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Ein Arzt für alle Fälle

März 2017

Vor nicht allzu langer Zeit bekam ich so etwas höchstens von Nachbartischen in Gaststätten oder Cafés mit. Oder früher bei Familienfeiern, wenn ich in der Ecke mit den alten Tanten und Onkels saß: den intensiven Austausch über Zipperleins, bevorzugt natürlich über die eigenen. Nun saß ich beim wöchentlichen Kaffeeklatsch mit meinen Freundinnen, als ganz plötzlich das Gespräch auf Ärzte kam. Sollten wir etwa doch schon in das Alter kommen, in dem man erst ein bisschen und dann nur noch über seine Gebrechen spricht, dachte ich mir. Wahrscheinlich war es aber nur eine Vorstufe auf dem Weg dahin, von der ich noch nichts gehört hatte. Denn erst einmal drehte es sich nur um Ärzte. Zuerst die aus den zahlreichen Ärzteserien, bei denen scheinbar alle außer mir schon sehnsüchtig auf die nächste Folge warteten. Wie ich erstaunt feststellte, hatten sich meine engsten Freundinnen inzwischen zu Experten für den Krankenhausbetrieb sowie sämtliche Behandlungsmethoden entwickelt. Vor allem aber für das Seelenleben von Ärzten. Jede von ihnen hatte, was mich sofort an nerviges Teenagergebaren erinnerte, ihren eigenen Schwarm. Sogar auf die Karbolmäuschen, also die süßen Krankenschwestern in den Serien, waren sie eifersüchtig wie ein Kakadu. „Woher kommt denn auf einmal diese Sehnsucht, Geliebte eines Arztes zu sein?“, fragte ich arglos dazwischen. „Mensch, Hermine, bist Du wirklich so naiv“, bestürmte mich die ganze Runde gleichzeitig und versuchte, mir die Vorteile der Liaison mit einem Arzt zu erklären. „Stell Dir nur einmal vor“, sagte Daphne „was Dir geboten wird, wenn Dich ein Chefarzt mit in den Urlaub nimmt. Eine Karibikrundreise auf einem 5-Sterne-Schiff ist das mindeste.“ Gloria erzählte, sie baggere seit einem halben Jahr bei ihrem Zahnarzt. Der sei geschieden und suche jetzt ständig nach Zerstreuung. Sein neuestes Hobby sei, sich durch die Sterne-Küche Deutschlands zu essen. Da die Begleitperson zu sein, wäre doch himmlisch. Und Petra erzählte von einem Chirurgen, der durch Schönheits-OPs im Geld schwimme und auf der Suche nach der Richtigen sei. Wie sie auf die Idee kam, dass sie das sein könne, war mir allerdings schleierhaft. „Aber der hat doch gar keine Praxis“, warf ich schon halb verschüchtert ein, nur um auch wieder einmal etwas zu sagen. „Hast Du eine Ahnung!“, entgegnete Petra zum verzücktem Blick, „Ärzte sind die perfekten Liebhaber, schon durch ihre anatomischen Kenntnisse.“ Damit ich künftig auch mitreden könne, sollte ich mir schnellsten einen festen Arzt zulegen, entschied unsere Kaffeerunde - ich gab also nach und beugte mich dem Mehrheitswillen. Letztlich sollte ich mich zwischen zwei Ärzten entscheiden: Dr. Schnipp, einem Spitzenarzt, und Dr. Schmus, einem Spitzen-Casanova. Pragmatisch wie ich nun einmal bin, entschied ich mich für beide. Seitdem habe ich einen Arzt für den Fall, wenn ich einmal etwas habe - und einen dafür, wenn mir einmal etwas fehlt.

Ich war ein Baby Shower

Februar 2017

Neulich hatte mich meine Nichte zu einem vorfreudigen Ereignis eingeladen – zu einem Baby Shower. Nun gut, dachte ich - sie ist im siebten Monat schwanger und will uns ein paar Ultraschallaufnahmen des Nachwuchses bei Kaffee und Kuchen präsentieren. Jedenfalls interpretierte ich das Motto der Einladung so. Als ich ankam, war die Wohnung schon voll von jungen Frauen. Freundinnen und Arbeitskolleginnen, sagte meine Nichte Juliane. Und mich als etwas älteres Semester hätte sie eingeladen, weil ich immer so cool sei. Früher hätte man wohl Anstandsdame gesagt - aber das gibt es ja heute nicht mehr. Anstand, meine ich natürlich. Und richtige Damen eigentlich auch nicht. Na gut dachte ich mir, mach dir keine Gedanken, feiere einfach fröhlich mit. Aber da hatte ich mich wohl geschnitten. Denn an Feiern hatte die Gastgeberin nicht im Geringsten gedacht. Das merkte ich als erstes daran, dass jeder sein komplettes Essen, Trinken und ein Geschenk an das zukünftige Baby mitgebracht hatte. Da sah ich mit meinem Blumenstrauß für die Gastgeberin ziemlich alt aus. Die anderen Gäste beäugten mich heimlich wie einen Besucher von einem anderen Stern - wahrscheinlich hatten sie Angst, dass sie mir etwas von ihrem Essen abgeben müssten. Ist halt eine andere Generation, dachte ich mir. Gelesen hatte ich ja schon viel von der egozentrischen, sich wohl nur selbst als so unwahrscheinlich kreativ empfindenden Generation Y. Wenigstens gibt es etwas zu beobachten, was ich später mit meinen Freundinnen beim Kaffeeklatsch auswerten kann, dachte ich mir. Kaffee, Kuchen, Häppchen gab es nicht - trotzdem hatte meine Nichte diesen Tag wochenlang akribisch vorbereitet. Mit der passenden Farbe von Stiften und Notizblättern - und der Zuteilung einer individuellen Aufgabe für jeden Einzelnen. Ihr Kopf sei die letzten Wochen hormonbedingt leer wie ein Sieb, sagte sie, dabei gäbe es doch noch so viel zu planen. Diese Aufgabe war nun uns Gästen zugedacht. Zuerst wurden wir in Arbeitsgruppen eingeteilt: Pränatale Phase, die ersten Monate nach der Geburt, Begleitung einer gesunden Entwicklung bis zur Einschulung und die Berufswahl. Letzteres kam mir zu - weil ich die Arbeitswelt mit ihrem rasanten Wandel schon am längsten kenne. Nun legten alle los, denn jeder wollte den Vorschlag präsentieren, bei dem es den meisten Applaus gibt. Nach einem gemeinsamen Brainstorming, ständigen hyperaktiven Wortmeldungen zum absolut besten Einfall des Tages und einer Tombola, bei wem Runde zwei der Veranstaltung kurz vor der Geburt stattfinden sollte, wurde eine Liste der besten Vorschläge zusammengestellt: Täglich zwei Stunden Mozart hören, damit das Kind schon musisch vorgebildet zur Welt kommt. Eine chinesische Kita aussuchen, damit das Kind von Anfang an international und zweisprachig aufwächst. Ein Konto anlegen, auf das die gesamte Verwandtschaft monatlich einzahlt, damit Klein-Urmel zum achtzehnten Geburtstag in ein eigenes Haus einziehen könne. Psychologischen Beistand spätestens mit der Schuleinführung garantieren. Und von Anfang an einen promovierten Lern-Coach engagieren, damit das Einser-Abitur rundum abgesichert sei. Als ich dann mit meinem Vorschlag kam, erst einmal abzuwarten, wie der, die oder das Kleine gedeiht, ihm auch genügend Freiheiten zu lassen und dann später mal sehen, was aus ihm werden könne, starrten mich rundum entsetzte Augen an. Und meine Nichte sagte, von mir hätte sie nicht erwartet, dass ich so verpeilt und realitätsfern sei. Zur zweiten Runde der Veranstaltung wurde ich nicht eingeladen. Was soll ich dazu sagen? Manchmal bin ich einfach nur froh über das, was ich mir nicht mehr antun muss.

Ich kauf mir eine Pekingente

Januar 2017

Ein Haustier wünsche ich mir eigentlich schon lange. Als Kind hatte ich zwar einmal einen Goldhamster. Aber eines Tages musste ich ihn beim Rundendrehen in seinem Rad zu sehr angespornt haben. Jedenfalls lief er am nächsten Tag nicht mehr rund – ehrlich gesagt, er lief gar nicht mehr. Danach bekam ich noch einmal eine Schildkröte als Geburtstagsgeschenk. Irgendetwas musste ich bei den Pflegehinweisen jedoch falsch verstanden haben. Denn sie erwachte nicht wieder aus ihrem Winterschlaf, obwohl ich sie tief genug in der Sandkiste eingebuddelt hatte. Das sprach sich wohl in der Verwandtschaft herum – jedenfalls bekam ich von da an kein Haustier mehr geschenkt. Nur noch eine Aufziehmaus von meiner Oma Emilie und ein Schaukelpferd von meinem Patenonkel Helmut. Kein Wunder also, dass in mir immer wieder einmal der Wunsch nach einem tierischen Begleiter aufflackerte. Ein Pferd scheiterte an den hohen Kosten. Eines Tages war ich schon drauf und dran, mir einen Hund zuzulegen. Susi aus dem zehnten Stock hatte mich auf diese Idee gebracht. Versuch es doch mal mit einem Blindenhund, sagte sie, die sind immer bestens erzogen. Das gefiel mir – da würde ich mich mütterlich kümmern können. Denn so ein blinder Hund findet sich ja noch schlechter im Alltag zurecht als ein Mensch, schon, weil er mit einem Stock nicht richtig umzugehen weiß. Aber der Betreuungsaufwand hielt mich dann doch von der Anschaffung eines Hundes ab. Der Gedanke, einen tierischen Freund zum Quatschen zu haben, ließ mich jedoch nicht mehr los. Vielleicht ein Papagei? Aber da kamen mir gleich in zwei Richtungen Bedenken. Erstens, dass er bei meinen Freundinnen Geheimnisse ausplaudert, die mir unangenehm wären. Und zweitens, dass er mehr redet als ich. Auch zu Fischen konnte ich mich nicht überreden. Sie sollen zwar sehr pflegeleicht sein, alle paar Tage ein bisschen Futter ins Wasser geben – und gut. Aber zum Glück fiel mir noch ein, dass man ständig das Wasser wechseln und das Aquarium putzen müsste. Das wollte ich mir nun auch nicht antun. Und ehe ich auf die Idee hätte kommen können, mir eine Katze zu kaufen, wurde meine Freundin Daggi von ihrer ach so zahmen Mieze so toll gebissen, dass sich noch heute bei jedem Wetterumschwung ihre Narben melden. Von der Anschaffung einer Katze war ich also a priori geheilt. Eine Lösung für meine Tierliebe ergab sich dann rein zufällig, als ich eines Tages mit einigen Freundinnen wieder einmal bei meinem Lieblingsasiaten zum Mittagessen war. Zur Feier des Tages hatten wir uns eine ganze Pekingente gegönnt. Schon die Wartezeit auf dieses leckere Essen ließ uns zu Höchstform auflaufen und wir hatten einen wahnsinnigen Spaß. Das Essen selbst war Genuss pur. Da sagte auf einmal eine Stimme in mir: Hermine, was willst Du Dich eigentlich ständig mit einem eigenen Haustier rumärgern? Du schränkst Dich in Deiner Bewegungsfreiheit ein und gibst eine Menge Geld aus. Wenn Dich die Tierliebe einmal ganz gewaltig übermannen sollte, dann kannst Du Dich auch temporär einem Tier widmen. So wie jetzt eben. - Seither halte ich es auch so. Ich streichle die Katzen in meinem Bekanntenkreis, nehme mal einen Wellensittich für eine Woche zu mir oder führe den Hund der Nachbarin aus. Aber wenn mir der Sinn nach etwas Eigenem steht, dann hole ich mir eine Ente. Denn nicht umsonst heißt es: Ente gut – alles gut!

Die heiße Schlacht am kalten Buffet

Dezember 2016

Vor kurzem war ich mal wieder auf meiner Lieblingsinsel Urlaub machen – na klar, auf Mallorca! Komischerweise ist das für viele Mitbürger immer noch identisch mit Ballermann, Komasaufen und Wollust wie im Alten Rom. Natürlich kommt so ein verrufener Ort auch für mich nicht in Frage – da gibt es noch viele Kriterien und Filter zu überwinden, ehe ich mich endgültig für einen Urlaubsort entscheide. Überlaufen sollte er nicht sein, keine Hochhausbettenburgen aneinanderreihen – und möglichst sollte man nicht auf allzu viele Landsleute treffen. Seit ein paar Jahren versuche ich auch, die Bewertungen über Ort und Hotel mit einzubeziehen, sie richtig zu deuten und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. So kam ich nun letztens in ein schönes Hotel mit dem vielversprechenden Namen La Olè. Alles stimmte – vom Meerblick bis zur Mischung des Publikums. Die Landsleute waren fast ausschließlich Schwaben und gingen daher schon rein sprachtechnisch als Ausländer bei mir durch. Was mich aber besonders gelockt hatte, waren die Lobeshymnen auf das abendliche Buffet. Am ersten Abend erschien ich schon fünf Minuten vor der Öffnungszeit – schließlich wollte ich ja vor vollen Töpfen und Schüsseln stehen. Als ich reinkam, waren schon fast alle Tische besetzt, am Kaffeeautomaten stand eine lange Schlange und an der Ausgabe für die warmen Speisen stand ein Schild „Wegen Krankheit des Koches eingeschränkter Betrieb“. Was sollte das, war ich im falschen Film? Na gut, kann ja nur besser werden, sagte ich mir. Dann isst Du Dich am ersten Abend eben mit spanischer Salami und Schinken voll. Als ich dort ankam, teilten gerade zwei Männer – die allerdings das Gewicht von acht besaßen – die Bestände unter sich auf. Auf mein zaghaftes „Könnten Sie mir vielleicht auch ein paar Scheiben davon rüberreichen?“ bekam ich die schroffe Antwort „Mir gebbed nix!“ Mein Hungergefühl wich nun langsam der Ernüchterung. Sollte ich mich so vertan haben? Am nächsten Abend war es sogar noch schlimmer. Ein Wasserrohr in der Küche war geplatzt, als Essen gab es nur eine Notration und zum Sitzen musste man anstehen, weil nur noch acht Tische im Trockenen standen. Nun ging ich also noch einmal auf die Website des Hotels und las die ganzen Beurteilungen erneut. Warum zum Teufel bemerkte ich den ironischen, teilweise sogar zynischen Unterton bei all den Lobpreisungen erst jetzt? Mein Abendbrot nahm ich in den nächsten Tagen nur noch in den zahlreichen Gaststätten der Umgebung ein. Aber so lecker es da auch war, so teuer war es auch. Denn das Abendessen ab meinem dritten Tag kostete mehr als mein gesamtes Urlaubspaket. Am Ende meines Urlaubs war ich also pappesatt und beschloss: Im nächsten Jahr nehme ich ein Ferienhaus und koche selbst!

Von der Vergangenheit überholt

November 2016

Viele Jahre waren wir unzertrennlich, meine Nachbarin und Freundin Theresa und ich. Sie ist eine Frohnatur und daher stets gut gelaunt und abenteuerlustig. Nie hat sie lange dazu gebraucht, mich zu überreden, etwas Tolles mit ihr zu unternehmen. Neulich jedoch fiel mir plötzlich auf, dass immer ich es war, die gezahlt hatte. Eintrittskarten, Fahrkarten, das Essen und überhaupt alles, was wir für unterwegs immer dabeihatten. Irgendwie musste sie das bisher mit ihrer lockeren Leichtigkeit überspielt haben – denn es war mir noch nie aufgefallen. Bis letztens eben, da waren wir bei einem Ausflug schön essen und ich wollte wie immer aus alter Gewohnheit zu meinem Portemonnaie greifen – aber da war nichts. Ich hatte zu Hause vergessen, es einzustecken. Als ich zu Theresa sagte, sie solle doch bitte bezahlen, gab es auf einmal richtig Krach. Wieso denn sie, sie hätte ja schließlich schon die gute Idee zu diesem Trip gehabt und auch kein Geld dabei. Ich solle doch ein Pfand hinterlegen und dann das Geld später vorbeibringen. „So geht das nicht.“, entgegnete ich ihr, „Das ist nicht okay.“. Schließlich bedeutet Freundschaft ja ein gegenseitiges Geben und Nehmen – und wann sie eigentlich gedenke, mir die 10.000 Euro zurückzugeben, die ich ihr vor einem Jahr geliehen hatte. Nun war Stille, und zwar für genau einen Monat. Dann erhielt ich einen Brief von ihr, in dem sie mir, ihrer besten Freundin, mit einem Anwalt drohte. Sie wollte inzwischen herausgefunden haben, dass ihre Urururgroßmutter in ihrer Jugend mit meiner Urururgroßmutter befreundet war. Angeblich hat sich meine Verwandte damals bei ihrer Freundin 5.000 Taler geborgt, das Geld aber nie zurückgezahlt. Theresa hatte die Summe auf heutige Verhältnisse hochgerechnet und die Zinsen ermittelt. Nun wollte sie von mir als Erbin rund 750.000 Euro haben. Und zwar innerhalb von drei Monaten, gerne auch in drei Monatsraten. Natürlich solle unsere Freundschaft wegen dieser kleinen Querelen nicht leiden und künftig werde sie die Kosten bei unseren Unternehmungen natürlich auch gerne ab und zu einmal übernehmen. - So eine Frechheit – mir blieb glatt die Spucke weg! Als Erstes recherchierte ich im Internet, ob in dieser Sache wirklich etwas auf mich zukommen könnte. Schließlich wollte ich keine griechische Tragödie erleben! Zum Glück sagten mir dann noch ein paar Juristen übereinstimmend, dass ich mir überhaupt keine Sorgen diesbezüglich machen müsse. Also beendete ich für mich das Thema Theresa ein für alle Mal. Nach einer Weile stellte ich aber doch noch einen großen persönlichen Verlust fest – den Verlust einer langjährigen guten Freundschaft. Auch wenn ich nur ausgenutzt wurde, war es doch eine schöne Zeit. Ich beschloss, bei künftigen Bekanntschaften besser aufzupassen. Denn wieder einmal hatte meine Großmutter recht, die immer sagte: Seine Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen – seine Freunde schon.

