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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Lass man gut sein oder Jenseits von Gut und Böse

Februar 2019

Schon immer wollte ich zu den Guten gehören und von allen geliebt werden. Nicht nur ich allein wollte mich großartig, tolerant und witzig finden - das sollten auch alle anderen von mir denken. Aber zwischen gut gewünscht und gut gefunden passt eben meist doch noch ein ganzes Stückchen Wirklichkeit. Zum Glück bin ich kein Anhänger der Lehre von der natürlichen Schlechtigkeit der Menschennatur aus der Schule des Legalismus. Denn danach tut der Mensch von sich aus - von seltenen Ausnahmen abgesehen - nichts Gutes. Aus diesem Grund müsse der Staat die Aufgabe übernehmen, ihn vom Schlechten abzuhalten. Die angeborene menschliche Schlechtigkeit könne nur durch drastische staatliche Strafandrohungen gezügelt werden. Ethische Grundsätze seien in der Praxis wirkungslos, nur auf den Gehorsam gegenüber den Gesetzen käme es an. Aber was soll all die Theorie, fragte ich mich - nur die Praxis bringt den Beweis, was und wie ich wirklich bin. Denn an Gelegenheiten im Alltag sollte es wohl nicht mangeln, gut zu sein und Zivilcourage zu zeigen. Also raus vor die Tür und sehen, was meine hauseigene Marktforschung in der Nachbarschaft so ergibt. Als Erstes erklärte ich mich bereit, die schwierige Nadine nach Schulschluss zu übernehmen, bis abends ihre Eltern von der Arbeit zurückkommen. Aber ich hatte es wohl trotz Pestalozzi und Fröbel an meiner Seite zu gut gemeint. Nach drei Tagen Betreuung mit sechsmal die Stimme ein klein wenig erheben, war Schluss mit dem Projekt. Ich hatte dabei Glück, für meine Hilfsbereitschaft nicht noch verklagt zu werden. Als Nächstes wollte ich einer bedrängten Frau im Park helfen, die scheinbar von einem Mann belästigt wurde. Dummerweise war ich in einen kleinen Ehestreit geraten, den die Ehefrau gerade dabei war zu gewinnen. Als Dank dafür gingen nun beide auf mich los und verklagten mich wegen Belästigung vor Gericht. Die 20 Arbeitsstunden wegen Provokation in der Öffentlichkeit riss ich dann im Stück ab. Mein nächstes Vorhaben sollte daher unverfänglicher Natur sein: Ich wollte den Garten der Zormeiers auf einhundert Prozent ökologisch umstellen. Dazu urteilte dann später das Gericht: Öko war es vielleicht - logisch jedenfalls nicht. Der Garten musste komplett neu angelegt werden und ich hatte für den Schaden aufzukommen. Zum Glück gab mir der Richter noch einen guten Tipp mit auf den Weg: Unterscheiden Sie bitte künftig zwischen gut gemeint und gut gemacht - das hilft in fast jeder Situation. Was soll es, verkehrte Welt eben, dachte ich mir. Wahrscheinlich heißt das altbekannte Sprichwort „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt“ von Wilhelm Busch heutzutage „Das Beste, dieser Satz steht fest, ist stets das Gute, das man lässt“. Seitdem konzentriere ich mich auf mich selbst und fühle ich mich richtig gut dabei. Denn immerhin helfe ich damit einem Menschen, den ich wirklich mag.