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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Gefreite Hanne von nebenan

26.05.2014

Eigentlich war Hanne ja ein nettes Mädel, ich kannte sie schon seit der dritten oder vierten Klasse, also seit der Zeit, als sie bei uns ins Haus zog. Die Schule war nie ihr Ding, wie man heute so sagt. Sie war eher da zu finden, wo gefeiert wurde oder sonst etwas los war. Die Hauptschule schaffte sie mit Ach und Krach und brach auch zwei Lehren schon nach kurzer Zeit ab. Das frühe Aufstehen und der lange Arbeitstag entsprachen nicht ihren Vorstellungen von Selbstverwirklichung. Irgendwann war sie dann auf einer Werbeveranstaltung der Bundeswehr. Die Argumente schienen zu greifen, denn hier reifte der Wunsch in ihr, das Abitur nachzuholen und Medizin zu studieren. Um dann mit der Karriere voll durchzustarten. Die Ministerin signalisierte ihr, dass Frauen im Heer alles werden können, auch oberster Boss. Aber erst einmal mussten die Mühen der Ebene bewältigt werden. Und die begannen gleich mit der Grundausbildung. Jeden Tag um 6 Uhr erbarmungslos aus dem Bett gepfiffen zu werden, eine halbe Stunde Frühsport machen und dann vor dem Frühstück – falls man das überhaupt als solches bezeichnen konnte – nicht einmal zehn Minuten Zeit zu haben, um sich dann für den Dienst schick zu machen, damit hatte sie überhaupt nicht gerechnet. Auch nicht mit der anschließenden Ausbildung. Wozu wohl muss sich eine erfolgreiche Ärztin Dreck ins Gesicht schmieren, damit sie der Feind nicht sieht? Welches Rezept gibt es gegen einen Fußmarsch über 20 Kilometer, gegen die Blasen an den Füßen, Kreuzschmerzen vom Marschgepäck und den Muskelkater? Dabei hatte man ihr doch gesagt: Wer mit Highheels über Pflaster hüpfen kann, hat kein Problem mit der Hindernisbahn der Bundeswehr. Wahrscheinlich war es dann doch nicht das richtige Pflaster, auf dem sie geübt hatte. Aber damit war der tägliche Drill noch nicht zu Ende – jeden Nachmittag gab es Unterricht, um das Abitur so schnell wie möglich nachzuholen. Ohne Abstriche das volle Programm an Wissen. Das alles hätte sie ja noch durchgestanden, sagt Hanne. Aber das Machogehabe ihrer männlichen Kollegen, diese ewigen Spötteleien bei allem was sie machte. Und so schaffte sie nicht einmal die sechswöchige Grundausbildung. Als ich ihr vor ein paar Tagen auf dem Flur begegnete, erzählte sie von einer neuen Ausbildung in einer Bar. Da müsse sie erst nachmittags da sein, toller Job also. Mit dem Bund das hätte sie sich eben ganz falsch vorgestellt. Unter die Soldaten wollte sie zwar gern, aber die täglichen Anforderungen waren eben für andere gemacht. Und Karriere – die kann man schließlich auf jedem Gebiet machen.