Coffee & Co. to go

Oktober 2016

Nur Coffee to go, das war einmal. Heute dagegen gibt es so ziemlich alles to go: Pizza, Suppe, überdimensionierte Leberkäs-Semmeln mit unendlichen Mengen Senf und und und. Die wenigsten Mitbürger essen dann ihr Togo einfach so beim Gehen – nein, der beliebteste Platz zum geräuschvollen Verzehr scheinen inzwischen die öffentlichen Verkehrsmittel zu sein. Da wird dann gespeist, als wäre man ganz allein auf weiter Flur. Dabei wird getropft und gekleckert, dass die Bahnen eigentlich fünfmal so viele Reinigungskräfte bräuchten wie noch vor ein paar Jahren. Was ich neulich in der U-Bahn erlebt habe, das hat dem Fass wirklich fast den Boden ausgeschlagen. Mir gegenüber saß ein junger Mann mit einem kleinen Köfferchen auf den Knien. Plötzlich, bei voller Fahrt, öffnete er es und zauberte eine Bratpfanne und einen Gaskocher hervor. Zündete diesen an und begann ganz unbekümmert, sich ein Spiegelei mit Speck zu braten - mitten im U-Bahnabteil! Begeistert sah er zu, wie das Fett spritzte und fröhliche Ei- und Speckstückchen durch die Gegend flogen, die sich auf den Kleidungsstücken der Mitreisenden verteilten. Zum Glück war ich gerade auf dem Nachhauseweg und konnte gleich unter die Dusche gehen. Auf Arbeit oder zu einem Besuch hätte ich mich so nicht getraut – ich sah aus wie ein Schwein, das sich gerade gesuhlt hatte. Wieder einmal erwischte ich mich dabei, wie ich dachte: Früher gab es so etwas nicht, da hatten alle noch Manieren! Dummerweise erinnerte ich mich in diesem Moment an eine meiner Phasen, in der ich Bekannte und Fremde gleichermaßen mit meiner Ungeschicklichkeit - oder sollte man es Dödligkeit nennen? - beglückte. Vom Heißen-Kaffee-in-den-Ausschnitt-Schütten bis Den-Windbeutel-ins-Gesicht-Drücken. Na gut, das war früher. Vergessen und vorbei. Aber diese Togo-Bewegung - wo kam die wohl plötzlich her? Ob das wohl etwas mit dem afrikanischen Land Togo zu tun hatte? Ich beschloss, meine Wissenslücke an dieser Stelle zu schließen. Vielleicht ist das dort ein ganz eiliges Volk, immer auf Achse und somit ohne Zeit, einmal in aller Ruhe am Tisch zu speisen? Das mit dem Tisch erwies sich schnell als Irrtum. Aber dann wurde ich fündig. Denn in Togo wird typischerweise mit der Hand gegessen. Dazu nimmt man ein kleines Stückchen Fufu - also einen festen Brei aus Yams und Kochbananen - in die rechte Hand. Das formt man zu einem Bällchen, drückt mit dem Daumen eine kleine Vertiefung hinein und kann so sein Gemüse löffeln. Gut, dass sich das bisher noch nicht bis zu uns herumgesprochen hat. Wenn alle, die noch nicht einmal ihren Döner oder ihr Pizzastückchen zusammenhalten können, eines Tages auf echte Togo-Kost umsteigen sollten - dann können wir normalen Fahrgäste uns aber eine Pfeife anstecken!

Wer nicht klagt, ist selber schuld

September 2016

Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit hört man die Leute heute sagen, dass sie ohne ihren Anwalt nun nichts mehr sagen würden. Nur ich klage nicht, obwohl es aus meiner Sicht Tag für Tag mehr als genug Anlass dafür gäbe. Das scheinen auch viele meiner Mitmenschen genauso zu sehen. Ich kann fragen wen ich will – den Herbert, die Gretel, die Josefine, auch Josi oder Fini genannt: Auf mein „Na, wie geht es.“ scheint es nur zwei Standardantworten zu geben. „Beschissen wäre geprahlt.“ oder „Ich kann nicht klagen.“. Wobei mir erstere dann meistens erzählen, wo sie gerade wieder Urlaub gemacht haben oder dass sie eine tolle – sprich teure – Anschaffung gemacht hätten. Und die, die angeblich nichts zu klagen hätten, fangen dann übergangslos an, mir ihr ganzes Leid zu schildern, und finden gar kein Ende mehr. Da stellt sich dann doch wirklich die Frage, warum die Menschen um einen herum nicht mehr zufrieden sein können – oder wollen. Alle haben mehr, als sie brauchen und trotzdem nimmt der Futterneid ständig zu. Da könnte ja jemand sein, der noch mehr hat. Und der hat das bestimmt nicht so verdient wie man selbst. Über all das machte ich mir meine Gedanken und fragte mich, ob man all das persönliche Leid nicht kollektivieren könne. Es heißt doch so schön: Geteiltes Leid ist halbes Leid. In irgendeiner Form müsste man das Leid doch weiterdelegieren können, so wie man seine Sorgen an die Sorgenpüppchen abgibt. Denn das geht ja ganz einfach. Den Puppen abends seine Sorgen mitteilen, sie in ein Säckchen stecken, unters Kopfkissen legen – und am nächsten Morgen ist alles wieder in Ordnung. Als ich mich an die Umsetzung machte, merkte ich, dass es das alles schon einmal gegeben hat oder noch gibt. Zum Beispiel die Klageweiber. Aber hatten die sich ihre gewerbsmäßige rituelle Totenklage nicht immer gut bezahlen lassen? Wie sollte man da jemanden gewinnen, der das ganze Leid auch noch unentgeltlich auf sich abladen ließ? Vielleicht könnte man aber auch in jeder größeren Stadt eine Klagemauer errichten, an der jeder seinen ganzen Frust verbal abladen kann. Ich wusste einfach nicht, für welche Idee ich mich begeistern sollte. Dann allerdings traf ich einen Anwalt, der mir sagte, er könne nicht klagen. Da erkannte ich, was wirkliches Leid bedeutet und sagte ihm, ich wolle ihm helfen. Denn Grund zum Klagen habe ich, wie gesagt, wahrhaftig genug – aber leider fehlt mir dazu das nötige Kleingeld.

Ich habe einen Weber-Grill

August 2016

Heute weiß ich gar nicht mehr, wer mir den Gutschein geschenkt hatte – zur Teilnahme an einem Grill-Lehrgang für Profis. Es sollte eine kulinarische Reise durch die internationale Grill- und Barbecuewelt mit einem bekannten Markenhersteller werden. Natürlich mit Holzkohle und nur mit Fleisch. Schließlich ist Tomaten- und Paprikagrillen weder eine Herausforderung noch eine Kunst. Egal, wie schwarz es wird – es schmeckt immer noch besser als ein Tofuschnitzel oder eine Sojawurst. Nach dem Lehrgang machte ich mich gleich auf die Suche nach einem guten Grill. Aber allein die Auswahl war – zumindest für mich – fast eine Wissenschaft. So wie der Golfprofi vor jedem Schlag wissen muss, nach welchem Eisen er zu greifen hat, sollte ich nun zielsicher den geeigneten Grill für mich finden. Und das, obwohl ich noch nicht einmal richtige Unterschiede zwischen Modellen wie Spirit, Master-Touch, Performance oder Q 2000 erkennen konnte. Schließlich siegte auch bei dieser Entscheidung mein soziales Herz und ich kaufte mir ein kleines Dickerchen – einen 57er Kugelgrill. Mit der 57 konnte ich zwar nichts anfangen – für das Baujahr war er zu neu, für den Durchmesser zu groß und für das Gewicht zu leicht. Jedenfalls beschloss ich, mein erlerntes Wissen anzuwenden und meinem gesamten Hausaufgang ein fleischliches Erlebnis zu bescheren. Meckerer sollten bereits am Tatort abgeschreckt werden – ich hatte einen großen Aufkleber mit der Aufschrift „Veganer Klappe halten“ am Grill befestigt. Meine Nachbarn saßen bereits um den Grill herum, als ich noch beim Anfeuern war. Ich hatte die untere Hälfte des Grills gut mit Holzkohle bestückt – erstaunlich, was so alles in eine Halbkugel passte. Schließlich war es so viel, dass ich vier Flaschen Grillanzünder brauchte, um das Material genügend zu tränken. Erst passierte gar nichts – aber dann ging es los: Der Grill fing an zu pfeifen und zu wackeln, bis er auf einmal abhob, wie eine Kanonenkugel gen Himmel sauste und von oben den gesamten Dreck über meine Gäste entleerte. Zum Glück kam niemand ernsthaft zu Schaden. Aber es war halt wieder einmal so weit. Statt von allen gelobt zu werden, war ich erneut der Buhmann im Haus. Aus dem Fleisch machte ich am nächsten Tag einen Riesentopf voll Gulasch und konnte mein Ansehen so wieder ein bisschen aufbessern. Und mein Grill? Nun ja, Beine und Grillrost waren noch voll intakt und stabil. Nur die Kugel hatte es komplett zerfetzt. Vielleicht war die 57 ja ein Hinweis auf die Explosionskraft. Wegwerfen wollte ich die Reste des Grills natürlich nicht – und so baute ich ihn als findige Bastlerin zu einem Webrahmen um. Denn dieses Handwerk wollte ich schon immer einmal erlernen. Einen passenden Namen für das neue Gerät fand ich dann auch ziemlich schnell: Weber-Grill.

Ich hol das Optimale raus

Juli 2016

Ich war immer guter Laune, Tag für Tag. Bis in unserem Haus dieser Life-Personal-Coach auftauchte und von Tür zu Tür ging. Er drückte meinen Nachbarn und mir seine Broschüre „Selbstoptimierung – jeder hat das Zeug dazu“ in die Hand und wollte gleich persönliche Beratungsstunden vereinbaren. Nur einem kleinen Kreis um mich herum gelang es, sich dem zu entziehen. Nun sehen wir mit Entsetzen, was aus unseren Nachbarn beim Perfektionieren wird, und sehnen uns danach, wie schön es war, als sie noch alle mit ihren vielen Fehlern herumliefen. Seit fünf Jahren waren die Watzkes ein glückliches Ehepaar. Bis sie ihre Ehe jetzt mittels eines 20-seitigen Fragebogens hinterfragten und dabei feststellten, dass es so gut wie nichts gibt, was sie verbindet. Frau Watzke ist jetzt erst einmal für ein halbes Jahr ausgezogen, um sich selbst zu finden und nach verbindenden Elementen zu suchen. Oder unser gemütlicher Herr Söhnke. Hatte stets Zeit, einen kleinen Schwatz mit einem zu halten. Nun rennt er immer mit seinem Schrittzähler am Arm an mir vorbei und ruft, er müsse noch mal richtig ran vor Feierabend. Vorige Woche hat ihm sein Betrieb gekündigt, weil er seine Mittagspause täglich um mindestens eine Stunde überzog. Genauso schlimm steht es um die junge Sandra aus dem dritten Stock. Sie war immer ein unbekümmerter, fröhlicher Teeny, der in den Tag hineinlebte. Nach dem Coaching hat sie sich nun plötzlich entschieden, rundum so richtig gesund zu leben. Nicht nur, dass sie ihre Ernährung komplett auf Fleischbrühe umgestellt hätte und sich nun Brühgarier nennt. Sie läuft auch ständig mit Notizbuch und Stift durch die Gegend, um das Gleichgewicht zwischen Körper und Geist zu beobachten. Alles wird offengelegt und durchleuchtet. Wie viel und wie gut sie geschlafen hat, wie viele Kalorien wann und wo verbraucht wurden, wie hoch ihr Körperfettanteil ist, wie oft sie ihr Essen kaut, ob sie gute oder schlechte Laune hat und sogar ob …, na ja! Und das Ergebnis? Immer schlecht drauf, gebeugte Körperhaltung und eine Haut, die sie zwanzig Jahre älter macht. Da ist mir Frau Rosen schon lieber. Sie hat auf ihre eigene Selbstoptimierung verzichtet – zugunsten ihres Sohnes. Er ist jetzt ihr Projekt, ihr Lebenssinn. Mit einer App, von der der Kleine allerdings nicht die geringste Ahnung hat, überwacht sie seinen Tagesablauf. Er staunt nur, was seine Mutter alles über die Zeiten weiß, in denen er nicht zu Hause ist. Und dann wird er zwischen Hausaufgaben machen und Zubettgehen regelrecht dressiert. Ich warte nur noch darauf, dass sie ihn eines Tages an der Leine hinter sich herzieht. Und ich? Mir fällt es schwer, zu verbergen, was ich von diesem ganzen Selbstoptimierungskram halte. Zumal bei diesen ganzen Optimierern nicht wenige dabei sind, bei denen nichts zu optimieren ist. Da ist alles Erreichbare schon erreicht – wenn auch auf sehr niedrigem Niveau. Daher sage ich zu allen Selbstvermessern ganz klar: Macht nur, dann gibt es für mich immer was zu lachen. Für eine Sache würde ich mich aber wahrscheinlich sogar breitschlagen lassen, es zu tun. Als Maßstab für das Optimale zu dienen.

Wo ich bin, spielt die Musik

Juni 2016

Sie werden es nicht glauben – aber es ist mir schon sehr wichtig, stets den Ton anzugeben. Zumindest aber, immer das letzte Wort zu haben. Meine Nachbarn haben da zum Glück bisher auch immer mitgespielt. Bis eines Tages die Frau Kolophonia, eine an sich nette Geigerin aus der Etage über mir, ihr Orchester wechselte. Bis dahin hatte sie in einem der zahlreichen Sinfonieorchester unserer Stadt gespielt und ich hatte ihre täglichen Übungen eher als angenehm empfunden. Zumal ich bei Mozart und Haydn immer schön weggeschlummert bin und angenehme Träume hatte. Aber jetzt auf einmal war davon nichts mehr da. Wenn sie übte, wimmerte die Geige, als ob man einer Katze auf den Schwanz getreten wäre. Dann plötzlich wurde dieses Wimmern von kurzen, hohen und schrillen Tönen überlagert, die in einen sirenenähnlichen Ton übergingen. Dieser stand dann minutenlang im Raum und mein Geschirr fing an zu zittern und zu scheppern. So etwas konnte ich mir doch nicht bieten lassen - oder besser gesagt - wir uns. Denn bei solchen Fällen denke ich immer im Auftrag des ganzen Hausaufgangs und handle auch so. Also stieg ich die sechzehn Treppen hoch, klingelte bei Frau Kolophonia und erklärte ihr, dass die gesamte Hausgemeinschaft von ihrer neuen Art des Musizierens entsetzt sei und sie sich doch bitte woanders einen Übungsraum suchen solle. Bei mir hat sich noch keiner beschwert, sagte sie, ich wäre die Erste. Und das sicher auch nur, weil ich eine klatschsüchtige alte Vettel wäre und für moderne Kunst wahrscheinlich zu ungebildet. Denn ansonsten hätte ich sicher herausgehört, dass sie neuerdings Pendereckis unverwechselbare Tonsprache spiele, die mittels Vierteltonintervallen, Clusterbildungen und verfremdenden Spielanweisungen das traditionelle Instrumentarium dem Geräuschklang annähere. Außerdem spiele sie nie während der Ruhezeiten. Dann holte sie mich kurzentschlossen in ihr Wohnzimmer, schenkte mir einen guten Rotwein ein und spielte mir die Ouvertüre von „Die Teufel von Loudun“ vor. Nicht, dass es mir gefallen hätte – aber ihre volle Hingabe an ihr Instrument und die Kraft, mit der sie aber auch wirklich alles aus ihrer Geige herausholte, faszinierte mich. Als sie mir dann noch eine Karte für die erste Reihe zu einem Konzert ihres Orchesters im Schauspielhaus schenkte, war mein Ärger geschmolzen wie Schnee in der Sonne. Ich nahm es als Zeichen meiner Toleranz an - hatte nicht Tucholsky gesagt: Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat. So habe ich mich dann doch noch gütlich mit Frau Kolophonia geeinigt. Sie soll ruhig nach Herzenslust üben, darf sich auch weiterhin Kapellmeisterin nennen und das auf Arbeit auch ausspielen. Aber die erste Geige in unserem Haus spiele weiterhin ich!

Vom Regen in die Traufe

Mai 2016

Der Wetterbericht hatte einen dieser wunderschönen Frühsommertage vorausgesagt, an denen die Sonne bei angenehmen Temperaturen den ganzen Tag scheint. Daher hatte ich mir einen ausgedehnten Ausflug ins Berliner Umland vorgenommen. Baden, picknicken, allein in der Sonne liegen und die Natur genießen. Als ich am Morgen wach wurde, traute ich jedoch meinen Ohren nicht. Statt lieblichen Vogelgezwitschers war es stockdunkel in meiner Kemenate und Regentropfen trommelten pausenlos an mein Fenster. Ich stand auf und schaute fassungslos
hinaus. Schlagartig war mir klar, dass das das Wetter für den ganzen Tag sein würde. Nix mit Baden, nix mit Picknick, nix mit Faulenzen in der Sonne, obwohl mir der Wetterbericht vom vergangenen Abend genau das versprochen hatte. Meteorologe hätte ich werden sollen, dachte ich mir. Morgens aufstehen, den Finger aus dem Fenster halten und einen Wettertipp abgeben – der ja bekanntlich oft danebenliegt und trotzdem kaum jemanden aufregt. Aber dann viel Freizeit haben, viel Geld verdienen und – wofür auch immer – beruflich geachtet sein. Jedenfalls musste ich aufgrund der gestrigen meteorologischen Fehlleistung nun schnell umdisponieren. Zu Hause etwas machen, was Spaß und Entspannung bringt. Seit Jahren hatte ich mein Lieblingsspiel nicht mehr gespielt. Aber wo hatte ich es hingepackt? Bestimmt in mein Regal, das von Büchern und Freizeitsachen fast überquoll. Das Suchen in den vielen Sachen, die sich von Monat zu Monat höher türmten, war eine Höllenarbeit von fast zwei Stunden. Das Spiel hatte ich zwar nicht gefunden, aber dafür ein picobello aufgeräumtes Regal. Was nun, sagte ich mir. Bald haben wir wieder Kostümball im Haus, da kann ich mir schon mal Kleidungsteile zusammenstellen und Stoffreste raussuchen, aus denen ich mir etwas nähen konnte. Und da ich ziemlich genaue Vorstellungen von meinem Kostüm hatte, wusste ich auch, was ich zu suchen hatte. Nach einer Stunde sah es bei mir aus wie auf einer Müllhalde, aber etwas Passendes hatte ich noch nicht gefunden. Ein paar weitere Stunden, inzwischen wurde es schon Abend, saß ich auf meinem Fußboden, hatte auch das Material für mein Kostüm zusammengestellt – aber noch nichts getan, was man gern in seiner Freizeit macht. Dafür aber eine rundum saubere und ordentlich aufgeräumte Wohnung. Sollte ich den Meteorologen dafür etwa noch dankbar sein? - Jedenfalls habe ich schon immer gewusst, dass es Berufe gibt, die - aus welchen Gründen auch immer - positiver eingeschätzt werden, als es ihr Personal hergibt. Wie man sieht, sind das nicht nur die Lehrer – mindestens die Meteorologen gehören auch dazu.

