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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Ein Arzt für alle Fälle

März 2017

Vor nicht allzu langer Zeit bekam ich so etwas höchstens von Nachbartischen in Gaststätten oder Cafés mit. Oder früher bei Familienfeiern, wenn ich in der Ecke mit den alten Tanten und Onkels saß: den intensiven Austausch über Zipperleins, bevorzugt natürlich über die eigenen. Nun saß ich beim wöchentlichen Kaffeeklatsch mit meinen Freundinnen, als ganz plötzlich das Gespräch auf Ärzte kam. Sollten wir etwa doch schon in das Alter kommen, in dem man erst ein bisschen und dann nur noch über seine Gebrechen spricht, dachte ich mir. Wahrscheinlich war es aber nur eine Vorstufe auf dem Weg dahin, von der ich noch nichts gehört hatte. Denn erst einmal drehte es sich nur um Ärzte. Zuerst die aus den zahlreichen Ärzteserien, bei denen scheinbar alle außer mir schon sehnsüchtig auf die nächste Folge warteten. Wie ich erstaunt feststellte, hatten sich meine engsten Freundinnen inzwischen zu Experten für den Krankenhausbetrieb sowie sämtliche Behandlungsmethoden entwickelt. Vor allem aber für das Seelenleben von Ärzten. Jede von ihnen hatte, was mich sofort an nerviges Teenagergebaren erinnerte, ihren eigenen Schwarm. Sogar auf die Karbolmäuschen, also die süßen Krankenschwestern in den Serien, waren sie eifersüchtig wie ein Kakadu. „Woher kommt denn auf einmal diese Sehnsucht, Geliebte eines Arztes zu sein?“, fragte ich arglos dazwischen. „Mensch, Hermine, bist Du wirklich so naiv“, bestürmte mich die ganze Runde gleichzeitig und versuchte, mir die Vorteile der Liaison mit einem Arzt zu erklären. „Stell Dir nur einmal vor“, sagte Daphne „was Dir geboten wird, wenn Dich ein Chefarzt mit in den Urlaub nimmt. Eine Karibikrundreise auf einem 5-Sterne-Schiff ist das mindeste.“ Gloria erzählte, sie baggere seit einem halben Jahr bei ihrem Zahnarzt. Der sei geschieden und suche jetzt ständig nach Zerstreuung. Sein neuestes Hobby sei, sich durch die Sterne-Küche Deutschlands zu essen. Da die Begleitperson zu sein, wäre doch himmlisch. Und Petra erzählte von einem Chirurgen, der durch Schönheits-OPs im Geld schwimme und auf der Suche nach der Richtigen sei. Wie sie auf die Idee kam, dass sie das sein könne, war mir allerdings schleierhaft. „Aber der hat doch gar keine Praxis“, warf ich schon halb verschüchtert ein, nur um auch wieder einmal etwas zu sagen. „Hast Du eine Ahnung!“, entgegnete Petra zum verzücktem Blick, „Ärzte sind die perfekten Liebhaber, schon durch ihre anatomischen Kenntnisse.“ Damit ich künftig auch mitreden könne, sollte ich mir schnellsten einen festen Arzt zulegen, entschied unsere Kaffeerunde - ich gab also nach und beugte mich dem Mehrheitswillen. Letztlich sollte ich mich zwischen zwei Ärzten entscheiden: Dr. Schnipp, einem Spitzenarzt, und Dr. Schmus, einem Spitzen-Casanova. Pragmatisch wie ich nun einmal bin, entschied ich mich für beide. Seitdem habe ich einen Arzt für den Fall, wenn ich einmal etwas habe - und einen dafür, wenn mir einmal etwas fehlt.