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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Ich habe mir einen Schirm gekauft

Juli 2015

Nicht, dass einer denkt, ich hätte etwas gegen Radfahrer! Schließlich bin ich selbst jahrzehntelang leidenschaftlich gern Rad gefahren. Tag für Tag bin ich zur Arbeit geradelt, habe große Radrundreisen im Urlaub gemacht – oder einfach mal zwei Stündchen in die Pedalen getreten, um Stress abzubauen. Heute schlage ich manchmal Rad, wenn ich sehe, wie die Radler über die Bürgersteige und Plätze pesen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Wenn Kinder oder alte Menschen im Weg stehen, werden Sie schon mal einfach weggeputzt. Sollen sie doch besser aufpassen, schließlich ist jeder für sich selbst verantwortlich, werden sich diese mit Drahtesel bewaffneten Egoisten denken. Wobei der Drahtesel ja vielleicht das Schlüsselwort ist, um die Kampfradler zu verstehen. Ist eventuell die Sturheit eines Esels direkt auf sie übergegangen und sie können gar nichts für ihr Verhalten? Vielleicht fühlen sie sich auch nur benachteiligt gegenüber motorisierten und damit viel schnelleren Zeitgenossen. Esel sind sicher oft auch nur deshalb so bockig, weil sie sich als zu klein geratene Pferde von der Natur nicht für voll genommen fühlen. Jedenfalls bin ich aus der Radfahrerszene ausgestiegen, als diese immer aggressiver wurde. Wenn ich Rabatz machen und mich abreagieren möchte, suche ich mir andere Felder. Dann schwätze ich mit der Ilse lieber darüber, was in der Ehe von Meyers und Rudnicks aus unserem Haus alles falsch läuft – und schon geht es mir besser. Zumal das Radfahren in der Stadt doch gar nicht, wie versprochen, Glückshormone ausstößt – eher zieht man sich dabei eine Überdosis der vielen ausgestoßenen Autoabgase ein. Und ob das glücklich macht, bezweifle ich stark. Wofür das viele Geld für Radwege ausgegeben wird, frage ich mich auch. Denn da sind doch die wenigsten Radfahrer zu finden. Wahrscheinlich wäre man als Fußgänger am sichersten, würde man ausschließlich die Radwege benutzen. Eine Kategorie für sich sind noch die Radler, die ihr Gefährt zum Transport ihrer Kinder benutzen. Wer denkt, es hier mit besonders vorsichtigen Menschen zu tun zu haben, wird arg enttäuscht. Hier wird gemotzt und den anderen fehlendes Verständnis für den Nachwuchs unterstellt. Nur weil sie nicht schnell genug beiseite gesprungen sind, um die Spur freizumachen. Neulich sah ich eine Frau, die hatte ihr kleines Kind so auf den Gepäckträger geschnallt, dass es fast herunterfiel. Als ich sie darauf ansprach, bot sie mir Prügel an. Na ja, dachte ich, wer so mit seinem Kind umgeht, muss wohl noch viele davon zuhause haben. Aber wie hat Wilhelm Busch gesagt: Das ist freilich ärgerlich, hehe – aber nicht für mich! Dass Radfahrer immer und überall Vorfahrt haben und auch keine Verkehrsregeln kennen, scheint ja inzwischen zum Mainstream geworden zu sein. Manchmal frage ich mich, woher nehmen sie als Schwächere im Verkehr nur den Mut, sich mit Autos anzulegen. Aber was heißt Mut, wird wohl eher Dummheit sein. Aber auch ich als Fußgänger habe jetzt aufgerüstet – ich habe mir einen Schirm gekauft. Einen Stockschirm mit schöner Metallspitze am Ende. Die halte ich jetzt immer wie einen Speer – nur nach hinten. Letztens hat er mich wahrscheinlich sogar vor Schlimmerem bewahrt. Ein Radfahrer, der mich sonst sicher über den Haufen gefahren hätte, konnte gerade noch bremsen. Er fiel mächtig auf die Nase, wurde aber nicht aufgespießt. - Gut also, dass wir auch einmal über dieses Thema geredet haben. Angesprochen wird sich sicher keiner fühlen. Denn schließlich sind immer nur die anderen schuld!