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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Zurück in die Steinzeit

Mai 2015

Wohin ich auch blicke – immer bin ich meiner Zeit weit voraus. Nehmen wir nur meine beste Freundin Ulrike. Was haben wir früher geschlemmt – unsere Kaffeenachmittage waren fast berühmt. Immerhin haben wir den Kiezrekord im Torten- und Schlagsahnespachteln aufgestellt. Und nun? Nun hat sie nur noch ihre gesunde Ernährung im Kopf. Dabei ist sie gerade auf den Neandertaler gekommen – macht eine Paleo- oder anders gesagt, eine Steinzeitdiät. Ist ja toll, habe ich zu ihr gesagt, die Steinzeitmenschen sind mit dieser Ernährung dreißig Jahre alt geworden und Du gehst trotz Torte und Schnäpperken fröhlich auf die fünfzig zu. Aber wer hört heutzutage schon noch auf wohlmeinende kluge Ratschläge! Oder nehmen wir eine andere Freundin von mir, die Evelyn. Die hat jetzt vor ein paar Wochen mit der Lippenstift-Diät begonnen. Hört sich ja nicht schlecht an: Schminken und dabei abnehmen. Der Erfinder dieser Methode beteuert, dass Frauen auf diese Weise bis zu zehn Pfund verloren hätten. Evelyn wollte wahrscheinlich wesentlich mehr Pfunde purzeln lassen, so dick trug sie jetzt ihren Lippenstift auf. Der Lippenstift wirke als Appetitzügler, sagte sie. Die Wirkstoffe dringen über die Lippen schnell in den Körper und unterstützen so den Stoffwechsel, verbrennen Fett und sorgen für ein Sättigungsgefühl. Ich glaube allerdings weiterhin, dass nur eine ausgewogene Ernährung und genügend Bewegung langfristig zum Erfolg führen. Damit der aufgetragene Lippenstift hält, steht bei ihr der Mund jetzt immer etwas offen, sie spricht nicht mehr soviel wie sonst und hat natürlich durchgehend schlechte Laune. Als ich ihr empfahl, doch einmal die Schlechte-Laune-Diät zu machen, bei der man vor lauter Ärger die Mahlzeiten vergisst, sprach sie wochenlang nicht mehr mit mir. Auch die Energy-Drink-Diät ist nicht viel besser – meine Nachbarin Helene hat sie nur einmal gemacht. Sie setzt darauf, dass die süßen Getränke den Stoffwechsel anregen und appetitzügelnd wirken. Ein viertel Jahr lang verleibte sie sich täglich rund zehn Energy Drinks ein und aß bis auf einige Cornflakes nichts weiter dazu. Sie nahm zwar 25 Kilo ab – leidet aber heute noch unter den Folgen eines Herzinfarktes. Besser ging es auch Hertha mit ihrer Öl-Diät nicht. Jeden Tag würgte sie sich acht Löffel davon hinter, bis sie davon eine Gallenblasenentzündung bekam. In dieser Zeit ging es dann wirklich mit ihrem Gewicht bergab. Jetzt ist sie wieder gesund und liegt fünf Kilo über vorher. Und was mache ich? Ich bleibe mir jedenfalls treu. Und bin damit meiner Zeit, wie bereits gesagt, weit voraus. Denn ich bin weiterhin ein Anhänger der Pinguin-Diät. Die besagt, dass man alles essen kann, wo kein Pinguin drin oder dran ist.