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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Meine Zwillingsschwester und ich

Mai 2019

Schon als Kind fragte ich meine Mutter, ob nicht doch noch irgendwo eine Ausgabe von mir existiere. Denn dass es so ein tolles Kind nur einmal geben sollte, empfand ich bereits damals als schlechte Laune der Natur. Jedenfalls hat sich auch später kein Geschwisterkind eingefunden, geschweige denn eine Zwillingsschwester. Bis dann eines Tages vor ein paar Jahren eine fremde Frau vor mir stand und wir uns direkt in die Augen sahen. Ihr ging es wir mir – uns beiden ging wie synchronisiert der Mund auf und nach einigen Schrecksekunden brachen wir gleichzeitig in ein lautes Gelächter aus. Denn sie wie ich hatten geglaubt, plötzlich in den Spiegel zu schauen. Sollte mein Vater etwa auf seinen vielen Geschäftsreisen …? Verwandt waren wir jedoch nicht, wie sich herausstellte, wurden aber immer mehr dickste Freundinnen. Teilten auch die geheimsten Geheimnisse miteinander und so dauerte es nicht lange, bis sie meine Nachbarschaft fast so gut kannte wie ich. Sie besuchte mich nun regelmäßig im Haus und schien auch mit meinen Nachbarn hin und wieder ein kleines Schwätzchen zu halten. Allerdings wussten meine Nachbarn nicht, dass es sich um meine Freundin Evi, meinen Klon, handelte. Sie glaubten, sie sei ich und sprachen sie mit Hermine an. Das nun weckte den Schelm in meiner Freundin Evi – denn nun tat auch sie so, als sei sie ich. Ilse Häberlein, mit der ich so etwas wie spinnefeind bin, lud sie auf ein Gläschen Cognac zu mir ein, um unsere alte Freundschaft wieder aufleben zu lassen. Natürlich wurde alles noch schlimmer als vorher, denn als Ilse wie verabredet mit einem Blumenstrauß vor der Türe stand, schmiss ich sie kurzerhand mit der Bemerkung, ich ließe mich nicht provozieren, wieder raus. Natürlich war das sofort rum im Haus und ich stand wieder einmal als die größte Zicke im Haus da. Zu noch schlimmeren Irritationen führte es allerdings, als Evi den netten Meiers versprach, dass sie meinen großen Ohrensessel geschenkt bekämen, sie müssten ihn sich nur selbst abholen. Als es dann ein paar Tage später klingelte und zwei junge Männer meinen geliebten Sessel wie versprochen abholen wollten, flippte ich aus und wollte gerade zu fluchen anfangen, als Evi plötzlich neben uns stand. Sie hatte keine Ahnung, was ihre Späße schon angerichtet hatten bzw. noch anzurichten drohten. Dabei sollte der verschenkte Sessel eine freudige Überraschung sein. Evi hatte das gleiche Exemplar, von dem ich dachte, dass es das Modell gar nicht mehr gibt, ganz frisch aus einer Liebhaberproduktion aufgetrieben und wollte mir mit einem neuen alten Sessel ein tolles Freundschaftsgeschenk machen. Trotz misslungener Überraschung war ich von der Idee aber so überwältigt, dass ich zu den Geständnissen über ihre Auftritte und Späße unter meiner Identität nur herzhaft lachen konnte. Ich zog es jedoch vor, bei allen betroffenen Nachbarn mit Evi persönlich vorbeizuschauen, um alle Missverständnisse aufzuklären. Dabei kamen natürlich noch weitere Scherze meiner „Zwillingsschwester“ heraus, die ich sie zur Strafe selbst habe ausbügeln lassen. Seitdem werde ich meist nicht mehr alleine von Nachbarn eingeladen, man möchte schon uns beide sehen. Weil man dann auch seinen doppelten Spaß hat. Und die Moral von der Geschichte: Wenn einer Dir was Dummes sagt – vielleicht war er es selbst gar nicht.

