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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Ich will nicht mehr so geschwätzig sein

April 2015

Es ist schon komisch. Einerseits freuen sich meine Nachbarn immer, wenn sie bei mir die Neuigkeiten aus dem Haus und aus der Nachbarschaft aus erster Hand erfahren. Darüber hat sich bisher jedenfalls noch nie einer beschwert. Andererseits mehren sich in der letzten Zeit aber die Stimmen, ich wäre zu geschwätzig und würde Misstrauen unter der Nachbarschaft säen. Ich dachte, ich falle aus allen Wolken, als ich davon erfahren habe – bin ich mir doch keiner Schuld bewusst. Geschwätzig soll ich sein? Mitteilungsbedürftig ja – aber das Gespräch mit dem anderen suchen, ist ja eine positive Geschichte. Zumal ich gar nicht wüsste, wann ich, wie man heute so sagt, dabei einen menschlichen Kollateralschaden angerichtet haben soll. Na ja, vielleicht bin ich nicht ganz unschuldig an der Scheidung der Belsas seinerzeit. Hätte ich gewusst, dass sein Verhältnis mit der blonden Maja schon so gut wie beendet war, hätte ich doch Frau Belsa keinen heißen Tipp zum Liebesnest der beiden gegeben. Ganz ehrlich, auch ich glaube inzwischen, dass die Belsas ansonsten heute noch – vielleicht sogar glücklich – zusammen wären. Vielleicht habe ich ja auch ein bisschen Anteil daran, dass die Frau Moosmeier hier Hals über Kopf ausgezogen ist. Wegen mir ausziehen musste, wie einige meinen. Dabei war ich fest überzeugt davon, dass sie es war, die in der Weihnachtszeit Briefe mit Geld aus den Briefkästen gestohlen hat. Hatte sie sich doch so komisch benommen, als ich vorbeikam und fragte, ob sie auch so viel Post wie ich bekäme. Eine Woche nach ihrem Auszug wurde ein falscher Postbote an unseren Briefkästen auf frischer Tat erwischt und verhaftet. Sie wissen ja, wie das ist, wenn sich eine Meute erst einmal auf einen Einzelnen eingeschossen hat. Dann kann man froh sein, wenn man ein dickes Fell hat und Stehvermögen besitzt. Nun bin ich also momentan der Sündenbock im Haus und muss sehen, wie ich möglichst schnell und ohne größere Blessuren aus dieser Nummer wieder herauskomme. Meine Freundin Rita sagt, ich solle mich mal für eine Weile zurück- und damit aus der Schusslinie nehmen. Während dieser Zeit will sie dann die Information der Nachbarn über die akuten Neuigkeiten übernehmen. Allerdings muss man wissen, dass die Rita, die ein ebenso großes Mitteilungsbedürfnisses wie ich besitzt, fast ein bisschen schüchtern ist. Wenn sie klatscht, wirkt es so, als sei ihr die ganze Sache eigentlich peinlich. Aber wahrscheinlich hilft ihr das sogar gegen alle Arten von Anfeindungen – jedenfalls war sie noch nie Gesprächsthema bei uns. Über die Schwelle unseres Hauses wird während ihrer „Regentschaft“ also nichts herausdringen. Sie als Interessierte von außerhalb will ich natürlich auch weiter auf dem Laufenden halten. Aber da ich mich ja erst einmal zurücknehmen will, melde ich mich vorerst nur noch einmal im Monat.