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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Der Arzt im Haus bin ich

31.03.2014

Habe ich doch letztens erst gelesen, dass eine der häufigsten Ursachen, vorzeitig abzuleben, die falsche Behandlung durch den Arzt ist. Und das, obwohl die Branche angeblich gut ausgebildet und noch besser bezahlt ist. Das übliche Gejammer lassen wir dabei mal weg, das macht auch jeder Händler so und verabschiedet sich gleich danach in den vierwöchigen Jamaikaurlaub. Da gibt es doch sicher auch was für dich zu holen, Hermine, dachte ich mir. Medizinische Kenntnisse hast du ja reichlich. Allein schon durch meine täglichen Gespräche im Treppenhaus, wenn wir in nachbarschaftlicher Verbundenheit den letzten Arztbesuch auswerten oder uns über den Gesundheitszustand der Nachbarn auslassen. Also eröffnete ich kurzentschlossen „Hermines Nachmittags-Sprechstunde. Die ultimative Schnell-Diagnose“. Darunter setzte ich noch „Nach einer Spezialmethode von Schwester Hermine“. Das war nicht ganz gelogen, denn schließlich habe ich ja wirklich einen Bruder. Und siehe da, es dauerte nicht lange und die ersten Nachbarn wollten sich von mir beraten lassen. Da ich von der heilsamen Wirkung von Placebos gehört hatte, setzte ich voll auf deren Wirkung. Denn Schaden am Körper oder an der Seele der Nachbarn wollte ich unter keinen Umständen anrichten. Also verabreichte ich normale weiße Lutschbonbons, liebevoll verpackt in Pillenschachteln. Wie erwartet, zeigte das auch gleich in etlichen Fällen den erhofften Erfolg. Herr Stürmer wurde sein Seitenstechen los, Frau Mumps konnte wieder Treppen steigen und Frau Müller hatte keine Einschlafprobleme mehr. Das sprach sich rum und ich musste meine Sprechstunde erweitern. Geld nahm ich natürlich keins – aber ich wurde mit Geschenken überhäuft und oft zum Essen eingeladen. So oder so – auf jeden Fall konnte ich nun die Hälfte meiner mir zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel einsparen und war langfristig auf dem Weg zu einer reichen Frau. Mein Plan war also aufgegangen. Bis dann eines Tages gleich zwei meiner Patienten mit Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Gegen Blinddarmdurchbruch und Gallensteine hatten meine Pillen nichts ausrichten können. Zum Glück bekamen die beiden noch rechtzeitig Hilfe und es geht ihnen wieder richtig gut. Und zu meinem Glück unternehmen die beiden nichts gegen mich, sagten, sie seien ja selbst schuld, nicht gleich zu einem richtigen Arzt gegangen zu sein. Froh wie ich war, habe ich mir auch gleich geschworen: Künftig werde ich mein umfangreiches medizinisches Wissen für mich behalten und nicht mehr der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.

Auf Schritt und Tritt

24.03.2014

Eigentlich hatte alles nur mit meinem Wunsch nach Selbstkontrolle begonnen. Da ich den ganzen Tag auf den Beinen bin, wollte ich einfach nur wissen, wie viel Kilometer da von frühs bis abends zusammenkommen. Also kaufte ich mir einen Schrittzähler und war erstaunt, dass ich am Tag doch so sieben bis zehn Kilometer zurücklege. Ganz stolz, nicht zu den oft zitierten Bewegungsmuffeln zu gehören, erzählte ich auch meiner Freundin und Nachbarin Edith davon. Doch das hätte ich mal lieber bleiben lassen sollen! Denn Edtih kam gleich auf die Idee, dass wir einen Wettbewerb starten und der Verlierer des Monats unsere monatliche Kaffeerunde bezahlt. Ich sagte JA und lief von nun an wie der Teufel – aber Monat für Monat war ich diejenige, die die Rechnung übernehmen musste. Natürlich blieb es auch nicht bei unserem Zweier-Wettbewerb. Wer Edith kennt, weiß, dass sie nicht zu den Schweigsamsten im Haus gehört. Und so dauerte es auch nicht lange, bis wir eine Gruppe von rund zehn Leuten waren, die nun um die meisten Schritte konkurrierten. Ich verlor zwar nicht immer, aber auf die vorderen Plätze kam ich nie. Ich wurde erst hellhörig, als der kleine Max aus der dritten Klasse – ich war gerade auf ein Käffchen bei Edith – hereinkam und nach dem Schrittzähler fragte. Er wollte für zwei Stunden auf den Fußballplatz und da kämen doch einige Kilometer zusammen. Empört stellte ich Edith zur Rede – und schuldbewusst lud sie mich zu einem teuren Essen bei einem Sternekoch ein. Wie wir kurz darauf erfuhren, wurde sie bei ihren Schummeleien von Herrn Faulhuber allerdings noch haushoch übertroffen. Herr Faulhuber lag die ganze Zeit auf Platz 1 – obwohl wir im Haus schon lange eine festgefügte Meinung von ihm hatten: Name bürgt für Qualität – und so wussten wir alle, dass er keinen Finger - geschweige denn einen Fuß - unnötig krumm machte. Wie kam er nun auf den ersten Platz? - Er hatte den Schrittzähler auf das Schrittmaß seiner dreijährigen Enkelin eingestellt – und so war bei ihm ein Kilometer nur 170 Meter lang. Aber selbst diese kurzen Strecken ließ er seine Frau laufen, der er den Schrittzähler früh auf dem Weg zur Arbeit in die Jackentasche steckte. Für mich steht jetzt jedenfalls fest: Das Beste ist es doch, ein Einzelkämpfer zu sein.

