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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Nikolaustag

06.12.2013

Alle Nachbarn unseres Hauses stellten wie jedes Jahr am Vorabend des Nikolaustages die Schuhe vor die Tür. Wie immer hatten wir in einer geheimen Ziehung ausgelost, wer wen beschenkt. Keiner sollte den Absender seines Geschenkes kennen, sondern sich einfach nur freuen. Oft ahnten wir aber schon an der Art des Geschenkes, wer dahintersteckte. Und einige unter uns machten sich dann immer wieder den Spaß, gerade diese Nachbarn anzusprechen und zu fragen, ob sie nicht mit ihnen tauschen wollen, da ihnen ihr Geschenk überhaupt nicht gefalle. Aber in diesem Jahr ging unsere Stiefelüberraschung nicht mit soviel Spaß und Freude über die Bühne wie gewohnt. Diesmal hatten wir einen regelrechten Stinkstiefel unter uns. Denn als am Morgen des Nikolaustages die Bewohner unseres Hauses ihre Wohnungstür öffneten und neugierig in ihre Schuhe und Stiefel fassten, griffen sie in eine riesengroße Menge Senf. Keiner von uns wusste, wer wohl hinter dieser fiesen Aktion stecken könnte. Also gab es erst einmal jede Menge Verdächtigungen. Na warte, dachte ich mir. Auch diesen Fall löst du. Allerdings war Eile geboten. Kurzentschlossen stellte ich am folgenden Tag noch einmal einen Stiefel vor meine Tür – bestückt mit einem Zettel, auf dem stand “Nachzügler - ich war zum Nikolaustag nicht da“. Im Stiefel hatte ich ganz professionell eine Mausefalle angebracht. Die Idee hatte ich aus dem Buch „Lederstrumpf“, den Geschichten eines Fallenstellers und Jägers im wilden Amerika. Wer lesen kann, ist also mal wieder im Vorteil, dachte ich. Und hoffte, dass das Senfmonster wieder zuschlägt. Ich setzte mich mit einem Buch hinter meine Tür und harrte der Dinge, die da kommen würden – hoffte ich jedenfalls. Ein paar Mal war ich schon eingenickt – aber es hatte sich auch noch nichts auf dem Flur getan. Nur Herr Tyralla rollte mal wieder sturzbetrunken aus seiner Kneipe an und bettelte schon, bevor er bei sich klingelte, dass ihn seine Hertha nicht schlagen solle. Ich hörte noch das Scheppern einer Bratpfanne und ein leises Wimmern, dann war wieder Ruhe. Ich war gerade erneut am Wegdämmern, als ein Schrei über den Flur gellte. Ich riss die Türe auf und sah den netten, unscheinbaren Herrn Suhlke aus der dritten Etage, wie er gerade einen Rumpelstilzchentanz aufführte. In der einen Hand hielt er einen Senfbecher, die andere Hand steckte in meinem Stiefel – und in meiner Mausefalle. Natürlich kamen nun auch die anderen Nachbarn auf den Flur gelaufen. Es gab ja viele Verdächtigungen – aber mit Herrn Suhlke als Täter hatte keiner gerechnet. So fiel seine Strafe, als sich alle wieder beruhigt hatten, auch ziemlich gnädig für ihn aus. Im nächsten Frühjahr muss er für alle Stiefelgeschädigten auf seine Kosten einen Grillabend mit Steaks und Bratwürsten ausrichten. Mit reichlich Ketchup und Senf versteht sich.