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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Ein Zwilling kommt selten allein

Mai 2022

Seit meiner frühesten Kindheit hatte ich mit Zwillingspärchen zu tun. Olivia und Jonathan gingen mit mir schon in die Kinderkrippe und begleiteten mich - oder ich sie - bis zum Abitur. Es war nicht leicht, sie zu unterscheiden, obwohl sie Mädchen und Junge waren, sahen sie sich wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich und hatten auch die gleiche Mimik und Gestik. Auch Frisur und Kleidung ließen keine zuverlässigen Rückschlüsse zu - mal trug sie Zöpfe und er Bubikopf, mal war es genau umgekehrt. Und da Olivia der absolute Hosentyp war, hätten sie auch die Kleidung untereinander tauschen können, ohne dass es auffiel. Wenn sie sich untereinander unterhielten, wusste man meist nicht, worum es ging. Denn schon als Kleinkinder hatten sie, wie bei Zwillingen oft üblich, eine Geheimsprache entwickelt. All das animierte mich, mich näher mit der Zwillingsthematik zu beschäftigen und dabei Interessantes zu entdecken. Nicht nur, dass diese Geheimsprache im Wissenschaftsbereich Kryptophasie heißt und aus erfundenen Definitionen, signifikanten Zeichen und Gesten besteht. Am interessantesten waren Studien über Zwillinge, die nicht gemeinsam aufgewachsen waren und zu Legenden der Wissenschaft wurden. Zum Beispiel die „Jim Twins“: Jim Lewis und Jim Springer wurden als Babys getrennt und trafen sich erst im Alter von 39 Jahren wieder. Dabei kamen erstaunliche Gemeinsamkeiten zutage. Beide Männer waren zweimal verheiratet, bei beiden Männern hieß die erste Frau Linda und die zweite Betty. Die Namen der Söhne waren auch fast identisch: James Alan und James Allen. Beide waren Heimwerker von Beruf, Kettenraucher und sie kauten an den Fingernägeln. Sogar die Arbeitsstellen waren gleich - erst arbeiteten sie an einer Tankstelle, später dienten sie als Hilfssheriff. Ein weiteres Zwillingspaar wurde durch die Minnesota-Studie berühmt, Jack Yufe und Oskar Stöhr. Diese eineiigen Zwillinge wurden in total unterschiedlichen Lebensverhältnissen groß. Jack bei seinem jüdisch orthodoxen Vater in Trinidad, Oskar bei seiner katholischen Mutter in Deutschland. 46 Jahre später trafen sie sich an der Psychologischen Fakultät der Universität von Minnesota wieder. Beide trugen ein blaues Sporthemd mit Schulterklappen, Pilotenbrille und ein paar Gummibänder am Handgelenk. Und beide hatten die gleichen eigentümlichen Marotten, zum Beispiel die Gewohnheit, in Aufzügen laut zu niesen. Bei einem Klassentreffen letztens sah ich auch Olivia und Jonathan nach vielen Jahren wieder. Beide gleich gekleidet, aber vom Gesicht und der Körperhaltung her schienen viele Jahre zwischen den beiden zu liegen. Und wieder einmal verschätze ich mich: Jonathan war der durchtrainierte, jünger aussehende Zwilling mit dem Pferdeschwanz, das älter wirkende, müde Gegenstück mit der Kurzhaarfrisur war seine Schwester Olivia. Was mich allerdings gleich wieder zu einer neuen Theorie veranlasste: Denn Jonathan war nach vielen Jahren als Anwalt spontan aus dem Beruf und Alltagstrott ausgestiegen und nun seit längerer Zeit Holzfäller in Kanada. Olivia verdiente sich ihr Brot als Influencerin im Modebereich und versuchte stets, auf jugendlich und superoptimistisch zu machen. War das, was wir sahen, also das Ergebnis eines Wettbewerbs Leben an der frischen Luft gegen das ewige Sitzen vor dem Computermonitor? Das sollte ich auf jeden Fall noch wissenschaftlich hinterleuchten.