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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Treppenhaus möbliert

25.08.14

Eines Tages wollte ich mal wieder durchs Treppenhaus laufen – aber das war weitgehend zugestellt. Mit alten Schränken, Waschbecken, Zeitungsstapeln – sogar eine alte Badewanne war in eine Ecke gelehnt. Ich musste Slalom laufen und Hindernisse wie an einer Eskaladierwand überwinden, um nach einer geschätzten Stunde verschwitzt unten anzukommen. Mein Gott, dachte ich mir, wenn der Fahrstuhl einmal ausfällt, wird das Hoch- und Runterlaufen eine einzige Qual. Und an den abgestellten Gegenständen steht nun dummerweise kein Name, damit man einen Entsorgungsdienst auf Kosten dieser Hausschweine hätte bestellen können. Ich wollte unseren Hausmeister überreden, eine Überwachungskamera zu installieren. Nichts lieber als das, stöhnte er. Aber mir sind die Hände gebunden – der Datenschutz! Es wird also dem Zufall überlassen bleiben, ob wir da jemals jemanden in flagranti erwischen. Na, wenn nicht Du, dann eben ich, sagte ich mir. Egal, ob es nun der Inflagranti ist, ein anderer Nachbar oder jemand von außerhalb. Und da ich auch den Herrn Datenschutz nicht persönlich kannte, installierte ich ein paar versteckte Kameras. Bei mir in der Wohnung wurde alles aufgezeichnet. Was ich alles zu sehen bekam – glauben Sie mir, das müsste dem Datenschutz unterliegen! Dass Frau Mock etwas mit Dr. Roth hatte, das wusste nicht mal ich. Für ihre Schäferstündchen erwiesen sich die alten Möbel im Treppenhaus sogar als sehr nützlich. Nach ein paar Wochen gelang mir endlich der große Schlag. Innerhalb von zwei Tagen gingen mir vier dicke Fische oder besser gesagt Müllschweine ins Netz. Am Wochenende lud ich sie alle zu mir auf einen Kaffee ein und zeigte ihnen die Aufnahmen. Ich wolle sie nicht erpressen, sagte ich, aber ich würde mich über ihren Vorschlag freuen, wenn sie den Müll im Treppenhaus auf ihre Kosten entsorgen ließen. Seitdem haben wir keine Probleme mehr mit abgestellten Gegenständen im Haus. Aber außer mir waren da noch mindestens acht zusätzliche wachsame Augen, die die Ordnung und Sauberkeit im Haus akribisch überwachen.

Der Knaller aus der Bar oder ein Schluck russischer Seele

18.08.2014

Man hört ja in letzter Zeit so viel Schlechtes über Russland. Also beschloss ich eines Tages, mir das selbst einmal vor Ort anzusehen und gegebenenfalls einzugreifen. Aber für so einen Einsatz muss man natürlich in jeder Hinsicht gut vorbereitet sein. Ein paar Brocken der Sprache sprechen. Die wichtigsten Verhaltensregeln kennen. Und sich natürlich auch für die landestypischen Ess- und Trinkgewohnheiten akklimatisieren. Mit dem Essen kam ich bestens klar. Ob Blinis, Borschtsch, Soljanka, Piroggen oder Pelmeni, Sakuska oder Kascha – mir schmeckte alles. In Erwartung der russischen Gastfreundschaft versuchte ich auch, große Mengen in mich reinzustopfen. Denn wie sagte schon der Fabeldichters Iwan Krylow: „Greif recht zu, das lieb ich sehr, hier steht ein neuer Teller. Mach die Schüssel völlig leer, zwei sind noch im Keller." Ich machte also Fortschritte. Nur mit dem Sauf.. äh Trinken wollte es noch nicht so recht klappen. Obwohl ich mir sogar ein Fachbuch kaufte und alle Ratschläge beherzigte: Genieße eine reichhaltige Mahlzeit ein oder zwei Stunden, bevor du zu trinken beginnst. Koche die Speisen in Butter, das verzögert die Resorption von Wodka im Körper. Iss ein rohes Ei oder zwei, iss gekochte Kartoffeln, nimm ein oder zwei Teelöffel Oliven- oder Sonnenblumenö … Egal, was ich tat - bei Sto Gramm blieb ich beim Wodka immer kurz unter der Glasmitte stecken. Da hilft nur üben, üben, üben, sagte ich mir. Und lud mir nun immer mal einen Nachbarn dafür ein. Sagte nach Kaffee und Kuchen: „Mal sehen, was wir zum Abrunden noch in der Bar finden“. Dort fand sich natürlich immer ein Fläschchen Wodka. Und da wir stets auf die Gesundheit anstießen, wurde die Flasche auch immer leer. Natürlich gab ich mir Mühe, immer die größere Hälfte abzubekommen. Bis ich schließlich eines Tages eine verdorbene Flasche Wodka in meine Finger bekam. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass beide Flaschen verdorben waren. An die erste Flasche, die ich mit meinem Nachbarn Hugo trank, kann ich mich noch erinnern. Aber plötzlich war nicht mehr Freitagnachmittag, sondern Samstag kurz vor Mittag – als mich die Löws fanden. Im Treppenhaus liegend mit einer leeren Flasche in der Hand. Die Fotos sind jetzt dummerweise im Internet zu sehen. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Mission abzubrechen. Sollen die Russen doch sehen, wie sie allein klarkommen. Ich widme mich jetzt der schottischen Lebensweise – denn ehrlich gesagt, Whisky schmeckt mir auch viel besser.

