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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Herr Fuchs und Frau Elster

29.09.2014

Dass ich keine Vorurteile habe, habe ich ja bestimmt schon hundertmal erwähnt. Meist scheint es nur so – aber man kommt auch immer viel zu schnell in einen solchen Verdacht. Jedenfalls war eines Tages mein goldenes Armband weg – ich hatte es auf mein Tischchen auf dem Balkon gelegt. Und wer sollte da schon rankommen, wenn nicht der Herr Fuchs über mir? Mit einer Angel würde das ganz bestimmt funktionieren. Und wer schon Fuchs heißt! Außerdem gab es da im Haus bereits einmal Gerüchte, vor ein paar Jahren. Da verschwanden in der Weihnachtszeit spurlos Umschläge mit Geldscheinen. Unser Postbote konnte sich noch genau erinnern, diese Briefe in die Kästen gesteckt zu haben. Genau zu dieser Zeit erwischte Frau Mürkels den Herrn Fuchs an ihrem Briefkasten. Er sagte zwar, da wäre ein Brief falsch bei ihm eingesteckt worden und er hätte ihn jetzt nur in den richtigen Kasten geworfen. Aber da Frau Mürkels gerade in diesem verdächtigen Moment dazukam, denkt sie bis heute, dass Herr Fuchs den Brief gerade herausgeangelt hatte und nun geistesgegenwärtig mit seiner Ausrede reagierte. In diesem Brief war übrigens auch Geld deponiert, so dass sich der Verdacht nicht gerade abschwächte und wie man sieht, auch heute noch nachwirkt. Also beschloss ich, eine Falle zu stellen. Ich kaufte billige Klunker aus Rauschgold, die aber auf den ersten Blick wertvoll aussahen. Damit wollte ich nun Herrn Fuchs beim Diebstahl überführen. Ich legte die glänzenden Stücke gut sichtbar und wirksam auf meinen Balkontisch. Da ich nun auch nicht den ganzen Tag Zeit hatte, alles live zu überwachen, zeichnete ich mit einer Kamera auf, was während meiner Abwesenheit alles passierte. Ein paar Tage geschah gar nichts. Dann lag auf einmal der Schmuck neben dem Tisch. Sollte sich Herr Fuchs da verangelt haben? Meine Aufzeichnungen zeigten aber, dass eine Taube über meinen Tisch spaziert war und den Schmuck dabei herunterwarf. Zwei Tage später musste ich mir am Bildschirm ansehen, wie eine – oder war es diese? - Taube auf meine Schmuckstücke kac...te. Die Überführung meines Hauptverdächtigen hatte ich mir wirklich leichter vorgestellt! Aber dann endlich passierte es doch – der Schmuck war weg! Jetzt hab ich Dich, dachte ich erfreut und rannte zu meinem Computer. Doch was musste ich sehen? Es war nicht Herr Fuchs mit seiner Angel, sondern eine Elster mit ihrem Schnabel, die meine Köder seelenruhig einsammelte. (Fucks, dachte ich!). Nun – sollte ich wirklich so danebengelegen haben? Davon sollte ausgerechnet Herr Fuchs mich endgültig überzeugen. Denn etwa eine Woche später klingelte er und brachte meinen Goldschmuck zurück. Aber nicht weil er ihn gestohlen hatte und nun reumütig geworden wäre. Er war gerade dabei, seine Umgebung vom Balkon aus zu filmen, als eine Elster bei ihm landete und meinen Schmuck in einer Balkonecke verstecken wollte. Einen besseren Beweis als einen Film hätte er gar nicht bringen können. Und dass ich Schmuck vermisste, wusste natürlich das ganze Haus. Übrigens: Die Geschichte mit den Briefumschlägen hatte ich eh nie geglaubt.