Und wieder war ein Apfel schuld

April 2016

Schon als sie vor zwei Jahren hier einzog, dachte ich bei unserer jungen Frau Lembaz aus dem Haus, sie müsse Schneewittchen sein. Denn ihre Haut ist so weiß wie der Schnee, ihre Lippen sind so rot wie Blut und ihr Haar ist so schwarz wie Ebenholz. Immer nett, immer ganz bescheiden. So ähnlich wie ich eben. Nur schade, dass sie so wenig Kontakt zu den Leuten im Haus hat. Immer, wenn sie aus dem Büro nach Hause kommt, verschwindet sie gleich hinter ihrer Tür und verlässt ihre Wohnung erst wieder am nächsten Tag. Am Wochenende scheint sie das Haus auch nicht zu verlassen. Wahrscheinlich sitzt sie den ganzen Tag auf der Couch vor dem Fernseher. Ein paar Mal wollte ich sie schon zu mir auf ein Stückchen Kuchen oder ein Gläschen Wein einladen, aber sie dachte wohl, ich will sie nur aushorchen. Selbst unseren netten Arzt im Haus, den fröhlichen Herrn Caput, lässt sie ständig abblitzen. Dabei ist keinem im Haus entgangen, wie er sich seit fast zwei Jahren um das Wohlwollen von Frau Lembaz bemüht. Da musst du etwas tun, Hermine, sagte ich mir. Wenn das Glück nicht von allein kommt, hilfst du eben ein bisschen nach. So wie die Stiefmutter bei Schneewittchen – nur in meinem Fall positiv. Ich musste einfach mit ihr ins Gespräch kommen. Also suchte ich als Erstes alle meine Gürtel zusammen, packte sie mir über den Arm und klingelte bei ihr. Sagte, ich hätte bei mir Gürtel aussortiert – alles gute Stücke, die ich nicht mehr brauche. Aber zum Wegwerfen wären sie doch zu wertvoll, ob sie nicht mal ein paar probieren wolle. Nein, nein, sagte sie. Mit fremden Sachen hätte sie es nicht so – und mit gebrauchten Sachen schon gar nicht. Dann machte sie einfach die Türe zu. Na warte, dachte ich mir, mit modernen Frisuren kriege ich dich. Dann kaufte ich eine kleine Kollektion Kämme und klingelte erneut. Wollte wissen, ob sie denn für ihr schönes Haar auch die richtigen Werkzeuge hätte. Sie habe und brauche nur einen Kamm, sagte sie. Und sie trage nur drei Frisuren – offen, oben zusammengesteckt und Pferdeschwanz. Und bumms, war die Türe wieder zu. Nun musste also der Apfel alles reißen. Ich kaufte einen riesigen Angelner Herrenapfel und klingelte zum dritten Mal. „Sie schon wieder.“, sagte sie und wollte mir die Tür schon wieder vor der Nase zuknallen. Aber ich hatte meinen Fuß bereits dazwischen. „Moment, Moment, rief ich – ich wollte Ihnen nur einen wunderschönen Apfel vorbeibringen, einfach so von Nachbar zu Nachbar.“ „Das Märchen kenne ich, und ich weiß auch, wie das mit der roten Hälfte des Apfels ausging.“, sagte sie. Ich schnitt also ein Stück des roten Teils ab und verspeise es genüsslich. „Probieren Sie doch einmal von der weißen Hälfte.“, sagte ich und gab ihr ein Stück. Als sie es beherzt verspeist, sagte ich zu ihr, dass man ja auch in diesen Teil Gift spritzen könne. Und siehe da, ihr wurde plötzlich ganz übel und ich musste sie zu ihrer Couch bringen. Einbildung ist eben alles, sagte ich mir, bist eben doch eine gute Psychologin. Dann holte ich Dr. Caput und erzählte ihm auf dem Weg zur Wohnung von meinem Placebo. Er grinste und ergriff seine Chance durch
eine erfolgreiche Behandlung.

Die Reise nach Florida

März 2016

Vor einem halben Jahr hatte meine Freundin Beate eine wunderbare Idee – obwohl sie mir anfangs schon spektakulär teuer vorkam. Sie lud mich für eine Woche nach Florida ein und wollte sämtliche Kosten übernehmen. Als ich die Hände hob, sagte sie, das ginge schon klar – ich könne ja ab und zu vor Ort ein Essen oder einen Kaffee ausgeben. Gut, sagte ich mir, und begann, mich nach dem großen Schrecken zu freuen. Urlaub in Amerika – das hatte ich mir schon immer gewünscht. Noch dazu im sonnenverwöhnten Florida. Sicher würden wir auch Abstecher ins Großstadtleben von Miami und in die Everglades unternehmen. Also begann ich, mich intensiv vorzubereiten: Englische Vokabeln zu pauken und ein paar spanische Sätze zu lernen, schließlich würden wir dort auf viele Exilkubaner stoßen. Und wer weiß, ob man dann mit Englisch allein weiterkäme. Schließlich gibt es ja auch in meiner Heimat zahlreiche Ecken, in denen man nur mit Deutsch einsam und verlassen auf weiter Flur steht. Natürlich wollte ich auch gut auf die amerikanische Küche vorbereitet sein und arbeitete einen Plan ab: Von McDonalds über das Steakhouse bis zum Barbeque-Fest, das ich in einem Original-Krinolinenkleid besuchte. Zuhause kreierte ich Riesensandwiches mit Corned Beef, Truthahn, Fisch oder dem für Miami typischen Räucherlachs. Um die Mentalität der Menschen zu verstehen, kaufte ich mir DVDs, die Einblick in den amerikanischen Alltag gaben und schaute mir alle Serien über Miami an – von Miami Vice über CSI Miami bis zu Dexter. Nun wusste ich sogar, wie man einem Serienkiller am besten aus dem Weg geht. Beate erzählte ich von allen meinen Aktivitäten nichts – meine detaillierten Sachkenntnisse sollten meine Überraschung sein. Denn Beate wollte mir ja vorab auch nichts weiter über die Reise verraten. Ich solle packen und mich überraschen lassen, sagte sie. Dann war der große Tag gekommen – Beate holte mich mit ihrem Auto ab und ich war gespannt wie ein Flitzebogen. Anfangs dachte ich noch, es ginge nach Tegel. Aber hier fuhren wir vorbei, Richtung Potsdam. Beate lächelte und schwieg. Sie wird doch nicht mit dem Auto nach Florida fahren wollen, dachte ich mir. Und genau das war es, was Beate auch vorhatte. Denn plötzlich standen wir vor einem Ortsschild, bei dem mir der Mund offenblieb: Klein-Florida am Schwielowsee. „Angekommen. Freust Du Dich?“ rief Beate. Als ich die nächste Stunde kein Wort herausbrachte, dachte Beate, ich wäre plötzlich krank geworden. Schließlich fing ich mich wieder und sagte, Grund meiner vorübergehenden Sprachlosigkeit wäre meine große Freude über dieses schöne Stückchen Erde gewesen, die Überraschung wäre ihr vollkommen gelungen. Während der nächsten zwei Wochen kam kein Wort über meine Lippen, was ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. Es wurde ein wunderschöner, rundum erholsamer Urlaub. Wer weiß, ob das echte Florida mehr hätte bieten können. Trotzdem konnte ich meine kleine Rache nicht unterdrücken. Kaum zu Hause angekommen, sagte ich zu Beate, dass ich so begeistert von ihrer Idee war, dass ich sie nächstes Jahr nach Brasilien einladen würde. Nun bekam sie den Mund nicht mehr zu und sagte, das wäre doch viel, viel zu viel. Jetzt freue ich mich schon auf den Moment, wenn sie mit Sombrero, Poncho und Portugiesisch-Wörterbuch vor mir steht und in mein Auto einsteigt. Denn dann geht es ab nach Brasilien in Holstein. Gleich hinter Kalifornien.

Nun auch noch Orthorexia!

Februar 2016

Über die vielfältigen Krankheitsbilder, die das Smartphone verursachen kann, habe ich mich ja schon hinreichend geäußert. Aber nun das – jetzt soll die Orthorexia auf dem Vormarsch sein! Nein, mit Orthografie hat das nichts zu tun, die deutsche
Rechtschreibung ist ja schon so infiziert, dass sie wohl sowieso nicht mehr zu retten ist. Ich spreche von einer neuen Form der Ess-Störung, bei der die Betroffenen unter dem Druck leiden, beim Essen immer alles richtig zu machen. Ihr Essverhalten soll zwanghaft werden, ähnlich wie bei Magersüchtigen oder Bulimikern. Ich wollte das Ganze schon als absoluten Unsinn, als Sommerlochgelaber der Zeitungen abtun. Wenn mir da mal nicht wieder die Realität dazwischengekommen wäre und mich eines Besseren belehrt hätte. Zuerst war ich bei meiner Freundin Moni, mit der ich so manche Bratwurst gekillt und Riesensteaks verdrückt hatte, zum Abendessen eingeladen. Als ich ankam, telefonierte sie gerade mit ihrem Salatlieferanten und wollte wissen, ob er denn garantieren könne, dass kein Tier über die Blätter gekrochen sei. „Ich bin nämlich seit einem Monat vegan“, rief sie mir erklärend zu. Jedenfalls wurde es für mich ein Abend des Verzichts und der zugehörigen Erklärungen. Denn ich bekam bei jedem Bissen erklärt, warum es besser ist,
auf Kohlehydrate, Gluten, Fett, Zucker, Salz oder Laktose zu verzichten. Jedenfalls kam ich mit Hunger und schlechter Laune wieder zu Hause an. Als ich eine Woche später von Schillings eine Einladung zum Grillabend erhielt, atmete ich befreit auf. Gibt es also doch noch Leute, die keinen Sprung an der Schüssel haben, dachte ich mir. Umso größer war dann doch die Enttäuschung. Kein Fleisch, keine Wurst, keine Rippchen. Das fleischähnlichste Gericht waren eine Tofuwurst und ein Sojasteak. Da kam mir doch gleich die Frage, warum man als überzeugter Vegetarier sein Essen auch noch Wurst oder Steak nennen muss. Tofurhabarber oder Sojaaubergine wäre doch wesentlich angebrachter. Also ist das alles wohl nur Getue, irgendwann wechseln die meisten doch wieder zu Fleisch und Wurst. Wenn sie es nicht sogar schon jetzt heimlich tun! Dazu kamen noch die Gespräche des Abends, was man doch beim Essen alles falsch machen kann und wie man künftig alles besser machen wolle. Und so tat jeder – mich natürlich ausgenommen – als hätte er ein schlechtes Gewissen. Nach diesen Enttäuschungen in der letzten Zeit habe ich vorgebaut. Wenn ich jetzt irgendwohin eingeladen werde, erwarten mich bei meiner Rückkehr eine gute Flasche Wein als Absacker und ein tolles vorbereitetes Fleischgericht im Kühlschrank. Danach habe ich immer ein richtig gutes Gefühl – und eine
Orthorexia rückt in weite Ferne.

Ich habe eine Laufmasche

Januar 2016

Inzwischen weiß ich gar nicht mehr, wann das alles begann. Vielleicht, nachdem ich Tom Hanks in Forrest Gump gesehen hatte. Irgendwie imponierte es mir, einfach so loszulaufen und zu laufen und zu laufen – von der Ostküste an die Westküste – und wieder zurück. Zumal so ein intensives Laufen ja auch eine Traumfigur erwarten ließ. Also wollte ich das auch machen. Als Erstes schaute ich in den Atlas und musste feststellen, dass wir gar keine Ost- und Westküste haben. Na gut, dann eben im Kleinen, dachte ich mir. Schließlich kann man ja erst einmal vor dem Haus anfangen. Dann muss man eben öfters einmal umdrehen, aber was soll es. Die ersten Wochen waren eine Qual – aber plötzlich fing das Laufen an, mir Spaß zu machen. Selbst wenn ich einmal stehen musste, zum Beispiel mit ein paar Freundinnen an der Straßenbahnhaltestelle, tänzelte ich die ganze Zeit um sie herum. Wenn ich mich verabredete, zum Beispiel zum Kaffeeklatsch, machte ich vorher mein 12 km-Läufchen und kam dann auch pünktlich bei meinem Treffpunkt an. Allerdings verschwitzt und total unkonzentriert. Ein paar Mal sagten meine Freundinnen auch, „Hermine, Du hättest lieber zu Hause bleiben sollen. Du machst uns in letzter Zeit immer die ganze Atmosphäre kaputt.“ Aber da hörte ich schon nicht mehr hin, denn ich suchte gerade nach einer plausibel klingenden Ausrede, um nach einer kurzen Verschnaufpause gleich wieder losrennen zu können. Von Woche zu Woche sagte ich mehr Termine ab – wer mich kennt, weiß, dass ich früher keine Gelegenheit ausgelassen hatte, mich mit anderen Leuten über die News aus der Umgebung auszutauschen. Es sah aus, als ob ich mich selbst in die Einsamkeit und Isolation verlaufen würde. Zum Glück hatte ich Freundinnen im wahrsten Sinne des Wortes. Eines Tages standen sie vor meiner Tür, zeigten mir Opernkarten und riefen „Umziehen, zack, zack – in eineinhalb Stunden beginnt der Don Giovanni!“ Und ehe ich etwas sagen konnte, standen sie vor meinem Kleiderschrank und hatten mein bestes Kleid hervorgekramt. Ehrlich gesagt, war ich sogar froh, wieder einmal etwas anderes machen zu dürfen und nicht schon wieder an das nächste Rennen zu denken. In der Pause hörte ich Susanne zu Gabi sagen: „Also so was von Laufmasche wie bei Hermine ...“ Der Rest des Satzes ging im Getümmel unter. Ich ging auf die Toilette und untersuchte meine Strümpfe. Nichts zu sehen. Ich begutachtete sie einzeln unter der Lampe – alles in Ordnung. Plötzlich ging mir ein Licht auf, wie das gemeint war! - War ich durch den vielen Sport nicht nur reizbar, sondern war mir etwa auch der Humor abhanden gekommen? Ich ging zurück in den Opernsaal und wusste nicht so recht, wie ich das Gespräch beginnen sollte. Susanne kam mir entgegen und sagte, dass sie nur nach einer guten Möglichkeit gesucht hätten, einmal ein ernstes Wort mit mir zu reden. Wir debattierten den ganzen Abend und mir wurde klar, was ich beinahe verloren hätte. Reumütig beschloss ich, die Prioritäten künftig richtig zu setzen. Zuallererst die Freunde! Und der Sport? - Der läuft heute für mich mehr unter ferner liefen.

Schon wieder dreißig!

Dezember 2015

Nicht, dass hier jemand denkt, ich hätte ein Problem mit meinem Alter! Aber als einfühlsame und ordentliche Dame kokettiert man eben doch mit der Zahl der Kerzen auf der Torte. So richtig nachprüfen kann das ja eh keiner – und aufschneiden und die Jahresringe nachzählen, das wird einem wohl keiner antun. So sage ich nun seit – nun ja, so einigen Jahren halt - ich hätte meinen Dreißigsten. Das Schöne daran ist, dass die Geschenke zu einem runden Geburtstag etwas üppiger ausfallen. Das Schlechte daran ist, dass ich zum Runden auch mehr ausgeben muss. Inzwischen ist es aber sogar meinen hartgesottenen Freundinnen aufgefallen, dass da etwas nicht stimmen kann. Brunhilde fragte mich unverblümt, bei welchem Zusatzbuchstaben ich inzwischen angelangt sei – es müsste mittlerweile doch schon R oder so sein. Sie schätzte mich auf wenigstens Ende vierzig – und dabei hätte sie schon meine Falten und meinen schleppenden Gang auf dem Flur ausgeblendet. Ich schluckte den Ärger erst einmal runter und revanchierte mich eine Woche später zu ihrem 45. Geburtstag. Meine Geschenke waren eine Flasche Sekt mit dem Etikettenspruch „Endlich Rentner“, das Buch „Ich will aber keinen Seniorenteller“ und ein Schnupperkurs beim Kegelklub 65 plus. Ich hatte ja mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser Reaktion. Brunhilde schleppte mich in den Keller und sperrte mich dort in einem Verschlag ein. Dann rief sie die Polizei wegen einer Einbrecherin ins Haus. Denen erzählte sie, ich wäre verwirrt, trüge ein großes Messer mit mir rum und sei allgemeingefährlich. Aber sie würde mich flüchtig kennen, denn ich wäre in der Gegend dafür bekannt, dass ich ab und an in einer hochaggressiven Phase aus dem Seniorenheim ein paar Häuser weiter ausbüxen und Unheil in der Gegend stiften würde. Natürlich lieferten mich die hilfsbereiten Polizisten auch im Seniorenheim ab, Brunhilde kam als hilfsbereite Zeugin mit. Und dann passierte das, was sie sich auch erhofft hatte. Die Leiterin des Seniorenheimes wusste mit mir nichts anzufangen, sagte, sie hätte mich noch nie gesehen. Und so kam es, dass die Polizisten erst einmal meine Daten aufnahmen – meinen Personalausweis fanden sie in der Handtasche. Nun würden meine Freundinnen erfahren, wie alt ich wirklich war – welche Schande! Brunhilde gaggerte vor sich hin, als sie mein Alter erfuhr – ausgerechnet sie! In einer Stunde spätestens würden alle Bescheid wissen. - Welche Lehre ich daraus gezogen habe? Nächstes Jahr feiere ich meinen vierzigsten Geburtstag – zum ersten Mal.

