background

Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Die Ente auf meinem Balkon

Juli 2017

Wenn man im elften Stock wohnt, kommt selten jemand vorbei. Jedenfalls von außen. Mal ein Spatz oder eine Taube, die sich auf dem Balkongeländer ausruht. Neulich war meine Freundin Charlotte zu Besuch und fragte mit der Balkontür in der Hand, ob wir eine Ente auf dem Balkon hätten. Ja, sagte ich, und auf dem anderen Balkon ein Pferd. Als sie die Tür aufmachte, schreckte in der Balkonecke eine Ente auf und flog davon. Ich war platt – und noch platter, als ich sah, dasssie in einem meiner Blumenkübel ein Nest gebaut und ein Ei gelegt hatte. Charlotte und ich gingen erst einmal ins Café um die Ecke, um uns von dem Schreck zu erholen. Und um auf dem Laptop zu gockeln, wie es sich mit der Ente verhält. Bis zu sechzehn Eier legt so eine Ente, jeden Tag eins und wenn sie damit fertig ist, brütet sie diese dreißig Tage lang aus. Ich sah meinen Balkon für diese Saison bereits verloren. Als ich nach Hause kam, hatte meine Ente bereits ihr zweites Ei gelegt und ich beschloss, erst einmal mit meinem Hausmeister zu sprechen. Der hatte immer eine gute Idee parat – und wenn er mir die Adresse für den Gleichstellungsbeauftragten für Enten beim Bezirksamt geben würde. Aber diesmal fiel meinem Hausmeister beim besten Willen nichts ein. Gleichstellungsbeauftragte gäbe es zwar für alles Mögliche, aber für Enten – da sehe er schwarz. Trotzdem wurde er fündig und stellte einen Kontakt zum Amt für regionalisierte Ordnungsaufgaben her. Inzwischen hatte ich schon sechs Eier in meinem Nest. Ein paar Tage wartete ich sehnsüchtig darauf, dass irgendein Beauftragter für verirrte Tiere die Eier abholen und zum Ausbrüten an einen geeigneten Platz bringen würde. Stattdessen klingelte es bei Ei fünfzehn an meiner Tür und ein hibbeliger junger Mann stellte sich als Beobachter eines Tierschutzverbandes vor. Er eröffnete mir, dass er für die nächsten sechs Wochen die Entwicklung des Entennachwuchses überwachen und protokollieren würde. Von früh um 8 bis abends um 7. Wenn die Entenjungen dann auf festen Füßen stünden, wollte er sie mit der Entenmutter an den nächstgelegenen Teich bringen. Um nicht zu stören, sollte ich die Fenster und die Balkontür mit Tüchern abhängen. Was blieb mir anderes übrig? Dann wäre der Balkonsommer für mich eben im Eimer – und es könnte meinetwegen die nächsten Wochen wie aus selbigen gießen. Eins habe ich mir jedenfalls fest vorgenommen. Wenn ich nächstes Jahr wieder ein Entenei auf meinem Balkon finden sollte, bringe ich es heimlich zu meiner ungeliebten Nachbarin Monika und gebe meinem Entenbeobachter Bescheid. Seine Telefonnummer habe ich ja jetzt – für den Fall der Fälle.