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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Tattoo mir sowas antust!

November 2015

In meiner Jugend habe ich auch gerne Modeschmuck getragen - Ketten, Armbänder, Fußkettchen. Sogar gepierct war ich – ich hatte mir extra Löcher für die Ohrringe stechen lassen. Wer damals jedoch tätowiert war, war entweder ein Seemann oder gehörte zu den Männern, deren Frauen gern jahrelang verbreitet haben, dass sich ihre bessere Hälfte gerade auf Auslandsmontage befindet. Aber das hat sich ja inzwischen grundlegend geändert! Es scheint sogar, dass man als junger Mensch gar nicht mehr ohne Körperverzierung herumlaufen kann, ohne Gefahr zu gehen, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Oft denke ich mir: Wenn das Tattoo wenigstens schön wäre, so ein kleines Kunstwerk für sich. Aber meist sieht es dann auch noch so dilettantisch aus, dass der Träger lieber ein Kleidungsstück darüber tragen sollte. Dabei wird heute fast kein Körperteil mehr ausgelassen. Einschließlich des gesamten Gesichts. Manchmal ist das ja vielleicht auch besser, wer weiß, ob man ohne nicht noch mehr erschrecken würde. Neulich habe ich sogar jemanden mit einer Strichellinie rund um den ganzen Hals gesehen. Vorne, eingekreist von zwei Scheren, stand: Bitte hier abtrennen. Über Geschmack lässt sich eben – nicht – streiten. Nun sei es, wie es sei. Aus Beobachterposition ist das ja alles ganz lustig, wie sich manch einer verschandelt und sogar noch stolz darauf ist. Aber als dann noch meine langjährige Freundin Sandra anfing, mich zu einem Freundschaftstattoo überreden zu wollen, wurde ich doch etwas fuchtig. Zuerst zeigte sie mir eine Tätowierung auf ihrem Rücken, die ich noch nie gesehen hatte: Peter, ich liebe Dich! stand da. Peter war durchgestrichen, darunter waren Herbert, Heinrich, Paul und Martin aufgereiht und ebenfalls durchgestrichen. Stattdessen hatte sie sich irgendwann statt des Namens zu einem unverbindlichen „Eh, Du“ entschieden. „Das passiert einem nur mit Männern, Hermine.“, sagte sie zu mir. „Aber ein Freundschaftstattoo mit der besten Freundin ist etwas für die Ewigkeit. Ich hatte da an eine Rose und den Namen gedacht – also bei Dir Sandra und bei mir Hermine.“ Ich war baff. Wie oft hatte ich gerade vor Sandra schon über dieses Thema abgelästert und sie war immer kräftig mit von der Partie. Dabei war sie selber grässlich verunstaltet und wollte nun sogar mir so etwas aufschwatzen! Wollte sie sich wegen irgendetwas an mir rächen? Aber verprellen wollte ich sie auch nicht, es schien ihr sehr ernst zu sein. Also machte ich lieber einen Gegenvorschlag, den sie unmöglich annehmen konnte. Rose und Name sind viel zu groß, versuchte ich es. Lass uns doch lieber gegenseitig unseren Anfangsbuchstaben und dahinter unser Geburtsjahr schreiben. Da ich zwölf Jahre älter bin, lehnte sie sofort ab. Das schreckt doch jeden potentiellen Liebhaber ab, meinte sie. Ich wollte schon frohlocken und die Thematik klammheimlich ad acta legen. Aber Sandra quengelte weiter. Da kam mir ein Zeitungsartikel über das kleinste Tattoo der Welt gerade recht. Meinen Vorschlag, unsere Anfangsbuchstaben in Weiß und so klein zu setzen, dass nur wir sie richtig erkennen könnten, fand sie richtig toll. Nun habe auch ich ein Tattoo und sage seitdem nichts mehr zu fremder Körperkunst. Schließlich weiß man ja nie, wie sie entstanden ist.