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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Ich war ein Baby Shower

Februar 2017

Neulich hatte mich meine Nichte zu einem vorfreudigen Ereignis eingeladen – zu einem Baby Shower. Nun gut, dachte ich - sie ist im siebten Monat schwanger und will uns ein paar Ultraschallaufnahmen des Nachwuchses bei Kaffee und Kuchen präsentieren. Jedenfalls interpretierte ich das Motto der Einladung so. Als ich ankam, war die Wohnung schon voll von jungen Frauen. Freundinnen und Arbeitskolleginnen, sagte meine Nichte Juliane. Und mich als etwas älteres Semester hätte sie eingeladen, weil ich immer so cool sei. Früher hätte man wohl Anstandsdame gesagt - aber das gibt es ja heute nicht mehr. Anstand, meine ich natürlich. Und richtige Damen eigentlich auch nicht. Na gut dachte ich mir, mach dir keine Gedanken, feiere einfach fröhlich mit. Aber da hatte ich mich wohl geschnitten. Denn an Feiern hatte die Gastgeberin nicht im Geringsten gedacht. Das merkte ich als erstes daran, dass jeder sein komplettes Essen, Trinken und ein Geschenk an das zukünftige Baby mitgebracht hatte. Da sah ich mit meinem Blumenstrauß für die Gastgeberin ziemlich alt aus. Die anderen Gäste beäugten mich heimlich wie einen Besucher von einem anderen Stern - wahrscheinlich hatten sie Angst, dass sie mir etwas von ihrem Essen abgeben müssten. Ist halt eine andere Generation, dachte ich mir. Gelesen hatte ich ja schon viel von der egozentrischen, sich wohl nur selbst als so unwahrscheinlich kreativ empfindenden Generation Y. Wenigstens gibt es etwas zu beobachten, was ich später mit meinen Freundinnen beim Kaffeeklatsch auswerten kann, dachte ich mir. Kaffee, Kuchen, Häppchen gab es nicht - trotzdem hatte meine Nichte diesen Tag wochenlang akribisch vorbereitet. Mit der passenden Farbe von Stiften und Notizblättern - und der Zuteilung einer individuellen Aufgabe für jeden Einzelnen. Ihr Kopf sei die letzten Wochen hormonbedingt leer wie ein Sieb, sagte sie, dabei gäbe es doch noch so viel zu planen. Diese Aufgabe war nun uns Gästen zugedacht. Zuerst wurden wir in Arbeitsgruppen eingeteilt: Pränatale Phase, die ersten Monate nach der Geburt, Begleitung einer gesunden Entwicklung bis zur Einschulung und die Berufswahl. Letzteres kam mir zu - weil ich die Arbeitswelt mit ihrem rasanten Wandel schon am längsten kenne. Nun legten alle los, denn jeder wollte den Vorschlag präsentieren, bei dem es den meisten Applaus gibt. Nach einem gemeinsamen Brainstorming, ständigen hyperaktiven Wortmeldungen zum absolut besten Einfall des Tages und einer Tombola, bei wem Runde zwei der Veranstaltung kurz vor der Geburt stattfinden sollte, wurde eine Liste der besten Vorschläge zusammengestellt: Täglich zwei Stunden Mozart hören, damit das Kind schon musisch vorgebildet zur Welt kommt. Eine chinesische Kita aussuchen, damit das Kind von Anfang an international und zweisprachig aufwächst. Ein Konto anlegen, auf das die gesamte Verwandtschaft monatlich einzahlt, damit Klein-Urmel zum achtzehnten Geburtstag in ein eigenes Haus einziehen könne. Psychologischen Beistand spätestens mit der Schuleinführung garantieren. Und von Anfang an einen promovierten Lern-Coach engagieren, damit das Einser-Abitur rundum abgesichert sei. Als ich dann mit meinem Vorschlag kam, erst einmal abzuwarten, wie der, die oder das Kleine gedeiht, ihm auch genügend Freiheiten zu lassen und dann später mal sehen, was aus ihm werden könne, starrten mich rundum entsetzte Augen an. Und meine Nichte sagte, von mir hätte sie nicht erwartet, dass ich so verpeilt und realitätsfern sei. Zur zweiten Runde der Veranstaltung wurde ich nicht eingeladen. Was soll ich dazu sagen? Manchmal bin ich einfach nur froh über das, was ich mir nicht mehr antun muss.