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Wir treffen uns heute

Dezember 2017

Das war wirklich ein schlimmes und dazu richtig dummes Missverständnis, welches mich beinahe die Freundschaft zu meiner besten Freundin Anna gekostet hätte! Wir hatten einen unterhaltsamen Nachmittag in unserem Stammcafé, alle Nachbarn durchgehechelt und waren gerade am gehen, als Anna ein Zettel aus der Tasche fiel. Ich hob ihn auf und wollte ihn gerade zurückgeben, da las ich die ersten Worte und beschloss, ihn mir erst einmal in aller Ruhe zu Gemüte zu führen. Denn bereits die ersten Worte hatten mir zu denken gegeben und mich misstrauisch gemacht - wahrscheinlich würde der Zettel ein Schock für mich sein. Er begann mit „HE UTE ...“ Dazu muss man natürlich wissen, dass Ute, also die Ute Niedernolde aus dem dritten Stock, seit Jahren meine erklärte Feindin ist. Wie der Name schon sagt, ist sie eine ziemlich niederträchtige Person. Vor ein paar Jahren hatten wir einmal einen Streit, der schließlich beinahe in einer Prügelei endete. Nur ein paar beherzte Nachbarn konnten uns davon abbringen. Seitdem versucht sie, wann immer es nur geht, mich zu mobben. Mit dieser Ute also wollte sich meine beste Freundin verabreden - vielleicht sogar zu irgendeiner Schandtat gegen mich? Zu Hause las ich den restlichen Text “... sollten wir der dummen Gans den Hals umdrehen ...“ Mehr musste ich gar nicht lesen. War das etwa eine Verschwörung gegen mich? Was hatte ich Anna angetan? - Da musste ich gleich etwas unternehmen, Klarheit in die Sache bringen. Wie ein Detektiv versuchte ich nun,
die beiden lückenlos zu überwachen. Viele Tage passierte gar nichts. Anna besuchte mich wie gewohnt und ließ sich überhaupt nichts anmerken. Aber dann, ein paar Tage später, sah ich sie mit der Niedernolde ein Stück hinter unserem Haus ins Gespräch vertieft. Das war der Beweis! Aber um was es da ging, konnte ich beim besten Willen nicht erlauschen. Doch was war das, plötzlich schubste die Niedernolden Anna so stark, dass diese fast stürzte. Und ging mit ihrer Handtasche auf sie los. Ein guter Moment für mich einzuschreiten. Was ist denn da los, rief ich und zog Anna aus dem Gefahrenkreis. Ein Glück, dass Du gerade gekommen bist, sagte sie zu mir. Sie wollte der Niedernolde gerade die Leviten lesen, weil diese immer Müll vor ihrer Eingangstür verliert. Zum Glück sei ich gerade im richtigen Moment gekommen, um Schlimmeres zu verhindern. Und was war das mit dem Zettel, fragte ich Anna. Du wolltest Dich doch mit der alten Hexe verabreden - und hielt ihr den zerknüllten Zettel unter die Nase. Nun kam heraus, dass der Brief nicht mit He Ute begann, sondern mit Heute. Anna wollte einen Brief an mich schreiben, hatte diesen aber noch nicht zu Ende geschrieben. Das war mir natürlich peinlich, meine beste Freundin so verdächtigt zu haben und ich lud sie auf ein Stück Torte und den neuesten Klatsch aus dem Haus ein. - Und die Moral von der Geschichte? Ganz einfach: Wer richtig lesen kann, ist im Vorteil!

