background

Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Ich habe eine Laufmasche

Januar 2016

Inzwischen weiß ich gar nicht mehr, wann das alles begann. Vielleicht, nachdem ich Tom Hanks in Forrest Gump gesehen hatte. Irgendwie imponierte es mir, einfach so loszulaufen und zu laufen und zu laufen – von der Ostküste an die Westküste – und wieder zurück. Zumal so ein intensives Laufen ja auch eine Traumfigur erwarten ließ. Also wollte ich das auch machen. Als Erstes schaute ich in den Atlas und musste feststellen, dass wir gar keine Ost- und Westküste haben. Na gut, dann eben im Kleinen, dachte ich mir. Schließlich kann man ja erst einmal vor dem Haus anfangen. Dann muss man eben öfters einmal umdrehen, aber was soll es. Die ersten Wochen waren eine Qual – aber plötzlich fing das Laufen an, mir Spaß zu machen. Selbst wenn ich einmal stehen musste, zum Beispiel mit ein paar Freundinnen an der Straßenbahnhaltestelle, tänzelte ich die ganze Zeit um sie herum. Wenn ich mich verabredete, zum Beispiel zum Kaffeeklatsch, machte ich vorher mein 12 km-Läufchen und kam dann auch pünktlich bei meinem Treffpunkt an. Allerdings verschwitzt und total unkonzentriert. Ein paar Mal sagten meine Freundinnen auch, „Hermine, Du hättest lieber zu Hause bleiben sollen. Du machst uns in letzter Zeit immer die ganze Atmosphäre kaputt.“ Aber da hörte ich schon nicht mehr hin, denn ich suchte gerade nach einer plausibel klingenden Ausrede, um nach einer kurzen Verschnaufpause gleich wieder losrennen zu können. Von Woche zu Woche sagte ich mehr Termine ab – wer mich kennt, weiß, dass ich früher keine Gelegenheit ausgelassen hatte, mich mit anderen Leuten über die News aus der Umgebung auszutauschen. Es sah aus, als ob ich mich selbst in die Einsamkeit und Isolation verlaufen würde. Zum Glück hatte ich Freundinnen im wahrsten Sinne des Wortes. Eines Tages standen sie vor meiner Tür, zeigten mir Opernkarten und riefen „Umziehen, zack, zack – in eineinhalb Stunden beginnt der Don Giovanni!“ Und ehe ich etwas sagen konnte, standen sie vor meinem Kleiderschrank und hatten mein bestes Kleid hervorgekramt. Ehrlich gesagt, war ich sogar froh, wieder einmal etwas anderes machen zu dürfen und nicht schon wieder an das nächste Rennen zu denken. In der Pause hörte ich Susanne zu Gabi sagen: „Also so was von Laufmasche wie bei Hermine ...“ Der Rest des Satzes ging im Getümmel unter. Ich ging auf die Toilette und untersuchte meine Strümpfe. Nichts zu sehen. Ich begutachtete sie einzeln unter der Lampe – alles in Ordnung. Plötzlich ging mir ein Licht auf, wie das gemeint war! - War ich durch den vielen Sport nicht nur reizbar, sondern war mir etwa auch der Humor abhanden gekommen? Ich ging zurück in den Opernsaal und wusste nicht so recht, wie ich das Gespräch beginnen sollte. Susanne kam mir entgegen und sagte, dass sie nur nach einer guten Möglichkeit gesucht hätten, einmal ein ernstes Wort mit mir zu reden. Wir debattierten den ganzen Abend und mir wurde klar, was ich beinahe verloren hätte. Reumütig beschloss ich, die Prioritäten künftig richtig zu setzen. Zuallererst die Freunde! Und der Sport? - Der läuft heute für mich mehr unter ferner liefen.