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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Wo ich bin, spielt die Musik

Juni 2016

Sie werden es nicht glauben – aber es ist mir schon sehr wichtig, stets den Ton anzugeben. Zumindest aber, immer das letzte Wort zu haben. Meine Nachbarn haben da zum Glück bisher auch immer mitgespielt. Bis eines Tages die Frau Kolophonia, eine an sich nette Geigerin aus der Etage über mir, ihr Orchester wechselte. Bis dahin hatte sie in einem der zahlreichen Sinfonieorchester unserer Stadt gespielt und ich hatte ihre täglichen Übungen eher als angenehm empfunden. Zumal ich bei Mozart und Haydn immer schön weggeschlummert bin und angenehme Träume hatte. Aber jetzt auf einmal war davon nichts mehr da. Wenn sie übte, wimmerte die Geige, als ob man einer Katze auf den Schwanz getreten wäre. Dann plötzlich wurde dieses Wimmern von kurzen, hohen und schrillen Tönen überlagert, die in einen sirenenähnlichen Ton übergingen. Dieser stand dann minutenlang im Raum und mein Geschirr fing an zu zittern und zu scheppern. So etwas konnte ich mir doch nicht bieten lassen - oder besser gesagt - wir uns. Denn bei solchen Fällen denke ich immer im Auftrag des ganzen Hausaufgangs und handle auch so. Also stieg ich die sechzehn Treppen hoch, klingelte bei Frau Kolophonia und erklärte ihr, dass die gesamte Hausgemeinschaft von ihrer neuen Art des Musizierens entsetzt sei und sie sich doch bitte woanders einen Übungsraum suchen solle. Bei mir hat sich noch keiner beschwert, sagte sie, ich wäre die Erste. Und das sicher auch nur, weil ich eine klatschsüchtige alte Vettel wäre und für moderne Kunst wahrscheinlich zu ungebildet. Denn ansonsten hätte ich sicher herausgehört, dass sie neuerdings Pendereckis unverwechselbare Tonsprache spiele, die mittels Vierteltonintervallen, Clusterbildungen und verfremdenden Spielanweisungen das traditionelle Instrumentarium dem Geräuschklang annähere. Außerdem spiele sie nie während der Ruhezeiten. Dann holte sie mich kurzentschlossen in ihr Wohnzimmer, schenkte mir einen guten Rotwein ein und spielte mir die Ouvertüre von „Die Teufel von Loudun“ vor. Nicht, dass es mir gefallen hätte – aber ihre volle Hingabe an ihr Instrument und die Kraft, mit der sie aber auch wirklich alles aus ihrer Geige herausholte, faszinierte mich. Als sie mir dann noch eine Karte für die erste Reihe zu einem Konzert ihres Orchesters im Schauspielhaus schenkte, war mein Ärger geschmolzen wie Schnee in der Sonne. Ich nahm es als Zeichen meiner Toleranz an - hatte nicht Tucholsky gesagt: Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat. So habe ich mich dann doch noch gütlich mit Frau Kolophonia geeinigt. Sie soll ruhig nach Herzenslust üben, darf sich auch weiterhin Kapellmeisterin nennen und das auf Arbeit auch ausspielen. Aber die erste Geige in unserem Haus spiele weiterhin ich!