Nicht zur Nachahmung empfohlen

17.03.2014

Es erschüttert mich jedes Mal tief, wenn ich von zunehmender Kriminalität in unserer Stadt lese oder höre. Aber das war wie ein Paukenschlag, als ich von der großen kriminellen Energie einer guten Freundin aus Pankow erfuhr. Ihr Nachbar, der alte Herr Schunau, malte Bilder und hatte schon seine ganze Wohnung damit zugehängt. Meine Freundin Susi kam eines Tages auf die Idee, sich hier mit günstigen Weihnachtsgeschenken einzudecken. Eins der Gemälde schenkte sie ihrem Schwager Helmut, einem echten Kunstkenner. Der sagte gleich „Mensch Susi, das ist doch ein echter Max Ernst, was Du für Geschenke machst!“ Er ging mit dem Bild von Herrn Schunau zu einem Experten, ließ sich die Echtheit und den Wert von 30.000 Euro bestätigen. Das brachte Susi auf eine vermeintlich gute Geschäftsidee. Als Erstes hörte sie sich ein bisschen auf dem Kunstmarkt um. Bis dahin glaubte sie ja noch, dass ein 2-Millionen-Bild zwei Millionen wert sei. Als sie dann jedoch mitbekam, dass ein Rembrandt, falls er nicht von ihm selbst, sondern von einem Schüler gemalt worden wäre, plötzlich statt fünf Millionen nur noch für 20.000 Euro gehandelt wird, stieg ihr Interesse. Mit Herrn Schunau vereinbarte sie, groß in den Bilderhandel einzusteigen. Sie legte sich einen fiktiven Uronkel zu, der in den 20er Jahren in Ostpreußen gelebt haben sollte. Aus einer angeblich vererbten Sammlung zauberte sie dann immer mal wieder ein begehrtes Gemälde hervor, das Herr Schunau gerade fertiggestellt hatte. Es passierte also genau das, was sich niemand vorstellen kann – Galeristen, Experten, Auktionäre, sie alle fielen auf den Schwindel herein. Oder wollten nichts bemerken, schließlich verdienten sie ja alle kräftig mit. Innerhalb von zwei Jahren brachten die beiden nun zahlreiche Meister der Moderne, wie Max Pechstein, Heinrich Campendonk, Max Ernst, Fernand Léger oder André Derain, unter die Fach?leute. Sie verdienten das große Geld, wollten aber wegen der vielen Neider in ihrem Umfeld bescheiden bleiben. Das klappte ja auch gut – selbst ich habe nichts geahnt. Dann aber machte Herr Schunau einen großen Fehler, er unterschrieb einen Monet mit dem Namen Richter. Sie flogen auf und das ganze Geld war futsch. Man sollte also doch nicht allzu sparsam sein. Herr Schunau malt jetzt im Gefängnis. Da hat er sich auf van Gogh, Matisse und Picasso spezialisiert. Seine Bilder sind wieder gefragt und er verkauft zu einem guten Preis. Er darf sich nur nicht dazu hinreißen lassen, mit falschem Künstlernamen zu signieren. Nun hofft er, doch noch einmal einen Millionendeal zu machen. Dumme mit zu viel Geld gibt es genug unter den Sammlern, sagt er immer. Und meine Freundin Susi? Sie hat noch eine Klage wegen Hehlerei an der Backe – aber sie hat dem Richter schon einen Edvard Munch versprochen und daher große Hoffnung, ihr letztes Problem recht schnell lösen zu können.