Ich habe mir eine Wotsch gekauft

November 2017

Bisher bin ich mit meiner Uhr immer gut klargekommen. Sie zeigte mir einfach an, wie spät es ist - und dabei war sie äußerst zuverlässig. So ähnlich ging es auch all meinen Freunden. Wenn ich sie nach der Uhrzeit fragte, schauten sie kurz auf den Arm und nannten Stunde und Minute. Bisher war das jedenfalls so. Bis ich neulich mit meiner Freundin Gloria im Café saß. Wir wollten uns einen gemütlichen Nachmittag machen und den neuesten Klatsch austauschen. Aber kaum saß Gloria, blickte sie gebannt auf ihren linken Arm. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaute sie wieder nach oben und fragte zerstreut: „Hast Du eben etwas gesagt, Hermine?“ Ich wollte gerade wiederholen, was ich von der Hinterherschnüffelei der alten Maruschke halte, da schaute sie schon wieder mit entrücktem Blick auf ihren Arm. Es vergingen eineinhalb Stunden und unser Gespräch war noch nicht in Gang gekommen. So etwas war mir noch nie passiert! Wo ich doch so viele Neuigkeiten mit Gloria zu bequatschen hatte! „Was ist denn heute bloß los mit Dir?“, fragte ich sie. „Bist Du mit dem linken Fuß aufgestanden - oder hast Du Probleme?“ Erstaunt sah sie mich an und hauchte: „Ich habe mir eine Wotsch gekauft - eine Eiwotsch. Da muss man schon ab und zu mal nachschauen, ob es etwas Neues gibt.“ Das konnte ich wahrhaftig nicht verstehen. Während bei ihr keinerlei Neuigkeiten eingingen, verschmähte sie gleichzeitig meine vielen hochinteressanten News. Ähnlich ging es mir in den nächsten Wochen bei meinen Treffs mit Melanie, Trudchen und Eulalia. Sie alle waren vom gleichen Virus befallen, ständig auf den linken Arm starren zu müssen. Allerdings waren sie technologisch wohl schon einen Schritt weiter als Gloria, denn ständig piepste und vibrierte der Arm, um seinen Besitzer auf dem Laufenden zu halten. Oder am Laufen? Schließlich war es nur noch die Wotsch, die ihrem Träger ein Lebenszeichen entlocken konnte. Aber was solls - jeder tickt eben anders. Daher ist auch die Liste der Benimmbücher unendlich lang. Aber das bringt mich doch glatt auf eine gute Geschäftsidee: Vielleicht sollte ich den ersten Wotsch-Knigge herausbringen. Ein paar Nebeneinnahmen können schließlich nicht schaden. Und ich habe das ganze Elend ja ausgiebig am lebenden Objekt studieren können. Eins habe ich mir jedoch fest geschworen: Ich bleibe bei meiner Uhr, die nichts weiter als die Zeit anzeigt. Die hat zwar momentan einen kleinen Makel - ihre Batterie ist alle. Aber auch das hat seine gute Seite. Zweimal am Tag geht sie absolut genau.

Mal wieder an die Wand gefahren?

Oktober 2017

Diesen Spruch musste ich mir schon in meiner frühesten Kindheit anhören, wenn meine Mutter zu mir sagte: Hermine, Du sollst Deine Freunde im Kindergarten nicht verprügeln - damit fährst Du den guten Ruf unserer Familie an die Wand. Natürlich verstand ich die Bedeutung dieser Worte damals noch nicht und fragte mich, wie das passieren sollte. Schließlich hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch kein eigenes Auto. In der Schule ging es dann in diesem Ton weiter. Egal, ob ich einmal zwei Wochen Schule gebummelt hatte, eine Klassenarbeit versaute oder die Noten fälschte, bevor ich meinen Eltern das Zeugnis zur Unterschrift vorlegte - immer hieß es: Kind, Du versaust Dir Dein ganzes Leben, fährst Deine Zukunft voll gegen die Wand. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir allerdings schon ganz gut vorstellen, was damit gemeint war. Allerdings war ich auch später während meiner Studienzeit nicht vor solchen Vorwürfen gefeit. Denn auch da machte mir so manche vorlaute Bemerkung das Leben schwer. Öfters wurde ich ermahnt, dass ein fehlender Klassenstandpunkt meine berufliche Entwicklung stoppen könne, noch ehe sie begonnen hätte. Trotz allem startete ich dann doch noch eine ziemlich erfolgreiche berufliche Laufbahn. Wurde sogar Abteilungsleiterin einer Forschungsabteilung und ging hier waghalsige Experimente ein, um einmal eine ganz große Entdeckung machen zu können. Schließlich heißt es doch: No risk, no fun. Meine Kollegen sahen das jedoch meist anders. Ermahnten mich oder beschwerten sich über meinen Wagemut. Und wie hieß es dann? Hermine fährt unsere ganze Abteilung noch einmal an die Wand - wahrscheinlich wäre es besser, wenn wir einen neuen Chef bekämen. Einen, der ein bisschen umsichtiger mit allen Aufgaben umgeht. Und aktuell habe ich ein Problem in meinem eigenen Haus. Dabei habe ich unter den Nachbarn nur eine kleine Umfrage gestartet, wer welchen seiner Nachbarn aus welchem Grund nicht leiden kann. Natürlich habe ich das gut gemeint, wollte mit diesen Erkenntnissen Verstimmungen schlichten, bevor ein offener Streit ausbrechen kann. Aber was musste ich mir anhören? Ich würde die guten Nachbarschaften mit meinem unwürdigen Verhalten nur gegen die … na, Sie wissen schon. Darauf habe ich nur noch einen Ausweg gesehen - mich behandeln zu lassen. Der Arzt bescheinigte mir auch, dass ich eine Tachowandophobie, also die Angst, etwas gegen die Wand zu fahren, habe. Zum Glück schlug die Behandlung an - jetzt habe ich meine Phobie voll im Griff. Nicht nur im Kleinen, auch, was die großen Angelegenheiten betrifft. So bin ich total entspannt, was immer auch um mich herum passiert. Mich ängstigt nicht einmal mehr, dass irgendjemand Deutschland gegen die Wand fahren könnte. Denn alle wichtigen Posten im Lande sind doch mit umsichtigen, weitsichtigen und entschieden handelnden Menschen besetzt.

