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Die Monats-Kolumne von Hermine Kümmerlinde

Da beißt die Maus keinen Faden ab

Dezember 2018

Redewendungen verfolgen mich seit meiner Kindheit. Oft war ich total ratlos, wenn mir meine Mutter einen solchen Spruch offerierte. Und das tat sie recht häufig. Ob eine Eselsbrücke gebaut werden sollte oder ich eine Milchmädchenrechnung gemacht hatte - der Inhalt solcher Aussagen blieb mir verschlossen - oder noch schlimmer, ich interpretierte ihn im wahrsten Sinne des Wortes. Was sollte ich mir schon vorstellen unter „Da beißt die Maus keinen Faden ab“? Nie wäre ich darauf gekommen, dass das bedeutet, dass eine Sache unabänderlich ist, kein Weg mehr daran vorbeiführt. Ich suchte sogar Jacke und Pullover nach losen Fäden ab, nur um den Mäusen keinen Angriffspunkt zu bieten. Oder der Spruch „Das geht auf keine Kuhhaut“. Dieser Redensart liegt die mittelalterliche Vorstellung zugrunde, der Teufel würde die Missetaten und Verfehlungen der Menschen aufschreiben, um nach deren Tod über Beweismaterial beim Kampf um ihre Seele zu verfügen. Pergament wurde seit dem Altertum aus Tierhäuten hergestellt - im Normalfall von Kälbern, Schafen oder auch Ziegen. Die Redewendung verwendet die Kuhhaut, weil sie eine große Fläche bietet. Wenn also etwas auf keine Kuhhaut mehr passt, dann ist das Maß voll. Und wenn ich etwas stehenden Fußes tun sollte, fragte ich lieber auch nicht nach, was damit gemeint war - schließlich will man ja nicht ständig als dumm erscheinen. Angst hatte ich nur, wenn ich meine Mutter zu meiner Großmutter sagen hörte, dass mal wieder das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Da verzichtete ich lieber vorsorglich ein paar Tage auf eine gründliche Reinigung - der Bammel vor dem Abfluss war einfach zu groß. Meine Großmutter sagte immer, Rache ist Blutwurst. Und so räche ich mich heute an jungen, ahnungslosen Menschen, indem ich ihnen auch solche Redewendungen vor die Füße werfe. Obwohl sie immer auf selbstbewusst hoch drei machen - nach der Bedeutung traut sich heutzutage auch keiner zu fragen. Ob ich ihnen sagte, dass sie mal wieder in der Zwickmühle stecken, von Tuten und Blasen keine Ahnung haben und irgendwann die Zeche zahlen müssen, ich blickte stets in große, fragende Augen. Erklären nutzt meist auch nichts - sie können es sich ja nicht von zwölf bis Mittag merken. Aber ich will ja niemandem auf den Schlips treten oder etwas ans Zeug flicken, vielleicht wetzen sie eines Tages ja doch noch die Scharte aus. Und wenn sie später den Wald vor lauter Bäumen doch nicht sehen, werden sie halt eines Tages zur Sau gemacht und in die Wüste geschickt. In meinem Freundeskreis jedenfalls kenne ich meine Pappenheimer und werde auch künftig meine Botschaften nicht durch die Blume sagen oder aus meinem Herzen eine Mördergrube machen. Auch wenn ich danach wie so oft zur Minna gemacht werde. Manchmal steckt man eben zwischen Baum und Borke. Aber das alles ist kein Grund, das Handtuch zu werfen. Wer Hinz und Kunz kennt, beißt nun auch manchmal auf Granit und gerät ins Hintertreffen, da beißt die Maus eben keinen Faden ab. Neben guten Redewendungen halte ich es aber auch mit guten Sprichwörtern und kombiniere diese gern untereinander. Mein aktueller Favorit ist: Wie man sich bettet, so schallt es heraus.