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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Da möchte man dazugehören

Januar 2015

Es gab eine Zeit, da musste man schwarz gekleidet und entsprechend geschminkt sein, um am Alexanderplatz der größten Gemeinschaft anzugehören. Jahrelang trafen sich hier am späten Nachmittag junge Vertreter der Gothicszene, um gemeinsam abzuhängen, zu trinken und laute Musik zu hören. Heute dagegen dominieren junge Leute den Alex, die mit Riesentüten bepackt sind und mit überglücklichen Gesichtern über den Platz laufen. Waren es bei unseren Vorfahren jedoch die bei der Jagd erlegten Tiere für das Mahl, die ihre Gesichter und Seelen erhellten, sind es heute die Schnäppchen, die man hier machen kann. Dabei weiß ich nicht einmal, wie man den Laden richtig ausspricht. Ist es das prima RK oder hinten doch mit Mark? Aber dann hätte man es lieber gleich Euro nennen sollen. Erst dachte ich, das Geschäft wäre nur etwas für junge Leute. Aber ich sah immer wieder Menschen aller Altersklassen herauskommen – ebenfalls voll bepackt. Und mit dem gleichen glücklichen Gesichtsausdruck wie die Jungen. Meine Neugierde siegte und eines Tages stürzte ich mich auch ins Gewimmel. Und da Shoppen bei mir – und da bin ich sicher kein Einzelfall – mit dem Nachhausetragen so vieler Tüten wie nur möglich verbunden ist, wurde ich eines Tages auch bei mir im Haus darauf angesprochen. Ausgerechnet die neugierige Schulzen fragte scheinbar harmlos, was ich denn in dem Billigladen immer wieder finden würde. Das wäre doch alles minderste Qualität und wahrscheinlich auch durch Kinderarbeit entstanden. Es wäre doch viel besser, weniger zu kaufen und dafür auf Qualität zu achten. Zumal man auch an die schlechte Umweltbilanz solcher Produktionsbetriebe denken sollte. Ich ärgerte mich maßlos. War es doch gerade die alte Schulzen, die für nichts zu viel Geld ausgeben wollte und alles mitnahm, was sie möglichst geschenkt bekam. Warte, dachte ich! Dir schlage ich ein Schnippchen mit meinen Schnäppchen. Ich kaufte mir ein paar riesengroße KaDeWe-Tüten und füllte diese von da an mit meinen billigen Klamotten. Wenn ich jetzt damit zwischen all den Käufern mit ihren billigen braunen Tüten herumlaufe, ist mir die Aufmerksamkeit der anderen auf jeden Fall gewiss. Und auch die alte Schulzen macht jetzt nur noch einen spitzen Mund, wenn ich ihr nach einem Einkauf über den Weg laufe.