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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Und wieder war ein Apfel schuld

April 2016

Schon als sie vor zwei Jahren hier einzog, dachte ich bei unserer jungen Frau Lembaz aus dem Haus, sie müsse Schneewittchen sein. Denn ihre Haut ist so weiß wie der Schnee, ihre Lippen sind so rot wie Blut und ihr Haar ist so schwarz wie Ebenholz. Immer nett, immer ganz bescheiden. So ähnlich wie ich eben. Nur schade, dass sie so wenig Kontakt zu den Leuten im Haus hat. Immer, wenn sie aus dem Büro nach Hause kommt, verschwindet sie gleich hinter ihrer Tür und verlässt ihre Wohnung erst wieder am nächsten Tag. Am Wochenende scheint sie das Haus auch nicht zu verlassen. Wahrscheinlich sitzt sie den ganzen Tag auf der Couch vor dem Fernseher. Ein paar Mal wollte ich sie schon zu mir auf ein Stückchen Kuchen oder ein Gläschen Wein einladen, aber sie dachte wohl, ich will sie nur aushorchen. Selbst unseren netten Arzt im Haus, den fröhlichen Herrn Caput, lässt sie ständig abblitzen. Dabei ist keinem im Haus entgangen, wie er sich seit fast zwei Jahren um das Wohlwollen von Frau Lembaz bemüht. Da musst du etwas tun, Hermine, sagte ich mir. Wenn das Glück nicht von allein kommt, hilfst du eben ein bisschen nach. So wie die Stiefmutter bei Schneewittchen – nur in meinem Fall positiv. Ich musste einfach mit ihr ins Gespräch kommen. Also suchte ich als Erstes alle meine Gürtel zusammen, packte sie mir über den Arm und klingelte bei ihr. Sagte, ich hätte bei mir Gürtel aussortiert – alles gute Stücke, die ich nicht mehr brauche. Aber zum Wegwerfen wären sie doch zu wertvoll, ob sie nicht mal ein paar probieren wolle. Nein, nein, sagte sie. Mit fremden Sachen hätte sie es nicht so – und mit gebrauchten Sachen schon gar nicht. Dann machte sie einfach die Türe zu. Na warte, dachte ich mir, mit modernen Frisuren kriege ich dich. Dann kaufte ich eine kleine Kollektion Kämme und klingelte erneut. Wollte wissen, ob sie denn für ihr schönes Haar auch die richtigen Werkzeuge hätte. Sie habe und brauche nur einen Kamm, sagte sie. Und sie trage nur drei Frisuren – offen, oben zusammengesteckt und Pferdeschwanz. Undschon war die Türe wieder zu. Nun musste also der Apfel alles reißen. Ich kaufte einen riesigen Angelner Herrenapfel und klingelte zum dritten Mal. „Sie schon wieder.“, sagte sie und wollte mir die Tür schon wieder vor der Nase zuknallen. Aber ich hatte meinen Fuß bereits dazwischen. „Moment, Moment, rief ich – ich wollte Ihnen nur einen wunderschönen Apfel vorbeibringen, einfach so von Nachbar zu Nachbar.“ „Das Märchen kenne ich, und ich weiß auch, wie das mit der roten Hälfte des Apfels ausging“, sagte sie. Ich schnitt also ein Stück des roten Teils ab und verspeiste es genüsslich. „Probieren Sie doch einmal von der weißen Hälfte“, sagte ich und gab ihr ein Stück. Als sie es beherzt verspeiste, sagte ich zu ihr, dass man ja auch in diesen Teil Gift spritzen könne. Und siehe da, ihr wurde plötzlich ganz übel und ich musste sie zu ihrer Couch bringen. Einbildung ist eben alles, sagte ich mir, bist eben doch eine gute Psychologin. Dann holte ich Dr. Caput und erzählte ihm auf dem Weg zur Wohnung von meinem Placebo. Er grinste und ergriff seine Chance durch eine erfolgreiche Behandlung.