Tattoo mir sowas antust!

November 2015

In meiner Jugend habe ich auch gerne Modeschmuck getragen - Ketten, Armbänder, Fußkettchen. Sogar gepierct war ich – ich hatte mir extra Löcher für die Ohrringe stechen lassen. Wer damals jedoch tätowiert war, war entweder ein Seemann oder gehörte zu den Männern, deren Frauen gern jahrelang verbreitet haben, dass sich ihre bessere Hälfte gerade auf Auslandsmontage befindet. Aber das hat sich ja inzwischen grundlegend geändert! Es scheint sogar, dass man als junger Mensch gar nicht mehr ohne Körperverzierung herumlaufen kann, ohne Gefahr zu gehen, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Oft denke ich mir: Wenn das Tattoo wenigstens schön wäre, so ein kleines Kunstwerk für sich. Aber meist sieht es dann auch noch so dilettantisch aus, dass der Träger lieber ein Kleidungsstück darüber tragen sollte. Dabei wird heute fast kein Körperteil mehr ausgelassen. Einschließlich des gesamten Gesichts. Manchmal ist das ja vielleicht auch besser, wer weiß, ob man ohne nicht noch mehr erschrecken würde. Neulich habe ich sogar jemanden mit einer Strichellinie rund um den ganzen Hals gesehen. Vorne, eingekreist von zwei Scheren, stand: Bitte hier abtrennen. Über Geschmack lässt sich eben – nicht – streiten. Nun sei es, wie es sei. Aus Beobachterposition ist das ja alles ganz lustig, wie sich manch einer verschandelt und sogar noch stolz darauf ist. Aber als dann noch meine langjährige Freundin Sandra anfing, mich zu einem Freundschaftstattoo überreden zu wollen, wurde ich doch etwas fuchtig. Zuerst zeigte sie mir eine Tätowierung auf ihrem Rücken, die ich noch nie gesehen hatte: Peter, ich liebe Dich! stand da. Peter war durchgestrichen, darunter waren Herbert, Heinrich, Paul und Martin aufgereiht und ebenfalls durchgestrichen. Stattdessen hatte sie sich irgendwann statt des Namens zu einem unverbindlichen „Eh, Du“ entschieden. „Das passiert einem nur mit Männern, Hermine.“, sagte sie zu mir. „Aber ein Freundschaftstattoo mit der besten Freundin ist etwas für die Ewigkeit. Ich hatte da an eine Rose und den Namen gedacht – also bei Dir Sandra und bei mir Hermine.“ Ich war baff. Wie oft hatte ich gerade vor Sandra schon über dieses Thema abgelästert und sie war immer kräftig mit von der Partie. Dabei war sie selber grässlich verunstaltet und wollte nun sogar mir so etwas aufschwatzen! Wollte sie sich wegen irgendetwas an mir rächen? Aber verprellen wollte ich sie auch nicht, es schien ihr sehr ernst zu sein. Also machte ich lieber einen Gegenvorschlag, den sie unmöglich annehmen konnte. Rose und Name sind viel zu groß, versuchte ich es. Lass uns doch lieber gegenseitig unseren Anfangsbuchstaben und dahinter unser Geburtsjahr schreiben. Da ich zwölf Jahre älter bin, lehnte sie sofort ab. Das schreckt doch jeden potentiellen Liebhaber ab, meinte sie. Ich wollte schon frohlocken und die Thematik klammheimlich ad acta legen. Aber Sandra quengelte weiter. Da kam mir ein Zeitungsartikel über das kleinste Tattoo der Welt gerade recht. Meinen Vorschlag, unsere Anfangsbuchstaben in Weiß und so klein zu setzen, dass nur wir sie richtig erkennen könnten, fand sie richtig toll. Nun habe auch ich ein Tattoo und sage seitdem nichts mehr zu fremder Körperkunst. Schließlich weiß man ja nie, wie sie entstanden ist.

Namen sind Schall und Rauch?

01.10.2015

Eigentlich sollte ich diese Geschichte gar nicht erzählen, denn ehrlich gesagt, ist sie mir ein bisschen peinlich. Obwohl mir ja ansonsten nichts peinlich zu sein scheint. Aber da ich gar nicht mehr weiß, ob ich selbst diese dumme Idee hatte oder meine Freundin Luzie, kann ich es ja getrost auf Luzie schieben. Jedenfalls wollten wir wieder einmal unsere Nachbarschaft ein bisschen aufmischen. Oder, um es positiv auszudrücken, die Kommunikation im Haus ein wenig anregen. So kam es dann zu dieser Nacht- und Nebelaktion, denn schließlich wollten wir ja nicht erwischt werden. Wir tauschten einfach die Namensschilder aller Bewohner unseres Aufganges aus. Da ich die Fixere bin, nahm ich die an den Wohnungstüren und Luzie die an den Briefkästen. Nach drei Stunden waren wir beide – im wahrsten Sinne des Wortes – fix und fertig. Am nächsten Tag harrten wir der Dinge, die da wohl passieren würden. Aber so viel passierte am ersten Tag gar nicht. Denn wer sieht an der Tür schon selbst auf seinem eigenen Namensschild nach, ob er noch hier wohnt? Und am Briefkasten hat man Routine, da findet man sein Fach blind. Los ging es bei der Paketzustellung. Der Postbote klingelte bei Meiers, sagte „Ein Paket für Sie!“ und gab es dann, wie es auf der Lieferadresse stand, bei Schulzens ab. Frau Meier wunderte sich, dass der Postbote nicht kam, tat es dann aber als Klingelstreich ab. So warteten auch noch Motzkes, Nitzsches und Kants, bei denen geklingelt wurde, auf ihr Paket. Abgegeben wurden sie jedoch bei Maurers, Wuschkes und Klements. So kamen – und das hatten wir uns ja gewünscht – die Nachbarn ins Gespräch. Allerdings waren sie noch ahnungslos, glaubten, dass Paketdiebe im Haus ihr Unwesen trieben. Ein paar der Betroffenen bildete sogar die Soko Paket, um die Vorgänge im Haus zu überwachen. Als dann der Paketzusteller bei Linkes klingelte, aber bei Mölders auslieferte, wurde er von Herrn Linke an seinem Auto abgefangen und zur Rede gestellt. Nun stieß man auf die vertauschten Briefkastenschilder und das Geschrei war groß. Der Schilderwechsel an den Türen wurde erst ein ganzes Stück später bemerkt. Schuld daran waren Besucher, die erst einmal hilflos durchs Haus irrten und ihre Bekannten nicht mehr da fanden, wo sie bisher immer gewohnt hatten. Und wenn endlich der Name auftauchte, machte statt Herrn Fröhlich Herr Mielke und statt Frau Müller Frau Rommel auf. Nun bemerkte man also auch diesen Streich – hatte aber keine Ahnung, wer sich dahinter verbergen könne. Bis dann dem Herrn Murkel auffiel, dass nur bei Luzie und mir die Namen an der richtigen Stelle platziert waren. Wochenlang versuchten wir noch zu leugnen, aber der Druck war zu groß. Reumütig bekannten wir uns zu diesem Unsinn und versprachen für den gesamten Aufgang am kommenden Wochenende ein kaltes Büffet als Wiedergutmachung zu spendieren. Was soll ich sagen – die Entschuldigung wurde nicht nur akzeptiert, ein paar Nachbarn meinten sogar, es war so vorzüglich, dass wir ruhig mal wieder einen Streich machen könnten. Natürlich mit anschließendem Büffet.

Die Herbstorte

September 2015

Jahr für Jahr bin ich froh, wenn die Ferienzeit zu Ende geht. Nicht etwa, weil ich nicht gern Urlaub mache. Aber im Sommer ist es immer so still bei uns im Haus, alle erholen sich woanders oder sind im Garten. Und da ich nun mal wissbegierig bin, fehlen mir dann immer die neuesten Informationen aus der Nachbarschaft. Seit ein paar Jahren nun habe ich mir angewöhnt, einen Riesenkuchen für die Nachbarschaft zu backen. Die freuen sich dann immer so gewaltig, dass ich alles Wissenswerte in komprimierter Form erfahre. Dieses Jahr nun sprach mich die junge Frau Heinisch aus dem Haus an, mir beim Backen zu helfen. Sie zeigte mir ein Rezept, das sie gefunden hatte und sagte augenzwinkernd zu mir, das passe sowohl zur Jahreszeit als auch zur Stimmung am Ende der Ferien. Das Rezept zeigte eine wunderschöne grüne Torte, belegt mit einer interessanten Mischung aus Quark und feingeschnittenen Kräutern. Sie sah so richtig lecker und gesund aus und so sagte ich „Warum eigentlich nicht? Sie besorgen die Kräuter und ich mache alles andere fertig.“ Dann machte ich mich noch darüber lustig, dass heutzutage wohl niemand mehr so richtig schreiben könne. Denn Herbsttorte schreibe man ja wohl mit zwei t. Eins für den Herbst und eins für die Torte. Außerdem sähen die Pflanzen wie Wassergewächse aus. Frau Heinisch lächelte hintersinnig und sagte „Ach, Frau Kümmerlinde – Sie mit Ihrem Algenhumor!“ - Jedenfalls sah unsere Willkommenstorte richtig toll aus, die Stücke wurden uns förmlich aus der Hand gerissen. Und dann war auf einmal alles ganz anders als die Jahre zuvor. Plötzlich lagen sich alle in den Armen. Nachbarn, die sich nicht ausstehen konnten, tranken auf einmal Brüderschaft. Das alles konnte ich mir nicht erklären. Zumal es ja keinen Alkohol gab. Dann setzten sich alle im Kreis auf den Boden, klatschten in die Hände und sangen aus voller Brust „Give peace a chance“. Normalerweise hätte ich gefragt, was man ihnen da in den Tee getan hat. Aber das Einzige, was sie alle zu sich genommen hatten, war meine Torte. Jetzt las ich das Rezept noch einmal aufmerksam durch und merkte, dass ich einen wesentlichen Punkt übersehen hatte – weil ich das komplett Frau Heinisch überlassen hatte. Denn die Überschrift war nicht, wie ich glaubte, fehlerhaft. Hier hieß es richtig Herbs-Torte und nicht Herbst-Torte mit fehlendem t. Nun hatte ich also, ohne es zu wissen, einen leckeren Hanfbelag gemacht, der auch seine Wirkung voll entfaltet hatte. Am nächsten Tag wurde ich von den meisten Nachbarn dazu ermuntert, bald wieder so eine leckere Torte zu backen. Vorsichtshalber habe ich aber erst einmal keine verbindliche Zusage gegeben.

Mehr schlicht als recht

August 2015

Hier in der Gegend weiß ja eigentlich jeder, dass ich gerne helfe – und zwar immer uneigennützig. Oder wenigstens so gut wie uneigennützig. Wenn man meinen Wissensvorsprung bei der Kenntnis der Lebensumstände meiner Nachbarn nicht rechnet, den ich mir auf diese Weise erarbeitet habe. Nun aber habe ich beschlossen, mein Wissen für die Gemeinschaft zu nutzen und engagiere mich seit einiger Zeit in unserer Schlichtungskommission. Anfangs lief ja auch alles richtig rund. Mein erster Fall war eine Beschwerde der alten Steinke über den Lärm, den die beiden Jungs aus der Nachbarwohnung angeblich jeden Tag machen. Dummerweise wohne ich auf der anderen Seite der Wohnung, habe das Kinderzimmer genau neben meinem Wohnzimmer. Und ich höre nichts. Als die alte Steinke dieses Argument in den Wind schlug, nahm ich sie mal kurz beiseite und erzählte ihr, dass ich bisher die einzige im Haus sei, die von ihrer Vorstrafe wüsste – und ob das auch so bleiben solle. Sie hatte nämlich damals Pakete von Nachbarn abgefangen, den Inhalt behalten und war dann in eine Polizeifalle getappt. Mein Fall war gelöst – sie schenkte den Nachbarskindern Spielzeug und lud ihre Mutter zum Essen ein. Andere Fälle konnte ich ähnlich klären. Als Susanne und Jörg, ein junges Pärchen, bei uns einzogen, murrten gleich ein paar der Alteingesessenen, dass das doch bestimmt Ärger geben würde. Weil sich junge Leute nicht mehr benehmen könnten und überhaupt. Die Steinke und die Lüders, zwei alte Klatschtanten, die den ganzen Tag nichts zu tun hatten, mobbten die beiden auch vom ersten Tag an. Sie wären zu laut, würden ihren Müll nicht ordentlich entsorgen und und und. Natürlich kamen die beiden jungen Leute zu mir und baten mich um Hilfe. Nun war Diplomatie gefragt. Denn die beiden Störenfriede und ich standen auch auf Kriegsfuß, hatten aber eine Waffenruhe ausgehandelt. Die Lüders konnte ich rankriegen, weil ich von ihrem Verhältnis mit ihrem Nachbarn, dem wuseligen Niebergall wusste. Denn wenn das rauskam – die Niebergalls Ilse hatte Schlagkraft! Aber gegen die Steinke hatte ich leider nichts in der Hand. So kam es zwar zur gewünschten Schlichtung – aber es war nur ein Ringtausch: Ich verpflichtete mich, die Ehe der Niebergalls zu sichern. Die Lüders hatte irgendetwas gegen die Steinke in der Hand - dadurch konnten wir uns schließlich einigen. Allerdings sagte mir die Steinke noch „Pass bloß auf Hermine, auch ich weiß etwas über Dich – wenn das auffliegt, kannst Du Dich warm anziehen.“ Nun grüble ich schon seit ein paar Wochen, was das wohl sein könnte – denn wer ist schon unfehlbar? Außerdem überlege ich, ob ich meine Arbeit in der Schlichtungskommission lieber ganz aufgebe – oder künftig mit den gleichen Methoden arbeite, wie auch die anderen Mitglieder.

Ich habe mir einen Schirm gekauft

Juli 2015

Nicht, dass einer denkt, ich hätte etwas gegen Radfahrer! Schließlich bin ich selbst jahrzehntelang leidenschaftlich gern Rad gefahren. Tag für Tag bin ich zur Arbeit geradelt, habe große Radrundreisen im Urlaub gemacht – oder einfach mal zwei Stündchen in die Pedalen getreten, um Stress abzubauen. Heute schlage ich manchmal Rad, wenn ich sehe, wie die Radler über die Bürgersteige und Plätze pesen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Wenn Kinder oder alte Menschen im Weg stehen, werden Sie schon mal einfach weggeputzt. Sollen sie doch besser aufpassen, schließlich ist jeder für sich selbst verantwortlich, werden sich diese mit Drahtesel bewaffneten Egoisten denken. Wobei der Drahtesel ja vielleicht das Schlüsselwort ist, um die Kampfradler zu verstehen. Ist eventuell die Sturheit eines Esels direkt auf sie übergegangen und sie können gar nichts für ihr Verhalten? Vielleicht fühlen sie sich auch nur benachteiligt gegenüber motorisierten und damit viel schnelleren Zeitgenossen. Esel sind sicher oft auch nur deshalb so bockig, weil sie sich als zu klein geratene Pferde von der Natur nicht für voll genommen fühlen. Jedenfalls bin ich aus der Radfahrerszene ausgestiegen, als diese immer aggressiver wurde. Wenn ich Rabatz machen und mich abreagieren möchte, suche ich mir andere Felder. Dann schwätze ich mit der Ilse lieber darüber, was in der Ehe von Meyers und Rudnicks aus unserem Haus alles falsch läuft – und schon geht es mir besser. Zumal das Radfahren in der Stadt doch gar nicht, wie versprochen, Glückshormone ausstößt – eher zieht man sich dabei eine Überdosis der vielen ausgestoßenen Autoabgase ein. Und ob das glücklich macht, bezweifle ich stark. Wofür das viele Geld für Radwege ausgegeben wird, frage ich mich auch. Denn da sind doch die wenigsten Radfahrer zu finden. Wahrscheinlich wäre man als Fußgänger am sichersten, würde man ausschließlich die Radwege benutzen. Eine Kategorie für sich sind noch die Radler, die ihr Gefährt zum Transport ihrer Kinder benutzen. Wer denkt, es hier mit besonders vorsichtigen Menschen zu tun zu haben, wird arg enttäuscht. Hier wird gemotzt und den anderen fehlendes Verständnis für den Nachwuchs unterstellt. Nur weil sie nicht schnell genug beiseite gesprungen sind, um die Spur freizumachen. Neulich sah ich eine Frau, die hatte ihr kleines Kind so auf den Gepäckträger geschnallt, dass es fast herunterfiel. Als ich sie darauf ansprach, bot sie mir Prügel an. Na ja, dachte ich, wer so mit seinem Kind umgeht, muss wohl noch viele davon zuhause haben. Aber wie hat Wilhelm Busch gesagt: Das ist freilich ärgerlich, hehe – aber nicht für mich! Dass Radfahrer immer und überall Vorfahrt haben und auch keine Verkehrsregeln kennen, scheint ja inzwischen zum Mainstream geworden zu sein. Manchmal frage ich mich, woher nehmen sie als Schwächere im Verkehr nur den Mut, sich mit Autos anzulegen. Aber was heißt Mut, wird wohl eher Dummheit sein. Aber auch ich als Fußgänger habe jetzt aufgerüstet – ich habe mir einen Schirm gekauft. Einen Stockschirm mit schöner Metallspitze am Ende. Die halte ich jetzt immer wie einen Speer – nur nach hinten. Letztens hat er mich wahrscheinlich sogar vor Schlimmerem bewahrt. Ein Radfahrer, der mich sonst sicher über den Haufen gefahren hätte, konnte gerade noch bremsen. Er fiel mächtig auf die Nase, wurde aber nicht aufgespießt. - Gut also, dass wir auch einmal über dieses Thema geredet haben. Angesprochen wird sich sicher keiner fühlen. Denn schließlich sind immer nur die anderen schuld!

