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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Jeden Sonntag Millionär

März 2015

Ich weiß nicht wie lange – aber seit ich denken kann, spiele ich Lotto. Jede Woche male ich mir aus, was ich mir von meinem Gewinn alles kaufen könnte. Mein Maßstab ist natürlich der höchste deutsche Lottogewinn von fast 58 Millionen Euro. Mensch, was könnte man damit alles machen! Obwohl ich schon akribisch nachgerechnet habe, habe ich bisher allerdings erst fünf Millionen untergebracht. Zuviel verschenken möchte man ja auch nicht, das zieht nur Neider und falsche Freunde an. Und Immobilien kaufen, das Geld in Gold anlegen – ich weiß ja nicht. Da hört man zu viel Negatives dieser Tage. Aber nichts damit anzufangen wäre genauso dumm. Dann wache ich eines Tages auf und kann für mein Geld gerade noch ein Mittagessen kaufen. Hatten wir doch alles schon einmal. Und wer weiß schon, vielleicht müssen wir ja eines Tages alle in Drachmen bezahlen. Aber man sollte sich auch nicht immer zu viele Sorgen machen. Erst einmal muss der große Gewinn ja kommen. Zum Glück hat mir Herr Zähler, ein Mathematikprofessor aus unserem Haus, einen heißen Tipp gegeben. Hermine, hat er gesagt, es ist egal, welche Zahlen man spielt – die Chancen stehen immer gleich. Und zwar eins zu knapp einhundertvierzig Millionen bei 6 aus 49, mit Zusatzzahl natürlich. Und nun tippe ich jeden Freitag sieben Mal die gleiche Zahlenfolge. Denn wenn es dann vielleicht sieben Hauptgewinner geben sollte, möchte ich das schon alles für mich haben. Auch gut, dass ich alleine bin und mit niemandem teilen muss. Denn so einen Fall hatten wir kürzlich erst im Nachbaraufgang. Da spielt der alte Niebergall auch seit Jahrzehnten seine Zahlen und rechnet nun wöchentlich mit einer großen Summe. Neulich hat er wohl schon mal prophylaktisch seine Frau gefragt, was sie machen würde, wenn er gewinnt. Sie sagte, dann nimmt sie die Hälfte und verlässt ihn. Darauf hat er wohl entgegnet, gut - ich habe zwanzig Euro gewonnen, hier sind zehn und nun verpiss dich! Das habe ich meinem Nachbarn, dem Dräs Otto erzählt. Siehst Du, Hermine, hat er da gesagt, Glücksspiele verderben nur den Charakter. Dabei ist es doch ganz einfach. Nur einmal gespielt, alles richtig gesetzt und alles ist paletti. Das gab mir natürlich zu denken, zumal ich schon seit längerer Zeit ein Auge auf den Otto geworfen hatte. Also rechnete ich noch einmal meine Chancen durch. Sowohl fürs Lottospiel als auch für ein Techtelmechtel mit Otto. Auch hier einhundertvierzig Millionen zu eins. Nun lautet mein neues Motto: Statt kein Gewinn beim Lotto spiel ich jetzt mit dem Otto. Das ist zwar kein Hauptgewinn, aber ich habe die Hoffnung, dass es sich doch irgendwie auszahlt.