Die Buswette

22.09.2014

Darauf hatte ich mich schon ein halbes Jahr gefreut – mal wieder einen Tagesausflug mit meiner Freundin Luzie zu machen. Wir hatten uns diesmal Wernigerode im Harz ausgesucht. Um schon unterwegs unseren Spaß zu haben und die Fahrt in vollen Zügen genießen zu können, hatten wir uns für eine Reise mit der Bahn entschieden. Aber genau zu diesem Zeitpunkt las ich einen Zeitungsbericht darüber, wie Fernbusse der Bahn den Rang ablaufen und ihre Kunden mit einem guten Service verwöhnen. Lass uns doch lieber mit dem Bus fahren, versuchte ich Luzie zu locken. Ist auch wesentlich billiger und die Fahrt dauert auch nicht viel länger. Aber Luzie beharrte auf die Bahnfahrt. Da ich gerne experimentiere und auch mal Neues ausprobiere, bot ich ihr eine Wette an. Lass uns getrennt hinfahren – Du mit der Bahn, ich mit dem Bus. Zurück sollte es dann gemeinsam mit der Bahn gehen. Luzie war einverstanden und wir arbeiteten ein umfangreiches Dokument aus, in dem die Kriterien und die Punktewertung im Detail festgelegt waren. Fahrzeit, Service, Stimmung, Aussicht etc. Aber dann kam alles anders als gedacht. Mit meinem Bus saß ich in einem mächtigen Stau fest – nichts ging mehr. Luzie dagegen kam pünktlich und entspannt an und begab sich sogleich auf den geplanten Stadt-bummel – allerdings ohne mich. Als ich zu der Zeit, als wir zurückfahren wollten, immer noch nicht da war, fuhr sie mit unserem gemeinsam geplanten Zug allein zurück nach Berlin. Kurz darauf traf ich in Wernigerode ein. Kaufte mir aus lauter Frust noch ein paar Schuhe und ein Kleid, obwohl mir beides nicht wirklich gefiel. Dann fuhr ich mit einem Bus zurück, der zwanzig Minuten vor der geplanten Ankunft in Berlin eintraf. Wer die Wette nun gewonnen hat? Luzie natürlich. Nicht etwa, weil sie eher und pünktlich am Reiseziel war. Denn ihre Rückreise verlief katastrophal. Der Zug blieb mitten auf freier Strecke in einem Tunnel liegen und die Fahrt konnte erst nach acht Stunden fortgesetzt werden. Früh um sieben war sie erst zu Hause, da hatte ich schon einige Stunden Schlaf hinter mir. Allerdings bekam Luzie ihr volles Fahrgeld wieder zurück. Das hat nach unserer Bewertungsliste so richtig gepunktet – und ihr auch zum Sieg verholfen. Unseren nächsten Ausflug wollen wir mit einem Schiff machen. Hoffentlich gibt es dann keinen Schleusenstreik auf unserer Strecke.

Als Kräuterhexe abgestempelt

15.09.2014

Eigentlich fing es zum Frühjahrsfest im Haus damit an. Bei diesem Fest bringen die meisten Mieter eine Speise mit, die sie besonders gut zubereiten können. Ich hatte Törtchen und Tarteletts gemacht: Schwarzwälder-Cupcakes, Cassis-Schoko-Tropfen, Basilikum-Limetten-Tartelettes, Macaron-Herz-Lollies, Tartelettes mit pikantem Kräuter–Eier–Tatar, Kräuter-Tartelettes mit Lachs – und hier mein ganzes Wissen über Kräuter hineingepackt. Denn schon seit Jahrzehnen experimentiere ich mit der Kombination und der Wirkung von Kräutern. In geschmacklicher Hinsicht und bezüglich ihrer Wirkungen als Heilmittel. Allen hatte es vorzüglich geschmeckt, das Lob und Rezeptehabenwollen nahm kein Ende. Aber wie immer war auch diesmal jemand dabei, dem das gar nicht schmeckte. Denn über den Schichtsalat von Frau Groß hatte an diesem Abend niemand gesprochen. Und so erzählte sie im ganzen Haus, um mir nachträglich noch einen reinzuwürgen, dass einige meiner Kräuter stark pestizidbelastet wären und auch einige der Zutaten persönlichkeitsverändernd wirken würden. Welche Persönlichkeit sie damit verändern würde – ich glaube, das hatte sie weder geplant – geschweige denn überhaupt geahnt. Das war nämlich meine. Urplötzlich war ich die Kräuterhexe im Haus und bei der nächsten Feier blieb ich auf allen meinen Köstlichkeiten sitzen. Das besserte sich allerdings schlagartig, als nach einem Wochenendbesuch jemand im Haus mitbekam, dass ein berühmter bayerischer Sternekoch, der auch als deutscher Kräuterpapst gilt, ein Cousin von mir ist. Ganz plötzlich war ich mit meinem Essen wieder in und alle wollten meine Rezepte und meine Leckereien haben. Ob das mein Cousin auch so mache, hieß es immer wieder. So ist es eben im Leben – heute ganz oben, morgen schon wieder ganz unten. Aber halb so schlimm, wenn man damit umzugehen weiß. Vielleicht fragen Sie sich, ob ich mich an Frau Groß gerächt habe. Aber nein – so bin ich nicht! Ich habe nur einer unserer Nachbarinnen – der mitteilsamen Frau Öchel – erzählt, dass ich gehört hätte, dass Frau Groß die Zutaten für ihren Schichtsalat aus monetären Gründen aus der großen Tonne von Kaisers holen würde. Nun bin ich mal gespannt, wann und mit welchen Mitteln sie es wieder nach oben schafft.

