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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Die ganze Party war ein Traum

Juni 2019

Eigentlich wäre gar nichts passiert - der runde Geburtstag unseres Hauses wäre an uns vorbeigezogen wie ein normaler Tag. Aber ich hatte die Idee, dieses Jubiläum gebührend zu feiern, und meldete mich auch gleich zu der Aufgabe, alles allein zu organisieren. Wer konnte dazu schon nein sagen - und so kam es dann auch. Alle Nachbarn sagten mir: „Wer, wenn nicht Du, Hermine, kann das meistern?“ Also machte ich mich ans Werk und hatte schon die Lobeshymnen aus dem Haus auf meine Einzigartigkeit im Hinterkopf. Die Vorbereitungen selbst liefen ja auch wie geschmiert. Am Tag der Feier wusste ich dann allerdings nicht mehr, ob mein Mailprogramm so ein Chaot ist oder ob es eventuell doch an mir gelegen hatte. Denn meine wohldurchdachten Bestellungen und feinen Abstimmungen im Programm waren komplett durcheinandergeraten. Anfangs war noch nichts zu merken - der Caterer baute seinen Stand mit lauter Leckereien auf und auch der Getränkeservice startete wie geplant. Aber dann ging es kunterbunt durcheinander. Der studentische Hilfsdienst hatte statt einer flotten Bedienung seine hauseigene Heavy Metalband Looser geschickt - leider hörte sich die Musik auch so an und die vielen Senioren auf der Feier pfiffen sie mit mindestens 160 Dezibel nieder. Als Reinigungsunternehmen erschienen die Leute vom gebuchten Kabarett. Anstatt abzuräumen und den Müll zu entsorgen, brachten sie ihren eigenen Müll mit, den sie mit - zumindest nach ihrer Lesart - witzigen Einlagen im Publikum verteilten. Und statt des geplanten fröhlichen Festredners mit dem Charme eines George Clooneys erschien ein Trauerredner, der mit stechendem Blick und knarrender Stimme die Zuhörer verängstigte. Warum dann statt der Feuerwerker ein Trupp Handwerker erschien und den Fahrstuhl für Wartungsarbeiten den halben Tag lahmlegte, blieb mir auch schleierhaft. Aus dem Ruder lief die ganze Veranstaltung jedoch erst bei meinem als Highlight geplanten Ereignis. Unsere immer so schüchterne Anja hatte sich bei mir entschuldigt, dass sie wegen ihrer Hochzeit am gleichen Tag nicht an unserer Feier teilnehmen könne. Dabei wusste ich, dass das Pärchen ganz allein ohne Gäste heiraten würde und nur nicht im Mittelpunkt unserer Party stehen wollte. Daher hatte ich ein Taxi zum Standesamt bestellt und mit der Standesbeamtin abgesprochen, dass die Frischvermählten schnurstracks zu einem kleinen Festmenü gefahren werden sollten, das von mir im Haus organisiert wurde. Merkwürdigerweise landete die Einladung jedoch bei der Hochzeitsgesellschaft davor. Während ich also auf das Taxi wartete, fuhren auf einmal fünf Busse vor dem Haus vor und die falsche Hochzeitsschar stürzte sich auf alles, was wir an Essen und Trinken zu bieten hatten. Nachdem alles verputzt war, verschwanden sie so schnell, wie sie gekommen waren. Ich malte mir gerade den Ärger meiner Mitbewohner aus und überlegte, ob ich mich vielleicht für ein paar Tage in eine kleine Pension am anderen Ende der Stadt verdrücken sollte. Aber genau in diesem Moment kam die Erlösung - ich wachte auf aus diesem schlimmen Traum! Das Fest verlief dann zum Glück so, wie es besser nicht hätte sein können. Kein Wunder - hatte ja auch ich geplant! Trotzdem saß der Schreck aus meinem Alptraum tief. Was wäre wenn, es hätte ja auch sein können, wie hätten die Nachbarn wohl reagiert … Vorausschauend wie ich nun mal bin, habe ich für das nächste Mal bereits vorgebaut, damit so ein Missgeschick gar nicht eintreten kann. Ich habe Herrn Wutke aus der fünften Etage darum gebeten, dass wir das nächste Fest gemeinsam organisieren. Das geballte Können ist also künftig an meiner Seite, denn Herr Wutke ist pensionierter Lehrer und weiß daher nicht nur alles ganz genau - er weiß sogar alles besser. … apropos vorausschauend: Man weiß ja nie, was kommt, und kann daher keine Prognose wagen - zumindest, wenn sie die Zukunft betrifft. Aber eins kann ich Ihnen bestimmt versprechen: Das Leben meiner Nachbarn und auch meines wird auch künftig spannend und erzählenswert bleiben. In diesem Sinne - bleiben Sie mir auch weiterhin gewogen!