Hab ich nun einen an der Waffel?

September 2017

Als ob ich es geahnt hätte! Meine privaten Studien und Beobachtungsergebnisse decken sich jedenfalls auch mit offiziellen Studien: Etwa 40 Prozent der Bevölkerung soll psychisch angeschlagen sein. Erst dachte ich - Mensch, so viele sind wir doch gar nicht! Aber dann habe ich einmal nachgerechnet und bin sogar zu einem noch viel schlimmeren Ergebnis gekommen. Denn von meinen engsten 38 Freundinnen haben bestimmt 33 einen an der Waffel. Nun wollte ich es aber auch im Detail wissen. Wenn es fast jeden zweiten Europäer betrifft, dann falle ich ja vielleicht auch unter irgendeine Rubrik? Als ich dann las, was man heute so alles als psychische Krankheit einstuft, setzte bei mir automatisch die Selbstkontrolle ein: Schüchternheit konnte ich bei mir gleich ausschließen.Der Name „avoidant personality disorder“ (Hemmung, soziale Kontakte aufzubauen) war inzwischen eine ernsthafte Krankheit geworden. Bei der „intermittent explosive disorder“ (temporäre explosive Störung) - früher einfach auch nur Zorn genannt - entdeckte ich auch mich. Aber dass ich an der Hortungskrankheit leiden sollte, nur weil ich manchmal alten Krempel aufhebe …? Dann müsste ja fast jeder irgendwie gestört sein. Wenn inzwischen also schon ganz alltägliche, normale Zustände einer fachlichen Behandlung bedürfen, musste mehr dahinterstecken. Vielleicht die Klimakatastrophe oder die Hühnerpest? Die Antworten lieferten mir zufällig eine befreundete Apothekerin und ein Coach für Lebensberatung, die an der zunehmenden Misere der Leute prächtig verdienten. Als ich ein Gespräch zwischen diesen beiden hörte, ging mir auf einmal ein Licht auf. Vielleicht sollte ich auch an dieser Entwicklung teilhaben und reich werden? - Zumal Teilhabe als Begriff ja heutzutage in aller Munde ist. Und wer will schon nicht zum Kreis der Reichen und Schönen gehören? Immerhin erfüllte ich hier bereits ein Kriterium! Komischerweise fiel mir an dieser Stelle ein Witz ein, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging: Ein Mann steht in Zürich an einem Bankschalter und flüstert zum Servicemitarbeiter „Ich möchte gern Geld einzahlen.“ Der Mitarbeiter fragt ihn, um welche Summe es sich handelt. Wieder flüstert der Mann „Um fünf Millionen Euro.“ Darauf der Servicekollege „Sie müssen nicht flüstern, in der Schweiz ist Armut keine Schande.“ Meine Idee zum Geldverdienen lag folgerichtig auch auf der Pharmazie-Schiene. Ich wollte eine neuartige Pille entwickeln - die Erkenntnispille. Wer sie einnimmt würde erkennen, dass er sich schnellstens in seelische Behandlung begeben müsste - bei mir. Die Behandlung würde ich meinen fleißigen Freundinnen Anni, Üt und Stine überlassen - frei nach dem Motto: Der Arbeiter arbeitet und der Chef scheffelt. Ich sah schon die gefüllten Schatztruhen vor mir - aber nicht überall, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Meine Freundinnen, die ich als Mitstreiter auserkoren hatten, zeigten mir nur einen Vogel. Und irgendwie hatten wohl auch die von mir ausgewählten Klienten mitbekommen, dass meine Pillen nur einfache Lutschbonbons waren und sie beim Stückpreis von 99 Euro hundertfünfzig Schachteln davon bekommen hätten. Sie fragten, ob ich einen an der Waffel hätte, und empfahlen mir selbst eine Behandlung, die ich nicht näher beschreiben möchte. - Wahrscheinlich habe ich mit dieser Geschäftsidee das Thema doch etwas verfehlt - aber ich bin schon auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld. Nach einem, das zumindest den Anschein von Normalität hat.

