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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Mal wieder an die Wand gefahren?

Oktober 2017

Diesen Spruch musste ich mir schon in meiner frühesten Kindheit anhören, wenn meine Mutter zu mir sagte: Hermine, Du sollst Deine Freunde im Kindergarten nicht verprügeln - damit fährst Du den guten Ruf unserer Familie an die Wand. Natürlich verstand ich die Bedeutung dieser Worte damals noch nicht und fragte mich, wie das passieren sollte. Schließlich hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch kein eigenes Auto. In der Schule ging es dann in diesem Ton weiter. Egal, ob ich einmal zwei Wochen Schule gebummelt hatte, eine Klassenarbeit versaute oder die Noten fälschte, bevor ich meinen Eltern das Zeugnis zur Unterschrift vorlegte - immer hieß es: Kind, Du versaust Dir Dein ganzes Leben, fährst Deine Zukunft voll gegen die Wand. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir allerdings schon ganz gut vorstellen, was damit gemeint war. Allerdings war ich auch später während meiner Studienzeit nicht vor solchen Vorwürfen gefeit. Denn auch da machte mir so manche vorlaute Bemerkung das Leben schwer. Öfters wurde ich ermahnt, dass ein fehlender Klassenstandpunkt meine berufliche Entwicklung stoppen könne, noch ehe sie begonnen hätte. Trotz allem startete ich dann doch noch eine ziemlich erfolgreiche berufliche Laufbahn. Wurde sogar Abteilungsleiterin einer Forschungsabteilung und ging hier waghalsige Experimente ein, um einmal eine ganz große Entdeckung machen zu können. Schließlich heißt es doch: No risk, no fun. Meine Kollegen sahen das jedoch meist anders. Ermahnten mich oder beschwerten sich über meinen Wagemut. Und wie hieß es dann? Hermine fährt unsere ganze Abteilung noch einmal an die Wand - wahrscheinlich wäre es besser, wenn wir einen neuen Chef bekämen. Einen, der ein bisschen umsichtiger mit allen Aufgaben umgeht. Und aktuell habe ich ein Problem in meinem eigenen Haus. Dabei habe ich unter den Nachbarn nur eine kleine Umfrage gestartet, wer welchen seiner Nachbarn aus welchem Grund nicht leiden kann. Natürlich habe ich das gut gemeint, wollte mit diesen Erkenntnissen Verstimmungen schlichten, bevor ein offener Streit ausbrechen kann. Aber was musste ich mir anhören? Ich würde die guten Nachbarschaften mit meinem unwürdigen Verhalten nur gegen die … na, Sie wissen schon. Darauf habe ich nur noch einen Ausweg gesehen - mich behandeln zu lassen. Der Arzt bescheinigte mir auch, dass ich eine Tachowandophobie, also die Angst, etwas gegen die Wand zu fahren, habe. Zum Glück schlug die Behandlung an - jetzt habe ich meine Phobie voll im Griff. Nicht nur im Kleinen, auch, was die großen Angelegenheiten betrifft. So bin ich total entspannt, was immer auch um mich herum passiert. Mich ängstigt nicht einmal mehr, dass irgendjemand Deutschland gegen die Wand fahren könnte. Denn alle wichtigen Posten im Lande sind doch mit umsichtigen, weitsichtigen und entschieden handelnden Menschen besetzt.