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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Mehr schlicht als recht

August 2015

Hier in der Gegend weiß ja eigentlich jeder, dass ich gerne helfe – und zwar immer uneigennützig. Oder wenigstens so gut wie uneigennützig. Wenn man meinen Wissensvorsprung bei der Kenntnis der Lebensumstände meiner Nachbarn nicht rechnet, den ich mir auf diese Weise erarbeitet habe. Nun aber habe ich beschlossen, mein Wissen für die Gemeinschaft zu nutzen und engagiere mich seit einiger Zeit in unserer Schlichtungskommission. Anfangs lief ja auch alles richtig rund. Mein erster Fall war eine Beschwerde der alten Steinke über den Lärm, den die beiden Jungs aus der Nachbarwohnung angeblich jeden Tag machen. Dummerweise wohne ich auf der anderen Seite der Wohnung, habe das Kinderzimmer genau neben meinem Wohnzimmer. Und ich höre nichts. Als die alte Steinke dieses Argument in den Wind schlug, nahm ich sie mal kurz beiseite und erzählte ihr, dass ich bisher die Einzige im Haus sei, die von ihrer Vorstrafe wüsste – und ob das auch so bleiben solle. Sie hatte nämlich damals Pakete von Nachbarn abgefangen, den Inhalt behalten und war dann in eine Polizeifalle getappt. Mein Fall war gelöst – sie schenkte den Nachbarskindern Spielzeug und lud ihre Mutter zum Essen ein. Andere Fälle konnte ich ähnlich klären. Als Susanne und Jörg, ein junges Pärchen, bei uns einzogen, murrten gleich ein paar der Alteingesessenen, dass das doch bestimmt Ärger geben würde. Weil sich junge Leute nicht mehr benehmen könnten und überhaupt. Die Steinke und die Lüders, zwei alte Klatschtanten, die den ganzen Tag nichts zu tun hatten, mobbten die beiden auch vom ersten Tag an. Sie wären zu laut, würden ihren Müll nicht ordentlich entsorgen und und und. Natürlich kamen die beiden jungen Leute zu mir und baten mich um Hilfe. Nun war Diplomatie gefragt. Denn die beiden Störenfriede und ich standen auch auf Kriegsfuß, hatten aber eine Waffenruhe ausgehandelt. Die Lüders konnte ich rankriegen, weil ich von ihrem Verhältnis mit ihrem Nachbarn, dem wuseligen Niebergall wusste. Denn wenn das rauskam – die Niebergalls Ilse hatte Schlagkraft! Aber gegen die Steinke hatte ich leider nichts in der Hand. So kam es zwar zur gewünschten Schlichtung – aber es war nur ein Ringtausch: Ich verpflichtete mich, die Ehe der Niebergalls zu sichern. Die Lüders hatte irgendetwas gegen die Steinke in der Hand - dadurch konnten wir uns schließlich einigen. Allerdings sagte mir die Steinke noch „Pass bloß auf Hermine, auch ich weiß etwas über Dich – wenn das auffliegt, kannst Du Dich warm anziehen.“ Nun grüble ich schon seit ein paar Wochen, was das wohl sein könnte – denn wer ist schon unfehlbar? Außerdem überlege ich, ob ich meine Arbeit in der Schlichtungskommission lieber ganz aufgebe – oder künftig mit den gleichen Methoden arbeite, wie auch die anderen Mitglieder.