Frau Igel gibt’s im Doppelpack

23.03.2015

Mit meinen paar Pfunden zuviel hatte ich mich immer wohl gefühlt. Stets damit kokettiert und von mir aus sogar oft das Gespräch auf dieses Thema gebracht, indem ich sagte: Man kann ruhig ein bisschen mehr haben – vorausgesetzt, alles ist richtig verteilt. Fast allen meinen Nachbarn geht es auch so, natürlich auch ein guter Grund, untereinander ab und zu zu frotzeln. Aber dann zog das Fräulein Renner ein – mit einer tadellosen Figur, das muss ich schon zugeben. Aber sollte ich etwa eine Diät nach der anderen machen, um dann immer wieder feststellen zu müssen, dass ich mich meinem Ideal wieder nur minimal genähert hatte? - Nicht mit mir! Jedenfalls war Fräulein Renner kaum eingezogen, begann sie einen missionarischen Eifer zu entwickeln. Nicht nur, dass ständig irgendwo im Haus ihr Klingelton zu hören war, der sicher nicht zufällig „Ich bin so froh, dass ich kein Dicker bin“, war. Sie versuchte, uns gezielt in Einzelgesprächen von den Vorteilen einer gesunden Lebensweise und damit einhergehend einer schlanken Figur zu überzeugen. Jeder kann so aussehen wie ich, sagte sie, das ist alles nur eine Frage von Disziplin und genügend Bewegung. Wir fragten uns allerdings, wie und wo sie die viele Zeit für den Sport abknapsen konnte. Denn täglich ein paar Stunden joggen und dann noch ins Fitness-Studio gehen, muss man sich erst einmal leisten können. Wille hin oder Wille her. Alle Sticheleien hielten wir aus und widerstanden auch oft der Versuchung, ihr einmal so richtig eins auszuwischen. Wir schlugen erst zurück, als sie eine Wandzeitung aufhängte. Mit den Fotos von allen Frauen des Aufganges, die etwas größere Pölsterchen ihr eigen nannten. Darüber stand vorher, daneben war ein Feld frei gehalten für nachher. Unser Plan baute darauf, dass die wirklich ziemlich runde und unbeweglich wirkende Frau Igel eine Zwillingsschwester hat und sich die beiden wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sehen. Frau Igel sprach also Fräulein Renner an und erklärte ihr, dass sie eigentlich viel fitter wäre als sie mit ihrer Hungerspeichenfigur. Denn sie könne ihr Fett wie einen Verbrennungsmotor zur Energieerzeugung einsetzen, sie würde ihr also beim Sport weit überlegen sein. Dann lud sie Fräulein Renner zu einem kleinen Triathlon ein. Wie beim Märchen vom Hasen und Igel gingen die Zwillingsschwestern vor. Frau Igel und Fräulein Renner sprangen zeitgleich in die Spree - und Fräulein Renner staunte, dass Frau Igel sich schon aufs Fahrrad schwang und im nahen Wäldchen verschwand, als sie aus dem Wasser stieg. Dann sah sie Frau Igel erst fünf Stunden später im Ziel wieder. Und die unparteiischen Richter bestätigten, dass sie schon seit vierzig Minuten hier wartete. Kurzum: Einsteins These, dass Masse gleich Energie ist, hatte sich wieder einmal bewahrheitet. Fräulein Renner schwieg dazu nicht nur eisern, sie zog auch kurz darauf aus. Wie man sagt, nach Dünne in Ostwestfalen.

Schornsteinfeger bringen Glück?

16.03.2015

Als ich noch klein war, lief uns ständig einer von ihnen über den Weg. Meine Eltern sagten dann immer „Fass ihn ruhig einmal an Hermine, das bringt Glück!“ Damals glaubte ich auch immer, dass mich das Glück unmittelbar nach dem Berühren heimgesucht hatte – mal gab es ein Eis, mal ein neues Spielzeug oder am nächsten Tag ein Lob in der Schule. Niemals hatte ich mich gefragt, ob ich das alles auch so bekommen hätte. Aber schließlich braucht der Mensch etwas, an was er glauben, auf was er sich freuen kann. Heute laufen einem diese Glücksbringer nicht mehr so oft über den Weg – ich meine natürlich die Schornsteinfeger. Manchmal frage ich mich, ob das daran liegt, dass es fast keine Kohleöfen mehr gibt. Oder ob die Schornsteinfeger, heute wie IT-Leute von Computerfirmen gekleidet, unauffällig und unbemerkt an mir vorbeilaufen. Von unterwegs bringe ich mir immer einen örtlichen Glücksbringer mit: Fatimas Hand aus Jemen, eine Maneki Neko - also eine Winkekatze aus Japan, ein Horn aus Nepal oder einen Skarabäus aus Ägypten. Aber irgendwie wollte ich doch einen heimischen Ersatz für meinen Schornsteinfeger haben. Ich fasste den Entschluss, verschiedene Glücksbringer ein viertel Jahr lang auszuprobieren und mich für das zu entscheiden, welches mir wirkliches Glück brachte. Als erstes versuchte ich es mit einem Glückspfennig. Schließlich heißt es, dass er der Ursprung künftigen Reichtums sein soll – einem aber zumindest das Geld nie ausgeht. Als ich nach zwei Monaten immer noch knapp bei Kasse war, wechselte ich zu einem Amulett mit der Glücksgöttin Fortuna. Natürlich hoffte ich, aus ihrem Füllhorn kräftig naschen zu dürfen und spekulierte auf einen Lottogewinn. Woche für Woche spielte ich sieben Spielreihen. Ein ganzes viertel Jahr lang. Gewonnen habe ich keinen Cent – nur mal wieder mächtig an Erfahrung. Aber mit einem Hufeisen dürfte nichts schiefgehen, sagte ich mir. Wer ein Hufeisen an der Eingangstür aufhängt, lädt das Glück zu sich ein. Hängt man das Hufeisen mit der Öffnung nach oben auf, signalisiert man einen Brunnen oder eine Pforte, durch die das Glück eintreten kann. Andererseits heißt es, wenn das Hufeisen nach unten zeigt, kann das Glück zu einem herausfließen. In den folgenden Wochen trat so mancher über meine Schwelle – das Glück war jedoch nicht dabei. Eines Tages aber stand meine Freundin Rosi in der Tür – und da fiel ihr das Hufeisen direkt auf den Kopf. Riss ihr ein großes Loch in die Schläfe, sie wurde bewusstlos, musste ins Krankenhaus und genäht werden. Vielleicht war es ja mein großes Glück, dass ihr nicht mehr passiert war. Also fragte ich mich, was ich eigentlich vom Glück erwartete. Sollte glücklich sein etwa wirklich bedeuten, reich zu sein? Muss man wirklich immer noch mehr haben wollen, wenn es einem schon gut geht? Die Lösung meiner Fragen fand ich dann bei Theodor Fontane – wie recht hatte er doch mit seinem einfachen Satz: Wenn man glücklich ist, soll man nicht noch glücklicher sein wollen.

