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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Einer muss ja die Brötchen backen

28.07.2014

Millionär werden ist gar nicht schwer. Man muss es nur wollen und dann auch ganz fest daran glauben. Hat mir jedenfalls letztens mal wieder ein Prospekt versprochen. Und diesmal hatte auch ich den festen Willen, endlich Millionär und damit alle Sorgen los zu werden. Schau jeden Morgen in den Spiegel und rufe: Tschakka, Hermine, du schaffst es! Dazu hatte ich nicht nur die passende Geschäftsidee, sondern obendrein eine ausgeklügelte Marketingstrategie: Der Mensch muss essen und hat es gern gemütlich, dachte ich mir. Und wenn er es gemütlich hat, isst er gerne Brötchen. Erst einmal wollte ich mein Haus, dann die Straße und danach möglichst den ganzen Kiez mit meinen Backwaren beliefern. Damit es richtig brummt, musste ich von Anfang an sparsam sein, um mir so einen Marktvorteil zu verschaffen. So dachte ich mir aus, nur sechzig Prozent der üblichen Teigmenge einzusetzen. Und dies als den ultimativen Vorteil für meine Kunden darzustellen. Kleine Brötchen als Brotkonfekt bezeichnet, kannten die meisten ja wohl. Also sollten meine Brötchen Brotpralinés heißen. Nur für Gourmets – zum Schnäppchen-Preis. Ich ließ meinen grafisch begabten Neffen ein Plakat entwerfen und hängte es im Haus aus. Mit der Möglichkeit, zu bestellen und innerhalb von fünf Minuten beliefert zu werden. Da Bequemlichkeit eine starke menschliche Komponente ist, hatte ich auch auf Anhieb Erfolg. Mein Briefkasten war stets so voll, dass ich kaum noch hinterherkam. Allerdings musste der Bäcker um die Ecke Wind davon bekommen haben. War auch nicht verwunderlich, schließlich dürfte ihm ein Großteil seines Brötchenumsatzes weggebrochen sein. So kam nun leider menschlicher Neid ins Spiel. Denn an drei Tagen hintereinander standen plötzlich Mitarbeiter der Hygiene, des Finanzamtes und der IHK vor der Tür und führten scharfe Kontrollen durch. Was wurde mir nicht alles vorgeworfen! Steuern falsch abgerechnet, die wichtigsten Hygienevorschriften nicht eingehalten, Betrug am Kunden, Nichteinhaltung deutscher und europäischer Backnormen und Wettbewerbsverzerrung durch aggressive Werbung und Einschüchterung der Nachbarn - und das alles ohne Beiträge an die Handwerkskammer zu zahlen! Mein Geschäft wurde natürlich geschlossen. Und ich blieb nicht auf einem Brötchenberg, sondern auf einem Berg Schulden sitzen. Nun war ich wieder einmal reich - reich an neuen Erfahrungen, die ich eigentlich lieber nicht gemacht hätte. Aber was ich jetzt auch weiß: Kleinere Brötchen backen lohnt sich auch nicht.