Unterwegs mit einem Ehepaar

19.05.2014

Wie hatte ich mich auf den Ausflug in die Sächsische Schweiz mit Ulli und Jutta gefreut! Mit den beiden im Auto würde es bequem, lustig und unabhängig von Bahn oder Bus sein. Mit diesem älteren Ehepaar hatte ich schon manche schöne Stunde verbracht, bei Busausflügen, Partys oder Spieleabenden. Immer war es fröhlich und locker. Also würde unser Ausflug auch ein Erlebnis werden. Allerdings war ich mit den beiden noch nie im Auto unterwegs – und da lag das Problem. Denn am Steuer eines Autos soll jeder sein wahres Gesicht zeigen, wie wohl schon Goethe gesagt haben soll. Dabei ging alles so wunderbar los. Bis wir auf die Autobahn kamen. Warum schleichst Du hier so rum, man kann hier 120 fahren, sagte Jutta. Muss ich aber nicht, erwiderte Ulli, ich fahr doch schon mehr als 110. Warum hast Du es denn so eilig? Ich möchte ja nur, dass wir heute noch ankommen, kam es zurück. Dann hättest Du Dich eben beim Anziehen und Einpacken ein bisschen mehr beeilen müssen. Aus Trotz nahm Ulli den Fuß vom Gas und fuhr nun nicht einmal mehr 100. Jetzt dachte ich, eingreifen zu müssen. Soll ich mal eine Stimmungs-CD raussuchen, sagte ich, dann kommen wir sicher so richtig in Ausflugsstimmung. Die Stimmung ist gut, tönte meine Freundin von vorn, wir müssten nur langsam aus den Puschen kommen, um noch etwas vom Tag zu haben. In 40 Minuten sind wir vor Ort, sagte Ulli, genau wie geplant, und dann haben wir noch einen ganzen Tag vor uns, den wir genießen können. So wie Du fährst, brauchen wir noch Stunden, krächzte Jutta gereizt. Wenn wir endlich ankommen, suchen wir bestimmt wieder ewig nach einem Parkplatz – und dann müssen wir schon wieder fast zurück. Ulli bekam einen hochroten Kopf, die Hauptschlagader schwoll an, dass sie zu platzen drohte, und sein Mund wurde schmal. Er trat das Gaspedal durch, der Wagen schoss nun mit über 200 Stundenkilometern über die Piste – und in diesem Augenblick blitzte es. Typisch, hörte ich es noch von vorn zischen. Total verärgert griff Ulli an den Steuerknüppel und schaltete. Dummerweise ohne zu kuppeln. Das Getriebe machte ein Geräusch, als ob eine Zentrifuge explodiert, Rauch stieg aus der Kühlerhaube und das Auto blieb stehen. Was die nächste Stunde abging – darüber schweige ich als Gentlewoman lieber. Zum Glück hielt ein Auto und nahm Jutta und mich wieder mit zurück nach Berlin. Ulli musste auf den Abschleppdienst warten – aber sicher war er froh, das alleine machen zu können. Was aber sagt uns das für künftige Unternehmungen? Fahr nie allein mit einem Ehepaar – nimm Dir immer einen Beistand mit!

Nur zu zweit aufs WC

12.05.2014

Manche Frage kommt so leicht daher, ist aber fast nicht zu beantworten. Nicht nur in der Wissenschaft, das gilt auch für ganz lapidare Alltagsthemen. So kommt zum Beispiel immer wieder die Frage auf, warum wir Frauen eigentlich immer zu zweit und nie allein auf die Toilette gehen. Komisch, dass sich darüber immer nur andere Gedanken machen. Mir kommt diese Frage nie in den Sinn. Nicht einmal, wenn ich zu zweit auf dem Weg zum WC bin. Aber was allgemein bewegt, ist es schon wert, auch einmal näher beleuchtet zu werden. Also prüfte ich alle gängigen Theorien. Dass es ein alter Urinstinkt ist, ein Schutzmechanismus, der früher dem Überleben diente, wenn man sagte: Geh niemals allein vor die Höhle - das glaube ich nicht. Dann würden sich Männer genauso verhalten. Ein Ort für vertrauliche Gespräche. Zuhause sind wir Frauen in der Küche unter uns, aber unterwegs? Da ist es die Toilette, wo man sich über Dinge auszutauschen kann, die für Männerohren nicht bestimmt sind. Von der sitzenden Frisur über den Ex bis zur Schwangerschaft der unverheirateten Freundin. Eine dritte Theorie sagt, man wolle damit nur Konkurrenz ausschalten. Ginge man allein, würde das Gespräch am Tisch ja weiterlaufen und man könnte eine Menge wichtiger Dinge verpassen. So nimmt man die größte Schwatzbacke mit und verliert so nicht den Gesprächsfaden. Ein anderer Ansatz lautet, im Doppelpack schütze man sich besser vor Übergriffen. Gerade in Diskotheken und Clubs stehen im Gang vor der Toilette immer besonders viele Menschen. Das kann zum einen bedeuten, dass diese anstehen, aber natürlich ist der ruhige Gang auch ein guter Ort zur Kontaktaufnahme. Und genau deswegen glaube ich, dass dieser Gedanke auch nicht stimmt. Denn nicht wenige sind hier auf ein Abenteuer aus und würden diese erhöhte Chance, angeprochen zu werden, keinesfalls vergeben. Meine letzter Theorieansatz ist der der dritten Hand. Neben dem normalen Toilettengang werden Frisuren gerichtet, Haare gefönt, sich nachgeschminkt, Flecken aus der Kleidung gewaschen, Fingernägel manikürt, Laufmaschen repariert und die Kleidung gerichtet. Eine weitere Frau ist dabei eine unschätzbare Hilfe. Und auf das Urteil der Freundin können wir uns obendrein noch verlassen. Außerdem ist es nicht schlecht, wenn jemand unsere Handtasche oder unsere Jacke halten kann, damit wir freie Hand haben. Nun ja, es gibt eben viele Theorien – da ist sicher für jeden eine dabei. Aber vielleicht sollte ich Herbert einmal fragen, ob er gemeinsam mit mir zur Toilette geht. Dann hätten wir schlagartig ein anderes aktuelles Thema.