Ich hätt` so gerne einen Hund

Juni 2015

Neulich wurde ich doch Zeuge eines Taschendiebstahls. Neben mir spazierte ein mittelalterlicher Herr mit seinem Hund. Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich ein Fahrrad auf und der Fahrer stahl bei voller Fahrt dem Hundebesitzer das Portemonnaie aus der Hosentasche. „Halt den Hund“, rief er mir zu und sauste dem Fahrraddieb hinterher. Halt den Hund – eigentlich kriege ich immer nur halt den Mund zu hören – und zwar öfters. So stand ich nun mit einem kleinen dünnen Fiffi in der Gegend herum und wartete auf die Wiederkehr seines Herrchens. Nicht, dass ich einsam war! Kaum hatte ich die Leine in der Hand, standen schon zwei weitere Leute mit ihrem Hund neben mir und wollten mit mir ins Gespräch kommen. Dabei taten sie, als würden wir uns seit Jahren kennen. So erzählte mir der Erste auch gleich ganz vertrauensvoll, dass seine Susi-Melinda – so hieß seine Hundepüppi – jetzt zwei Mal in der Woche in psychiatrischer Behandlung sei. Sie hätte einen Burnout und könne sich nicht einmal bei Mozartmusik wenigstens ein paar Minuten konzentrieren. Der zweite Hundebesitzer klagte, auch er werde den ganzen Tag auf Trab gehalten. Hassan lerne jetzt Befehle auf Chinesisch zu verstehen. Schließlich wisse man ja nie, welche Anforderungen die Zukunft an einen stelle. Da müsse man schon gut präpariert sein. Als sich die beiden nun reichlich ausgetauscht hatten, schauten sie mich interessiert an und fragten, was für Probleme ich hätte und wie mein Hund denn überhaupt hieße. Einfach Hund sagte ich. Denn wenn man mir dann plötzlich einen anderen Hund in die Hand drücken würde, müsste ich mich nicht groß umstellen. Außerdem hoffe ich sowieso, den Hund hier schnellstens wieder loszuwerden. An den entgeisterten Blicken der beiden und ihren offenen Mündern erkannte ich, dass man eine Info unter Fremden doch nicht auf diese Art verknappen dürfe. Selbst wenn man sich nicht kennt, scheint es unter Hundehaltern einen Kodex dafür zu geben, was man sagen darf und was man besser lässt. Zu meinem Glück kam in diesem Moment der Besitzer von Fiffi, glücklich sein zurückerobertes Portemonnaie schwenkend, zurück und begann zu berichten. Obwohl er die beiden anderen auch nicht kannte, schien es, als käme er in seine Familie. Die drei steckten die Köpfe zusammen und ich als Nichthundebesitzer war abgeschrieben. Nicht einmal ein Nicken oder ein Dankeschön gab es! - Nein, so wollte ich auf keinen Fall sein. Auf der anderen Seite hat es natürlich schon seinen Reiz, einfach so zwanglos mit jedem ins Gespräch zu kommen, der einen Hund hat. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, es erst einmal probeweise mit einem Hot Dog zu versuchen.

Zurück in die Steinzeit

Mai 2015

Wohin ich auch blicke – immer bin ich meiner Zeit weit voraus. Nehmen wir nur meine beste Freundin Ulrike. Was haben wir früher geschlemmt – unsere Kaffeenachmittage waren fast berühmt. Immerhin haben wir den Kiezrekord im Torten- und Schlagsahnespachteln aufgestellt. Und nun? Nun hat sie nur noch ihre gesunde Ernährung im Kopf. Dabei ist sie gerade auf den Neandertaler gekommen – macht eine Paleo- oder anders gesagt, eine Steinzeitdiät. Ist ja toll, habe ich zu ihr gesagt, die Steinzeitmenschen sind mit dieser Ernährung dreißig Jahre alt geworden und Du gehst trotz Torte und Schnäpperken fröhlich auf die fünfzig zu. Aber wer hört heutzutage schon noch auf wohlmeinende kluge Ratschläge! Oder nehmen wir eine andere Freundin von mir, die Evelyn. Die hat jetzt vor ein paar Wochen mit der Lippenstift-Diät begonnen. Hört sich ja nicht schlecht an: Schminken und dabei abnehmen. Der Erfinder dieser Methode beteuert, dass Frauen auf diese Weise bis zu zehn Pfund verloren hätten. Evelyn wollte wahrscheinlich wesentlich mehr Pfunde purzeln lassen, so dick trug sie jetzt ihren Lippenstift auf. Der Lippenstift wirke als Appetitzügler, sagte sie. Die Wirkstoffe dringen über die Lippen schnell in den Körper und unterstützen so den Stoffwechsel, verbrennen Fett und sorgen für ein Sättigungsgefühl. Ich glaube allerdings weiterhin, dass nur eine ausgewogene Ernährung und genügend Bewegung langfristig zum Erfolg führen. Damit der aufgetragene Lippenstift hält, steht bei ihr der Mund jetzt immer etwas offen, sie spricht nicht mehr soviel wie sonst und hat natürlich durchgehend schlechte Laune. Als ich ihr empfahl, doch einmal die Schlechte-Laune-Diät zu machen, bei der man vor lauter Ärger die Mahlzeiten vergisst, sprach sie wochenlang nicht mehr mit mir. Auch die Energy-Drink-Diät ist nicht viel besser – meine Nachbarin Helene hat sie nur einmal gemacht. Sie setzt darauf, dass die süßen Getränke den Stoffwechsel anregen und appetitzügelnd wirken. Ein viertel Jahr lang verleibte sie sich täglich rund zehn Energy Drinks ein und aß bis auf einige Cornflakes nichts weiter dazu. Sie nahm zwar 25 Kilo ab – leidet aber heute noch unter den Folgen eines Herzinfarktes. Besser ging es auch Hertha mit ihrer Öl-Diät nicht. Jeden Tag würgte sie sich acht Löffel davon hinter, bis sie davon eine Gallenblasenentzündung bekam. In dieser Zeit ging es dann wirklich mit ihrem Gewicht bergab. Jetzt ist sie wieder gesund und liegt fünf Kilo über vorher. Und was mache ich? Ich bleibe mir jedenfalls treu. Und bin damit meiner Zeit, wie bereits gesagt, weit voraus. Denn ich bin weiterhin ein Anhänger der Pinguin-Diät. Die besagt, dass man alles essen kann, wo kein Pinguin drin oder dran ist.

Ich will nicht mehr so geschwätzig sein

April 2015

Es ist schon komisch. Einerseits freuen sich meine Nachbarn immer, wenn sie bei mir die Neuigkeiten aus dem Haus und aus der Nachbarschaft aus erster Hand erfahren. Darüber hat sich bisher jedenfalls noch nie einer beschwert. Andererseits mehren sich in der letzten Zeit aber die Stimmen, ich wäre zu geschwätzig und würde Misstrauen unter der Nachbarschaft säen. Ich dachte, ich falle aus allen Wolken, als ich davon erfahren habe – bin ich mir doch keiner Schuld bewusst. Geschwätzig soll ich sein? Mitteilungsbedürftig ja – aber das Gespräch mit dem anderen suchen, ist ja eine positive Geschichte. Zumal ich gar nicht wüsste, wann ich, wie man heute so sagt, dabei einen menschlichen Kollateralschaden angerichtet haben soll. Na ja, vielleicht bin ich nicht ganz unschuldig an der Scheidung der Belsas seinerzeit. Hätte ich gewusst, dass sein Verhältnis mit der blonden Maja schon so gut wie beendet war, hätte ich doch Frau Belsa keinen heißen Tipp zum Liebesnest der beiden gegeben. Ganz ehrlich, auch ich glaube inzwischen, dass die Belsas ansonsten heute noch – vielleicht sogar glücklich – zusammen wären. Vielleicht habe ich ja auch ein bisschen Anteil daran, dass die Frau Moosmeier hier Hals über Kopf ausgezogen ist. Wegen mir ausziehen musste, wie einige meinen. Dabei war ich fest überzeugt davon, dass sie es war, die in der Weihnachtszeit Briefe mit Geld aus den Briefkästen gestohlen hat. Hatte sie sich doch so komisch benommen, als ich vorbeikam und fragte, ob sie auch so viel Post wie ich bekäme. Eine Woche nach ihrem Auszug wurde ein falscher Postbote an unseren Briefkästen auf frischer Tat erwischt und verhaftet. Sie wissen ja, wie das ist, wenn sich eine Meute erst einmal auf einen Einzelnen eingeschossen hat. Dann kann man froh sein, wenn man ein dickes Fell hat und Stehvermögen besitzt. Nun bin ich also momentan der Sündenbock im Haus und muss sehen, wie ich möglichst schnell und ohne größere Blessuren aus dieser Nummer wieder herauskomme. Meine Freundin Rita sagt, ich solle mich mal für eine Weile zurück- und damit aus der Schusslinie nehmen. Während dieser Zeit will sie dann die Information der Nachbarn über die akuten Neuigkeiten übernehmen. Allerdings muss man wissen, dass die Rita, die ein ebenso großes Mitteilungsbedürfnisses wie ich besitzt, fast ein bisschen schüchtern ist. Wenn sie klatscht, wirkt es so, als sei ihr die ganze Sache eigentlich peinlich. Aber wahrscheinlich hilft ihr das sogar gegen alle Arten von Anfeindungen – jedenfalls war sie noch nie Gesprächsthema bei uns. Über die Schwelle unseres Hauses wird während ihrer „Regentschaft“ also nichts herausdringen. Sie als Interessierte von außerhalb will ich natürlich auch weiter auf dem Laufenden halten. Aber da ich mich ja erst einmal zurücknehmen will, melde ich mich vorerst nur noch einmal im Monat.

Jeden Sonntag Millionär

März 2015

Ich weiß nicht wie lange – aber seit ich denken kann, spiele ich Lotto. Jede Woche male ich mir aus, was ich mir von meinem Gewinn alles kaufen könnte. Mein Maßstab ist natürlich der höchste deutsche Lottogewinn von fast 58 Millionen Euro. Mensch, was könnte man damit alles machen! Obwohl ich schon akribisch nachgerechnet habe, habe ich bisher allerdings erst fünf Millionen untergebracht. Zuviel verschenken möchte man ja auch nicht, das zieht nur Neider und falsche Freunde an. Und Immobilien kaufen, das Geld in Gold anlegen – ich weiß ja nicht. Da hört man zu viel Negatives dieser Tage. Aber nichts damit anzufangen wäre genauso dumm. Dann wache ich eines Tages auf und kann für mein Geld gerade noch ein Mittagessen kaufen. Hatten wir doch alles schon einmal. Und wer weiß schon, vielleicht müssen wir ja eines Tages alle in Drachmen bezahlen. Aber man sollte sich auch nicht immer zu viele Sorgen machen. Erst einmal muss der große Gewinn ja kommen. Zum Glück hat mir Herr Zähler, ein Mathematikprofessor aus unserem Haus, einen heißen Tipp gegeben. Hermine, hat er gesagt, es ist egal, welche Zahlen man spielt – die Chancen stehen immer gleich. Und zwar eins zu knapp einhundertvierzig Millionen bei 6 aus 49, mit Zusatzzahl natürlich. Und nun tippe ich jeden Freitag sieben Mal die gleiche Zahlenfolge. Denn wenn es dann vielleicht sieben Hauptgewinner geben sollte, möchte ich das schon alles für mich haben. Auch gut, dass ich alleine bin und mit niemandem teilen muss. Denn so einen Fall hatten wir kürzlich erst im Nachbaraufgang. Da spielt der alte Niebergall auch seit Jahrzehnten seine Zahlen und rechnet nun wöchentlich mit einer großen Summe. Neulich hat er wohl schon mal prophylaktisch seine Frau gefragt, was sie machen würde, wenn er gewinnt. Sie sagte, dann nimmt sie die Hälfte und verlässt ihn. Darauf hat er wohl entgegnet, gut - ich habe zwanzig Euro gewonnen, hier sind zehn und nun verpiss dich! Das habe ich meinem Nachbarn, dem Dräs Otto erzählt. Siehst Du, Hermine, hat er da gesagt, Glücksspiele verderben nur den Charakter. Dabei ist es doch ganz einfach. Nur einmal gespielt, alles richtig gesetzt und alles ist paletti. Das gab mir natürlich zu denken, zumal ich schon seit längerer Zeit ein Auge auf den Otto geworfen hatte. Also rechnete ich noch einmal meine Chancen durch. Sowohl fürs Lottospiel als auch für ein Techtelmechtel mit Otto. Auch hier einhundertvierzig Millionen zu eins. Nun lautet mein neues Motto: Statt kein Gewinn beim Lotto spiel ich jetzt mit dem Otto. Das ist zwar kein Hauptgewinn, aber ich habe die Hoffnung, dass es sich doch irgendwie auszahlt.

Frau Igel gibt’s im Doppelpack

23.03.2015

Mit meinen paar Pfunden zuviel hatte ich mich immer wohl gefühlt. Stets damit kokettiert und von mir aus sogar oft das Gespräch auf dieses Thema gebracht, indem ich sagte: Man kann ruhig ein bisschen mehr haben – vorausgesetzt, alles ist richtig verteilt. Fast allen meinen Nachbarn geht es auch so, natürlich auch ein guter Grund, untereinander ab und zu zu frotzeln. Aber dann zog das Fräulein Renner ein – mit einer tadellosen Figur, das muss ich schon zugeben. Aber sollte ich etwa eine Diät nach der anderen machen, um dann immer wieder feststellen zu müssen, dass ich mich meinem Ideal wieder nur minimal genähert hatte? - Nicht mit mir! Jedenfalls war Fräulein Renner kaum eingezogen, begann sie einen missionarischen Eifer zu entwickeln. Nicht nur, dass ständig irgendwo im Haus ihr Klingelton zu hören war, der sicher nicht zufällig „Ich bin so froh, dass ich kein Dicker bin“, war. Sie versuchte, uns gezielt in Einzelgesprächen von den Vorteilen einer gesunden Lebensweise und damit einhergehend einer schlanken Figur zu überzeugen. Jeder kann so aussehen wie ich, sagte sie, das ist alles nur eine Frage von Disziplin und genügend Bewegung. Wir fragten uns allerdings, wie und wo sie die viele Zeit für den Sport abknapsen konnte. Denn täglich ein paar Stunden joggen und dann noch ins Fitness-Studio gehen, muss man sich erst einmal leisten können. Wille hin oder Wille her. Alle Sticheleien hielten wir aus und widerstanden auch oft der Versuchung, ihr einmal so richtig eins auszuwischen. Wir schlugen erst zurück, als sie eine Wandzeitung aufhängte. Mit den Fotos von allen Frauen des Aufganges, die etwas größere Pölsterchen ihr eigen nannten. Darüber stand vorher, daneben war ein Feld frei gehalten für nachher. Unser Plan baute darauf, dass die wirklich ziemlich runde und unbeweglich wirkende Frau Igel eine Zwillingsschwester hat und sich die beiden wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sehen. Frau Igel sprach also Fräulein Renner an und erklärte ihr, dass sie eigentlich viel fitter wäre als sie mit ihrer Hungerspeichenfigur. Denn sie könne ihr Fett wie einen Verbrennungsmotor zur Energieerzeugung einsetzen, sie würde ihr also beim Sport weit überlegen sein. Dann lud sie Fräulein Renner zu einem kleinen Triathlon ein. Wie beim Märchen vom Hasen und Igel gingen die Zwillingsschwestern vor. Frau Igel und Fräulein Renner sprangen zeitgleich in die Spree - und Fräulein Renner staunte, dass Frau Igel sich schon aufs Fahrrad schwang und im nahen Wäldchen verschwand, als sie aus dem Wasser stieg. Dann sah sie Frau Igel erst fünf Stunden später im Ziel wieder. Und die unparteiischen Richter bestätigten, dass sie schon seit vierzig Minuten hier wartete. Kurzum: Einsteins These, dass Masse gleich Energie ist, hatte sich wieder einmal bewahrheitet. Fräulein Renner schwieg dazu nicht nur eisern, sie zog auch kurz darauf aus. Wie man sagt, nach Dünne in Ostwestfalen.

Schornsteinfeger bringen Glück?

16.03.2015

Als ich noch klein war, lief uns ständig einer von ihnen über den Weg. Meine Eltern sagten dann immer „Fass ihn ruhig einmal an Hermine, das bringt Glück!“ Damals glaubte ich auch immer, dass mich das Glück unmittelbar nach dem Berühren heimgesucht hatte – mal gab es ein Eis, mal ein neues Spielzeug oder am nächsten Tag ein Lob in der Schule. Niemals hatte ich mich gefragt, ob ich das alles auch so bekommen hätte. Aber schließlich braucht der Mensch etwas, an was er glauben, auf was er sich freuen kann. Heute laufen einem diese Glücksbringer nicht mehr so oft über den Weg – ich meine natürlich die Schornsteinfeger. Manchmal frage ich mich, ob das daran liegt, dass es fast keine Kohleöfen mehr gibt. Oder ob die Schornsteinfeger, heute wie IT-Leute von Computerfirmen gekleidet, unauffällig und unbemerkt an mir vorbeilaufen. Von unterwegs bringe ich mir immer einen örtlichen Glücksbringer mit: Fatimas Hand aus Jemen, eine Maneki Neko - also eine Winkekatze aus Japan, ein Horn aus Nepal oder einen Skarabäus aus Ägypten. Aber irgendwie wollte ich doch einen heimischen Ersatz für meinen Schornsteinfeger haben. Ich fasste den Entschluss, verschiedene Glücksbringer ein viertel Jahr lang auszuprobieren und mich für das zu entscheiden, welches mir wirkliches Glück brachte. Als erstes versuchte ich es mit einem Glückspfennig. Schließlich heißt es, dass er der Ursprung künftigen Reichtums sein soll – einem aber zumindest das Geld nie ausgeht. Als ich nach zwei Monaten immer noch knapp bei Kasse war, wechselte ich zu einem Amulett mit der Glücksgöttin Fortuna. Natürlich hoffte ich, aus ihrem Füllhorn kräftig naschen zu dürfen und spekulierte auf einen Lottogewinn. Woche für Woche spielte ich sieben Spielreihen. Ein ganzes viertel Jahr lang. Gewonnen habe ich keinen Cent – nur mal wieder mächtig an Erfahrung. Aber mit einem Hufeisen dürfte nichts schiefgehen, sagte ich mir. Wer ein Hufeisen an der Eingangstür aufhängt, lädt das Glück zu sich ein. Hängt man das Hufeisen mit der Öffnung nach oben auf, signalisiert man einen Brunnen oder eine Pforte, durch die das Glück eintreten kann. Andererseits heißt es, wenn das Hufeisen nach unten zeigt, kann das Glück zu einem herausfließen. In den folgenden Wochen trat so mancher über meine Schwelle – das Glück war jedoch nicht dabei. Eines Tages aber stand meine Freundin Rosi in der Tür – und da fiel ihr das Hufeisen direkt auf den Kopf. Riss ihr ein großes Loch in die Schläfe, sie wurde bewusstlos, musste ins Krankenhaus und genäht werden. Vielleicht war es ja mein großes Glück, dass ihr nicht mehr passiert war. Also fragte ich mich, was ich eigentlich vom Glück erwartete. Sollte glücklich sein etwa wirklich bedeuten, reich zu sein? Muss man wirklich immer noch mehr haben wollen, wenn es einem schon gut geht? Die Lösung meiner Fragen fand ich dann bei Theodor Fontane – wie recht hatte er doch mit seinem einfachen Satz: Wenn man glücklich ist, soll man nicht noch glücklicher sein wollen.

