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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Wer nicht klagt, ist selber schuld

September 2016

Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit hört man die Leute heute sagen, dass sie ohne ihren Anwalt nun nichts mehr sagen würden. Nur ich klage nicht, obwohl es aus meiner Sicht Tag für Tag mehr als genug Anlass dafür gäbe. Das scheinen auch viele meiner Mitmenschen genauso zu sehen. Ich kann fragen wen ich will – den Herbert, die Gretel, die Josefine, auch Josi oder Fini genannt: Auf mein „Na, wie geht es.“ scheint es nur zwei Standardantworten zu geben. „Beschissen wäre geprahlt.“ oder „Ich kann nicht klagen.“. Wobei mir erstere dann meistens erzählen, wo sie gerade wieder Urlaub gemacht haben oder dass sie eine tolle – sprich teure – Anschaffung gemacht hätten. Und die, die angeblich nichts zu klagen hätten, fangen dann übergangslos an, mir ihr ganzes Leid zu schildern, und finden gar kein Ende mehr. Da stellt sich dann doch wirklich die Frage, warum die Menschen um einen herum nicht mehr zufrieden sein können – oder wollen. Alle haben mehr, als sie brauchen und trotzdem nimmt der Futterneid ständig zu. Da könnte ja jemand sein, der noch mehr hat. Und der hat das bestimmt nicht so verdient wie man selbst. Über all das machte ich mir meine Gedanken und fragte mich, ob man all das persönliche Leid nicht kollektivieren könne. Es heißt doch so schön: Geteiltes Leid ist halbes Leid. In irgendeiner Form müsste man das Leid doch weiterdelegieren können, so wie man seine Sorgen an die Sorgenpüppchen abgibt. Denn das geht ja ganz einfach. Den Puppen abends seine Sorgen mitteilen, sie in ein Säckchen stecken, unters Kopfkissen legen – und am nächsten Morgen ist alles wieder in Ordnung. Als ich mich an die Umsetzung machte, merkte ich, dass es das alles schon einmal gegeben hat oder noch gibt. Zum Beispiel die Klageweiber. Aber hatten die sich ihre gewerbsmäßige rituelle Totenklage nicht immer gut bezahlen lassen? Wie sollte man da jemanden gewinnen, der das ganze Leid auch noch unentgeltlich auf sich abladen ließ? Vielleicht könnte man aber auch in jeder größeren Stadt eine Klagemauer errichten, an der jeder seinen ganzen Frust verbal abladen kann. Ich wusste einfach nicht, für welche Idee ich mich begeistern sollte. Dann allerdings traf ich einen Anwalt, der mir sagte, er könne nicht klagen. Da erkannte ich, was wirkliches Leid bedeutet und sagte ihm, ich wolle ihm helfen. Denn Grund zum Klagen habe ich, wie gesagt, wahrhaftig genug – aber leider fehlt mir dazu das nötige Kleingeld.