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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Hermines Nachhilfe

20.10.2014

Mit Handwerkern verschiedener Gewerke bin ich schon seit vielen Jahren befreundet. So kam es auch, dass mich eines Tages einige dieser Handwerker baten, bei Einstellungsgesprächen von Azubis als unparteiischer Zuschauer teilzunehmen. Denn es wird immer schwieriger, jemanden zu finden, der geeignet ist. Und das, obwohl es nicht an der Anzahl von Bewerbern mangelt, sagten sie alle. Und mit einem frischen Blick von außen sieht man ja vielleicht doch, was in dem einen oder anderen so steckt. Als erstes war ich bei einem Tischler zu Gast. Von den drei für diesen Tag eingeladenen Bewerbern kamen zwei gar nicht – sagten ihren Termin aber auch nicht ab. Der dritte Bewerber kam über eine halbe Stunde verspätet und hielt es nicht für nötig, sich zu entschuldigen. Als er ausrechnen sollte, wie groß die Fläche eines Tisches mit den Seitenlängen von einem und zwei Metern sei, kam er auf 8,4 Kubikmeter. Das Gespräch und die Lehrstelle waren damit natürlich erledigt. Was ich dann bei einer Freundin in deren Reisebüro erlebte, war auch nicht besser. Eine Bewerberin antwortete auf alle Fragen nur kurz und schnippisch. Bei einer Testaufgabe, sie sollte ausrechnen, wenn von 80 Flaschen Reinigungsmitteln 20 Flaschen leer seien, wie viel Prozent volle Flaschen es dann noch gibt, sagte sie: Ich will doch Reisekaufmann und nicht Putze werden! Okay, sagte die Chefin der Agentur und stellte eine leicht abgewandelte Aufgabe zum Thema Prospektmaterial. Würdest Du so einen Bewerber einstellen, Hermine, fragte sie mich hinterher. Wenn ich niemanden finde, der dann auch verspricht, einen guten Job zu machen, erledige ich die ganze Arbeit doch lieber selbst. Das spart sowohl Zeit als auch Geld. Obwohl die Absagen für alle Bewerber, die ich gesehen hatte, hundertprozentig richtig waren, taten mir die jungen Leute doch ein bisschen leid und ich wollte ihnen helfen. So machte ich also den Anlaufpunkt „Hermines Nachhilfe – der Ratgeber nach der ersten Ablehnung“ auf. Und siehe da, sie kamen auch zu mir. Ein bisschen geknickt, weil sie glaubten, man würde ihnen ihre Lehrstelle hinterherwerfen. Nun musste ich also in einem Crashkurs alles das vermitteln, was Schule und Elternhaus versäumt hatten. Als erstes führte ich ein, dass für jede Minute Zuspätkommen ein Euro gezahlt werden musste. Unbegründete Verspätungen gab es seitdem keine mehr. Zweitens musste mir jeder Teilnehmer für den Ausbildungsbetrieb, den er als nächsten ausgewählt hatte, ein Firmenprofil erstellen. Es war bei allen das erste Mal, dass sie sich mit einem möglichen Arbeitgeber beschäftigten. Und dann gab es noch den unvermeidlichen Benimmkurs, hier krachte es oft – aber wer durchkam, war gut vorbereitet. Mehr konnte und wollte ich nicht tun, fehlende Allgemeinbildung konnte ich nicht auch noch vermitteln. Jedenfalls hatten meine Schützlinge bei ihrem zweiten Versuch eine hohe Trefferquote. Selbst wenn es dann einmal nicht mit der Lehrstelle klappte – sie hinterließen stets einen guten Eindruck bezüglich Pünktlichkeit und Höflichkeit.

Wer kennt denn heute noch das Maß?