Ein großes Organisationstalent

April 2019

Man kann mir ja vieles vorwerfen - aber bestimmt nicht, dass ich mich zu wenig um die Geselligkeit in unserer Hausgemeinschaft kümmere. Neben dem Schneiderkurs am Dienstag organisiere ich auch jeden Donnerstag die Seniorengymnastik. Irgendeiner muss ja mal anfangen, sich um solche Angebote zu kümmern. Zumal uns unser Vermieter die Räumlichkeiten dafür schon seit Jahren anbietet. Nach dem typischen Fremdeln am Anfang liefen dann meine beiden Kurse in guter Besetzung und es macht allen auch viel Freude. Keiner möchte den Termin in der nächsten Woche verpassen. Umso mehr frage ich mich, warum nicht auch mal jemand anderes so etwas auf die Reihe bringt, z. B. einen Fotokurs oder einen Lehrgang für Computeranwendungen. Daran hätte ich Interesse und würde gern teilnehmen - aber, obwohl wir die Leute mit dem nötigen Wissen und auch der nötigen Freizeit unter uns haben, ist bisher nichts passiert. Sollten wirklich alle meine Nachbarn Ignoranten oder Freizeitmuffel sein? Zum Glück kam mir die passende Idee. Ich lud meine Hausgenossen einfach alle zu Kaffee und Kuchen in unseren Freizeittreff ein. Viele waren noch nie hier - aber ich setzte darauf, dass sie kommen, wenn es etwas Kostenloses gibt und man nichts weiter machen muss. Allerdings konnte ich überhaupt nicht abschätzen, wie viele meine Einladung annehmen würden. Würde ich auf meinem Berg Kuchen sitzenbleiben und ihn in den nächsten Wochen alleine aufessen müssen - oder würde er vielleicht gar nicht reichen? Versuch macht klug, sagte ich mir und legte los. Der kostenlose Kuchen mit Kaffee zog, der Raum war rappelvoll und wir hatten alle einen wunderschönen Abend. Ich weiß gar nicht, wie oft ich während dieser Stunden hörte, dass man sich viel öfter treffen sollte, wie schön es hier sei und dass man gar nicht gewusst habe, was für tolle Nachbarn man hat. Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Aber bevor alle nach Hause gingen, hatte ich ja noch einen Anschlag geplant. Mindestens fünf Leute wollte ich dazu bringen, sich als künftige Leiter eines Kurses zu verpflichten. Als sich dann acht Nachbarn dafür meldeten und mir sagten, wie sie sich schon freuen würden und dass sie das doch schon viel früher hätten machen können, war selbst ich gerührt. Allerdings hatte ich - mit so einem schnellen Sieg konnte ja keiner rechnen - einen kleinen Fröhlichmacher in meinen Kuchen eingebacken, sodass ich nicht wusste, ob der stimmungsvolle Abend überzeugend war oder mein Kucheninhalt. Wie viel Interessenten sich auch ohne mein Hilfsmittel gemeldet hätten, werde ich also nie erfahren. Aber egal - wichtig ist nur, was hinten rauskommt. Und das hat sich gelohnt - seit einigen Wochen hat bei uns ein reges Freizeitleben begonnen. Da stellt sich mir nur die Frage: Warum nicht gleich so?

Die Kolibris von gegenüber

März 2019

Die Maschners wohnen seit vielen Jahren direkt gegenüber. Eine nette Familie - drei Kinder im Abstand von je einem Jahr, zwischen neun und elf Jahren alt. Lange Zeit habe ich mir nichts weiter dabei gedacht - und das bei meinem gesunden Misstrauen! Aber inzwischen ist mir ein Licht aufgegangen - die Kinder sind nicht von ihrem Mann. Die Geburten lagen alle in der Zeit, als er wochen- und monatelang auf Montage war. Könnte zwar sein, dass er auch in der Freizeit ein Fleißiger ist - aber meine Indizien sprechen Bände. Die Kinder - Kolja, Linda und Brian - sehen weder ihrem Vater noch ihrer Mutter ähnlich. Das ist zwar manchmal gut für die Kinder - in diesem Fall jedoch nicht. Schon immer sahen die Kinder so aus, als ob sie einen anderen Vater hätten. Oder besser drei - denn auch die Kinder sahen sich überhaupt nicht ähnlich. Das erste Mal verdichtete sich mein Verdacht, als ich unseren Briefträger mit Brian sprechen sah. Wie aus dem Gesicht geschnitten - einschließlich der Henkelohren, der Knollennase und der feuerroten Haare. Mit geschärftem Blick wurde ich weiter fündig. Beim letzten Stromablesen stand unser langjähriger Ableser - von Frau Maschner immer liebevoll unser Lichtmann genannt - neben Linda. Auch hier wäre jeder Gentest überflüssig, denn ähnlicher kann man sich gar nicht sehen. Selbst der Wirbel am Pony saß an der gleichen Stelle. Ein paar Tage vor Koljas elftem Geburtstag schloss sich dann der Kreis. Ein Mann, der mir vor vielen Jahren häufig im Haus über den Weg lief - den ich damals aber nie zuordnen konnte - klingelte an meiner Tür. Von Anfang an hatte ich ihn den Kohlemann genannt. Nicht, weil er die Kohlen für die Öfen ins Haus brachte - wir haben seit ewig Fernheizung. Ich nannte ihn so, weil er stets bestens gepflegt und immer in einen feinen schwarzen Zwirn gekleidet war. Er sah nach viel Kohle aus, daher meine Namensgebung. Jedenfalls hatte er ein Päckchen in der Hand und bat mich, es Frau Maschner zu geben. Aber nur ihr - auf keinen Fall Herrn Maschner. In diesem Moment fiel mir auch die Ähnlichkeit zu Kolja - dem ältesten Nachbarskind - auf. Selbst die Gestik war wie geklont. Ich sollte also der Überbringer des Geburtstagsgeschenkes sein. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit gestand mir Frau Maschner, ich darf sie jetzt Julia nennen, alles. Auch wenn ich selber gerne manches verschweige - von anderen erwarte ich schon absolute Ehrlichkeit. Seit ich alles weiß, macht es mir natürlich doppelt Spaß, die Eigenheiten der Kinder mit ihren Vätern abzugleichen. Für meinen internen Gebrauch habe ich den Maschners auch einen neuen Namen gegeben: die Kolibris. Kolja für Kohlemann, Linda für Lichtmann und Brian für Briefträger. Soll mal einer sagen, Namen wären Schall und Rauch.