background

Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Mein Garten-Public-Viewing

Juni 2014

Mal ehrlich, wer weiss denn schon, dass Public Viewing im englischen Sprachraum eigentlich die öffentliche Aufbahrung einer Leiche bedeutet? Unserer Nationalmannschaft sollte man das lieber nicht mitteilen, vielleicht nimmt das dann doch die Motivation am Siegen – und das nach so einem guten Einstand. Schließlich gibt es noch mehr schwachsinnige Anglizismen, die ganz normal in unseren Sprachschatz eingeflossen sind und bei Muttersprachlern ein Lachen oder Unverständnis hervorrufen würden. So ist zum Beispiel der Bodybag nicht die modische Tasche der Saison, sondern ein Leichensack. Ein Slip ist im Englischen keine Damenunterwäsche, sondern ein Missgeschick oder ein Kassenbeleg. Mit Backshop ist kein Rückengeschäft gemeint, sondern eine Bäckerei und ein Tankshop verkauft schnödes Benzin statt Panzer. Oder nehmen wir die Werbung – die meisten Leute haben den Slogan einer bekannten Kosmetikkette „Come in and find out“ für sich mit „Komm rein und finde wieder hinaus“ übersetzt. Ist schon toll, Fremdsprachen zu beherrschen. Aber zurück zum Public Viewing. Während der Zeit der Fußball-WM sollte ich im Schrebergarten meiner Nachbarin Luzie, die im Urlaub war, immer mal nach dem Rechten sehen. Mach doch da Dein eigenes Public Viewing, dachte ich mir und hing in der Gartenanlage ein entsprechendes Plakat auf: “Public Viewing. Billig Trinking. Gesellig Gröling. - Das gibt’s nur bei Hermine“. Ich stellte meinen Beamer (ein Amerikaner sagt dazu übrigens Projektor, ein Beamer ist der Slangausdruck für einen BMW) und eine Riesenleinwand auf und lieh mir im geschlossenen Freiluftkino von nebenan jede Menge Klappstühle. Auf einem Riesengrill brutzelte ich lecker Bratwurst und verkaufte billiges Bier als Siegertrunk. Natürlich mit etwas Gewinn für mich. Die Stimmung war toll, die Verpflegung lief reibungslos und mein – sprich Luzies – Garten wurde besser besucht als die beiden Vereinsgaststätten in der Nähe. Allerdings sah der Garten schnell wie ein Kraut- und Rübenacker aus. So konnte ich ihn nicht an Lizie übergeben, zumal sie mich gebeten hatte, die Beete für die Vorbereitung der Herbstsaat umzugraben. Zum Glück hatte ich mal wieder die passende Idee, wie ich das auch ohne körperlichen Einsatz hinbekomme. Ich schrieb ein paar E-Mails an meine Nachbarin, mit denen sie gar nichts anfangen konnte. Teilte ihr mit, dass ich gehört hätte, dass in Luzies Garten Waffen vergraben wären. Drei Mails waren nötig – dann stand eine Polizeistaffel im Garten und grub diesen zwei Mal komplett um. Natürlich ohne Ergebnis. Aber Luzie war begeistert, was für eine gute Freundin sie hat.