Mein kleiner grüner Wetterfrosch

09.03.2015

Seit vielen Jahren habe ich schon ein kleines süßes Haustier. Keinen Vogel, kein Meerschweinchen, keine Katze. Sondern einen Alltagsgefährten, der sich von ganz alleine nützlich macht – einen Wetterfrosch im wahrsten Sinne des Wortes. Das Glasgefäß mit Leiter habe ich inzwischen natürlich gegen ein modernes Aquarium ausgetauscht. Schließlich ist man als Arbeitgeber für das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter zuständig. Zumal ich mich noch gut daran erinnern kann, wie mein Elan früher immer gewachsen ist, wenn ich mich wohnungsmäßig verbessern konnte. Und so ist mein kleiner grüner Laubfrosch auch ein pflichtbewusster Wetterprophet. Tag für Tag sagt er mir zuverlässig, ob ich einen Regenschirm einpacken oder mich warm anziehen muss. Sogar meine Nachbarn fragen ständig, was Meteor – das ist sein Name – vorausgesagt hat. Und nicht nur das – jeden Tag auf die Sekunde um sechs Uhr ertönt sein typisches rhythmisches "äpp ... äpp ... äpp...", 4 bis 6 Mal in der Sekunde. Das ist nicht nur der Weckruf für mich, sondern auch für die umliegenden Wohnungen. Nie gab es Ärger, alle hatten ihre Freude daran. Es ging gut, bis Herr Bioletz ins Haus zog. Zuerst wollte er nur an unser aller Bewusstsein als Gast auf der Erde appellieren und bot Kochkurse an, mit denen man die Schadstoffbelastung für Äcker, Weiden und Viehzucht minimieren sollte. Damit hatte er aber keinen Erfolg, da ich zur gleichen Zeit meine Haus-Kochtopf-Show „Was gourmets denn heute?“ anbot. Wie es aussieht, stehen die Leute eben doch mehr auf normales Essen als auf Versuchsfutter. Aber wie es so ist – was den einen freut, ist dem anderen ein Ärgernis. So schoss sich Herr Bioletz auf mich als Feindbild ein. Er zeigte mich an wegen Lärmbelästigung, Vermüllung des Hauses und übler Nachrede. Aber stets standen mir meine Nachbarn hilfreich als Zeugen zur Seite. Dann aber versuchte er, mich wegen verbotener Haustierhaltung zur Strecke zu bringen und ließ dabei alle seine Beziehungen in Ökokreise spielen. Ich war total aufgeregt – aber meine Freundin Anke hatte die rettende Idee. Wir besorgten uns einen Androctonus australis in einem Glas, stellten dieses, als Herr Bioletz auf Arbeit war, in sein Wohnzimmer und riefen die Feuerwehr. Mit der Begründung, wir hätten Rauch in seiner Wohnung gerochen. Die Feuerwehr brach die Wohnung auf, fand natürlich kein Feuer – aber einen Androctonus australis, einen der giftigsten Skorpione überhaupt. Gegen Herrn Bioletz wurde Anzeige erstattet wegen Haltung gefährlicher Tiere im Wohnbereich. Ich bot mich an, für ihn auszusagen und gab zu Protokoll, dass er nichts von der Gefährlichkeit dieses Tieres wusste, welches ein Freund bei ihm abgestellt hätte. Er nahm meine Hilfe dankend an. Inzwischen fragt er mich auch fast jeden Tag, was für ein Wetter mein kleiner grüner Freund verkündet hat. Und ich soll ihn schön grüßen.

Den Nachbarn die Kugel gegeben

02.03.2015

Es muss einer dieser Sender gewesen sein, in denen dem Alltag entrückte, hexenähnliche Frauen Lebensberatung in allen Dingen anbieten. Das wäre doch auch was für mich, dachte ich. Ich kenne nicht nur alle meine Nachbarn, sondern auch so gut wie alle ihre Probleme. Da lässt sich doch was draus machen, besonders natürlich Geld. Hatte ich doch bisher auch immer einen Ratschlag parat – allerdings für lau. Nee, nee Hermine, dachte ich also, wenn die ganze Welt geschäftstüchtig ist, dann du doch erst recht. Aber es sollte schon etwas Besonderes sein. Nicht nur mit auf der Couch gegenübersitzen und Notizen machen. Nach intensiven Recherchen entschied ich mich dafür, die Zukunft aus der Glaskugel zu lesen. Ich malte die Tapeten meines Gästezimmers schwarz an, verdunkelte das Fenster und stellte eine große, von innen diffus beleuchtete und sich drehende Glaskugel in der Zimmermitte auf einen kleinen Tisch. Die Farb- und Schattenspiele im Raum mussten jeden beeindrucken – es ging mir ja selbst so. Dann streute ich im Haus anonym das Gerücht, dass die Hermine ein Wahrsage-Studio eingerichtet und mit ihren Voraussagen bisher immer nur Volltreffer gelandet hätte. Die ersten Interessenten aus der Nachbarschaft ließen also nicht lange auf sich warten. Mein erster Kunde war der spielsüchtige Herr Müller, er wollte von mir die Glückszahlen fürs Roulette wissen. Ich lag total daneben, aber zum Glück schämte er sich und machte keinen Ärger. Der netten Frau Zunk sagte ich voraus, dass sie in vier Wochen einen ganz großen Tag hätte – ihr Freund würde sich dann mit ihr verloben. Es wurde auch ein großer Tag, aber nicht wegen des erwarteten freudigen Ereignisses, sondern weil sich ihr Freund an diesem Tag von ihr trennte. Zum Glück war es auch ihr zu peinlich, hinterher über meine Voraussage zu erzählen. Aber dann kam die Geschichte mit Frau Frust. Ihr sagte ich voraus, dass ein sehr erfreuliches Ereignis ins Haus stehe. Als dann aber ihre Schwiegermutter bei ihr einzog, platzte die Bombe und löste auch weitere Explosionen aus. Nun kamen alle, die von meinen Wahrsagekünsten enttäuscht waren und machten mir die Hölle heiß. Heute bin ich mit meinen Nachbarn zum Glück wieder im Reinen. Und wenn mich mal einer bittet, aus der Kugel zu lesen, dann nehme ich höchstens noch die Globuskugel in die Hand und zeige unseren ungefähren momentanen Standort an.

Das große Latrinum

23.02.2015

Dass ich ein außerordentlich sprachbegabter Mensch bin, muss ich sicher nicht extra erwähnen. In Englisch, Französisch, Spanisch oder Holländisch kann ich mich zu jeder Zeit ein bisschen verständlich machen. Im Urlaub zum Beispiel locker ins Gespräch kommen mit Sätzen wie Kleine potjes hebben grote oren, auf Deutsch: Kleine Töpfe haben große Henkel oder Het leven is geen zoete krentenbol, was soviel heisst wie: Das Leben ist kein Rosinenbrötchen. Mit dem Satz Wie boter op het hoofd heeft, moet uit de zon blijven kommt man auch immer gut ins Gespräch - das heißt so viel wie: Wer Butter auf dem Kopf hat, sollte die Sonne meiden. Wie gesagt, das alles fällt mir nicht schwer. Fließend zuhören kann ich sogar in fast jeder Sprache. Nur bei eintönigen Stimmen steige ich zeitig aus, weil mir die Augenlider zuklappen. Mit einer Sprache allerdings hat es bei mir bisher noch nicht so richtig geklappt – mit Latein. Wahrscheinlich war mein Respekt vor dieser alten, ehrwürdigen Sprache zu groß. Zumal sich ja auch Ärzte und Juristen so verständigen. Und ein richtiges Lehrbuch, welches mir die Furcht vor dem Erlernen wenigstens etwas nahm, hatte ich noch nicht gefunden. So in der Art wie Latein ganz nebenbei, Latein im Handumdrehen gelernt oder Latein to go. Aber dann fiel mir doch die richtige Lektüre in die Hand – Küchenlatein. Das war es! Zumal ich mich in meiner Küche mehr als im Wohnzimmer oder anderswo aufhalte. Frisch ans Werk, sagte ich mir und legte das Buch offen neben den Herd. Gleich der erste Satz machte mir Mut: Sit a us vi late in, iste sabernit - Sieht aus wie Latein, ist es aber nicht. Das war ganz nach meinem Geschmack, so würde das Lernen Spaß machen. Ich malte mir schon aus, wie ich beim Kaffeekränzchen, bei Geburtstagsfeiern oder einfach beim Schwatz auf dem Flur locker meine neuen Kenntnisse einflechten würde. Gleich Uschis Geburtstagsrunde unten bei uns im Cafe nutzte ich, um mein neues Wissen anzuwenden. Nach zwei, drei Einwürfen war meine Bildung das Thema, allerdings kippte die Stimmung, als alle den Satz verstanden haben wollten, den ich zu Gerda sagte, als sie mir heißen Kaffee über meinen Rock kippte: Duo pistus sowaxum doofum. Noch schlimmer war es allerdings im Supermarkt, als ich mich über die Verkäuferin ärgerte und sagte: Dax sono nullum hiero arbei tenum darfix! Sie schrie mich an, schloss die Kasse und ging. Eine tote Sprache bringt doch nur Ärger ein, dachte ich mir. Nichts als Mißverständnisse statt anerkennender Blicke. Aber pfiffig wie ich bin, stürzte ich mich nun auf Finnisch, das fast jeder wegen der langen Wörter und der vielen ääs, öös und üüs für fast nicht erlernbar hält. Aber unter uns, mir erschien es gar nicht so schwer – heißt doch zum Beispiel Mutter mutteri, Post posti, Bus bussi, Kaffeepause kahvipaussi. Aber dann hat mich ein Finne gefragt, was denn Kuka määrittää kielen, mutta he eivät halua oppia, sinun pitäisi valita jotain muuta kuin suomea heißen würde. Ich zuckte hilflos die Schultern und er antwortete: Wer mit der Sprache angeben, sie aber nicht lernen will, sollte etwas anderes als Finnisch wählen. Nun habe ich beschlossen, es erst einmal mit einem einheimischen Dialekt zu versuchen.

Montag, der sechzehnte

16.02.2015

Es passiert mindestens einmal im Jahr – höchstens aber drei Mal: dann haben wir einen Freitag, den dreizehnten. Nicht wenige meiner Mitmenschen glauben, dass an diesem Tag besonders viele Unglücke passieren – und natürlich es auch sie treffen könnte. Wahrscheinlich hat unser Haus deswegen auch nur zwölf Etagen und nicht dreizehn. Es gibt aber auch zu viele Beispiele, die den Freitag, den 13. als Unglückstag bestätigen. An diesem Datum wurde Jesus gekreuzigt. Adam und Eva nach dem Sündenfall aus dem Paradies vertrieben. Der große Börsenkrach von 1929 brachte die Welt an den Abgrund. Und der Komponist Arnold Schönberg, berühmt für seine Zwölftonmusik, lebte sein gesamtes Leben in der Angst. Er war sich sicher, dass er an einem Freitag, dem 13., sterben würde. Als er 76 Jahre alt wurde, wusste er, es ist bald so weit. Seine Begründung: 7 plus 6 ergeben in der Summe 13. So kam es dann auch - er starb am 13. Juli 1951. Man sagt, es war 13 Minuten vor Mitternacht. Wissenschaftlich soll sich das alles wohl gar nicht beweisen lassen. Angeblich passieren nicht mehr schlimme Dinge als an jedem anderen Tag auch. Mein Gemüts-Coach hat mir jedenfalls gesagt, ich soll mir keine Sorgen machen. Im Gegenteil, es hätte sogar etwas Gutes für sich. Wenn an diesem Tag etwas schief gehen würde, könnte ich ganz entschuldigend sagen: Sorry – dafür kann ich nichts. Freitag, den 13., trifft die Schuld. Ich hatte mir auch schon überlegt, ob es gar nicht die Kombination von Tag und Zahl ist, sondern in erster Linie die 13, die Böses hervorbringt. Man denke nur an die dreizehnte Fee, beim Tarot ist die 13 der Tod, 13 Teile nennt man Teufelsdutzend. In Spanien, Griechenland und Lateinamerika ist nicht der Freitag, sondern der Dienstag, der 13., mit Pech und Unglück behaftet. In Italien ist wieder alles ganz anders: hier ist zwar der Freitag ein Unglückstag - allerdings nur dann, wenn er auf einen 17. fällt. Na ja, man macht sich eben so seine Gedanken. Aber dann kam dieser Montag, der 16. Am Freitag war gar nichts passiert, aber an diesem Montag vergaß Frau Menkers, das Bügeleisen auszuschalten. Herr Mumps wurden alle Ausweispapiere und Kreditkarten gestohlen. Frau Mölders verlor ihren Job – und ich brach mir den Arm, als ich versuchte, eine Briefmarke aufzukleben. Jetzt weiß ich, welcher Tag wirklich gefährlich ist! Aber letztendlich sollte mir das alles egal sein – denn eigentlich bin ich ein Sonntagskind.

Ach, mir tun die Männer leid

09.02.2015

Wozu brauchen wir eigentlich eine Frauenquote? Die Männer sind doch längst nicht mehr das, was sie vielleicht noch nie waren. Es geht doch heute schon bei der Erziehung der kleinen Jungs zu Hause - und noch mehr in der Kita und Schule – los. Hört auf, Euch zu zanken. Wollt ihr Euch wohl nicht prügeln? Ihr müsst Euch nicht immer Waffen bauen. Guckt mal, wie schön und wie ruhig Fini und Daphne mit ihren Puppen spielen. Da solltet ihr Euch mal ein Vorbild nehmen. Heul doch mal, es ist schön, wenn man seine Gefühle zeigen kann. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit war das genau anders herum. Wenn ein Knabe bei jedem Windhauch in Tränen ausbrach, sagte man zu ihm „Benimm Dich gefälligst nicht wie ein Mädchen!“ In der Schule geht es dann weiter. Fußball willst Du spielen? Boxen gehen? Weißt Du nicht, dass man sich da ganz leicht verletzen kann? Mach doch Handarbeit oder geh in die Arbeitsgemeinschaft Biogärtner. Der Schulweg ist zu gefährlich, also bringt man die Sprösslinge bis an die Tür und holt sie auch wieder ab. Freiräume zum Toben, zum wild sein, bleiben da kaum. So wird der Nachwuchs beizeiten an die Wand gespielt. Und dann wundert man sich, wenn er dort auch bleibt. Natürlich auch nur, wenn er hier eine Steckdose für den Gameboy oder den Computer findet. In der Schule sind die Mädchen leistungsmäßig meist besser als die Jungs – und werden ihnen dann gleich wieder als Vorbilder unter die Nase gerieben. Und da sie die besseren Schulabschlüsse machen, studieren sie inzwischen auch öfter, belegen auch hier wieder die besten Plätze, bekommen die besseren Jobs und besetzen Schlüsselpositionen. Spätestens dann geht es auf die Jagd nach einem harten Kerl fürs Leben. Kann ruhig so ein bisschen machohaft sein, so wie Daniel Craig im letzten James Bond. Aber was finden sie dann in der freien Wildbahn? Nur Weicheier, Warmduscher und verunsicherte Duckmäuser. Er punktet nicht einmal damit, dass er seinen Namen tanzen kann. - Also seien wir doch mal ganz ehrlich: In Wirklichkeit haben wir Frauen die Herrschaft doch schon vor einer ganzen Weile übernommen!

Der Fernsehmonteur kommt

02.02.2015

Ich gehöre noch zu den altmodischen Menschen, die ihr Fernsehprogramm über Antenne empfangen. Letztens zuckte das Bild nur noch, an entspanntes Filmegucken war nicht zu denken. Da ich das Problem – und ich bin technisch sehr begabt – nicht selbst lösen konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als einen Monteur zu bestellen. Das war mir gar nicht lieb, denn solche Aktionen gehen oft aus wie das Hornberger Schießen und noch dazu ins Geld. Vielleicht müsste ich für ein paar Handgriffe so viel bezahlen, dass es für ein neues Gerät reichen würde. Wie gesagt – bei solchen Sachen bin ich skeptisch. Kürzlich erst war ich mit meinem DVD-Player in einer Werkstatt, weil die DVD nicht mehr herauskam. Tja, kompliziert - mit ungefähr 200 Euro müssen Sie rechnen, sagte der Meister. Ich nahm das Gerät unter den Arm und ging wieder nach Hause. Sah im Internet unter Fehlersuche nach – und siehe da: Ich musste nur zwei Knöpfe gleichzeitig drücken, und die DVD kam wieder zum Vorschein. Handwerk hat eben goldenen Boden. Mein Monteur war ein fröhlicher junger Mann, der sich erst einmal alles genau ansah. Liegt an der Antenne, sagte er. Habe aber vorsichtshalber eine neue mitgebracht, richtig leistungsfähig. Müssen wir aber genau ausmessen, damit Sie ein optimales Bild haben. Zuerst aber stellen wir die Möbel um, damit das Feng Shui stimmt. - Nach zwei Stunden war alles an seinem Platz und versprach ein gutes Karma. Nun packte er erst einmal seinen Absorptionsfrequenzmesser aus, ein Messgerät für die Feineinstellung. Zuerst sollte ich mich auf den Tisch stellen, dort die Antenne ausrichten und dabei das Fernsehbild im Auge behalten. Das Bild war jedoch sehr unscharf. Der Monteur schickte mich mit der Antenne auf den Schrank - sein fachmännisches Auge war aber immer noch unzufrieden. Ich stellte mich ans offene Fenster und hielt die Hand mit Antenne raus – besser konnte das Bild nicht mehr werden. „Meister, Meister, jetzt kommt‘s richtig!“, rief ich gleich dreimal. Das musste wohl auch die alte Scharnhorst gehört haben. Denn tags darauf sprach sie mich an: „Hermine, wenn Du schon Herrenbesuch hast, dann mach wenigstens nicht so einen Lärm. Aber keine Sorge, ich habe niemandem davon erzählt. Nur der Müllern, der Sorge und der Klein ...“. Komischerweise blieb der übliche Klatsch im Haus aus. Dafür kamen nacheinander die Müllern, die Sorge und die Klein und fragten mich scheinheilig, ob ich nicht einen Handwerker wüsste, der ein Händchen auch für die praktischen Dinge im Leben habe.