Die Kleiderspende geht an mich

21.07.2014

Jahr für Jahr hatte ich meine Altkleider brav in den Container bei mir unten an der Ecke geworfen. Immer mit dem guten Gefühl, damit jemandem zu helfen, dem es im Leben schlecht ergangen war. Aber dann las ich in der Zeitung, dass die meisten Container gar nicht den karitativen Einrichtungen gehören, deren Logo groß darauf prangt. Meist vermitteln sie diese an Geschäftsleute, die dafür einen kleinen Obulus an Miete zahlen. Die Kleidung wird dann ein bisschen aufgepeppt und gewinnbringend vor allem nach Afrika verkauft. Das wäre doch auch etwas für Dich, sagte ich mir, es ist Zeit, mal wieder etwas Neues zu unternehmen. Afrika war mir allerdings ein bisschen zu weit, zumal ich ja meist mit dem Fahrrad unterwegs bin. Aber hier im Kiez findest Du doch auch genug Abnehmer, dachte ich. Und besorgte mir einen Container. Das ging ganz einfach über das Internet. Ich sollte im Monat 500 Euro bezahlen und bekam sogar einen Betreuer zur Seite gestellt. Der versicherte mir, mindestens 5.000 Euro im Monat damit verdienen zu können. Und da man als Unternehmer in die Zukunft schauen soll, schloss ich gleich einen Fünfjahresvertrag mit ihm ab. Die ersten beiden Monate lief auch alles wie am Schnürchen, von den 5.000 war ich allerdings noch ein Stückchen entfernt. Aber dann blieb mein Container plötzlich leer, es war wie verhext. Eines Tages, ich wollte zwischendurch mal nach dem Rechten sehen, sah ich gerade noch einen Mann meinen Container abschließen, Kleidungsstücke in ein Auto werfen und wegfahren. Ich glaubte, meinen Betreuer zu erkennen, fuhr in sein Büro und wollte ihn zur Rede stellen. Er stritt alles ab und drohte mir, meine Monatsrate an ihn zu verdoppeln. Laut Kleingedrucktem könne er das. Was dummerweise auch stimmte. Es war so klein und verschwurbelt geschrieben, dass ich es glatt übersehen hatte. Zwei Wochen wartete ich noch ab. Aber mit meinem Container war es wie bei Hase und Igel. Immer, wenn ich vorbeikam, war er leer. Das war natürlich auch ein Geschäftsmodell. Und funktionierte, ohne dass man groß arbeiten muss. Das einzige, was man einbringen muss, ist Skrupellosigkeit. Mit solchen Partnern wollte ich nichts mehr zu tun haben, mir aber auch keinen Ärger einhandeln. So schnell, wie ich mein Geschäft aufgebaut hatte, wollte ich es nun auch wieder loswerden und annoncierte im Netz. Einen Tag später war der Deal perfekt – ich hatte mein angeblich gut gehendes Geschäft verkauft – na ja, fast verschenkt. Der neue Besitzer musste im Gegenzug nur die Kooperation mit meinen Betreuer - wie festgelegt - fortführen. Was er in Erwartung hoher Gewinne natürlich auch gerne tat. Das Internet ist eben doch eine feine Sache.

Wie ein Schwein ins Uhrwerk

14.07.2014

Vor längerer Zeit hatte ich mal wieder mein Auto von der Durchsicht abgeholt und eine riesige Rechnung bekommen. Was so alles an einem halbwegs neuen Auto schon wieder ausgetauscht werden muss, damit die Sicherheit gewahrt bleibt – kaum zu fassen. Als ich meinem Nachbarn Karl davon erzählte, winkte er nur ab und meinte, die bescheißen einen doch schon, wenn man nur auf den Hof fährt. Er hätte sich letztens auch mächtig geärgert. Bei seinem Auto wurde der Vergaser ausgetauscht – ein halbes Jahr später war das gute Stück wieder am Ende, fiel natürlich aus irgendeinem Grund auch nicht unter Garantie. Die haben mir bestimmt meinen alten Vergaser wieder eingebaut und einen neuen berechnet, murrte er. Aber wenn man nichts davon versteht, kann man auch nichts beweisen. Da muss doch was zu machen sein, dachte ich mir. Der Herr Puffaus aus der neunten Etage ist doch so ein alter Autofreak – sprich doch mal mit dem. Klar, Hermine, da lässt sich was machen, lachte er mich an. Ich zeige Dir mal, wie das bei mir läuft. Wir gingen zu meinem Auto und er baute je einen kleinen Fehler bei der Zündung und bei der Lenkung ein. Das lässt sich innerhalb von ein paar Minuten beheben und dürfte nicht mehr als 80 Euro kosten, meinte er. Lohnt sich auf jeden Fall. Den Einbau der Fehler dokumentierte er mit Videoaufnahmen und ließ im Hintergrund das Radio laufen. Weil sich so das Aufnahmedatum belegen lässt. Ich gab jedenfalls mein Auto ab und beschrieb genau, was für Probleme ich mit dem Auto hatte. Habe ich Ihnen sogar aufgeschrieben, sagte ich dem Meister. So hatte es mir Herr Puffaus geraten. Okay sagte er, wir schauen uns das an, morgen ist das Auto fertig. Wenn etwas Besonderes sein sollte, rufe ich Sie an. Er meldete sich jedenfalls nicht. Am nächsten Tag fuhr ich mit Herrn Puffaus, das präparierte Auto abholen. Das ist doch etwas teurer geworden, als gedacht, sagte der Meister. Wir haben einen Austauschmotor eingesetzt und die Gelenkantriebswelle erneuert. Macht 4.800 Euro – aber dafür haben Sie jetzt so gut wie ein neues Auto. Mir blieb die Spucke weg. Aber da schaltete sich Herr Puffaus ein uns sagte, lassen Sie uns mal die neuen Teile ansehen, zum Glück verstehe ich etwas davon. Als er dem Meister die Videos vorspielte und fragte, wie unsere Markierungen auf die ausgetauschten neuen Teile kämen, wurde der Meister zuerst kalkweiß und dann puterrot. Wir verabredeten Stillschweigen und künftig einen Spezialtarif für mich. Sozusagen als Belohnung, weil ich ein langjähriger guter Kunde bin. Nun kann ich sagen: Ich habe es geschafft, denn ich kann jetzt nicht nur jede Rechnung nachvollziehen, ich bin auch jedes Mal mit der Höhe der Kosten sehr einverstanden.

