background

Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Die Herbstorte

September 2015

Jahr für Jahr bin ich froh, wenn die Ferienzeit zu Ende geht. Nicht etwa, weil ich nicht gern Urlaub mache. Aber im Sommer ist es immer so still bei uns im Haus, alle erholen sich woanders oder sind im Garten. Und da ich nun mal wissbegierig bin, fehlen mir dann immer die neuesten Informationen aus der Nachbarschaft. Seit ein paar Jahren nun habe ich mir angewöhnt, einen Riesenkuchen für die Nachbarschaft zu backen. Die freuen sich dann immer so gewaltig, dass ich alles Wissenswerte in komprimierter Form erfahre. Dieses Jahr nun sprach mich die junge Frau Heinisch aus dem Haus an, mir beim Backen zu helfen. Sie zeigte mir ein Rezept, das sie gefunden hatte, und sagte augenzwinkernd zu mir, das passe sowohl zur Jahreszeit als auch zur Stimmung am Ende der Ferien. Das Rezept zeigte eine wunderschöne grüne Torte, belegt mit einer interessanten Mischung aus Quark und feingeschnittenen Kräutern. Sie sah so richtig lecker und gesund aus und so sagte ich „Warum eigentlich nicht? Sie besorgen die Kräuter und ich mache alles andere fertig.“ Dann machte ich mich noch darüber lustig, dass heutzutage wohl niemand mehr so richtig schreiben könne. Denn Herbsttorte schreibe man ja wohl mit zwei t. Eins für den Herbst und eins für die Torte. Außerdem sähen die Pflanzen wie Wassergewächse aus. Frau Heinisch lächelte hintersinnig und sagte „Ach, Frau Kümmerlinde – Sie mit Ihrem Algenhumor!“ - Jedenfalls sah unsere Willkommenstorte richtig toll aus, die Stücke wurden uns förmlich aus der Hand gerissen. Und dann war auf einmal alles ganz anders als die Jahre zuvor. Plötzlich lagen sich alle in den Armen. Nachbarn, die sich nicht ausstehen konnten, tranken auf einmal Brüderschaft. Das alles konnte ich mir nicht erklären. Zumal es ja keinen Alkohol gab. Dann setzten sich alle im Kreis auf den Boden, klatschten in die Hände und sangen aus voller Brust „Give peace a chance“. Normalerweise hätte ich gefragt, was man ihnen da in den Tee getan hat. Aber das Einzige, was sie alle zu sich genommen hatten, war meine Torte. Jetzt las ich das Rezept noch einmal aufmerksam durch und merkte, dass ich einen wesentlichen Punkt übersehen hatte – weil ich das komplett Frau Heinisch überlassen hatte. Denn die Überschrift war nicht, wie ich glaubte, fehlerhaft. Hier hieß es richtig Herbs-Torte und nicht Herbst-Torte mit fehlendem t. Nun hatte ich also, ohne es zu wissen, einen leckeren Hanfbelag gemacht, der auch seine Wirkung voll entfaltet hatte. Am nächsten Tag wurde ich von den meisten Nachbarn dazu ermuntert, bald wieder so eine leckere Torte zu backen. Vorsichtshalber habe ich aber erst einmal keine verbindliche Zusage gegeben.