Wie ich die Quantentheorie verstehe

26.01.2015

Neulich ist mir beim Lesen der Buchstabe h über den Weg gelaufen. Das heißt bestimmt Hermine, dachte ich mir. Musste dann aber feststellen, dass sich dahinter das Plancksche Wirkungsquantum verbirgt. Was das ist? Ganz einfach: Wird ein Körper erwärmt, gibt er Energie in Form von Wärme und Licht ab. Bisher war man davon ausgegangen, dass Energie ununterbrochen abgegeben würde, die Natur keine Sprünge mache. Doch genau das entdeckte Planck – nämlich, dass Energie immer in Paketen, den sogenannten Quanten, abgegeben wird. Dabei sind die abgegebenen Energiemengen – also die Quanten – immer ein Vielfaches des Planckschen Wirkungsquantums h, also multipliziert mit h. - Aha! Immerhin konnte ich dieses Wissen komplett auf mich übertragen. Dass ich ein vielseitiges Energiebündel und dadurch auch etwas sprunghaft bin, war mir schon immer klar. Und wenn ich voller Energie bin, strahle und leuchte ich natürlich auch. Aber dass für solche Erkenntnisse sogar ein Nobelpreis vergeben wurde, das bleibt mir schleierhaft. Inzwischen überträgt man die Erkenntnisse der Quantentheorie ja sogar auf die Ordnung oder besser gesagt Unordnung im menschlichen Leben. Und sagt, dass Ehe, Familie oder Staat ihre Stabilität irgendwann gesetzmäßig verlieren müssen. Schöne wissenschaftlich fundierte Ausrede für jede Gelegenheit, wenn mal wieder etwas schiefgegangen ist – werde ich mir merken. Aber was ist so neu daran? Goethe ließ schon seinen Mephisto sagen: „… alles, was besteht, ist wert, dass es zugrunde geht!“ Na also. Am besten gefällt mir aber die Aussage, dass die Theorie vor einer Messung nur eine Wahrscheinlichkeitsaussage ist, es Fälle gibt, in denen es Wahrscheinlichkeiten für vollkommen unterschiedliche Messergebnisse gibt. Danach könnte ein Quant beispielsweise entweder in Hamburg oder auch in Rom geortet werden. Aber genauso geht es mir auch öfters. Wenn eine Bekannte zum Beispiel sagt „Hermine, letzten Freitag, 17 Uhr, habe ich Dich in der Mall of Berlin shoppen gesehen“. Dabei war ich zu diesem Zeitpunkt bei einer Geburtstagsfeier in Oranienburg. Wenn man dann angeblich noch mit einem fremden Mann in der Mall gesichtet wurde, glaubt einem das dann sowieso keiner. Auch nicht mit eindeutigem Beweis. - Immer, wenn ich mir solche tiefgehenden wissenschaftlichen Gedanken mache und dabei laut durchs Zimmer schlurfe, muss ich an meine Mutter denken. Sie rief mir dann immer zu: Hermine, heb deine Quanten, das hält ja keiner aus! Wahrscheinlich hat damit überhaupt mein großes Interesse für Wissenschaft im Allgemeinen und für Physik im Speziellen begonnen.

Da möchte man dazugehören

19.01.2015

Es gab eine Zeit, da musste man schwarz gekleidet und entsprechend geschminkt sein, um am Alexanderplatz der größten Gemeinschaft anzugehören. Jahrelang trafen sich hier am späten Nachmittag junge Vertreter der Gothicszene, um gemeinsam abzuhängen, zu trinken und laute Musik zu hören. Heute dagegen dominieren junge Leute den Alex, die mit Riesentüten bepackt sind und mit überglücklichen Gesichtern über den Platz laufen. Waren es bei unseren Vorfahren jedoch die bei der Jagd erlegten Tiere für das Mahl, die ihre Gesichter und Seelen erhellten, sind es heute die Schnäppchen, die man hier machen kann. Dabei weiß ich nicht einmal, wie man den Laden richtig ausspricht. Ist es das prima RK oder hinten doch mit Mark? Aber dann hätte man es lieber gleich Euro nennen sollen. Erst dachte ich, das Geschäft wäre nur etwas für junge Leute. Aber ich sah immer wieder Menschen aller Altersklassen herauskommen – ebenfalls voll bepackt. Und mit dem gleichen glücklichen Gesichtsausdruck wie die Jungen. Meine Neugierde siegte und eines Tages stürzte ich mich auch ins Gewimmel. Und da Shoppen bei mir – und da bin ich sicher kein Einzelfall – mit dem Nachhausetragen so vieler Tüten wie nur möglich verbunden ist, wurde ich eines Tages auch bei mir im Haus darauf angesprochen. Ausgerechnet die neugierige Schulzen fragte scheinbar harmlos, was ich denn in dem Billigladen immer wieder finden würde. Das wäre doch alles minderste Qualität und wahrscheinlich auch durch Kinderarbeit entstanden. Es wäre doch viel besser, weniger zu kaufen und dafür auf Qualität zu achten. Zumal man auch an die schlechte Umweltbilanz solcher Produktionsbetriebe denken sollte. Ich ärgerte mich maßlos. War es doch gerade die alte Schulzen, die für nichts zu viel Geld ausgeben wollte und alles mitnahm, was sie möglichst geschenkt bekam. Warte, dachte ich! Dir schlage ich ein Schnippchen mit meinen Schnäppchen. Ich kaufte mir ein paar riesengroße KaDeWe-Tüten und füllte diese von da an mit meinen billigen Klamotten. Wenn ich jetzt damit zwischen all den Käufern mit ihren billigen braunen Tüten herumlaufe, ist mir die Aufmerksamkeit der anderen auf jeden Fall gewiss. Und auch die alte Schulzen macht jetzt nur noch einen spitzen Mund, wenn ich ihr nach einem Einkauf über den Weg laufe.

Hat mich die Nomophobie erwischt?

12.01.2015

Die meisten Menschen behaupten, nicht mehr ohne Handy leben zu können. Dabei scheinen sie in erster Linie unter den kleinen Alleskönnern zu leiden. Wohin man auch schaut – überall sieht man Mitbürger, die sich über das kleine Gerät beugen und emsig eine Nachricht eintippen, ein Spiel spielen oder im gefühlten Abstand von zehn Sekunden nachsehen, ob eine neue SMS eingetroffen ist. Nicht dass ich mir Sorgen mache über die vielen Rundrücken, die künftig die ärztlichen Praxen bevölkern werden. Da gibt es viel schlimmere Handykrankheiten: die Smartphone-Akne, das Phantom-Vibrations-Syndrom, der Handy-Ellbogen oder die digitale Augenentzündung. Aber jetzt habe ich von einer neuen Krankheit gehört, die mir doch Sorgen bereitet. Es geht um die Nomophobie, die Angst, kein Handy dabeizuhaben. Nun gehöre ich zwar nicht zu den absoluten Vieltelefonierern – aber die Angst, etwas zu verpassen, plagt mich eigentlich schon seit meiner Geburt. Schließlich hat mein Thearpeut bei mir schon eine ausgewachsene Athazagoraphobie, die Angst davor, vergessen oder ignoriert zu werden oder selbst etwas zu vergessen, festgestellt. Und eine zweite Phobie wollte ich mir einfach nicht leisten. Aber was hilft da? Natürlich ein Selbsttest! Nach zwei Wochen merkte ich, dass ich zumindest sehr gefährdet war. Mein Handy war immer dabei. War ich im Wohnzimmer, war auch mein Handy hier. Genauso, wenn ich mich in der Küche oder im Bad aufhielt. Nachts lag es sogar auf meinem Nachttischchen und wenn ich unterwegs war, war es mein stetiger Begleiter. Mit dem bewussten Liegenlassen klappte es auch nicht so richtig. Egal, wann ich unterwegs in meiner Handtasche nachschaute, das Handy war stets dabei. Selbst dann, wenn ich es liegenlassen wollte – das Einstecken hatte sich wohl schon zu einem unbewussten Reflex entwickelt. Nun schaltete ich alle Apps gleichzeitig ein, sodass sich der Akku schnell entladen musste. Ein nicht aufgeladenes Gerät würde ich ja wohl nicht einstecken. Aber weit gefehlt! Auch leer war es ständig am Mann, oder besser an der Frau. Als alte Psychologin wusste ich natürlich, dass das Gehirn nach ständiger Belohnung giert. Daher legte ich mein Handy nur noch neben einem Schokoladenriegel ab. Daneben stand immer ein großes Schild: Entweder oder!!! Und es klappte – jetzt nahm ich mein Telefon mit, wenn ich es wollte und ließ es auch zuhause, wenn mir so zumute war. Ich war also geheilt, noch ehe diese Phobie richtig bei mir durchbrechen konnte. Nun quält mich aber eine neue Angst: Die Angst, mein Handy doch dabeizuhaben, wenn ich es eigentlich zuhause liegenlassen wollte. Ich habe gleich nachgeschlagen, wie sich diese Störung nennt. Aber zum Glück gibt es sie noch nicht. Ich kann mich also beruhigt zurücklehnen und auf einen Anruf warten.

… and a happy new ear

05.01.2015

Eigentlich begann alles damit, dass mein Vater wieder einmal sparen wollte. Diesmal war ich das Opfer – oder besser gesagt mein Haarschnitt. Zu jener Zeit war ich vier oder fünf Jahre alt. Das mache ich doch besser als jeder Friseur, sagte mein Vater. Du siehst schick aus und wir sparen Geld. Wenn wir zehn Mal die Haare geschnitten haben, gibt es als Belohnung fürs Mitmachen auch zwei Kugeln Eis. Ich war also mächtig motiviert, mir zuhause die Haare schneiden zu lassen. Wahrscheinlich wäre diese Phase an mir auch vorübergegangen, ohne dass ich mich später daran hätte erinnern können. Wenn nicht dieses – im wahrsten Sinne des Wortes – einschneidende Erlebnis stattgefunden hätte. Die eine Hälfte meines Kopfes war schon geschoren wie bei einem Schaf – da passierte es: Mein Vater schnitt mir fast das halbe Ohrläppchen ab. Anstatt seine Tochter nun zu trösten und in den Arm zu nehmen, sagte er nur cool „Das heilt schon wieder – und wenn nicht, kaufen wir Dir bei Aldi ein neues Ohr“. Ein Aldiohr – in diesem Moment ahnte ich noch nicht, wie sehr mich dieser Gedanke einmal verfolgen würde. Jedesmal, wenn wir in einen Supermarkt fuhren, fasste ich mir an die Ohren, ob sie noch fest am Kopf saßen. Und machte immer einen großen Bogen um die Fleisch- und Wurstwarenabteilung, weil ich die Ersatzteile hier vermutete. Langsam, ganz langsam verlor sich meine Ohrenangst. Bis dann eines Tages der Sohn einer befreundeten Familie – er sollte später ein bekannter Volksschauspieler werden – sich für diesen Beruf zu begeistern begann. Er ließ sich eine Grundausstattung schenken, von der er erstens dachte, dass sie jeder Schauspieler brauche und zweitens hoffte er, damit seine gesamte Familie, deren Besuch und auch die Nachbarschaft erschrecken zu können: eine grässliche, ketchupfarbene Lockenperücke, ein Draculagebiss, eine jedes Gesicht dümmlich erscheinen lassende Brille – und ein paar Riesenohren zum Anklemmen. Da war es also wieder, mein langjähriges Problem. Am schlimmsten für mich war nur, dass die gesamte Ausstattung die wildesten Vorführungen schadlos überstand. Nur die Ohren fielen regelmäßig ab. Wäre das auch mein Schicksal gewesen? Ich stellte mir mein erstes Date mit dem Traum meiner Träume vor. Nach einem wunderschönen Kinobesuch näherten sich unsere Münder zu einem ersten Kuss, als es plötzlich polterte. Mein Aldiohr folgte dem Gesetz der Schwerkraft. Und was machte meine erste große Liebe? Lachte sich halb kaputt und sagte, dass er das auch haben möchte. Nämlich die Möglichkeit, sein Handy direkt an den Gehörgang zu schrauben. Glauben Sie mir, so ein kindliches Trauma kann sich gewaltig auswachsen. Inzwischen ist eine lange Zeit vergangen und ich habe den nötigen Abstand zum Ersatzohr bekommen. Nur noch in der Weihnachtszeit bekomme ich regelmäßig Zuckungen, wenn das Weihnachtslied „... and a happy new year“ läuft. Denn dann verstehe ich „and a happy new ...“

Das Weihnachts-Menü

29.12.2014

Bisher hatten wir uns Weihnachten immer gegenseitig eingeladen. So war jeder aus der Familie einmal alle fünf Jahre an der Reihe, die gesamte Verwandtschaft zu bewirten. Die anderen reisten dann mit Sack und Pack an. Als wir uns in diesem Sommer alle trafen, meinte meine Schwägerin: Lasst uns doch Weihnachten einmal gemeinsam verreisen, zum Beispiel in eine schöne Berghütte in den Alpen. Dort kochen wir natürlich selbst – jeder von uns kennt doch so tolle Weihnachtsrezepte. Wir losen aus, wer für die Verpflegung zuständig ist. Oder noch besser, wir machen eine Liste mit allen Argumenten für und gegen das jeweilige Gericht. Wer die meisten Punkte bekommt, kocht. Nun kam es für jeden von uns also nur noch darauf an, so zu argumentieren, dass ein anderer die schwere Arbeit des Rund-um-die-Uhr-die-anderen-Bekochens übernehmen musste. Deine Klöße mit Rouladen sind immer der Renner, sagte mein Schwager Fränkie und seine Frau Katrin nickte ihm erleichtert zu. Aber Huberts gespickter Rehbraten mit Preiselbeeren war doch der Hit überhaupt, alle wollten gleich das Rezept zum Nachkochen haben, argumentierte ich dagegen. Da schaltete sich aber gleich Eva, seine plantonische Langzeitfreundin, ins Gespräch ein. Wir sollten Hubert dieses Jahr ein bisschen entspannen lassen, er hat viel um die Ohren und wird beim Kochen derzeit immer so schnell depressiv. Ich plädiere für Armin mit seiner Entenbrust in Rotweinsauce. Außerdem bringt er ja auch immer die passenden Rotweine von seinem Italienurlaub mit, wenn er Weihnachten dran ist. Aber dieses Jahr schien es, dass Armin seinen Wein wohl lieber allein trinken wollte. Mit Ente in allen Varianten habe ich mich dieses Jahr beim Chinesen dermaßen übergegessen - mir wäre zum Fest mal nach was ganz anderem, meinte er. Die Ute mit ihrer Pute, das wäre doch eine runde Sache. Und da bleibt immer noch was zum Naschen davon übrig. Gute Idee, meinte Thomas, ihr Mann. Bekam aber so einen Blick zugeworfen, dass er umgehend umschwenkte und sagte, Katrins ummanteltes Perlhuhn „Gluckchen on the rocks“ an blauem Trüffelpüree und Chilibirnen wäre doch in keiner Hinsicht zu toppen. Dann schwiegen wir alle, jeder sinnierte vor sich hin und wir gingen wieder zum Alltag über. Ein halbes Jahr später trafen wir uns alle wie verabredet zum langen Weihnachtswochenende in einer Berghütte im Allgäu. Dort stellten wir fest, dass keiner die Zutaten für das Essen mitgebracht hatte. Jeder dachte, sein Vorschlag im Sommer wäre der überzeugende gewesen. So standen wir nun mit nichts da. Getränke konnten wir noch ausreichend besorgen, unsere Wunschessen zu kochen, mussten wir jedoch abhaken. Am ersten Tag ließen wir uns Pizza liefern, am zweiten etwas aus der Asiaküche und am dritten Tag gingen wir in den Dorfkrug. Bis auf das Essen war es ein tolles Erlebnis. Ab nächstem Jahr kochen wir dann wieder rundum. Da weiß dann jeder, was er zu tun hat. Das Essen wird also gut und das Fest wieder langweilig sein.