Ich bin wohl doch keine Kämpfernatur oder Voll von der Rolle

August 2017

Schon immer wollte ich eine bedeutende Rolle spielen. Allerdings war auf dem Weg dahin nicht vorgesehen, dass ich über Röllchen gehe. Sie waren zwar nicht auf einmal da - aber ganz plötzlich stolperte ich darüber und beschloss: Die müssen weg, und das so schnell wie möglich. Also stürzte ich mich gleich in die Abnehm- und Fitnessliteratur. Übereinstimmend wurde mir ans Herz gelegt: Sport und viel Bewegung sowie die Umstellung der Ernährung. Wer mich kennt, der weiß, dass mein Lieblingsbuch „Essen ist meine Lieblingsspeise“ ist. Also musste ich mich bei meinem Röllchenkampf ganz auf die erste Säule konzentrieren und durch ein Mehr an Sport und Bewegung meine Essgewohnheiten ausgleichen. Kaum hatte ich mich in einem Fitness-Studio gleich um die Ecke angemeldet, schaffte ich mich auch mindestens an drei Tagen in der Woche für ein paar Stunden. Nach einem viertel Jahr waren die Röllchen immer noch da und meine Waage zeigte zwei Kilo mehr an als vorher. Allerdings fühlte ich mich fit und stark. Der Sport tat mir also gut, da musste nur etwas Stärkeres her. Denn an meinem Speiseplan wollte ich nicht rütteln. Wer mich schließlich auf Crossfit brachte, weiß ich gar nicht mehr. Na ja, dachte ich mir - im Kreuz zwickt es manchmal und fit willst du auch werden - das ist genau das Richtige. Also meldete ich mich an und ging ins Studio - welches sich bei dieser Sportart Box nennt. Eine sehr kleine Gruppe durchtrainierter Leidensgenossen begrüßte mich fröhlich und zeigte auf eine Zahlenfolge auf dem Fußboden: 50 - 40 - 30 - 20 - 10. Annie, rief mir der Trainer zu. Ich wollte mir die Nummer gleich aufschreiben, das war sicher die
Telefonnummer der Terminorganisatorin. Als ich die Auflösung hörte, musste ich erst einmal kräftig
durchatmen. Annie war der Name unserer heutigen - also meiner ersten - Übung. Die Zahlen beschrieben einfach nur die Härte der nächsten Viertelstunde. Denn bis dahin sollten wir uns abwechselnd bei Doppelseilsprüngen und Bauchpressen, sogenannten Crunches, total verausgaben. Zuerst mit 50 Wiederholungen der Übung, und zwar ohne Pause, dann 40, 30, 20 - bis wir bei den letzten 10 Wiederholungen ankommen würden. Das wären 150 Wiederholungen in fünfzehn Minuten. Und Annie sollte eine der leichteren Übungen sein. Nach zwanzig Wiederholungen in sieben Minuten hörte ich völlig erschöpft auf. Das wäre für den gewünschten Zweck zwar genau die richtige Übung - aber nicht für mein Gemüt. Als ich dann noch erfuhr, dass Crossfit erfunden wurde, um Polizisten zu trainieren, fühlte ich mich bestärkt und ging nicht wieder hin. Zum Glück fielen mir da gleich die richtigen Artikel aus meiner Hausfrauenfachpresse in die Hände wie „Von wegen ungesund - Dicke leben länger“ oder „Nicht jeder muss abnehmen, um gesund zu bleiben“. Sag ich doch, sagte ich mir. Für jede scheinbar schlüssige These gibt es auch mindestens einen genauso logischen Gegenbeweis. Von nun an ließ ich es sein, wegen ein paar Röllchen von der Rolle zu sein, wollte lieber die Rolle der selbstbewussten Frau einnehmen. Und wenn mich doch einmal jemand wegen der Röllchen ansprechen sollte - derjenige sei schon einmal vorgewarnt - hätte ich auch gleich die passende Antwort zur Hand: Ich bin nicht zu dick - nur zu klein für mein Gewicht.

Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde