogar in bio - gab es schon. Aber das konnte doch wohl keine Konkurrenz zu meiner Idee sein. Zitrone, Myrrhe oder Weihrauch mögen zwar manchen Mief überdecken, aber mit guter Laune hatten sie ganz bestimmt nichts zu tun. Der Ansatz meiner fundierten Überlegungen beruhte auf einem einfachen Forschungsergebnis: Benebelt man Sinneszellen, die in Kultur wachsen, dreißig Minuten lang mit einem Duftstoff, verschwinden die Riechrezeptoren auf ihrer Oberfläche. Gleichzeitig werden Ionen-Kanäle blockiert, die zwischen Zelle und Außenwelt eine elektrische Spannung erzeugen. Damit kann an den Bulbus olfactorius - die Relais- und Umschaltstation des Geruchssinns im Inneren der Schädelhöhle - kein Signal weitergegeben werden. Im Bulbus werden durch Rückkopplungsschleifen ebenfalls gleichbleibende Signale unterdrückt. Kurz gesagt, ich musste nur den richtigen Duft im Unendlichen des Wahrnehmbaren finden. Die ersten Düfte, die ich gleich am frühen Morgen auf allen Fluren und im Treppenhaus versprühte, führten allerdings nur zu Hustenreiz, Augenbrennen, Kopfschmerzen und Kreislaufproblemen. Von nicht kontrollierbaren Eigenentwicklungen wollte ich von nun an Abstand nehmen und versuchte es mit dem altbewährten Lachgas. Der Rausch setzte auch unmittelbar nach dem Inhalieren ein - plötzlich traf ich auf entspannte Nachbarn. Allerdings waren sie nun nicht mehr ansprechbar, sondern liefen mit Tunnelblick oder geschlossenen Augen durch die Gegend und lachten laut und herzhaft auf, wenn man sie ansprach. Da die Wirkung von Lachgas allerdings nur kurzfristiger Natur ist, war ich ständig am Nachsprühen und wurde eines Tages von der redseligen Mayerhofer erwischt. Am Abend war es natürlich schon im ganzen Haus rum und ich wieder einmal die Gelackmeierte. Mein nächster Anlauf für fröhliche Gesichter wird daher wesentlich unauffälliger sein - vielleicht versuche ich es einmal mit Schnellhypnose.