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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Namen sind Schall und Rauch?

Oktober 2015

Eigentlich sollte ich diese Geschichte gar nicht erzählen, denn ehrlich gesagt, ist sie mir ein bisschen peinlich. Obwohl mir ja ansonsten nichts peinlich zu sein scheint. Aber da ich gar nicht mehr weiß, ob ich selbst diese dumme Idee hatte oder meine Freundin Luzie, kann ich es ja getrost auf Luzie schieben. Jedenfalls wollten wir wieder einmal unsere Nachbarschaft ein bisschen aufmischen. Oder, um es positiv auszudrücken, die Kommunikation im Haus ein wenig anregen. So kam es dann zu dieser Nacht- und Nebelaktion, denn schließlich wollten wir ja nicht erwischt werden. Wir tauschten einfach die Namensschilder aller Bewohner unseres Aufganges aus. Da ich die Fixere bin, nahm ich die an den Wohnungstüren und Luzie die an den Briefkästen. Nach drei Stunden waren wir beide – im wahrsten Sinne des Wortes – fix und fertig. Am nächsten Tag harrten wir der Dinge, die da wohl passieren würden. Aber so viel passierte am ersten Tag gar nicht. Denn wer sieht an der Tür schon selbst auf seinem eigenen Namensschild nach, ob er noch hier wohnt? Und am Briefkasten hat man Routine, da findet man sein Fach blind. Los ging es bei der Paketzustellung. Der Postbote klingelte bei Meiers, sagte „Ein Paket für Sie!“ und gab es dann, wie es auf der Lieferadresse stand, bei Schulzens ab. Frau Meier wunderte sich, dass der Postbote nicht kam, tat es dann aber als Klingelstreich ab. So warteten auch noch Motzkes, Nitzsches und Kants, bei denen geklingelt wurde, auf ihr Paket. Abgegeben wurden sie jedoch bei Maurers, Wuschkes und Klements. So kamen – und das hatten wir uns ja gewünscht – die Nachbarn ins Gespräch. Allerdings waren sie noch ahnungslos, glaubten, dass Paketdiebe im Haus ihr Unwesen trieben. Ein paar der Betroffenen bildete sogar die Soko Paket, um die Vorgänge im Haus zu überwachen. Als dann der Paketzusteller bei Linkes klingelte, aber bei Mölders auslieferte, wurde er von Herrn Linke an seinem Auto abgefangen und zur Rede gestellt. Nun stieß man auf die vertauschten Briefkastenschilder und das Geschrei war groß. Der Schilderwechsel an den Türen wurde erst ein ganzes Stück später bemerkt. Schuld daran waren Besucher, die erst einmal hilflos durchs Haus irrten und ihre Bekannten nicht mehr da fanden, wo sie bisher immer gewohnt hatten. Und wenn endlich der Name auftauchte, machte statt Herrn Fröhlich Herr Mielke und statt Frau Müller Frau Rommel auf. Nun bemerkte man also auch diesen Streich – hatte aber keine Ahnung, wer sich dahinter verbergen könne. Bis dann dem Herrn Murkel auffiel, dass nur bei Luzie und mir die Namen an der richtigen Stelle platziert waren. Wochenlang versuchten wir noch zu leugnen, aber der Druck war zu groß. Reumütig bekannten wir uns zu diesem Unsinn und versprachen für den gesamten Aufgang am kommenden Wochenende ein kaltes Büffet als Wiedergutmachung zu spendieren. Was soll ich sagen – die Entschuldigung wurde nicht nur akzeptiert, ein paar Nachbarn meinten sogar, es war so vorzüglich, dass wir ruhig mal wieder einen Streich machen könnten. Natürlich mit anschließendem Büffet.