Twittern wie früher

23.06.2014

Neulich war ich mal wieder beim Friseur. Es war rappelvoll – aber es waren alles gute alte Bekannte, die ich seit ein paar Wochen nicht gesehen hatte. Wir hatten uns also viel zu erzählen. So wusste die Johanna, dass über unserem ganz ruhigen Herrn Schlegelmilch ein Verfahren wegen Anlagebetrugs schwebt. Wenn ich das Uschi erzähle, dachte ich, die arbeitet doch mit ihm in einem Betrieb und dort hat sicher keiner eine Ahnung davon. Oder von der geheimnisvollen Blonden, die die glückliche Ehe der Meierings zerstören wollte. Ohne Rücksicht auf Verluste und die sechs Kinder. In unserem Haus dachten bisher alle, die Blondine wäre eine Enkelin von Opa Reus und kommt immer mal bei ihm vorbei, um ihm im Haushalt zu helfen. Dabei blieb sie nur vor seiner Tür stehen, tat, als ob sie klingle und verschwand dann ganz schnell in der Wohnung nebenan bei Herrn Meiering. Hätte nie einer gemerkt, wenn nicht Frau Mölders die volle Tasche umgekippt wäre und sie das alles beim Einsammeln von der Treppe aus unbemerkt beobachten konnte - oder besser gesagt musste. Sie sei jetzt noch fix und fertig, sagte Frau Mölders, aber gleichzeitig auch froh, dieses Geheimnis endlich einmal mit anderen teilen zu können. Oder der unscheinbare Herr Hindenburg, der seine Frau schlagen soll. Das wusste Frau Mundt zu berichten. Gesehen hatte sie es zwar nicht, aber so schnell, wie Frau Mundt immer durch das Haus huscht und von niemandem angesprochen werden will, kann es gar nicht anders sein. Dazu passen auch die Schreie, die manchmal aus der Wohnung zu hören waren. Die unterlegte Musik dazu konnte man in diesem Fall schon mal vernachlässigen. Was mir auch ganz neu war, dass die geizige Frau Suda im Lotto gewonnen haben soll. Man merkt ihr aber auch gar nichts davon an. Sie lebt zurückgezogen wie immer, kleidet sich nicht anders, war nicht im Urlaub und hat auch kein neues Auto vor der Tür. Wahrscheinlich sollte es niemand merken. Nicht mal mir hat sie einen ausgegeben – und ich hätte wahrhaftig keinem davon erzählt. Na ja, seit meinem Friseurbesuch weiß jedenfalls nicht nur ich Bescheid über all diese Neuigkeiten, sondern das ganze Haus. Sie wissen ja, man erzählt es ein paar Nachbarn und die erzählen es dann Leuten, die es auch weitererzählen. Ganz früher hieß das Jünger gewinnen, modern sagt man ja Follower dazu. Bei meiner Methode von Mund zu Mund dauert natürlich alles ein bisschen länger als beim Twittern und erreicht auch nicht so viele. Aber immer die Richtigen. Schließlich muss ja nicht jeder alles wissen. Das erspart so manchen Ärger – und auch den Shitstorm. Nur manchmal, wenn es ganz dicke kommt, kann es auch mal Prügel geben.

Mein Fahnenladen zur WM

16.06.2014

Bei der letzten Fußball-WM hatte ich beobachtet, wie Fahnen- und Flaggenverkäufer das Geschäft ihres Lebens machten. Also wollte ich diesmal auch dabei sein. Ich überlegte schon, wie ich die Fahnen der 32 Teilnehmerländer zahlenmäßig am besten aufteile. Schließlich möchte man ja nicht auf einem Berg nicht verkauften Stoffs sitzenbleiben. Aber dann merkte ich, dass mein größtes Problem der Vertrieb werden würde. Wie sollte ich mich gegen die vielen Flaggenläden, Souvenirkioske oder Straßenhändler durchsetzen? Schlau wie ich bin, gab ich das Vorhaben lieber auf. Natürlich nicht, ohne eine bessere Idee parat zu haben. Denn am Thema Fahne hatte ich mich irgendwie festgebissen. Und meine Nische gefunden: Jedem die Fahne seiner Lieblingsmannschaft – das musste doch auch anders gehen. Ich beschloss also, die Nationalgetränke der Teilnehmerländer zu vertreiben und jedem Käufer so vier Wochen lang eine typische Fahne zu verschaffen. Für Argentinien mit einem Likör namens Legui. Für Chile mit Pisco, einem Weinbrand. Für Russland mit Wodka. Für Japan mit Sake. Für die Schweiz mit einem Zaubertrank aus Wermut, Anis, Fenchel und anderen Kräutern – nämlich Absinth. Den Wacholderbranntwein Genever für die Niederlande. Soma, den Rauschtrank der Götter, für Iran. Für Kroatien den Sliwowitz. Für Spanien den Calimocho, auch Cuba libre für Arme. Und so weiter. Meine Idee kam bestens an, die Fans kauften und bestellten während der WM-Zeit so viel, dass ich mit dem Nachschub fast nicht hinterherkam. Wahrscheinlich war auch meine Werbung besser als die der Flaggenläden: Die Fahne für den Augenblick – immer die Hände frei und kein Problem mit dem Lagern. Als ich es dann noch mit einem Wettbewerb versuchte, wer die meisten Fahnen am Geruch erkennt – da stiegen meine Kunden allerdings aus. Aber wie gesagt – so eine Kundenbindungsaktion brauchte ich für die vier Wochen auch gar nicht. Mein Geschäft lief wie geschmiert, zumal ich jedem Kunden mit auf den Weg gab, lieber ein Glas mehr auf sein Wunschteam zu trinken. Eine kleine Enttäuschung hatte ich allerdings doch. Eigentlich hatte ich gehofft, dass Russland Fußball-Weltmeister wird. Dann hätte ich im Endspurt noch einmal kräftig zulegen können. Aber wie hat schon meine Mutter immer gesagt? Man soll mit dem zufrieden sein, was man hat.

