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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Nun auch noch Orthorexia!

Februar 2016

Über die vielfältigen Krankheitsbilder, die das Smartphone verursachen kann, habe ich mich ja schon hinreichend geäußert. Aber nun das – jetzt soll die Orthorexia auf dem Vormarsch sein! Nein, mit Orthografie hat das nichts zu tun, die deutsche Rechtschreibung ist ja schon so infiziert, dass sie wohl sowieso nicht mehr zu retten ist. Ich spreche von einer neuen Form der Ess-Störung, bei der die Betroffenen unter dem Druck leiden, beim Essen immer alles richtig zu machen. Ihr Essverhalten soll zwanghaft werden, ähnlich wie bei Magersüchtigen oder Bulimikern. Ich wollte das Ganze schon als absoluten Unsinn, als Sommerlochgelaber der Zeitungen abtun. Wenn mir da mal nicht wieder die Realität dazwischengekommen wäre und mich eines Besseren belehrt hätte. Zuerst war ich bei meiner Freundin Moni, mit der ich so manche Bratwurst gekillt und Riesensteaks verdrückt hatte, zum Abendessen eingeladen. Als ich ankam, telefonierte sie gerade mit ihrem Salatlieferanten und wollte wissen, ob er denn garantieren könne, dass kein Tier über die Blätter gekrochen sei. „Ich bin nämlich seit einem Monat vegan“, rief sie mir erklärend zu. Jedenfalls wurde es für mich ein Abend des Verzichts und der zugehörigen Erklärungen. Denn ich bekam bei jedem Bissen erklärt, warum es besser ist, auf Kohlehydrate, Gluten, Fett, Zucker, Salz oder Laktose zu verzichten. Jedenfalls kam ich mit Hunger und schlechter Laune wieder zu Hause an. Als ich eine Woche später von Schillings eine Einladung zum Grillabend erhielt, atmete ich befreit auf. Gibt es also doch noch Leute, die keinen Sprung an der Schüssel haben, dachte ich mir. Umso größer war dann doch die Enttäuschung. Kein Fleisch, keine Wurst, keine Rippchen. Das fleischähnlichste Gericht waren eine Tofuwurst und ein Sojasteak. Da kam mir doch gleich die Frage, warum man als überzeugter Vegetarier sein Essen auch noch Wurst oder Steak nennen muss. Tofurhabarber oder Sojaaubergine wäre doch wesentlich angebrachter. Also ist das alles wohl nur Getue, irgendwann wechseln die meisten doch wieder zu Fleisch und Wurst. Wenn sie es nicht sogar schon jetzt heimlich tun! Dazu kamen noch die Gespräche des Abends, was man doch beim Essen alles falsch machen kann und wie man künftig alles besser machen wolle. Und so tat jeder – mich natürlich ausgenommen – als hätte er ein schlechtes Gewissen. Nach diesen Enttäuschungen in der letzten Zeit habe ich vorgebaut. Wenn ich jetzt irgendwohin eingeladen werde, erwarten mich bei meiner Rückkehr eine gute Flasche Wein als Absacker und ein tolles vorbereitetes Fleischgericht im Kühlschrank. Danach habe ich immer ein richtig gutes Gefühl – und eine Orthorexia rückt in weite Ferne.