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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Ich hol das Optimale raus

Juli 2016

Ich war immer guter Laune, Tag für Tag. Bis in unserem Haus dieser Life-Personal-Coach auftauchte und von Tür zu Tür ging. Er drückte meinen Nachbarn und mir seine Broschüre „Selbstoptimierung – jeder hat das Zeug dazu“ in die Hand und wollte gleich persönliche Beratungsstunden vereinbaren. Nur einem kleinen Kreis um mich herum gelang es, sich dem zu entziehen. Nun sehen wir mit Entsetzen, was aus unseren Nachbarn beim Perfektionieren wird, und sehnen uns danach, wie schön es war, als sie noch alle mit ihren vielen Fehlern herumliefen. Seit fünf Jahren waren die Watzkes ein glückliches Ehepaar. Bis sie ihre Ehe jetzt mittels eines 20-seitigen Fragebogens hinterfragten und dabei feststellten, dass es so gut wie nichts gibt, was sie verbindet. Frau Watzke ist jetzt erst einmal für ein halbes Jahr ausgezogen, um sich selbst zu finden und nach verbindenden Elementen zu suchen. Oder unser gemütlicher Herr Söhnke. Hatte stets Zeit, einen kleinen Schwatz mit einem zu halten. Nun rennt er immer mit seinem Schrittzähler am Arm an mir vorbei und ruft, er müsse noch mal richtig ran vor Feierabend. Vorige Woche hat ihm sein Betrieb gekündigt, weil er seine Mittagspause täglich um mindestens eine Stunde überzog. Genauso schlimm steht es um die junge Sandra aus dem dritten Stock. Sie war immer ein unbekümmerter, fröhlicher Teeny, der in den Tag hineinlebte. Nach dem Coaching hat sie sich nun plötzlich entschieden, rundum so richtig gesund zu leben. Nicht nur, dass sie ihre Ernährung komplett auf Fleischbrühe umgestellt hätte und sich nun Brühgarier nennt. Sie läuft auch ständig mit Notizbuch und Stift durch die Gegend, um das Gleichgewicht zwischen Körper und Geist zu beobachten. Alles wird offengelegt und durchleuchtet. Wie viel und wie gut sie geschlafen hat, wie viele Kalorien wann und wo verbraucht wurden, wie hoch ihr Körperfettanteil ist, wie oft sie ihr Essen kaut, ob sie gute oder schlechte Laune hat und sogar ob …, na ja! Und das Ergebnis? Immer schlecht drauf, gebeugte Körperhaltung und eine Haut, die sie zwanzig Jahre älter macht. Da ist mir Frau Rosen schon lieber. Sie hat auf ihre eigene Selbstoptimierung verzichtet – zugunsten ihres Sohnes. Er ist jetzt ihr Projekt, ihr Lebenssinn. Mit einer App, von der der Kleine allerdings nicht die geringste Ahnung hat, überwacht sie seinen Tagesablauf. Er staunt nur, was seine Mutter alles über die Zeiten weiß, in denen er nicht zu Hause ist. Und dann wird er zwischen Hausaufgaben machen und Zubettgehen regelrecht dressiert. Ich warte nur noch darauf, dass sie ihn eines Tages an der Leine hinter sich herzieht. Und ich? Mir fällt es schwer, zu verbergen, was ich von diesem ganzen Selbstoptimierungskram halte. Zumal bei diesen ganzen Optimierern nicht wenige dabei sind, bei denen nichts zu optimieren ist. Da ist alles Erreichbare schon erreicht – wenn auch auf sehr niedrigem Niveau. Daher sage ich zu allen Selbstvermessern ganz klar: Macht nur, dann gibt es für mich immer was zu lachen. Für eine Sache würde ich mich aber wahrscheinlich sogar breitschlagen lassen, es zu tun. Als Maßstab für das Optimale zu dienen.