EHE: errare humanum est

Juli 2014

Es ist gar nicht so einfach, eine gute Ehe zu führen. Ich weiß das nur zu gut – schließlich habe ich es selbst ein paarmal probiert. Jedes Mal hatte es mit so vielen guten Vorsätzen begonnen, aber immer wieder kam er dazwischen – der Alltag. Dabei hatten wir nichts ausgelassen, alles probiert. Die gemeinsamen Interessen und Hobbys herausgefiltert, soviel freie Zeit wie nur möglich gemeinsam verbracht, um gemeinsam neue Dinge zu erleben. Jeder Ratgeber sagt, das schweißt zusammen – bei uns führte es regelmäßig zum Streit. Wir hatten uns einen neuen Freundeskreis zugelegt, den wir auch gemeinsam kennengelernt hatten. Aber als die Ehe zu Ende war, war es auch mit den Freunden zu Ende. Und zwar bei beiden. Wahrscheinlich sind doch die Freundschaften, die man im Sandkasten schließt, die dauerhaftesten. Beim nächsten Versuch habe ich mir ein paar neue Interessen zugelegt, die ich nicht mit meinem Mann teilen wollte. Aber auch diese Variante war - zumindest für mich - nicht das Richtige. Ich hatte mein altes Hobby wieder ausgegraben, ging einmal die Woche zum Stepdance und hatte viel Spaß dabei. Bis mich mein Mann eines Tages verdächtigte, ich würde meinen Sport nur als Vorwand nehmen und mich in Wirklichkeit mit einem anderen treffen. Ich lud sogar meine Sportfreundinnen zum Kaffeetrinken nach Hause ein – es nützte nichts, ein paar Wochen später reichte er die Scheidung ein. Mein nächster Mann dagegen war so tolerant, toleranter ging es schon gar nicht mehr. Ich wusste nichts damit anzufangen – schließlich wollte ich nicht meine eigenen Wege gehen. Aber er war auch schon ein paarmal verheiratet und pflegte noch einen intensiven Kontakt zu seinen Exen. Sah sie mehr als mich, weil sie angeblich immer Probleme hatten, die sie alleine nicht lösen konnten und ihn unbedingt brauchten. Nach einem Jahr war ich am Ende und setzte ihm die Pistole auf die Brust: Deine Verflossenen oder ich, hieß die Alternative. Er entschied sich für weder noch. Daher reichte ich die Scheidung ein. Seit dieser Zeit lasse ich es locker angehen und pflege die moderne Variante der kurzfristigen Lebensabschnittspartnerschaften. Aber eigentlich warte ich auf ein Gesetz, dass die Ehe auf fünf - oder besser nur drei - Jahre begrenzt. Danach müsste man sofort einen neuen Partner wählen können, natürlich auch den alten. Aber würde das das Scheidungsproblem wirklich lösen? Ich glaube nicht, denn schließlich kommt das Wort Ehe eindeutig von errare humanum est – irren ist menschlich!