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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Hab ich nun einen an der Waffel?

September 2017

Als ob ich es geahnt hätte! Meine privaten Studien und Beobachtungsergebnisse decken sich jedenfalls auch mit offiziellen Studien: Etwa 40 Prozent der Bevölkerung soll psychisch angeschlagen sein. Erst dachte ich - Mensch, so viele sind wir doch gar nicht! Aber dann habe ich einmal nachgerechnet und bin sogar zu einem noch viel schlimmeren Ergebnis gekommen. Denn von meinen engsten 38 Freundinnen haben bestimmt 33 einen an der Waffel. Nun wollte ich es aber auch im Detail wissen. Wenn es fast jeden zweiten Europäer betrifft, dann falle ich ja vielleicht auch unter irgendeine Rubrik? Als ich dann las, was man heute so alles als psychische Krankheit einstuft, setzte bei mir automatisch die Selbstkontrolle ein: Schüchternheit konnte ich bei mir gleich ausschließen.Der Name „avoidant personality disorder“ (Hemmung, soziale Kontakte aufzubauen) war inzwischen eine ernsthafte Krankheit geworden. Bei der „intermittent explosive disorder“ (temporäre explosive Störung) - früher einfach auch nur Zorn genannt - entdeckte ich auch mich. Aber dass ich an der Hortungskrankheit leiden sollte, nur weil ich manchmal alten Krempel aufhebe …? Dann müsste ja fast jeder irgendwie gestört sein. Wenn inzwischen also schon ganz alltägliche, normale Zustände einer fachlichen Behandlung bedürfen, musste mehr dahinterstecken. Vielleicht die Klimakatastrophe oder die Hühnerpest? Die Antworten lieferten mir zufällig eine befreundete Apothekerin und ein Coach für Lebensberatung, die an der zunehmenden Misere der Leute prächtig verdienten. Als ich ein Gespräch zwischen diesen beiden hörte, ging mir auf einmal ein Licht auf. Vielleicht sollte ich auch an dieser Entwicklung teilhaben und reich werden? - Zumal Teilhabe als Begriff ja heutzutage in aller Munde ist. Und wer will schon nicht zum Kreis der Reichen und Schönen gehören? Immerhin erfüllte ich hier bereits ein Kriterium! Komischerweise fiel mir an dieser Stelle ein Witz ein, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging: Ein Mann steht in Zürich an einem Bankschalter und flüstert zum Servicemitarbeiter „Ich möchte gern Geld einzahlen.“ Der Mitarbeiter fragt ihn, um welche Summe es sich handelt. Wieder flüstert der Mann „Um fünf Millionen Euro.“ Darauf der Servicekollege „Sie müssen nicht flüstern, in der Schweiz ist Armut keine Schande.“ Meine Idee zum Geldverdienen lag folgerichtig auch auf der Pharmazie-Schiene. Ich wollte eine neuartige Pille entwickeln - die Erkenntnispille. Wer sie einnimmt, würde erkennen, dass er sich schnellstens in seelische Behandlung begeben müsste - bei mir. Die Behandlung würde ich meinen fleißigen Freundinnen Anni, Üt und Stine überlassen - frei nach dem Motto: Der Arbeiter arbeitet und der Chef scheffelt. Ich sah schon die gefüllten Schatztruhen vor mir - aber nicht überall, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Meine Freundinnen, die ich als Mitstreiter auserkoren hatten, zeigten mir nur einen Vogel. Und irgendwie hatten wohl auch die von mir ausgewählten Klienten mitbekommen, dass meine Pillen nur einfache Lutschbonbons waren und sie beim Stückpreis von 99 Euro hundertfünfzig Schachteln davon bekommen hätten. Sie fragten, ob ich einen an der Waffel hätte, und empfahlen mir selbst eine Behandlung, die ich nicht näher beschreiben möchte. - Wahrscheinlich habe ich mit dieser Geschäftsidee das Thema doch etwas verfehlt - aber ich bin schon auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld. Nach einem, das zumindest den Anschein von Normalität hat.