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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Ich hätt` so gerne einen Hund

Juni 2015

Neulich wurde ich doch Zeuge eines Taschendiebstahls. Neben mir spazierte ein mittelalterlicher Herr mit seinem Hund. Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich ein Fahrrad auf und der Fahrer stahl bei voller Fahrt dem Hundebesitzer das Portemonnaie aus der Hosentasche. „Halt den Hund“, rief er mir zu und sauste dem Fahrraddieb hinterher. Halt den Hund – eigentlich kriege ich immer nur halt den Mund zu hören – und zwar öfters. So stand ich nun mit einem kleinen dünnen Fiffi in der Gegend herum und wartete auf die Wiederkehr seines Herrchens. Nicht, dass ich einsam war! Kaum hatte ich die Leine in der Hand, standen schon zwei weitere Leute mit ihrem Hund neben mir und wollten mit mir ins Gespräch kommen. Dabei taten sie, als würden wir uns seit Jahren kennen. So erzählte mir der Erste auch gleich ganz vertrauensvoll, dass seine Susi-Melinda – so hieß seine Hundepüppi – jetzt zwei Mal in der Woche in psychiatrischer Behandlung sei. Sie hätte einen Burnout und könne sich nicht einmal bei Mozartmusik wenigstens ein paar Minuten konzentrieren. Der zweite Hundebesitzer klagte, auch er werde den ganzen Tag auf Trab gehalten. Hassan lerne jetzt Befehle auf Chinesisch zu verstehen. Schließlich wisse man ja nie, welche Anforderungen die Zukunft an einen stelle. Da müsse man schon gut präpariert sein. Als sich die beiden nun reichlich ausgetauscht hatten, schauten sie mich interessiert an und fragten, was für Probleme ich hätte und wie mein Hund denn überhaupt hieße. Einfach Hund sagte ich. Denn wenn man mir dann plötzlich einen anderen Hund in die Hand drücken würde, müsste ich mich nicht groß umstellen. Außerdem hoffe ich sowieso, den Hund hier schnellstens wieder loszuwerden. An den entgeisterten Blicken der beiden und ihren offenen Mündern erkannte ich, dass man eine Info unter Fremden doch nicht auf diese Art verknappen dürfe. Selbst wenn man sich nicht kennt, scheint es unter Hundehaltern einen Kodex dafür zu geben, was man sagen darf und was man besser lässt. Zu meinem Glück kam in diesem Moment der Besitzer von Fiffi, glücklich sein zurückerobertes Portemonnaie schwenkend, zurück und begann zu berichten. Obwohl er die beiden anderen auch nicht kannte, schien es, als käme er in seine Familie. Die drei steckten die Köpfe zusammen und ich als Nichthundebesitzer war abgeschrieben. Nicht einmal ein Nicken oder ein Dankeschön gab es! - Nein, so wollte ich auf keinen Fall sein. Auf der anderen Seite hat es natürlich schon seinen Reiz, einfach so zwanglos mit jedem ins Gespräch zu kommen, der einen Hund hat. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, es erst einmal probeweise mit einem Hot Dog zu versuchen.