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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Ich habe mir eine Wotsch gekauft

November 2017

Bisher bin ich mit meiner Uhr immer gut klargekommen. Sie zeigte mir einfach an, wie spät es ist - und dabei war sie äußerst zuverlässig. So ähnlich ging es auch all meinen Freunden. Wenn ich sie nach der Uhrzeit fragte, schauten sie kurz auf den Arm und nannten Stunde und Minute. Bisher war das jedenfalls so. Bis ich neulich mit meiner Freundin Gloria im Café saß. Wir wollten uns einen gemütlichen Nachmittag machen und den neuesten Klatsch austauschen. Aber kaum saß Gloria, blickte sie gebannt auf ihren linken Arm. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaute sie wieder nach oben und fragte zerstreut: „Hast Du eben etwas gesagt, Hermine?“ Ich wollte gerade wiederholen, was ich von der Hinterherschnüffelei der alten Maruschke halte, da schaute sie schon wieder mit entrücktem Blick auf ihren Arm. Es vergingen eineinhalb Stunden und unser Gespräch war noch nicht in Gang gekommen. So etwas war mir noch nie passiert! Wo ich doch so viele Neuigkeiten mit Gloria zu bequatschen hatte! „Was ist denn heute bloß los mit Dir?“, fragte ich sie. „Bist Du mit dem linken Fuß aufgestanden - oder hast Du Probleme?“ Erstaunt sah sie mich an und hauchte: „Ich habe mir eine Wotsch gekauft - eine Eiwotsch. Da muss man schon ab und zu mal nachschauen, ob es etwas Neues gibt.“ Das konnte ich wahrhaftig nicht verstehen. Während bei ihr keinerlei Neuigkeiten eingingen, verschmähte sie gleichzeitig meine vielen hochinteressanten News. Ähnlich ging es mir in den nächsten Wochen bei meinen Treffs mit Melanie, Trudchen und Eulalia. Sie alle waren vom gleichen Virus befallen, ständig auf den linken Arm starren zu müssen. Allerdings waren sie technologisch wohl schon einen Schritt weiter als Gloria, denn ständig piepste und vibrierte der Arm, um seinen Besitzer auf dem Laufenden zu halten. Oder am Laufen? Schließlich war es nur noch die Wotsch, die ihrem Träger ein Lebenszeichen entlocken konnte. Aber was solls - jeder tickt eben anders. Daher ist auch die Liste der Benimmbücher unendlich lang. Aber das bringt mich doch glatt auf eine gute Geschäftsidee: Vielleicht sollte ich den ersten Wotsch-Knigge herausbringen. Ein paar Nebeneinnahmen können schließlich nicht schaden. Und ich habe das ganze Elend ja ausgiebig am lebenden Objekt studieren können. Eins habe ich mir jedoch fest geschworen: Ich bleibe bei meiner Uhr, die nichts weiter als die Zeit anzeigt. Die hat zwar momentan einen kleinen Makel - ihre Batterie ist alle. Aber auch das hat seine gute Seite. Zweimal am Tag geht sie absolut genau.