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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Tanzstunden a la card

Oktober 2018

Tanzen lernen wollte ich schon immer. Aber als ich dann eines Tages Tom Waits mit seiner Waltzing Matilda hörte und hier meine Liebe zum Walzer entdeckte, beschloss ich, einen Tanzkurs aufzusuchen. Erst Jahre später erfuhr ich, dass eine waltzing matilda eigentlich ein Seesack ist oder auch über Land tingeln oder auf der Flucht sein bedeutet. Jedenfalls ging ich voller Vorfreude zu meiner ersten Tanzstunde. Cha Cha Cha, langsamer Walzer, Hip-Hop, Salsa - und natürlich Rumba! In Gedanken ging ich alle Schritte noch einmal durch, die ich vorsorglich zu Hause schon allein geübt hatte. Denn auch auf dem Tanzboden wollte ich die Beste sein und von Anfang an glänzen. Aber wie so oft tauchen Probleme da auf, wo man sie gar nicht vermutet. Da das Verhältnis der Herren zu den Damen etwa eins zu fünf stand, kam ich erst in der dritten Stunde zum Zug - also zum Tanzpartner. Statistisch gar nicht so schlecht, versuchte ich mir die Misere schönzureden. Doch hatte ich mich zu früh gefreut, jetzt endlich durchstarten und als Tanzstundenkönigin künftig die Auswahl ganz nach meinem Geschmack treffen zu können. Denn ich hatte einen Tänzer mit zwei linken Füßen erwischt. Schlimmer noch - mit zwei linken Quellwasserfüßen, wie meine Mutter zu sagen pflegte, wenn sie mit solch einem Lauchtapper zu tun hatte. Jedenfalls musste ich erst einmal eine vierwöchige Pause einlegen, ehe meine Füße wieder einigermaßen zu gebrauchen waren. Jetzt wollte ich auf der Hut sein - oder passender auf dem Schuh. Mein nächster Tänzer kam auf mich zugeschwebt und ich dachte gleich, mit dem könnte es etwas werden. Die ersten beiden Tänze schwebte auch ich auf Wolke sieben. Jetzt werden deine kühnsten Tanzträume doch noch wahr, Hermine, dachte ich mir. Doch dann, beim dritten Tanz, dem Charleston, stürzte ich in die Bar, zerstörte dabei Glas und Alkohol im Wert von 8.000 Euro, zerschnitt mir die Arme und das Gesicht und brach mir obendrein auch noch ein Bein. In diesem Moment habe ich mir geschworen: Wenn schon tanzen, dann nur noch beim Tanztee - mit eindeutiger Betonung auf Tee. Seitdem ziehe ich mit zwei Freundinnen durch die Lokalitäten, die Tanznachmittage anbieten. Getreu meinem Schwur trank ich Tee, knabberte Kekse - und wettete mit Luzie und Luise, welchem nächsten Pärchen ein Missgeschick passieren würde. Ein bestimmtes Lied hatte mich also zur Tanzschule gebracht. Wer weiß, ob ich nicht eine große Leidenschaft zum Klettern entwickelt hätte, wenn mein damaliges Lieblingslied „Was macht der Maier am Himalaya“ gewesen wäre.