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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Kinderlärm gleich vor der Tür

08.12.2014

Die Schule direkt gegenüber von unserem Haus gibt es eigentlich schon immer. Und damit auch den normalen Lärm der Kinder in den Pausen, beim Sport und zum Schulschluss. Bisher hat das auch keinen bei uns gestört – auch nicht Herrn Paschulke. Herr Paschulke hat zwar seit zwanzig Jahren bei uns im Haus den Spitznamen Griesgram, aber bisher seinen Ärger und seine schlechte Laune immer nur an uns ausgelassen. Bis er dann eines Tages die Schule mit ihrem Lärm als Ursache für seinen schlechten Schlaf ausmachte. Von da an ging es Schlag auf Schlag. Als die Termine bei der Hausverwaltung in seinem Sinne nichts brachten, beschwerte er sich bei der Schuldirektorin und drohte mit dem Schlimmsten. Aber wie sollte die Direktorin Kinderlärm verhindern? Die Kinder fesseln und knebeln, sie von zu Hause abholen und wieder nach Hause bringen? Der Lärm blieb also und unser alter Griesgram überzog nun die Schule mit Klagen. Das schien sich zu seinem späten Hobby zu entwickeln – zu seinem einzigen Hobby. Die Direktorin, die gleichzeitig Deutschlehrerin an der Schule war, nahm eines Tages Wilhelm Buschs Gedicht „Bewaffneter Friede“ durch: „… es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Und sie erzählte ihren Schülern die Geschichte vom Herrn Paschulke. Da ahnte sie noch nicht, was sie damit auslösen würde. Die Schüler beschlossen, Herrn Paschulke eine Lehre zu erteilen. Und dafür ließen sie sich jeden Tag etwas Neues einfallen. Zuerst war nur der Briefkasten zugeklebt. Ein paar Tage später war seine Eingangstür mit rund fünfzig Zeitungsstapeln zugestellt – für die Entsorgung musste er 80 Euro löhnen. Eines Tages klingelte ein Caterer an seiner Tür und brachte das bestellte Essen für eine Gesellschaft von zwanzig Leuten – Kostenpunkt runde 700 Euro. Als dann noch ständig Streit mit fremden Frauen an seiner Wohnungstür ausbrach, die er angeblich zum Kennenlernen eingeladen hatte, flippte er aus. Die Schüler hatten sich mit seinem Namen bei einer Partnervermittlung angemeldet und schickten ihm die heiratswilligen Damen nun reihenweise nach Hause. Paschulke beschloss, umzuziehen. Er fand eine Wohnung in einer ruhigen Gegend – gegenüber wurde gerade ein Seniorenheim gebaut. Das versprach die Ruhe, die er sich wünschte. Er zog ein, das Projekt Seniorenheim scheiterte und das Haus wurde zu einem Kindergarten umfunktioniert. Nun wohnt Paschulke also gegenüber einer Kita und sehnt sich nach den ruhigen Unterrichtsstunden, die eine Grundschule zu bieten hat.

Feg-News aus meinem Haus

April 2017

Seit Monaten höre ich nur noch Feg-News, Feg-News, Feg-News. Gefährlich sollen diese sein wie nichts zuvor. Sogar Regierungen sollen so schon an die Macht gekommen sein, die eigentlich gar keiner gewählt hat. Und nun die Angst bei uns im ganzen Land, wohin das alles noch führen soll. Natürlich habe auch ich da meine konkreten Vorstellungen. Denn jemand, der für andere ständig den Dreck wegmacht, erlebt den ganzen Mist, der ununterbrochen verzapft wird, ja im wahrsten Sinne des Wortes ganz hautnah. Wie sagt mein Lebenscoach immer so schön: Probleme, über die man nicht reden kann, kann man auch nicht verarbeiten. Warum also sollte nach den Butterbergen und Milchseen vergangener Zeiten nicht aktuell ein gewaltiges Müllgebirge entstanden sein? Da ist es doch gut, wenn unsere fleißigen Reinigungskräfte das endlich einmal alles abtragen. Dass es dabei nicht ohne Schimpfen abgeht, ist mir klar. Ich würde auch ständig meckern - besonders dann, wenn ich wüsste, von wem die schlimmsten Tretminen stammen, die ich beseitigen müsste. Zum Glück will man jetzt radikal gegen die Feg-News vorgehen - wer weiß, wie viele Putzfrauen dann künftig im Fegefeuer schmoren müssen! Mir persönlich wäre das alles sehr recht. Denn wenn die Reinigungskräfte wirklich die Meinungshoheit in meinem Haus besitzen sollten, wäre das ein echtes Konkurrenzproblem für mich. Nicht umsonst heißt es: Wer das Gespräch beherrscht, der besitzt die wahre Macht. Bisher habe ich mich für den heißesten Feger nicht nur in meinem Haus, sondern in der gesamten Nachbarschaft gehalten. Zumindest informationstechnisch. Wo immer ich auftauche, werde ich schließlich mit der gleichen Frage empfangen: „Na, Hermine, was gibt’s denn Neues?“ Und es gab und es gibt immer etwas Neues. Und es wird auch künftig immer etwas Neues geben, was bis dahin nur ich weiß. Also warum teilen, wenn man den ganzen Kuchen erst mal für sich allein haben kann? Egoismus kann mir jedenfalls keiner vorwerfen. Denn von meinem Informationskuchen gebe ich nicht nur großzügig ab, ich verteile sogar noch die letzten Krumen. Jedenfalls beschloss ich, erst einmal abzuwarten und Tee zu trinken. Eine neue Nachricht hat mich dann allerdings doch stark beunruhigt. Überall wird jetzt über Het-News geredet. So richtig kann ich mir unter diesem Begriff nichts vorstellen. Muss aber wohl aus dem Niederländischen kommen - und wenn ich Pech habe, ist das nur die Abkürzung für „Het buurman weet meer dan ik“ - also: Die Nachbarin weiß mehr als ich“. - Na dann aber – Prost Mahlzeit!