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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Was sind schon ein paar Kilo mehr?

November 2018

Idealgewicht. Idealgewicht. Idealgewicht. Bodymaßindex … Man macht sich doch heutzutage total verrückt, nur wegen ein paar Pfunden zu viel. Aber egal, wohin man kommt, man bekommt ja auch immer den Spiegel vorgehalten. Nur dass ich auf der anderen Seite nicht mich sehe, sondern immer ein Magermodell, das vor lauter Hunger fast aus dem Spiegel zu kippen droht. Selbst auf meiner Lieblingsillustrierten „Moppelchen today“ bringen die Titelladies nie mehr als 120 Pfund auf die Waage. Man könnte schier verzweifeln. Aber nicht das gab den Ausschlag, dass ich mich mit diesem Thema intensiver beschäftigte. Das erste Mal dachte ich darüber nach, als ein lieber Bekannter zu mir sagte: „Mensch Hermine, Du bist doch ein echter Pfundskerl.“ Kerl, na ja - aber was meinte er mit den Pfunden? Die Wuppdizität meiner Rundungen, die ich im Alltag geschickt einsetzte, um mich überall in eine vordere Position zu bringen - oder meine etwas ausladendere Silhouette? Wahrscheinlich plagten mich diese Gedanken auch bei meinem Metzger, als er seinen wurstigen Zeigefinger auf die Waage drückte und zu mir sagte: „Es kann doch sicher ein bisschen mehr sein ...“ Jedenfalls platzte mir in diesem Moment der Kragen und ich hörte mich schreien „Pfund ist Pfund, sonst hätte ich doch wohl 624 Gramm gesagt!“ Nicht überall scheint man solche Probleme zu haben. In England zumindest. Hier kann man gar nicht genug Pfunde haben - zumindest auf dem Konto. Wahrscheinlich haben die Briten auch deshalb andere Maßeinheiten, um auch mit einem etwas höherem Gewicht charmant erscheinen zu können. Da kann man doch locker sagen: Ich mit meinen 3.200 Unzen falle da doch gar nicht weiter ins Gewicht. Ein zusätzlicher Trost war mir auch, dass man in Kilo gerechnet ja nur noch die Hälfte wiegt. Als positiv denkender Mensch beschloss ich also, nicht mehr wegen irgendwelcher überschüssiger Pfunde zu hadern, sondern mit meinen Pfunden zu wuchern. Denn auch ich habe so meine guten Seiten. Und hier schließt sich auch wieder der Kreis, denn es ist unbestreitbar, dass ich von allen meinen Freunden als Pfundskerl eingeschätzt werde. Als jemand, der sie selbst aus den schwierigsten Situationen herausboxt. Immer getreu dem Motto: Ein Pfund Mut ist mehr wert als eine Tonne Glück. Eine kürzlich veröffentlichte Studie hob nicht nur mein Selbstbewusstsein, sondern auch meine gute Laune. In einer Langzeituntersuchung wurde herausgefunden, dass Frauen, die ein bisschen übergewichtig sind, länger leben als die Männer, die dies kommentieren. Als ich das las, hörte ich, wie mir eine schwere Last von der Seele fiel.