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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Vom Regen in die Traufe

Mai 2016

Der Wetterbericht hatte einen dieser wunderschönen Frühsommertage vorausgesagt, an denen die Sonne bei angenehmen Temperaturen den ganzen Tag scheint. Daher hatte ich mir einen ausgedehnten Ausflug ins Berliner Umland vorgenommen. Baden, picknicken, allein in der Sonne liegen und die Natur genießen. Als ich am Morgen wach wurde, traute ich jedoch meinen Ohren nicht. Statt lieblichen Vogelgezwitschers war es stockdunkel in meiner Kemenate und Regentropfen trommelten pausenlos an mein Fenster. Ich stand auf und schaute fassungslos hinaus. Schlagartig war mir klar, dass das das Wetter für den ganzen Tag sein würde. Nix mit Baden, nix mit Picknick, nix mit Faulenzen in der Sonne, obwohl mir der Wetterbericht vom vergangenen Abend genau das versprochen hatte. Meteorologe hätte ich werden sollen, dachte ich mir. Morgens aufstehen, den Finger aus dem Fenster halten und einen Wettertipp abgeben – der ja bekanntlich oft danebenliegt und trotzdem kaum jemanden aufregt. Aber dann viel Freizeit haben, viel Geld verdienen und – wofür auch immer – beruflich geachtet sein. Jedenfalls musste ich aufgrund der gestrigen meteorologischen Fehlleistung nun schnell umdisponieren. Zu Hause etwas machen, was Spaß und Entspannung bringt. Seit Jahren hatte ich mein Lieblingsspiel nicht mehr gespielt. Aber wo hatte ich es hingepackt? Bestimmt in mein Regal, das von Büchern und Freizeitsachen fast überquoll. Das Suchen in den vielen Sachen, die sich von Monat zu Monat höher türmten, war eine Höllenarbeit von fast zwei Stunden. Das Spiel hatte ich zwar nicht gefunden, aber dafür ein picobello aufgeräumtes Regal. Was nun, sagte ich mir. Bald haben wir wieder Kostümball im Haus, da kann ich mir schon mal Kleidungsteile zusammenstellen und Stoffreste raussuchen, aus denen ich mir etwas nähen konnte. Und da ich ziemlich genaue Vorstellungen von meinem Kostüm hatte, wusste ich auch, was ich zu suchen hatte. Nach einer Stunde sah es bei mir aus wie auf einer Müllhalde, aber etwas Passendes hatte ich noch nicht gefunden. Ein paar weitere Stunden, inzwischen wurde es schon Abend, saß ich auf meinem Fußboden, hatte auch das Material für mein Kostüm zusammengestellt – aber noch nichts getan, was man gern in seiner Freizeit macht. Dafür aber eine rundum saubere und ordentlich aufgeräumte Wohnung. Sollte ich den Meteorologen dafür etwa noch dankbar sein? - Jedenfalls habe ich schon immer gewusst, dass es Berufe gibt, die - aus welchen Gründen auch immer - positiver eingeschätzt werden, als es ihr Personal hergibt. Wie man sieht, sind das nicht nur die Lehrer – mindestens die Meteorologen gehören auch dazu.