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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

O´zapft war oder ein maßvolles Wochenende

17.11.2014

Von der Wiesn hatten wir schon so viel gehört – nun beschlossen wir Damen unseres Rommévereins, immerhin 24 an der Zahl, auch einmal dort aufzuschlagen und die Sau rauszulassen. Warum sollten immer nur die Männer ihren Spaß haben? Als Erstes stürmten wir in einen Trachtenladen und feilschten einen Preisnachlass für unseren Großeinkauf heraus, auf den selbst meine schwäbische Großtante stolz gewesen wäre. Der einzige Nachteil war, dass wir nun alle gleich aussahen. Aber seit wann stört es denn eine Frau, wenn eine andere das gleiche trägt? Gut ausgestattet und bestens gelaunt stiegen wir in unseren Zug nach München und brachten die Stimmung in unserem Abteil schnell zum Kochen. Der herbeieilende Schaffner war leider eher von der humorlosen Sorte. Statt mitzuschunkeln, wollte er uns schon hinter Erfurt an die frische Luft setzen. Gut, sagten wir, heben wir unsere Stimmung eben für die Wiesn auf. Als wir dort in unserem Zelt eintrafen, war das Spektakel schon voll im Gange. Wir setzten uns zu einem einheimischen Schützenverein, der bestimmt schon bei der zehnten Runde Bier angelangt war. Nach der üblichen Frotzelei zwischen Saupreußen und Läusebayern luden sie zum Biertrinken ein. Trotz ihres gewaltigen Vorsprungs gingen jedoch wir Frauen nach der dritten oder vierten Maß in die Knie. Bruchstückhaft versuchten wir hinterher im Zug zusammenzutragen, was an diesem Abend passiert war. Oder besser, an was wir uns erinnern konnten. Luzie fehlten Portemonnaie und linker Schuh, als sie nachts um vier in einer Blumenrabatte am Hauptbahnhof erwachte. Brunhilde wurde in einem Ohrensessel einer Hotellobby mit zwei leeren Whiskyflaschen vor sich geweckt und wusste nicht, ob sie diese allein oder in Gesellschaft ausgetrunken hatte. Martina schlug die Augen in einer Turnhalle auf – hatte gewaltige Kopfschmerzen und eine Schleife am Bein mit dem Aufdruck „Für den schönen Abend danken alle 24 Kegelbrüder des KV Schwabing“. Wo ich meinen Rock verloren hatte – daran konnte ich mich jedenfalls erinnern. Als der Kellner abkassieren wollte, stritt ich mit ihm und sagte, ich hätte längst bezahlt und zweimal bezahlen käme wohl nicht in Frage. Als ich davonrannte, bekam er meinen Rock zu fassen und ich ließ ihn dann einfach als Faustpfand zurück. Am besten von uns allen ging es Magda, der war es um zehn vom Bier schon so schlecht, dass sie ins Hotel zurückfuhr und bis zum späten Vormittag ihren Rausch ausschlief. Als wir zu Hause von Freunden und Bekannten gefragt wurden, wie es war, hielten wir uns bedeckt. Die Wiesn ist einfach überbewertet, sagten wir. Nächstes Jahr machen wir lieber etwas Aufregenderes, zum Beispiel ein Angelwochenende in Mecklenburg.

Erhaltet die Kneipenkultur!

November 2014

Früher bin ich ja gern mal in eine Kneipe gegangen. Zu jener Zeit, als Berliner Eckkneipen noch das hielten, was sie versprachen. Hier trafen sich vorwiegend Arbeiter nach getaner Schicht, um bei einem Bierchen oder neun oder zehn von der Arbeit abzuschalten und sich über Gott und die Welt zu unterhalten. Das war der Ort, an dem die große Politik gemacht wurde, die dann als Stammtischpolitik ihren Namen bekam und ein Gradmesser der Zufriedenheit des Volkes war. Die meisten hier waren Stammgäste und die Kneipe ihr zweites Zuhause. Für manch einen war sie sogar der komplette Ersatz für die Familie. Inzwischen geht es den Eckkneipen schlecht, viele haben geschlossen. Sogar eine Initiative wurde ausgerufen, um dieses Stückchen Kiezkultur zu retten. Aber wer weiß, ob das alles hilft – denn das Rauchverbot ist einer der schlimmsten Feinde dieser Gastronomieform. Denn Qualm war einst eines der Kennzeichen einer Kneipe. Hinter der Tür dichter Zigarettenrauch, man konnte nur ahnen, wo der Gastwirt seinen Tresen hatte. Wenn sich die Augen an den Nebel gewöhnt hatten, gab es stets das gleiche Bild: Immer dieselben Gäste, immer am gleichen Platz, immer das gleiche Gedeck vor sich - eine Molle und ein Korn – und immer einen Glimmstengel im Mundwinkel. Es war, als hätte hier jemand die Zeit angehalten, hier war ein Hort an Beständigkeit und Verlässlichkeit. Aber vielleicht ist auf diese Weise die gute alte Kneipe auch aus der Zeit gefallen und damit unweigerlich dem Niedergang geweiht? Denn wohin zieht es denn die jungen Leute heute? Ins Erlebnisrestaurant, ins Gartenlokal, in die Strandbar, ins Musik-Café, in die Patisserie oder gar in die Kochschule. Natürlich sind das alles Nichtrauchereinrichtungen – die Süchtigen stehen dann im Pulk davor und pusten den Passanten den Rauch ins Gesicht. Allerdings sollen jetzt langsam die Studenten die Kneipe für sich entdecken. Aber nicht, um die alte Kneipen-Tradition fortzusetzen. Sie wollen auf diese Weise auch einmal Arbeitern und bildungsferneren Schichten nahekommen, aber eher so auf der Ebene eines Zoobesuchers, also nur als Beobachter eines Milieus, mit dem man sonst nicht in Berührung käme. Aber wer weiß - vielleicht beschleunigen sie damit sogar noch das Sterben der Kiezkneipe. Denn irgendwann wird so ein Rummel selbst dem treuesten Stammgast zu viel und er trinkt dann sein Bier lieber zu Hause. Und lädt sich seine Kumpels auf den Balkon ein. Ist eh viel billiger – und ich mache das schon so seit vielen Jahren.