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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Von der Vergangenheit überholt

November 2016

Viele Jahre waren wir unzertrennlich, meine Nachbarin und Freundin Theresa und ich. Sie ist eine Frohnatur und daher stets gut gelaunt und abenteuerlustig. Nie hat sie lange dazu gebraucht, mich zu überreden, etwas Tolles mit ihr zu unternehmen. Neulich jedoch fiel mir plötzlich auf, dass immer ich es war, die gezahlt hatte. Eintrittskarten, Fahrkarten, das Essen und überhaupt alles, was wir für unterwegs immer dabeihatten. Irgendwie musste sie das bisher mit ihrer lockeren Leichtigkeit überspielt haben – denn es war mir noch nie aufgefallen. Bis letztens eben, da waren wir bei einem Ausflug schön essen und ich wollte wie immer aus alter Gewohnheit zu meinem Portemonnaie greifen – aber da war nichts. Ich hatte zu Hause vergessen, es einzustecken. Als ich zu Theresa sagte, sie solle doch bitte bezahlen, gab es auf einmal richtig Krach. Wieso denn sie, sie hätte ja schließlich schon die gute Idee zu diesem Trip gehabt und auch kein Geld dabei. Ich solle doch ein Pfand hinterlegen und dann das Geld später vorbeibringen. „So geht das nicht“, entgegnete ich ihr, „Das ist nicht okay.“. Schließlich bedeutet Freundschaft ja ein gegenseitiges Geben und Nehmen – und wann sie eigentlich gedenke, mir die 10.000 Euro zurückzugeben, die ich ihr vor einem Jahr geliehen hatte. Nun war Stille, und zwar für genau einen Monat. Dann erhielt ich einen Brief von ihr, in dem sie mir, ihrer besten Freundin, mit einem Anwalt drohte. Sie wollte inzwischen herausgefunden haben, dass ihre Urururgroßmutter in ihrer Jugend mit meiner Urururgroßmutter befreundet war. Angeblich hat sich meine Verwandte damals bei ihrer Freundin 5.000 Taler geborgt, das Geld aber nie zurückgezahlt. Theresa hatte die Summe auf heutige Verhältnisse hochgerechnet und die Zinsen ermittelt. Nun wollte sie von mir als Erbin rund 750.000 Euro haben. Und zwar innerhalb von drei Monaten, gerne auch in drei Monatsraten. Natürlich solle unsere Freundschaft wegen dieser kleinen Querelen nicht leiden und künftig werde sie die Kosten bei unseren Unternehmungen natürlich auch gerne ab und zu einmal übernehmen. - So eine Frechheit – mir blieb glatt die Spucke weg! Als Erstes recherchierte ich im Internet, ob in dieser Sache wirklich etwas auf mich zukommen könnte. Schließlich wollte ich keine griechische Tragödie erleben! Zum Glück sagten mir dann noch ein paar Juristen übereinstimmend, dass ich mir überhaupt keine Sorgen diesbezüglich machen müsse. Also beendete ich für mich das Thema Theresa ein für alle Mal. Nach einer Weile stellte ich aber doch noch einen großen persönlichen Verlust fest – den Verlust einer langjährigen guten Freundschaft. Auch wenn ich nur ausgenutzt wurde, war es doch eine schöne Zeit. Ich beschloss, bei künftigen Bekanntschaften besser aufzupassen. Denn wieder einmal hatte meine Großmutter recht, die immer sagte: Seine Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen – seine Freunde schon.