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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Das Weihnachts-Menü

Dezember 2014

Bisher hatten wir uns Weihnachten immer gegenseitig eingeladen. So war jeder aus der Familie einmal alle fünf Jahre an der Reihe, die gesamte Verwandtschaft zu bewirten. Die anderen reisten dann mit Sack und Pack an. Als wir uns in diesem Sommer alle trafen, meinte meine Schwägerin: Lasst uns doch Weihnachten einmal gemeinsam verreisen, zum Beispiel in eine schöne Berghütte in den Alpen. Dort kochen wir natürlich selbst – jeder von uns kennt doch so tolle Weihnachtsrezepte. Wir losen aus, wer für die Verpflegung zuständig ist. Oder noch besser, wir machen eine Liste mit allen Argumenten für und gegen das jeweilige Gericht. Wer die meisten Punkte bekommt, kocht. Nun kam es für jeden von uns also nur noch darauf an, so zu argumentieren, dass ein anderer die schwere Arbeit des Rund-um-die-Uhr-die-anderen-Bekochens übernehmen musste. Deine Klöße mit Rouladen sind immer der Renner, sagte mein Schwager Fränkie und seine Frau Katrin nickte ihm erleichtert zu. Aber Huberts gespickter Rehbraten mit Preiselbeeren war doch der Hit überhaupt, alle wollten gleich das Rezept zum Nachkochen haben, argumentierte ich dagegen. Da schaltete sich aber gleich Eva, seine plantonische Langzeitfreundin, ins Gespräch ein. Wir sollten Hubert dieses Jahr ein bisschen entspannen lassen, er hat viel um die Ohren und wird beim Kochen derzeit immer so schnell depressiv. Ich plädiere für Armin mit seiner Entenbrust in Rotweinsauce. Außerdem bringt er ja auch immer die passenden Rotweine von seinem Italienurlaub mit, wenn er Weihnachten dran ist. Aber dieses Jahr schien es, dass Armin seinen Wein wohl lieber allein trinken wollte. Mit Ente in allen Varianten habe ich mich dieses Jahr beim Chinesen dermaßen übergegessen - mir wäre zum Fest mal nach was ganz anderem, meinte er. Die Ute mit ihrer Pute, das wäre doch eine runde Sache. Und da bleibt immer noch was zum Naschen davon übrig. Gute Idee, meinte Thomas, ihr Mann. Bekam aber so einen Blick zugeworfen, dass er umgehend umschwenkte und sagte, Katrins ummanteltes Perlhuhn „Gluckchen on the rocks“ an blauem Trüffelpüree und Chilibirnen wäre doch in keiner Hinsicht zu toppen. Dann schwiegen wir alle, jeder sinnierte vor sich hin und wir gingen wieder zum Alltag über. Ein halbes Jahr später trafen wir uns alle wie verabredet zum langen Weihnachtswochenende in einer Berghütte im Allgäu. Dort stellten wir fest, dass keiner die Zutaten für das Essen mitgebracht hatte. Jeder dachte, sein Vorschlag im Sommer wäre der überzeugende gewesen. So standen wir nun mit nichts da. Getränke konnten wir noch ausreichend besorgen, unsere Wunschessen zu kochen, mussten wir jedoch abhaken. Am ersten Tag ließen wir uns Pizza liefern, am zweiten etwas aus der Asiaküche und am dritten Tag gingen wir in den Dorfkrug. Bis auf das Essen war es ein tolles Erlebnis. Ab nächstem Jahr kochen wir dann wieder rundum. Da weiß dann jeder, was er zu tun hat. Das Essen wird also gut und das Fest wieder langweilig sein.