Den Nachbarn die Kugel gegeben

02.03.2015

Es muss einer dieser Sender gewesen sein, in denen dem Alltag entrückte, hexenähnliche Frauen Lebensberatung in allen Dingen anbieten. Das wäre doch auch was für mich, dachte ich. Ich kenne nicht nur alle meine Nachbarn, sondern auch so gut wie alle ihre Probleme. Da lässt sich doch was draus machen, besonders natürlich Geld. Hatte ich doch bisher auch immer einen Ratschlag parat – allerdings für lau. Nee, nee Hermine, dachte ich also, wenn die ganze Welt geschäftstüchtig ist, dann du doch erst recht. Aber es sollte schon etwas Besonderes sein. Nicht nur mit auf der Couch gegenübersitzen und Notizen machen. Nach intensiven Recherchen entschied ich mich dafür, die Zukunft aus der Glaskugel zu lesen. Ich malte die Tapeten meines Gästezimmers schwarz an, verdunkelte das Fenster und stellte eine große, von innen diffus beleuchtete und sich drehende Glaskugel in der Zimmermitte auf einen kleinen Tisch. Die Farb- und Schattenspiele im Raum mussten jeden beeindrucken – es ging mir ja selbst so. Dann streute ich im Haus anonym das Gerücht, dass die Hermine ein Wahrsage-Studio eingerichtet und mit ihren Voraussagen bisher immer nur Volltreffer gelandet hätte. Die ersten Interessenten aus der Nachbarschaft ließen also nicht lange auf sich warten. Mein erster Kunde war der spielsüchtige Herr Müller, er wollte von mir die Glückszahlen fürs Roulette wissen. Ich lag total daneben, aber zum Glück schämte er sich und machte keinen Ärger. Der netten Frau Zunk sagte ich voraus, dass sie in vier Wochen einen ganz großen Tag hätte – ihr Freund würde sich dann mit ihr verloben. Es wurde auch ein großer Tag, aber nicht wegen des erwarteten freudigen Ereignisses, sondern weil sich ihr Freund an diesem Tag von ihr trennte. Zum Glück war es auch ihr zu peinlich, hinterher über meine Voraussage zu erzählen. Aber dann kam die Geschichte mit Frau Frust. Ihr sagte ich voraus, dass ein sehr erfreuliches Ereignis ins Haus stehe. Als dann aber ihre Schwiegermutter bei ihr einzog, platzte die Bombe und löste auch weitere Explosionen aus. Nun kamen alle, die von meinen Wahrsagekünsten enttäuscht waren und machten mir die Hölle heiß. Heute bin ich mit meinen Nachbarn zum Glück wieder im Reinen. Und wenn mich mal einer bittet, aus der Kugel zu lesen, dann nehme ich höchstens noch die Globuskugel in die Hand und zeige unseren ungefähren momentanen Standort an.