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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Mein "Horror-skop"

August 2018

Irgendwann bekam ich mit, dass viele meiner Nachbarn ihr Horoskop nicht nur lesen, sondern sogar ihren Tagesablauf nach der Vorhersage planen. Da kannst Du mal wieder in der Nachbarschaft punkten, dachte ich mir. Wer weiß, was bisher schon alles im Alltag schiefgelaufen ist, nur weil ein netter Nachbar das falsche Horoskop in die Hände bekommen hatte. Wer sollte also passgenauere Horoskope für meine Mitmenschen erstellen als ich? Schließlich kenne ich mich in jedem Haushalt im Umkreis von mehreren hundert Metern fast so gut aus wie in meinem eigenen. Gegen einen kleinen Obolus sollte künftig samstags in jedem Briefkasten ein direkt auf die Bewohner der Wohnung zugeschnittenes Wochenhoroskop zu finden sein. Erst einmal ging ich die ganze Sache ziemlich locker an. Lockte meine Hausgenossen damit, sich nach einem harten Tag wieder einmal mit ihrem Lieblingsessen zu belohnen, ihren Lieblingsfilm anzusehen oder die besten Freunde einzuladen. Mit meinem Hintergrundwissen kannte ich ja alle Details und konnte jeden so auf der emotionalen Schiene direkt ansprechen. Was mir auch gelang - denn die Liste meiner Abonnenten wurde immer länger. Als sich mit der Zeit ein bisschen die Routine und damit Langeweile einschlich, beschloss ich, meine Vorhersagen zu verfeinern und Stück für Stück Geheimnisse aus dem Nähkästchen aufzugreifen. Schließlich wusste ich, zu wem die junge Frau Wefelmeier immer in die Wohnung huschte, sobald ihr Mann das Haus zur Arbeit verließ. Oder wer sich bei Frau Zumbiegel häuslich niederließ, wenn ihr Mann mal wieder wochenlang auf Montage war. Auch die kleinkriminellen Tätigkeiten des Herrn Mauser, der scheinbar unauffällig in der Dachwohnung lebte, blieben mir nicht verborgen. Angereichert mit diesen Details wuchs auch das Interesse an meinen Horoskopen stark an, etliche Nachbarn fragten sogar, ob ich nicht mindestens zweimal pro Woche aus den Sternen lesen könne. Denn meine detaillierten Vorhersagen trafen dank meines aktuellen Wissensstandes über die Nachbarschaft fast immer hundertprozentig zu. Nun war ich endlich wieder einmal die gefragteste Person im Haus! Dass dann plötzlich alles von einem zum anderen Tag zu Ende war - na ja, ehrlich gesagt war ich da schon ein bisschen selbst schuld. Aber ich musste auch einen ganz schlechten Tag erwischt haben. Denn die Post für Frau Wefelmeier fand Herr Wefelmeier, das Horoskop für Frau Zumbiegel fiel Herrn Zumbiegel in die Hände. Und die Vorhersage des nächsten Diebstahls steckte ich nicht Herrn Mauser in den Briefkasten, sondern aus Versehen in den Kasten daneben, wo ihn Herr Klärauf, der Kriminalist in unserem Haus, fand. Der Ärger war jedenfalls unbeschreiblich und wegen des Hausfriedens nahm ich alles auf meine Kappe. Dass bei diesem Horror mit Horoskopen jetzt Schluss ist, muss ich sicher nicht erwähnen. Jetzt lese ich die Zukunft jedenfalls wieder aus der Kugel.