Mir schwimmen die Fälle davon

11.08.2014

Es scheint wirklich so zu sein, dass ich nicht den Trends folge – sondern im Gegenteil Trends setze und sie bestimme. Seit Jahrzehnten schon bin ich ein absoluter Tatortfan. Nun scheint mir das Land auch in dieser Hinsicht zu folgen. Glaubt man den Einschaltquoten, müsste man Sonntagabend vor der Haustür fast allein unterwegs sein. Aber für meinen Geschmack werden die Kommissare und die Fälle immer austauschbarer. Hatte einmal jede deutsche Großstadt sein typisches Ermittlerteam, ist heute in jeder zweiten Kleinstadt ein Trupp unterwegs. Früher konnte man sich noch darauf verlassen, ein bisschen Standortcolorit mitzubekommen. Der Geiz der Schwaben zeigte sich zum Beispiel darin, dass der Hausherr bei seinem Mieter, Kommissar Bienzle, akribisch darauf achtete, dass der rechts die Treppe hoch ging und auf der anderen Seite herunterkam. Um die Treppe gleichmäßig abzunutzen. Oder Kommissar Palü aus Saarbrücken, der die französische Lebensart pflegte: er liebte Rotwein, klemmte sich beim Gang über den Wochenmarkt ein Baguette unter den Arm, fuhr einen schwarzen Citroen DX, war kulturell interessiert und kochte natürlich gerne. Heute muss ich mir ansehen, wie die familiären Verhältnisse der Ermittler die Fälle immer häufiger bestimmen und damit eher zu einem Alltagsfilm machen. Wie es der Frau oder der Familie von Sherlock Holmes erging, hat bisher auch niemanden interessiert. Zum Glück, sonst wären diese Filme heute vielleicht als Taschentuchfilme mit in die Rosamunde-Pilcher-Reihe aufgenommen. Das Allerschlimmste für mich ist aber, wenn der Stoff zur politisch korrekten Denke erziehen soll und der erzieherische Zeigefinger eineinhalb Stunden erhoben bleibt. In diesem Fall gehe ich an mein DVD-Regal und suche mir aus der langen Reihe meiner Krimisammlung etwas Schönes aus. Da ist es dann auch egal, ob ich den „Tod auf dem Nil“ schon 89 Mal gesehen habe. Denn er ist immer wieder gut und erfrischend. Und man kann sich auf die Handlung verlassen. Beim Tatort verliere ich dagegen schon langsam den Überblick. Berlin allein hat mit Ritter und Stark schon seine neunte Mannschaft ins Rennen geschickt. Und jetzt, wo ich mich an die beiden gerade mal gewöhnt habe, treten sie auch schon wieder ab. Aber wenn ich auch mal durcheinanderkomme, etwas nicht verstehe oder vor Spannung einschlafe – das Gute ist, ich habe immer noch eine Chance: denn die Wiederholung lässt nicht lange auf sich warten.

Der Fasching vor einem Jahr oder Maskenball im Haus

August 2014

Was den Münchnern ihr Oktoberfest, wird für uns vielleicht eines Tages noch unser Maskenball im Haus werden. Wir hatten zwar erst zwei, sind aber auf dem besten Weg dahin - auch was die Nebenwirkungen betrifft. Denn wenn bei uns im Haus etwas gemacht wird, dann aber auch richtig. Als Motto hatten wir ausgegeben: Alles ist erlaubt, wichtig ist nur, dass man nicht erkannt wird. Und alle geben einen Tipp ab, wer sich hinter welchem Kostüm verbirgt. Wer am seltensten richtig geraten wird, bekommt einen Preis „Haus-Maske des Jahres“. Da waren schon schräge Kostüme dabei. Herr Mierings kam als duale Fernsehstation mit den Sendern Satt 1 und Hunger 2, Frau Boesner als Flower Bauer oder die alte Meiern als Kuh Elsa. Die hätte auch kein Kostüm gebraucht, dachte ich mir im Stillen. Jedenfalls war es fast unmöglich, die eigenen Nachbarn hinter ihrer Verkleidung zu erkennen. Und bei dem Gedränge müssen sich zusätzlich noch viele Besucher von außerhalb unter uns Feiernde gemischt haben. Dummerweise musste gegen 3 Uhr die Party unfreiwillig beendet werden. Ein Betrunkener, als Feuerwehrhauptmann verkleidet, zündete ein Feuerwerk in der dritten Etage. Es fing an zu brennen – und die Polizei schickte uns nach Hause. Also in unsere Wohnungen. Da der Fahrstuhl überfüllt war, ging ich zu Fuß in meine Wohnung. Aber auch im Treppenhaus herrschte noch überall Stau. In allen Ecken standen Pärchen, total mit sich beschäftigt. Aber ich erkannte keinen – das Kostüm saß bei jedem wie eine Eins. Gewonnen hat übrigens Herr Kruse. Er kam als Herr Kruse – und darauf hatte nun wirklich keiner gesetzt. Und die Nebenwirkungen, besser gesagt die Nachwehen? Ein dreiviertel Jahr später kamen in unserem Haus fünf Kinder zur Welt. Aber die jungen Mütter wussten nicht, von wem. Nur gut, dass man die feuerroten Haare und die Knollennase Herrn Knauß oder das gezackte Ohr dem flotten Pierre zuordnen konnte. Zwei Frauen suchen allerdings immer noch nach den Vätern. Es sollen Darth Vader und Spiderman gewesen sein. Aber die wohnen nicht bei uns im Haus. Da kann wohl nur noch Superman helfen.