Sie werden platziert

05.05.2014

Endlich hatte ich eine nette Gaststätte gefunden, gleich bei uns um die Ecke. Das heißt, ich hatte davon gehört und schaute mir mit meiner Freundin Evi alles erst einmal im Internet an. Sah gemütlich aus und die Speisekarte war genauso, wie wir sie uns wünschten. Also nichts wie hin und alles einmal testen! Wir waren schon vorher überzeugt – das kann unsere Lieblingsgaststätte werden. Als wir kamen, waren fast alle Tische leer. Das heißt, nicht ganz. Fast überall standen Reserviertschilder und am Eingang empfing uns ein großer Aufsteller mit dem netten Spruch „Sie werden platziert“. Nanu, das kannten wir doch? Waren wir etwa aus Versehen in eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit geraten? Nach einer gefühlten Ewigkeit kam auch ein Kellner und brachte uns zu einem Tischchen in einer dunklen Ecke. Unseren Wunsch nach einem Fensterplatz tat er achselzuckend ab und sagte lapidar, alles reserviert heute. Na ja, sagten wir uns – es soll ja ein gemütlicher Tag werden, verschieben wir also das mit dem Ärgern. Obwohl wir hier zwei Stunden verbrachten, wurde nicht einer der Fensterplätze besetzt. Wer weiß, vielleicht erwarten sie eine geschlossene Gesellschaft und haben uns großzügig noch dazwischengeschoben, versuchten wir uns einzureden. Aber auch unsere Nachbarn erzählten dasselbe: keine Gäste, die besten Tische reserviert, langsame, maulige Kellner. Und das sollte langfristig unsere Lieblingsgaststätte werden? Zum Glück hatte ich auch diesmal wieder eine gute Idee: Ich meldete unter verschiedenen Firmennamen große Veranstaltungen mit üppigen Buffetwünschen an. Die Termine gut verteilt über zwei Wochen und immer mit dem Versprechen auf große Umsätze bei Speisen und Getränken sowie einem üppigen Trinkgeld. Sie werden es nicht glauben – aber unsere Gaststätte schloss an allen diesen Tagen mit dem Hinweis auf eine „Geschlossene Veranstaltung“ komplett. Nur dumm, dass an keinem dieser Tage auch nur ein angemeldeter Gast, geschweige denn eine ganze Belegschaft, erschien. Nach dem zweiten Mal kam es dem Gaststätteninhaber sicher schon sehr merkwürdig vor – aber wie man weiß, stirbt die Hoffnung zuletzt. Bei unserem nächsten Test – etwa eine Woche nach den fiktiven Terminen – war alles wie verwandelt. Ein neuer Kellner erwartete uns an der Tür, fragte nach unserem Tischwunsch und brachte erst einmal einen Espresso auf Kosten des Hauses. Das Essen war köstlich und zwischendurch gab es sogar noch einen kleinen Gruß aus der Küche. Wir waren begeistert, nun schien es ja doch noch etwas zu werden mit unserem Lieblingslokal. Wir erzählten erst einmal vorsorglich allen Nachbarn von unserem lukullischen Erlebnis und empfahlen das Lokal wärmstens weiter. Denn nur eine gut besuchte Gaststätte würde uns auf Dauer Freude machen. Aber unser kleiner Coup hat doch mal wieder gezeigt: Manchmal muss man dem Glück schon ein bisschen nachhelfen, um seine Wünsche verwirklichen zu können.