Der Kugelfisch

09.06.2014

Eigentlich wollte ich nur wieder einmal im Mittelpunkt stehen. Mit einer verrückten Idee natürlich, sodass alle meine Bekannten nur achtungsvoll nicken und Mannomann, die Hermine mal wieder, sagen. Anlass sollte ein Essen mit Freunden sein, die alle der asiatischen Küche frönten. Als Motto hatte ich mir „Das letzte Abendmahl“ ausgedacht und versprach, Fugu, also Kugelfisch, zu servieren. Da Kugelfisch in Deutschland allerdings verboten ist, musste ich ein bisschen tricksen. Ich besorgte mir für viel Geld einen Eberfisch, einen Fisch also, der dem Kugelfisch sehr ähnlich sieht. Und sagte meinen Gästen, es handle sich um einen Tigerfugu, den König der Kugelfische - 30mal giftiger als Zyankali. Das kannst Du doch mit uns nicht machen, wir sind doch Deine Freunde, redete mein Besuch auf mich ein. Setzt Du das so leichtsinnig aufs Spiel? Quatsch erwiderte ich. Drei Jahre lang habe ich eine intensive Ausbildung bei einem japanischen Koch gemacht und schon zehn Mal leckeren Fugu unter seiner Kontrolle zubereitet, flunkerte ich. Außerdem würde ich von jeder Komponente als Erster vorkosten – und wenn ich nicht nach ein paar Sekunden unter dem Tisch läge, könnten alle anderen unbesorgt genießen. Natürlich lockte das Abenteuer des Nervenkitzels – und vor allem die Tatsache, hinterher jedermann von diesem einmaligen Erlebnis erzählen zu können. Kommt mit in die Küche und seht zu, wie ich das russische Roulette zubereite, sagte ich locker. Die giftigen Teile sind die inneren Organe und der Rogen, dozierte ich. Der darf nicht mit den Filets in Berührung kommen, denn dann passiert das, was nicht passieren darf. Meine Gäste schauten mir von da an akribisch auf die Finger und unterstellten mir ein paar Mal, die Filetstücke mit den giftigen Teilen berührt zu haben. Jedesmal warf ich dann ein Stückchen für die Katze auf den Fußboden, die vor Vergnügen schnurrte und keine Anzeichen von Lebensmüdigkeit zeigte. Und dann servierte ich das Mahl. Wie versprochen, machte ich den Vorkoster und überlebte jeden Gang. Allerdings merkte ich meinen Gästen beim Nachtisch ihre Anspannung an. Sie waren geschlaucht wie nach einem harten Arbeitstag oder einer wichtigen Prüfung. Aber sie hatten etwas erlebt, was sie in ihrem Leben wohl nie wieder erleben würden. Und das von und mit ihrer Freundin Hermine. Allerdings gab es speziell für mich noch einen kleinen Nachschlag in Form einer polizeilichen Vorladung wegen Verstoßes gegen das Gesetz. Zum Glück konnte ich glaubhaft darstellen, dass es sich nicht um einen Kugelfisch gehandelt hat. Schließlich war ich ja kein Profikoch und alle Beteiligten noch am Leben. Ich bin mir sicher, dass das ein Geheimnis zwischen der Polizei und mir bleibt.

