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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Ich wurde als Kind vertauscht

Februar 2018

Eigentlich bin ich ganz anders, als ich bin. Denn ich wurde bereits in der Klinik vertauscht. Los ging der ganze Ärger schon im Kindergarten. Wenn wir draußen spielten, machte ich mich stets so schmutzig, dass mich nicht mal meine eigene Mutter erkannte. Wenn ich beim Abholen auf sie zu rannte, hielt sie weiterhin Ausschau und sagte, ich könne unmöglich ihre Tochter sein - am Morgen hätte sie ein ganz anderes Mädchen hier abgegeben. In der Schule wurde es nicht besser. Wurde jemand beim Abschreiben erwischt, war ich es. Gab es einen Tadel wegen vorlauten Dazwischenquatschens, ging er an meine Adresse. Oft genug bekam ich von meiner Mutter zu hören, dass sie sich gern eine andere Hermine wünsche. Beim Studium war es dann das Gleiche in Grün. Die attraktiven Vorträge durften immer die anderen halten, während ich Themen abhandeln durfte, deren Sinn sich mir nicht einmal erschloss. So gingen auch sämtliche Leistungsstipendien an mir vorbei, obwohl ich vom ersten bis zum letzten Studientag der festen Ansicht war, die Beste zu sein. Daher war es zu dieser Zeit oft so, dass ich mir wünschte, eine andere zu sein. Meine Hoffnung, dass man sich mit dem Einstieg in mein Berufsleben keine andere als mich wünschte, erwies sich ebenfalls als Illusion. Schon als ich ein kleines Team führte, bekam ich es hinter meinem Rücken mit. Da müssen sie wohl die Personalakte vertauscht haben - uns so eine als Chefin vorzusetzen. Oder: Wenn die einen Zwilling hat, dann haben sie uns hier die böse Ausgabe davon vorgesetzt. Solche Sprüche ließen mich immer wieder fragen, ob ich denn eigentlich die bin, die ich sein wollte. Als Nachbarin versuchte ich daher alles richtig zu machen. Suchte das Gespräch, wo ich konnte, und versorgte die Nachbarschaft immer mit den aktuellsten und geheimsten Informationen aus dem Haus. Und was ist der Dank? Ich werde als schwatzhaft, krankhaft neugierig und intrigant bezeichnet. Man ließ mich oft spüren, dass man sich lieber eine andere Nachbarin wünschte. Als ich dann letztens beim Belauschen der garstigen Mathilde vom Fenster im zweiten Stock abrutschte und in die Hecke stürzte, bekam ich vom Arzt eine Vollbandagierung verpasst und musste für ein paar Tage zur Beobachtung ins Krankenhaus. Hier musste ich feststellen, dass man mich zuhause wohl doch mehr mag als ich dachte. Schon am ersten Abend kam eine größere Abordnung aus dem Haus, um nach mir zu sehen und von allen Nachbarn zu grüßen. Plötzlich standen sie im vollbesetzten Sechserzimmer, in dem alle anderen Patienten genauso umwickelt wie ich dalagen, sahen sich kurz um und steuerten dann schnurstracks auf mich zu. Wie habt ihr mich denn so schnell erkannt, fragte ich. Das war doch ganz einfach, meinten sie einhellig. Nur einer von den Sechsen hat mit Armen und Beinen rumgewackelt und die ganze Zeit dabei vor sich hingeredet. Das konntest eindeutig nur Du sein. In diesem Moment fiel all die Last der vergangenen Jahrzehnte von mir ab und ich wusste: Ich bin doch ich!