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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Homeoffice - nichts für Weicheier

Juli 2020

Als es mit dem Homeoffice ganz plötzlich gehäuft losging, änderte sich auch in unserem Haus die Atmosphäre schlagartig. Vorbei war es mit den ruhigen Vormittagen, an denen man mal ein Nickerchen oder ein unbeobachtetes Schwätzchen im Treppenhaus machen konnte. Bereits nach einer Woche konnte man die Anspannung nicht nur überall im Haus spüren, sondern auch immer öfter und lauter hören. Während es sich in den ersten Tagen noch nach „Endlich wieder mal ein bisschen Urlaub mit der ganzen Familie“ anhörte, war die Stimmung nun komplett umgeschlagen. Die Lindemann-Zwillinge hörte ich nun öfter einmal im Duett schreien. Wahrscheinlich hatten sie ihre alleinerziehende Mutter auch im Doppelpack zur Weißglut gebracht, denn ständig erklang wie Löwengebrüll die Stimme der ansonsten sehr leisen Frau Lindemann. Ein paar Tage später ging es auf einmal ganz ruhig zu. Als ich sie ein paar Tage später im Treppenhaus traf und fragte, ob etwas passiert sei, lachte sie. Sie hatte in den ersten Tagen ihr Büro ins Kinderzimmer verlegt, um alles im Griff zu haben. Dabei bekam sie jeden kleinen Zeck der Zwillinge mit, den sie gleich im Keim ersticken wollte. Ein paar Tage später zog sie frustriert in ihr Schlafzimmer um, seitdem lief es sowohl bei den Kindern als auch bei ihr normal ruhig und sie kam endlich dazu zu arbeiten. Herrn Grau traf ich beim Einkauf mit großem Heftpflaster im Gesicht und noch größerer Sonnenbrille. Er war sonst immer auf Achse, wenn seine Frau zuhause war - und umgekehrt. Im Homeoffice hatten sie sich nun erst so richtig kennengelernt. Als er beim Dartspiel in der Küche einen kleinen Vorsprung hatte, warf seine Frau mit dem Pfeil nach ihm - daher das Pflaster. Die Brille war wegen der blauen Flecken im Gesicht, weil er nicht zugegeben hatte, beim Spiel betrogen zu haben. Nun wollte er sich ein bisschen im Keller einrichten und von da aus arbeiten. Charles Bukowski sagte einmal, es solle auf der Welt auch einen Platz für Menschen ohne Ehrgeiz geben. Herr Schört hatte ihn wohl auf dem Balkon gefunden. Dort stand er den ganzen Tag mit einer Flasche Bier in der Hand und man konnte beobachten, wie sein Bart immer länger und sein Unterhemd immer schwärzer wurde. Ab und zu baute er Wasserbomben und warf damit nach Kindern, die ihm zu laut erschienen. Ich war froh, dass er keinen Bore-out bekam - denn den ganzen Tag den Krach einer Bohrmaschine zu ertragen, das hätte mir noch gefehlt. Den meisten Homeoffice-Zoff gab es aber bei den Mocks. An sich ein junges, dynamisches Pärchen. Immer gut gelaunt und stets zu einem netten Plausch bereit. Sie mussten nun beide von zuhause aus arbeiten. Die ersten Wochen ging es wohl auch ganz gut, jeder hatte sich in eine andere Ecke der Wohnung zurückgezogen und konnte von da aus in Ruhe arbeiten. Aber dann gab es gleich doppelten Ärger bei einer Konferenzschaltung ins Büro. Aus Versehen war auch Frau Mock zugeschaltet, die nun mitbekam, dass ihr Mann gar nicht Abteilungsleiter in einem IT-Unternehmen ist, sondern Chef eines Escort-Services. Und obendrein auch noch eine Geliebte dort hat. Zuerst hörte man das Klirren von zerbrechendem Geschirr, dann fielen größere Möbel um und zum Schluss tobte eine Schlacht im Treppenhaus. Inzwischen hat die Vernunft gesiegt, beide wissen inzwischen wieder, was sie aneinander haben. Die Behebung der Schäden im Flur und Treppenhaus haben sie aus eigener Tasche bezahlt und der Hausgemeinschaft einen kleinen Umtrunk spendiert. Und ich? - Ich war wieder einmal froh, nur mit mir allein zu sein. Denn schon damit habe ich im täglichen Umgang genug zu tun.