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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Ein großes Organisationstalent

April 2019

Man kann mir ja vieles vorwerfen - aber bestimmt nicht, dass ich mich zu wenig um die Geselligkeit in unserer Hausgemeinschaft kümmere. Neben dem Schneiderkurs am Dienstag organisiere ich auch jeden Donnerstag die Seniorengymnastik. Irgendeiner muss ja mal anfangen, sich um solche Angebote zu kümmern. Zumal uns unser Vermieter die Räumlichkeiten dafür schon seit Jahren anbietet. Nach dem typischen Fremdeln am Anfang liefen dann meine beiden Kurse in guter Besetzung und es macht allen auch viel Freude. Keiner möchte den Termin in der nächsten Woche verpassen. Umso mehr frage ich mich, warum nicht auch mal jemand anderes so etwas auf die Reihe bringt, z. B. einen Fotokurs oder einen Lehrgang für Computeranwendungen. Daran hätte ich Interesse und würde gern teilnehmen - aber, obwohl wir die Leute mit dem nötigen Wissen und auch der nötigen Freizeit unter uns haben, ist bisher nichts passiert. Sollten wirklich alle meine Nachbarn Ignoranten oder Freizeitmuffel sein? Zum Glück kam mir die passende Idee. Ich lud meine Hausgenossen einfach alle zu Kaffee und Kuchen in unseren Freizeittreff ein. Viele waren noch nie hier - aber ich setzte darauf, dass sie kommen, wenn es etwas Kostenloses gibt und man nichts weiter machen muss. Allerdings konnte ich überhaupt nicht abschätzen, wie viele meine Einladung annehmen würden. Würde ich auf meinem Berg Kuchen sitzenbleiben und ihn in den nächsten Wochen alleine aufessen müssen - oder würde er vielleicht gar nicht reichen? Versuch macht klug, sagte ich mir und legte los. Der kostenlose Kuchen mit Kaffee zog, der Raum war rappelvoll und wir hatten alle einen wunderschönen Abend. Ich weiß gar nicht, wie oft ich während dieser Stunden hörte, dass man sich viel öfter treffen sollte, wie schön es hier sei und dass man gar nicht gewusst habe, was für tolle Nachbarn man hat. Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Aber bevor alle nach Hause gingen, hatte ich ja noch einen Anschlag geplant. Mindestens fünf Leute wollte ich dazu bringen, sich als künftige Leiter eines Kurses zu verpflichten. Als sich dann acht Nachbarn dafür meldeten und mir sagten, wie sie sich schon freuen würden und dass sie das doch schon viel früher hätten machen können, war selbst ich gerührt. Allerdings hatte ich - mit so einem schnellen Sieg konnte ja keiner rechnen - einen kleinen Fröhlichmacher in meinen Kuchen eingebacken, sodass ich nicht wusste, ob der stimmungsvolle Abend überzeugend war oder mein Kucheninhalt. Wie viel Interessenten sich auch ohne mein Hilfsmittel gemeldet hätten, werde ich also nie erfahren. Aber egal - wichtig ist nur, was hinten rauskommt. Und das hat sich gelohnt - seit einigen Wochen hat bei uns ein reges Freizeitleben begonnen. Da stellt sich mir nur die Frage: Warum nicht gleich so?