Oktober 2014

Neulich stand ich an einem Fleischwarenstand an, die Frau vor mir verlangte zwei Pfund Hackepeter. Das heißt jetzt aber Kilo, sagte die Verkäuferin. „Ach so?“, sagte die Frau ganz erstaunt, „dann nehme ich eben zwei Pfund Kilo.“ Aber mal ehrlich - wer kennt sich denn heute wirklich noch mit Maßeinheiten aus? Allein wenn ich Maß sage, denkt doch fast jeder sofort an eine kühle Blonde in der großen Münchener Abpackgröße. Aber für manche Alltagserscheinungen scheint es nicht nur keine Maßeinheiten zu geben, sondern auch keine Maßstäbe. Damit meine ich zum Beispiel Höflichkeit, Freundlichkeit oder Hilfsbereitschaft ohne Gegenleistung. Denn das sind Dinge, da könnte man wirklich einmal übertreiben und sich der Völlerei hingeben. Aber vielleicht hat das auch damit zu tun, dass man uns überall da Maßhalten und Verzicht predigt, wo das Leben eigentlich richtig Spaß macht. Statt der Zigarette gibt es den Kaugummi oder das Pflaster. In einer Bar zu rauchen, kommt inzwischen dem Versuch gleich, die anderen Gäste um Prügel zu bitten. Bier und Wein ohne Alkohol sollen angeblich richtig gut schmecken und dazu lebensverlängernd sein. Schlagsahne und Käse gibt es ohne Fett und mein geliebtes T-Bone-Steak soll ich nach dem Willen einer immer größer werdenden Bewegung am besten gegen Fallobst eintauschen. Und dann soll man noch fröhlich durchs Leben gehen und sich uneigennützig für andere einsetzen? Gehört dazu nicht auch ein Mensch, der im Alltag seinen Genuss sucht und auch findet? Dazu gehört eben auch, scheinbar unvernünftig sein zu dürfen. Einmal einen über den Durst trinken, sich mit dem Lieblingsessen fast bis zum Platzen vollstopfen oder drei Tage lang Skat in einer Räucherhöhle durchspielen. Also auch einmal Kopfschmerzen riskieren oder sogar einen höheren Cholesterinwert. Bewusst ab und zu einmal unvernünftig sein, Spaß haben und damit gute Laune, die auf andere abfärbt. Denn das macht doch wohl ein gutes Leben aus und nicht das asketische Dasein nach strengsten gesundheitlichen Aspekten, die uns nur mürrisch durch den Tag gehen lassen und auch den anderen die Laune verderben. Also hilft wirklich nur eins: Lasst uns alle ab und zu einmal über die Stränge schlagen und sündigen! Wie bin ich jetzt bloß auf dieses Thema gekommen? Wahrscheinlich mal wieder durch das alljährliche Oktoberfest. Denn hier zählt nur die Gaudy und das ganze Leben fließt in eine Maß. Und noch eine, und noch eine, und noch eine ...

Klassentreffen

06.10.2014

Wir hatten uns seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Aber endlich klappte es mit einem Klassentreffen. Es war, wie Udo Lindenberg besingt: Letzte Woche war ein Klassentreffen, da sah ich sie wieder, die missglückten Helden, die jetzt Beamte sind, die Bonnies und Clydes von früher, jetzt als Herr und Frau Bieder, die Power von damals ist leider hin und Fritz der Cowboy wurde nur Manager bei der Müllabfuhr ... Bei Klassentreffen muss man sich wahrscheinlich wirklich vorher klar werden, ob man seine damaligen Mitstreiter ernsthaft sehen möchte. Denn im Extremfall kann so ein Ereignis die eigene Psyche zerstören. Wenn man im Hinterkopf noch die Gesichter und die Wünsche seiner Klassenkameraden von damals vor Augen hat und dann plötzlich alten, gescheiterten Existenzen gegenübersteht. Dann fragt man sich doch unwillkürlich: Bin ich denn hier in jeder Hinsicht die einzige Ausnahme? Aber wenn es schlimm läuft, fragt man sich vielleicht: Sehen mich die anderen genauso und ich habe einen Realitätsverlust? Sieht man sich alle fünf Jahre, mag es ja noch gehen. Dann ist man sensibilisiert für dieses Thema. Aber jetzt wie bei mir – nach geschätzten achtzig Jahren zum ersten Mal so sein Treffen … Ich kam also in unsere Gaststätte rein – und wirklich, die beiden ersten, die ich traf, waren alt wie der Wald. Das fängt ja gut an, dachte ich. Aber dann gab es erst einmal ein großes Durchatmen – die beiden waren Lehrer. Und da sieht man natürlich einfach alt aus. Meist sogar schon in jüngeren Jahren. Als ersten wirklichen Ex-Schüler traf ich Norbert, der jahrelang vor mir saß. Er war mir in gar nicht so guter Erinnerung, hatte immer abgeschrieben, war stinkefaul und mogelte sich auf Kosten der anderen durchs Leben. Hatte in Hamburg ein kleines Kabarett. Hier ist eine Freikarte, komm doch mal vorbei, Hermine, sagte er. Bist dann selbstverständlich mein Gast. Wahrscheinlich kann man sich im Leben doch ändern, dachte ich. Daniela hätte ich lieber nicht getroffen. In jungen Jahren konnte ihr hübsches Gesicht wenigstens kaschieren, dass gar nichts zu erwarten war. Aber jetzt passte ihr Gesicht wenigstens zu ihr – sie war nur vorbeigekommen, um sich von irgendwem zum Trinken einladen zu lassen. Dummerweise war das Uwe, der mit Geli, seiner Frau, hier war. Geli ging auch in unsere Klasse und die beiden sind seit der 10. Klasse ein Paar. Waren, muss man jetzt allerdings sagen. Ansonsten war aber alles unkompliziert und leicht wie früher – bei den meisten so, als hätten wir uns nur ein paar Wochen lang nicht gesehen. Kurz und gut: Es war wesentlich besser, als ich gedacht hatte. Vor allem hatte auch ich mich in jeder Hinsicht gut geschlagen. So sehe ich keinen Grund, mich nicht auf unser nächstes Treffen in fünf Jahren zu freuen.