Fernsehserie oder Hund

02.06.2014

Letztens war ich nach langer Zeit mal wieder zu einer Party eingeladen. Ich wusste gar nicht mehr, wie man sich da zurechtmacht, ob man etwas mitbringt, wen man dort trifft – und über was man sich so den ganzen Abend unterhält. Nicht, dass mir Smalltalk schwerfallen würde. Aber die Themen, die zu jeder Zeit die Runde machen, um in zu sein, sollte man schon kennen. Jedenfalls kam ich ahnungslos an, es waren bestimmt schon 40 bis 50 Leute hier, von denen ich nur die Gastgeberin kannte. Und die hatte natürlich keine Zeit für mich. Ich holte mir ein Glas Wein, stellte mich zur Seite und beobachtete erst einmal das Geschehen. Die Gäste standen in kleinen Grüppchen verteilt herum und unterhielten sich angeregt. Ich steuerte auf einen Vierertrupp mittelalterlicher Frauen zu, stellte mich dazu und hoffte auf ein Stichwort, bei dem ich ins Gespräch einsteigen konnte. Das kam aber nicht. Scheinbar war ich auf einen Fanclub der TV-Serie „Dexter“ gestoßen. Als ich passen musste, versuchte man mir den Inhalt schmackhaft zu machen. Es ginge nichts über diese Serie, bei der ein Forensiker mit dem Fachgebiet Blutspritzeranalyse als Nebenbeschäftigung nachts mit der Polizei von Miami durch die Stadt streift und als Serienkiller schuldige Verbrecher aus dem Verkehr zieht. Ich schlich mich weiter zur nächsten Gruppe und hoffte, hier mehr zur Unterhaltung beitragen zu können. Ich wurde zwar sofort ins Gespräch einbezogen, aber gleich mit der Frage, ob Daenerys Targaryen wohl wieder an die Macht gelangt. Davon gehe ich aus, sagte ich, aber man merkte mir schnell an, dass ich die Serie „Games of Thrones“ noch nie gesehen hatte. Eigentlich noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt. An diesem Abend war ich noch bei verschiedenen anderen Grüppchen. Aber weder meine natürliche Redseligkeit noch mein eigentlich gutes Allgemeinwissen brachten mich in ein Gespräch. Überall standen nur die Zuschauer der aktuellen Fernsehserien zusammen und tauschten sich dazu rege aus. Immerhin erfuhr ich so, dass „The Walking Dead“ nach einer Zombie-Apokalypse beginnt und der Polizist Rick Grimes mit Kollegen Shane eine Gruppe von Überlebenden anführt, die auf der Suche nach einem sicheren Unterschlupf und neuem Zuhause durch das Land reist. Oder von „Breaking Bad“, wo ein kranker Highschool-Chemielehrer selbst mit Zweitjob seine Familie kaum versorgen kann und beginnt, Drogen herzustellen, um seine schwangere Frau und seinen behinderten Sohn abzusichern. Auch wenn ich ahnungslos und stumm war, hat mir die Party Spaß gemacht. Allerdings stehe ich jetzt vor der Entscheidung, ob ich das öfters will. Dann muss ich mir unbedingt ein paar aktuelle Serien zulegen. Die Alternative dazu wäre ein Hund. Dann lerne ich bei jedem Gang neue Leute kennen – und um ein Thema ist man hier nie verlegen.