background

Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Die Reise nach Florida

März 2016

Vor einem halben Jahr hatte meine Freundin Beate eine wunderbare Idee – obwohl sie mir anfangs schon spektakulär teuer vorkam. Sie lud mich für eine Woche nach Florida ein und wollte sämtliche Kosten übernehmen. Als ich die Hände hob, sagte sie, das ginge schon klar – ich könne ja ab und zu vor Ort ein Essen oder einen Kaffee ausgeben. Gut, sagte ich mir, und begann, mich nach dem großen Schrecken zu freuen. Urlaub in Amerika – das hatte ich mir schon immer gewünscht. Noch dazu im sonnenverwöhnten Florida. Sicher würden wir auch Abstecher ins Großstadtleben von Miami und in die Everglades unternehmen. Also begann ich, mich intensiv vorzubereiten: Englische Vokabeln zu pauken und ein paar spanische Sätze zu lernen, schließlich würden wir dort auf viele Exilkubaner stoßen. Und wer weiß, ob man dann mit Englisch allein weiterkäme. Schließlich gibt es ja auch in meiner Heimat zahlreiche Ecken, in denen man nur mit Deutsch einsam und verlassen auf weiter Flur steht. Natürlich wollte ich auch gut auf die amerikanische Küche vorbereitet sein und arbeitete einen Plan ab: Von McDonalds über das Steakhouse bis zum Barbeque-Fest, das ich in einem Original-Krinolinenkleid besuchte. Zuhause kreierte ich Riesensandwiches mit Corned Beef, Truthahn, Fisch oder dem für Miami typischen Räucherlachs. Um die Mentalität der Menschen zu verstehen, kaufte ich mir DVDs, die Einblick in den amerikanischen Alltag gaben und schaute mir alle Serien über Miami an – von Miami Vice über CSI Miami bis zu Dexter. Nun wusste ich sogar, wie man einem Serienkiller am besten aus dem Weg geht. Beate erzählte ich von allen meinen Aktivitäten nichts – meine detaillierten Sachkenntnisse sollten meine Überraschung sein. Denn Beate wollte mir ja vorab auch nichts weiter über die Reise verraten. Ich solle packen und mich überraschen lassen, sagte sie. Dann war der große Tag gekommen – Beate holte mich mit ihrem Auto ab und ich war gespannt wie ein Flitzebogen. Anfangs dachte ich noch, es ginge nach Tegel. Aber hier fuhren wir vorbei, Richtung Potsdam. Beate lächelte und schwieg. Sie wird doch nicht mit dem Auto nach Florida fahren wollen, dachte ich mir. Und genau das war es, was Beate auch vorhatte. Denn plötzlich standen wir vor einem Ortsschild, bei dem mir der Mund offenblieb: Klein-Florida am Schwielowsee. „Angekommen. Freust Du Dich?“ rief Beate. Als ich die nächste Stunde kein Wort herausbrachte, dachte Beate, ich wäre plötzlich krank geworden. Schließlich fing ich mich wieder und sagte, Grund meiner vorübergehenden Sprachlosigkeit wäre meine große Freude über dieses schöne Stückchen Erde gewesen, die Überraschung wäre ihr vollkommen gelungen. Während der nächsten zwei Wochen kam kein Wort über meine Lippen, was ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. Es wurde ein wunderschöner, rundum erholsamer Urlaub. Wer weiß, ob das echte Florida mehr hätte bieten können. Trotzdem konnte ich meine kleine Rache nicht unterdrücken. Kaum zu Hause angekommen, sagte ich zu Beate, dass ich so begeistert von ihrer Idee war, dass ich sie nächstes Jahr nach Brasilien einladen würde. Nun bekam sie den Mund nicht mehr zu und sagte, das wäre doch viel, viel zu viel. Jetzt freue ich mich schon auf den Moment, wenn sie mit Sombrero, Poncho und Portugiesisch-Wörterbuch vor mir steht und in mein Auto einsteigt. Denn dann geht es ab nach Brasilien in Holstein. Gleich hinter Kalifornien.