Der Klingelstreich

10.03.2014

Ich dachte gleich: Das waren doch wieder bestimmt Kevin und Justin, die beiden Rabauken aus dem Haus. Denn seit zwei Wochen klingelte es jeden Tag Sturm, als ich mich gerade für ein Mittagsschläfchen hingelegt hatte. Und noch einmal abends, wenn ich es mir gerade vor dem Fernseher gemütlich machte. Ich dachte an unsere Klingelstreiche und wie man den Übeltäter wohl am besten dingfest machen könnte. Ein paarmal war es mir schon gelungen, einen Blick auf die Klingelanlage zu erhaschen, als es gerade klingelte. Aber es stand in diesem Moment niemand unten. Was war denn das für ein Trick? Den kannte nicht einmal ich! Aber wartet nur, ihr Bösewichte, sagte ich mir. Euch kriege ich! Wäre doch gelacht, wenn ich nicht pfiffiger bin als ihr. Schließlich war ich früher ein schulbekannter Streichemacher. Meine erste Idee war die Direktbeobachtung. Ich ging mittags in unser kleines Straßencafe und suchte mir dort einen Fensterplatz, von dem aus ich unseren Hauseingang voll im Blick hatte. Meinen Korridor hörte ich von hier aus mit einem Babyphone ab. Pünktlich wie jeden Tag hörte ich das Klingeln in meiner Wohnung. Dreimal eine Minute Dauerton. Aber vor meiner Haustür war nichts zu sehen. Kein Mensch. Sollte gerade heute jemand direkt an der Wohnungstür geklingelt haben? Und dann wieder so lange? Mir wurde klar, dass ich den Fall nicht vom Café aus lösen konnte. Nun musste auf Stufe 2 hochgeschaltet werden – auf den Einsatz moderner Technik. Heimlich montierte ich zwei kleine Kameras, mit denen ich meine Wohnungs- und die Hauseingangstür gleichzeitig beobachten konnte. Pünktlich, wie gewohnt, klingelte es frühs und abends Sturm bei mir, aber niemand war zu sehen. Ich war schon fast soweit, an unsichtbare Geister zu glauben. Doch schon eine knappe Woche später kam die Auflösung – ausgelöst durch einen Stromausfall im Haus. Ich muss sagen, es war mir fast peinlich, dass ich als Erstes Kevin und Justin in Verdacht hatte. Denn der Übeltäter war der tageslichtscheue Herr Ortlepp, ein introvertierter Bastlertyp aus dem Erdgeschoss. Er hatte seine Spielzeugeisenbahn maximal aufgerüstet und ließ die Bahnen rund um die Uhr fahren. Die Zeiten, wenn es bei mir klingelte, hatte er auf Fahrplanwechsel programmiert – ausgelöst durch ein Funksignal. Und das löste bei mir das Klingeln aus. Die Erklärung des Elektrikers dazu war, so ist das eben. Na gut! Aber was lernt man aus so einer Geschichte? Man sollte zur Abwechslung vielleicht einmal die Unscheinbaren verdächtigen, wenn etwas passiert.

Die Fahrstuhl-Reparatur

03.03.2014

Ein nagelneuer Fahrstuhl – das hörte sich erst einmal gut an. Aber der zweite Teil der Mitteilung klang schon ganz anders. Denn der Einbau bedeutete für alle Mieter unseres Aufgangs, drei Wochen zu Fuß zu laufen. Bei mir war das ja nicht so schlimm, ich wohne in der zweiten Etage. Aber wer für so lange Zeit in den 11. oder 12. Stock hoch muss, ich weiß ja nicht! Jedenfalls sprach mich Pauline aus der 10. an und fragte, ob sie während dieser Zeit nicht bei mir einziehen könne. Sie würde auch alles dafür tun, dass ich mich während dieser Zeit so wohl wie noch nie fühlen würde. Also volles Service- und Wohlfühlprogramm. Nun ist Pauline zwar 20 Jahre jünger als ich, wirkt aber 30 Jahre älter. Auf diesen ersten Eindruck hätte ich mich lieber mal verlassen und ihrerm Wunsch nicht zustimmen sollen. Denn gleich am zweiten Tag ging es los mit dem Ärger. Sie wollte gern ihre – also meine – Couch gegen mein großes Bett tauschen, weil sie und ihr Colly da mehr Platz hätten. Nun gut sagte ich, schließlich habe ich damals lange gesucht, ehe ich diese bequeme Couch gefunden hatte. Am vierten Tag holte sie meinen Fernseher in „ihr“ Schlafzimmer, da sie nachts nicht mehr schlafen konnte und mich nicht stören wollte. Auch diesmal gab ich nach, obwohl es in mir schon gewaltig rumorte. Ein paar Tage später, ich wollte gerade meine Einkäufe in den Kühlschrank packen – da war dieser weg! Ich dachte, ich spinne, sah im Bad, im Flur und auf dem Balkon nach – nichts. Ich klopfte bei Pauline – und wo stand mein Kühlschrank? Direkt neben ihrem Bett. Ich schrie sie an, was das solle und so hätte ich mir das Wohlfühlprogramm nicht vorgestellt. Sie fing an zu weinen und sagte, dass sie seit Jahren ein Magenproblem hätte und daher nachts immer etwas essen müsse. Sie hätte es nur aus Rücksicht auf mich getan, weil ich doch so eine einzigartig nette und gute Nachbarin wäre. Na ja, ich ließ mich noch einmal beschwatzen. Aber zwei Tage später platzte mir dann doch der Kragen. Pauline steckte mir einen Einkaufszettel zu und sagte zu mir, diesen Gefallen könne ich ihr ruhig einmal tun, denn durch den vielen Stress sei sie momentan nicht gut zu Fuß. Eine halbe Stunde später stand sie mit ihrem inzwischen zu einem größeren Berg angewachsenen Hausrat auf dem Flur. Wie ich gehört habe, soll sie die letzten zehn Tage, bevor der Fahrstuhl wieder fuhr, in einem Hostel zugebracht haben. Na ja – seither weiß ich auch, dass nicht nur das Wohlbefinden allgemein, sondern auch gut funktionierende Nachbarschaften von funktionierenden Fahrstühlen abhängen.