Eigentlich nur Fenster geputzt

08.09.2014

Eigentlich. Denn begonnen hatte mein Fensterputz wie immer. Rahmen abwaschen, den gröbsten Schmutz von den Scheiben entfernen und sich dann dem Feinputz widmen. Doch dabei passierte es dann. Das Fenster, welches ich gerade bearbeitet hatte, riss aus der Verankerung und mich damit zwei Meter zur Seite. Hier verfing ich mich mit einem Bein in der Balkonverkleidung und wusste nun nicht, wie ich von hier aus wieder wohlbehalten „an Land käme“. Zumindest aber hing ich fest und drohte nicht auch noch abzustürzen. Und zum Glück war ich schwindelfrei. Denn im 8. Stock am Balkon zu hängen, das verkraftet auch nicht jeder einfach so. Schon nach ein paar Minuten hatten mich unten die ersten Schaulustigen entdeckt. Ein älterer Mann rief hoch, das kenne er noch von der Kampfgruppe, als sie Häuserkampf geübt hatten. Mit diesem Thema kam er auch sogleich mit einer Touristengruppe ins Gespräch und so musste ich mir nun zahlreiche kluge Ratschläge von unten anhören. Im Handumdrehen wurde aus dieser Runde eine mittelgroße Versammlung. Trotzdem hatte sich aber jemand gefunden, der die Feuerwehr über mein Missgeschick verständigte. Denn als mich nach 20 Minuten die gerufenen Feuerwehrleute über eine Leiter aus meiner misslichen Lage befreiten, hatte sich unten bereits eine neue Partei gegründet. Man bestimmte gerade den Vorsitzenden, den Schriftführer und den Sprecher. Donnerwetter, dachte ich mir. So etwas nennt man dann wohl Partei ergreifen für einen Menschen in Not. Wenn denn diese Partei eines Tages im Lande die Macht übernehmen sollte, dann heißt es bestimmt offiziell in der Tagespresse und später in den Geschichtsbüchern: Eingeleitet wurde diese ruhmreiche Epoche mit dem Berliner Fenstersturz der Hermine Kümmerlinde. Während jedoch mit dem Prager Fenstersturz der 30-jährige Krieg begann, hoffe ich doch, den ewigen Frieden gebracht zu haben.

Tauben füttern vorm Haus

September 2014

Seit Jahren schon ärgere ich mich über meine Nachbarin Frau Wings. Eigentlich ist sie eine nette alte Dame – aber ihr Hobby ist das Taubenfüttern. Und glauben Sie mir – ich bin nicht die einzige, die immer mal wieder darauf hingewiesen hat, dass man sich damit nur Schmutz und Krankheiten ins Haus holt. Aber das geht bei ihr zu einem Ohr rein – und auf dem anderen ohne Umwege gleich wieder raus. „Wir sind doch alles Gottes Geschöpfe, da darf man keins von verhungern lassen“, pflegt sie dann immer zu sagen. Inzwischen, so glaube ich jedenfalls, dürften sich die in unserer Gegend beheimateten Tauben verdoppelt oder gar verdreifacht haben. Vor ein paar Wochen kam mir aber eine rettende Idee. Ich sprach mit der kleinen Punkmaus Schantalle aus dem Erdgeschoss, ob sie mir mal ihre dressierte Ratte Wilhelm II für ein paar Stunden und gegen ein kleines Taschengeld überlassen könne. „Klar“, sagte sie, „ich helfe, wo ich kann“. Am nächsten Tag passte ich Frau Wings beim Taubenfüttern ab und erzählte ihr, dass ich einen neuen guten Kaffee entdeckt und noch von meiner selbstgebackenen Torte übrig hätte – und lud mich für den Nachmittag bei ihr ein. Sie strahlte über das ganze Gesicht, als ich dann mit Kaffee, Torte und – natürlich versteckt – Wilhelm II bei ihr auftauchte. Wir waren mitten im schönsten Plausch, als ich die Ratte freiließ. Die, an Menschen gewöhnt, inspizierte erst einmal neugierig das ganze Wohnzimmer. Plötzlich erspähte auch Frau Wings sie, blieb einen Moment wie versteinert sitzen, sprang dann behende auf den Tisch und quiekte wie ein Ferkel in den höchsten Tönen. Ich machte mich wie geplant auf die Jagd, fing die Ratte und deponierte sie in meiner leeren Tortenschachtel. Dann erzählte ich der verstörten Frau Wings, dass ich in einem Wissenschaftsmagazin gelesen hätte, dass sich Ratten gern da ansiedeln, wo es viele Tauben gibt. Von diesem Tag an war bei ihr Schluss mit Taubenfüttern – sie füttert jetzt die Fische im Zoo. Wahrscheinlich werde ich ihr lieber nicht erzählen, dass ständiges Fische füttern die Alligatoren auf den Plan ruft. Sonst kehrt sie womöglich wieder zurück zu ihren Tauben!