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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Der Fensterputzer weiß zuviel

März 2018

Da dachte ich doch bisher, ich wüsste über alle und alles im Haus am besten Bescheid. Mit ein bisschen Mühe und psychologischer Raffinesse bekam ich aus meinen Nachbarn gewöhnlich die Informationen heraus, die ich wissen wollte. Aber was musste ich dann eines Tages hören? Unser Fensterputzer weiß viel mehr! Und das ohne jede Anstrengung. Direkt vor dem Fenster kriegt er einfach alles mit – und seine Opfer fühlen sich noch nicht einmal beobachtet. Er hat einen freien Einblick in Küchen, Wohn – und selbst in Schlafzimmer! Was muss ich dagegen für Klimmzüge machen, um zu intimen Informationen über Tisch und Bett zu kommen. Was für geschickte Fragen muss ich mir immer ausdenken, um nicht den Argwohn meiner Mitmenschen auf mich zu ziehen. Da hilft nur eins, Hermine, sagte ich mir: Du musst dich mit dem Fensterputzer verbünden. Aber was sollte ich ihm bieten? Information, Tratsch und Klatsch konnten es nicht sein, sein Vorsprung auf diesen Strecken war mehr als glasklar. Auf eine plumpe Art wollte ich mir sein Wissen aber auch nicht besorgen – also hieß es jetzt, seine Achillesferse zu finden. Einen geeigneten Zwischeninformanten zu suchen oder ihn einfach zu erpressen, war mir zu mühsam. Es sollte schon auf die charmante Art geschehen. Also lud ich ihn erst einmal zu Kaffee und Kuchen bei mir ein. Der Donnerstag sei der stressigste Tag der Woche, sagte er. Da müsse er immer bis 18 Uhr arbeiten. - Na also, da hatte ich doch meine Chance! Ab nächster Woche könne er ja gern nach Feierabend auf einen Plausch bei mir vorbeikommen, ich würde dann schon mit einem leckeren Gericht auf ihn warten, lockte ich ihn. Freudestrahlend nahm er an, zumal niemand zuhause auf ihn wartete. Mein erster Versuch misslang – mein Fensterputzer war sehr schweigsam und ich daher äußerst missgestimmt. Wenn er freiwillig nicht will, muss ich eben nachhelfen, dachte ich mir und begann, meine Verhörmethoden systematisch zu verfeinern. Heißt es nicht, Wein senke die Hemmschwellen und fördere die Redseligkeit? Dafür musste ich nur die richtige Sorte erwischen – nicht, dass er statt gesprächig plötzlich aggressiv oder melancholisch würde, mir an den Kragen ginge und sich dann bei mir ausheulte. Mit Oppenheimer Krötenbrunnen, Albiger Hundskopf, Planiger Katzenhölle und Mußbacher Eselshaut erzielte ich nur mäßige Erfolge. Als ich dann aber den Kröver Nacktarsch kredenzte, war sein Zungenbändchen gelöst. Er nahm einen kräftigen Schluck und sagte schelmisch lächelnd: Dabei fällt mir doch die junge Frau Brennessel aus dem dritten Stock ein. Zufällig sah ich da vor ein paar Tagen in ihr Schlafzimmer – und Sie werden es mir nicht glauben, mit wem sie da … Nun war der Knoten endlich geplatzt und meine Kochkünste wurden mit den interessantesten Informationen aus dem Innenleben unseres Hauses belohnt. Im Wein liegt also wirklich Wahrheit – wenn es der richtige ist. Da sage noch einmal jemand, Namen wären nur Schall und Rauch!