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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Meine Freundin mugelt

Juni 2018

Lange Zeit war meine gute Freundin Kirsten - von allen Mugel genannt, aber warum sie so heißt, weiß ich bis heute nicht - wie man so sagt - verhaltensunauffällig. Die ganze Sache fing allerdings auch schleichend an. Zuerst war einmal der Zeigefinger verbunden, dann hatte sie ein Heftpflaster an Ring- und kleinem Finger oder auch einmal einen Gips am Fuß. Wenn man sie fragte, sagte sie nur, ach, nichts weiter, ich war nur ein bisschen schusselig. Bis ich es dann eines Tages selbst erlebte. Ich war zum Mittagessen eingeladen. Darüber, dass Soße durch die Küche floss, machte ich mir noch keine Gedanken. Wir setzten uns, sagten alle piep, piep, piep - wir haben uns alle lieb und griffen zum Besteck. Das heißt, unser Mugel schlug mit der flachen Hand auf ihre Gabel, diese flog mit einem dreifachen Salto durch die Luft und blieb hinter ihr in der Wand stecken. Besorgt fragte ich nach, ob ihr das öfters passiere. Zumal sie damit ja ihre Gesundheit aufs Spiel setzte. Und da kam heraus, dass schon seit fast einem halben Jahr alles, was sie in die Hand nahm, einen größeren Schaden nahm oder verursachte. Ihr verzweifelter Freund hatte schon ein neues Verb erfunden und rief jedes Mal, wenn sie sich einem Gegenstand näherte: Vorsicht - nicht wieder mugeln! Mit ihm überlegte ich nun gemeinsam, wie wir als intakte Hausgemeinschaft am besten helfen könnten. Denn das Motto in unserem Aufgang heißt schließlich nicht umsonst „Einer für alle - alle auf einen!“. Zuerst versuchten wir, ihr die Hände zu bandagieren. Dabei mussten wir erfahren, dass man nicht nur mit den Händen mugeln kann. Dieser Zerstörungsinstrumente beraubt, nahm sie nun jede Bodenvase, Pfütze oder Unebenheit mit den Füßen mit. Auch der Kopf und der gesamte Körper fanden immer wieder geeignete Möglichkeiten, ihrem Namen alle Ehre zu machen. Halt, Hermine, sagte ich da zu mir. Du bist doch psychologisch hochbegabt - also lass Dir auf dieser Schiene etwas einfallen. Gemeinsam mit ihrem Freund brachte ich alle Wertgegenstände aus der Wohnung in Sicherheit und ersetzte sie durch billigstes Zubehör. Im Haushalt gab es nun nur noch Plastiktassen, -teller und Kinderlöffel - spitze Gegenstände wurden komplett verbannt. Und siehe da - Freud hatte recht: Wenn es dem Unterbewusstsein keinen Spaß mehr macht, sinnlos zu zerstören, macht es auch für das Über-Ich keinen Sinn mehr. Innerhalb kürzester Zeit wurde ihr Verhalten vollkommen normal und blieb es bis heute. Das Wort Mugeln allerdings blieb uns erhalten - denn ständig ergeben sich Situationen im Alltag, bei denen wir es fleißig anwenden können.