Der Coach in mir

22.12.2014

Wer heute keinen an der Waffel hat, ist selber schuld. Denn eins ist Fakt: Wer keine Probleme hat, schafft sich welche. Und wenn er dann nicht weiß, wie er sie lösen soll – Hilfe gibt es gleich an der nächsten Ecke. Meist in Form eines Coaches. Mein Gott, bei was einem da alles geholfen werden kann! Bei Problemen, für die es früher noch nicht einmal ein Wort gab. Geschweige denn das Problem. Aber heutzutage möchte ja auch jeder alles haben – selbst bei jedem Wehwehchen wird gern zugegriffen. Auch wenn es oft nur darum geht, mitreden zu können. Coach sein musste unwahrscheinlich reizvoll sein. Eine Stunde ruhig zuhören und dann sagen können: Gut, dass wir einmal darüber geredet haben, Sie sehen schon viel entspannter und zufriedener aus als vorhin. Und Sie selbst sind der Lösung des Problems schon sehr nahegekommen. Nächsten Dienstag um halb zwei sehen wir uns wieder. Macht 160 Euro. Plus Mehrwertsteuer natürlich. Hier könnte ich nicht nur mein Wissen aus Psychologie, Nachbargesprächen und mitgelesenen Briefen unterbringen – ich hätte auch nach Feierabend meinen Hausnachbarn unwahrscheinlich viel Neues zu berichten. Denn das Erste, wonach ich mich natürlich erkundigt hatte, war die wichtige Frage, ob es eine Schweigepflicht oder einen Ehrenkodex für das Coachen gibt. Aber Glück gehabt! Der zweite glückliche Umstand war, dass man keine Ausbildung und keinen Abschluss benötigt. Nur das Geld für ein werbewirksames Praxisschild. Aber wofür hat man einen Werbefuzzi im gleichen Aufgang? Ich ließ mir also ein Schild anfertigen, dass wie ein Magnet Kunden anziehen sollte: Coach for Professional Development. Von Burn-coming-out bis Mediteraner Exorzismus – nimm dein Leben in die eigene Hand. So sollte jeder gleich sehen, dass ich zum Weizen und nicht zur Spreu gehöre. Ich konnte auch an einer sehr belebten Ecke mitten in der City Praxisräume mieten. Sehr schick, aber auch sehr teuer. Voller Erwartungen und schon mal vorab im Geiste das viele Geld zählend, startete ich in meine neue Karriere als Coach. Und da saß ich und saß ich und saß ich – und keiner kam. Ich verteilte Handzettel in der Umgebung – und es kam wieder niemand. Wo blieben all die Frustrierten, Gemobbten, Outgeburnten und Ehegeschädigten? Als ich nach drei Monaten immer noch keine Miete gezahlt hatte, schmiss mich mein Vermieter raus. Da stand ich nun und hätte eigentlich selbst einen Coach gebraucht. Aber glücklicherweise war ich das ja selbst – also ging ich in mich und kam prompt mit einer neuen Idee hervor. Viel besser als mein misslungener Start – denn dafür brauchte ich keine Räume mehr zu mieten. Ich kaufte mir – natürlich auf Pump – einen großen Süßigkeitenautomaten und ließ ihn umfunktionieren. Statt Schokolade und Bonbons kamen nun Tipps und Anleitungen heraus, wie man mit seinem jeweiligen Problem optimal umgehen kann. Je nach Schwierigkeitsgrad zwischen fünf und zehn Euro. Und diese Idee funktionierte bestens. Jetzt genieße ich das süße Leben, nebenbei und ohne Aufwand gutes Geld zu verdienen. Und überlege schon, ob ich noch einen Automaten aufstelle, der für alle Sternzeichen Verhaltensregeln für den Tag ausgibt.

Ein eingefleischter Veganer

15.12.2014

Es ist schon schlimm, wenn man sich alles immer gleich bildlich vorstellen kann. Noch dazu in den schönsten – oder schlimmsten – Farben und in 3D. Also ist es da auch nicht verwunderlich, wenn zu viel Phantasie den Spaß an mancher Speise verdirbt. Nun heißt es zwar, helles Fleisch sei wegen seiner positiven Auswirkungen auf die Laborwerte rotem Fleisch vorzuziehen. Aber mir verging mein Fleischappetit als Erstes auf Hühnchen und Hähnchen. Zu plastisch hatte ich stets vor Augen, was ich im Fernsehen sah: Wie sie im Zweizentimeterabstand bis an die Decke gestapelt übereinandersaßen, sich gegenseitig die Luft nahmen, ab und zu etwas fallen ließen und hin und wieder auch selbst von der Stange fielen. Und das sollte bei mir in die Pfanne? Kommt nicht in Frage, sagte ich mir. Bei Schwein und Rind wollte ich aber bleiben. Allerdings funkte mir da die gesamte Presse dazwischen. Ein erneutes Aufflackern von BSE war beobachtet worden. Mit dem Hinweis, dass das menschliche Hirn noch schneller benebelt wurde als bei allen Formen dieser Krankheit, die man bisher kannte. Wie sollte ich mir da noch merken können, was in der Nachbarschaft so alles passiert? Wie die Neuigkeiten weitergeben? Nein – das war mir zu gefährlich. Für ein Ausweichen auf Schweinefleisch blieb mir fast keine Zeit. Denn schon kamen die frohen Botschaften von Schweinepest, Rotlauf, Stomatitis und und und. Blieben mir wirklich nur noch Krokodil, Känguru und Gnu? Wer weiß, was die sich in ihrer Heimat alles eingefangen hatten! Ich beschloss, mit Fisch diesen schmerzhaften Verlust abzufangen oder wenigstens etwas abzufedern. Fisch, täglich frisch auf jeden Tisch – so hieß es ja schon zu Großmutters Zeiten. Bei der Vielfalt, die der Handel heute zu bieten hat, war mein Fleischersatz also langfristig gesichert. Aber pünktlich mit meiner Zufriedenheit kamen die Nachrichten von Salmonellen, Würmern und Kolibakterien. Jetzt war ich endgültig erledigt, wollte keine Kompromisse mehr eingehen. Sondern mein künftiges Leben als Veganer fristen. Ich machte mir also Gedanken, wie ich mich am besten von Früchten und Gemüse ernähren könne. Aber die vielen Vorschriften und Verbote hielten mich immer wieder davon ab, das zu essen, was ich eingekauft hatte. So kam ich innerhalb eines halben Jahres auf mein Wunschgewicht. Aber ich hatte zu nichts mehr Lust, war meist miesepetrig und launisch. Bis ich eines morgens voller Tatendrang und wie neugeboren erwachte. Ich fühlte mich so gut, dass ich auf direktem Weg schnurstracks ins nächstgelegene Steakhaus eilte und mir das größte T-Bone-Steak einverleibte. Von diesem Moment an war ich von allen Tierkrankheiten geheilt – und in der Zeitung lese ich nur noch den Sportteil und das Wetter.

Kinderlärm gleich vor der Tür

08.12.2014

Die Schule direkt gegenüber von unserem Haus gibt es eigentlich schon immer. Und damit auch den normalen Lärm der Kinder in den Pausen, beim Sport und zum Schulschluss. Bisher hat das auch keinen bei uns gestört – auch nicht Herrn Paschulke. Herr Paschulke hat zwar seit zwanzig Jahren bei uns im Haus den Spitznamen Griesgram, aber bisher seinen Ärger und seine schlechte Laune immer nur an uns ausgelassen. Bis er dann eines Tages die Schule mit ihrem Lärm als Ursache für seinen schlechten Schlaf ausmachte. Von da an ging es Schlag auf Schlag. Als die Termine bei der Hausverwaltung in seinem Sinne nichts brachten, beschwerte er sich bei der Schuldirektorin und drohte mit dem Schlimmsten. Aber wie sollte die Direktorin Kinderlärm verhindern? Die Kinder fesseln und knebeln, sie von zu Hause abholen und wieder nach Hause bringen? Der Lärm blieb also und unser alter Griesgram überzog nun die Schule mit Klagen. Das schien sich zu seinem späten Hobby zu entwickeln – zu seinem einzigen Hobby. Die Direktorin, die gleichzeitig Deutschlehrerin an der Schule war, nahm eines Tages Wilhelm Buschs Gedicht „Bewaffneter Friede“ durch: „… es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Und sie erzählte ihren Schülern die Geschichte vom Herrn Paschulke. Da ahnte sie noch nicht, was sie damit auslösen würde. Die Schüler beschlossen, Herrn Paschulke eine Lehre zu erteilen. Und dafür ließen sie sich jeden Tag etwas Neues einfallen. Zuerst war nur der Briefkasten zugeklebt. Ein paar Tage später war seine Eingangstür mit rund fünfzig Zeitungsstapeln zugestellt – für die Entsorgung musste er 80 Euro löhnen. Eines Tages klingelte ein Caterer an seiner Tür und brachte das bestellte Essen für eine Gesellschaft von zwanzig Leuten – Kostenpunkt runde 700 Euro. Als dann noch ständig Streit mit fremden Frauen an seiner Wohnungstür ausbrach, die er angeblich zum Kennenlernen eingeladen hatte, flippte er aus. Die Schüler hatten sich mit seinem Namen bei einer Partnervermittlung angemeldet und schickten ihm die heiratswilligen Damen nun reihenweise nach Hause. Paschulke beschloss, umzuziehen. Er fand eine Wohnung in einer ruhigen Gegend – gegenüber wurde gerade ein Seniorenheim gebaut. Das versprach die Ruhe, die er sich wünschte. Er zog ein, das Projekt Seniorenheim scheiterte und das Haus wurde zu einem Kindergarten umfunktioniert. Nun wohnt Paschulke also gegenüber einer Kita und sehnt sich nach den ruhigen Unterrichtsstunden, die eine Grundschule zu bieten hat.

Für den Klimawandel gewappnet

01.12.2014

In den Frühnachrichten hatten sie es wieder gebracht: Der Meeresspiegel wird in den nächsten 50 Jahren etwa acht Meter ansteigen und weite Teile des Landes überfluten. Da sich diese Hiobsbotschaften häuften, war mir klar, dass die Einschläge nun immer näher kommen. Obwohl ich im 10. Stock wohne, machte ich vorsichtshalber erst einmal alle Fenster zu und beschloss, mir am Nachmittag ein Paar hohe Gummistiefel zu kaufen. Oder besser zwei Paar – eins zusätzlich, wenn Besuch vorbeikommt. Aber natürlich geht es mir nicht nur um den Anstieg des Meeresspiegels, nein – ich möchte gegen alle Folgen des Klimawandels gewappnet sein. Um mich an die globale Erwärmung zu gewöhnen, habe ich mir vorsichtshalber eine Sauna gekauft. Eine finnische Sauna natürlich, die ich locker auf über 100 Grad heizen kann. Allerdings weiß ich nicht, ob mir das wirklich hilft. Was tun, wenn es nicht wie versprochen zu einer Erderwärmung, sondern zu einer neuen Eiszeit kommt? In diesem Fall könnte ich vielleicht ganz spontan reagieren und mir aus meinem Eisbärenbettvorleger ein Kostüm nähen. Fürs Erste dürfte das auf jeden Fall reichen und dann lasse ich mir eben etwas Neues einfallen. Sollte die Zukunft Dürren und Ernteausfälle bringen, bin ich auch vorbereitet. In den oberen Fächern meiner Schränke und den Ecken meines Fitnessraumes staple ich in Kartons mit Lebensmittelkonzentrate und Essenzen. – Mit dem jetzigen Vorrat komme ich schon einmal über die ersten eineinhalb Jahre. Prophezeit wird ja auch gern, dass viele Tierarten ihren Standort wechseln werden. Wie ich auf die Killerwale in Ostsee oder Spree reagieren soll – dafür habe ich noch keine Antwort. Auf Löwen, Elefanten und Gnus auf dem Ku´damm und in der Uckermark dagegen bin ich schon bestens vorbereitet. Denn in den vergangenen sechs Jahren war ich bereits vier Mal auf Safari in Zentralafrika. Am schlimmsten beim ganzen Klimawandel wird mich aber treffen, dass dann mein Lieblingsurlaubsland Holland komplett unter den Fluten begraben ist. Und bisher konnte mich noch niemand davon überzeugen, dass Bulgarien oder Rumänien ein gleichwertiger Ersatz dafür wären. Kein Wunder, dass mich bei all diesen trüben Gedanken und dem ganzen Vorbereitungsstress öfters auch Kopfschmerzen plagen. Deshalb sage ich mir seit einigen Monaten: Egal, ob es zur großen Sturmflut kommt oder alles nur ein Sturm im Wasserglas ist – ich werfe mir, wenn es ums Klima geht, erst einmal eine Aspirin ein. Damit bin ich vielleicht auch wirksam gegen künftige Infektionskrankheiten geschützt.

Zeichen an meiner Tür

24.11.2014

Man hört und liest in letzter Zeit ja immer so viel von zunehmenden Wohnungseinbrüchen. Zum Glück war es diesbezüglich in meiner unmittelbaren Umgebung bisher ruhig – ich kenne nur ein Opfer im Bekanntenkreis. Und diese Familie hat ein abgelegenes Haus direkt an der Stadtgrenze. Aber allein schon die Vorstellung eines Einbruchs macht mir Angst. Wenn die ganze Wohnung verwüstet ist, alle Schubladen herausgerissen und die Gegenstände über den Fußboden verteilt sind, die komplette Technik gestohlen wurde – und auch die unersetzbaren persönlichen Wertstücke nicht mehr da sind. Aber das Schlimmste musste wohl das Gefühl sein, dass jemand Fremdes einfach so meinen persönlichen Rückzugsraum zerstört hat und das Ganze jederzeit wieder geschehen kann. Aber wie kann man sich dagegen wirklich wirksam schützen? Einen 24-Stunden-Wachposten vor meiner Wohnungstür konnte ich mir nicht leisten. Wollte ich auch gar nicht. Allein der Gedanke, was man mit dem vielen Geld Schönes anstellen könnte! Also begann ich, mich für Einbruchs – oder besser gesagt Einbruchverhinderungstechnik zu interessieren. Dabei wurde mir allerdings schnell bewusst, dass zu viel Sicherheitstechnik Einbrecher eher noch darin bestärkt, dass hier etwas zu holen sei. Dann hörte ich glücklicherweise von den Gaunerzinken - mittelalterlichen Symbolen, die herumziehende Bettler als Code verwendeten, um nachfolgenden Berufskollegen Hinweise auf den Hausherrn zu geben. Heute verständigen sich internationale Diebesbanden auf diese Weise, ob etwas zu holen ist oder man lieber Vorsicht walten lassen sollte. Das gefiel mir. Ein kleiner Krakel an der Haus- und neben der Wohnungstür, der den meisten Hausbewohnern gar nicht auffällt – das wollte ich mir für meine eigene Sicherheit nutzbar machen. Ausführlich studierte ich die Bedeutung der Gaunerzinken und malte neben unsere Klingelanlage das Symbol für aktive Polizisten im Haus und neben meine Wohnungstür das Symbol für bissiger Hund. Nun hoffe ich, dass unser Haus und meine Wohnung auch künftig unter einem guten Stern stehen. Denn wie man im Alltag sieht, läuft auch auf diesem Gebiet ohne Eigeninitiative nichts.

O´zapft war oder ein maßvolles Wochenende

17.11.2014

Von der Wiesn hatten wir schon so viel gehört – nun beschlossen wir Damen unseres Rommévereins, immerhin 24 an der Zahl, auch einmal dort aufzuschlagen und die Sau rauszulassen. Warum sollten immer nur die Männer ihren Spaß haben? Als Erstes stürmten wir in einen Trachtenladen und feilschten einen Preisnachlass für unseren Großeinkauf heraus, auf den selbst meine schwäbische Großtante stolz gewesen wäre. Der einzige Nachteil war, dass wir nun alle gleich aussahen. Aber seit wann stört es denn eine Frau, wenn eine andere das gleiche trägt? Gut ausgestattet und bestgelaunt stiegen wir in unsern Zug nach München und brachten die Stimmung in unserem Abteil schnell zum Kochen. Der herbeieilende Schaffner war leider eher von der humorlosen Sorte. Statt mitzuschunkeln, wollte er uns schon hinter Erfurt an die frische Luft setzen. Gut, sagten wir, heben wir unsere Stimmung eben für die Wiesn auf. Als wir dort in unserem Zelt eintrafen, war das Spektakel schon voll im Gange. Wir setzten uns zu einem einheimischen Schützenverein, der bestimmt schon bei der zehnten Runde Bier angelangt war. Nach der üblichen Frotzelei zwischen Saupreußen und Läusebayern luden sie zum Biertrinken ein. Trotz ihres gewaltigen Vorsprungs gingen jedoch wir Frauen nach der dritten oder vierten Maß in die Knie. Bruchstückhaft versuchten wir hinterher im Zug zusammenzutragen, was an diesem Abend passiert war. Oder besser, an was wir uns erinnern konnten. Luzie fehlten Portemonnaie und linker Schuh, als sie nachts um vier in einer Blumenrabatte am Hauptbahnhof erwachte. Brunhilde wurde in einem Ohrensessel einer Hotellobby mit zwei leeren Whiskyflaschen vor sich geweckt und wusste nicht, ob sie diese allein oder in Gesellschaft ausgetrunken hatte. Martina schlug die Augen in einer Turnhalle auf – hatte gewaltige Kopfschmerzen und eine Schleife am Bein mit dem Aufdruck „Für den schönen Abend danken alle 24 Kegelbrüder des KV Schwabing“. Wo ich meinen Rock verloren hatte – daran konnte ich mich jedenfalls erinnern. Als der Kellner abkassieren wollte, stritt ich mit ihm und sagte, ich hätte längst bezahlt und zweimal bezahlen käme wohl nicht in Frage. Als ich davonrannte, bekam er meinen Rock zu fassen und ich ließ ihn dann einfach als Faustpfand zurück. Am besten von uns allen ging es Magda, der war es um zehn vom Bier schon so schlecht, dass sie ins Hotel zurückfuhr und bis zum späten Vormittag ihren Rausch ausschlief. Als wir zu Hause von Freunden und Bekannten gefragt wurden, wie es war, hielten wir uns bedeckt. Die Wiesn ist einfach überbewertet, sagten wir. Nächstes Jahr machen wir lieber etwas Aufregenderes, zum Beispiel ein Angelwochenende in Mecklenburg.

Erhaltet die Kneipenkultur!

10.11.2014

Früher bin ich ja gern mal in eine Kneipe gegangen. Zu jener Zeit, als Berliner Eckkneipen noch das hielten, was sie versprachen. Hier trafen sich vorwiegend Arbeiter nach getaner Schicht, um bei einem Bierchen oder neun oder zehn von der Arbeit abzuschalten und sich über Gott und die Welt zu unterhalten. Das war der Ort, an dem die große Politik gemacht wurde, die dann als Stammtischpolitik ihren Namen bekam und ein Gradmesser der Zufriedenheit des Volkes war. Die meisten hier waren Stammgäste und die Kneipe ihr zweites Zuhause. Für manch einen war sie sogar der komplette Ersatz für die Familie. Inzwischen geht es den Eckkneipen schlecht, viele haben geschlossen. Sogar eine Initiative wurde ausgerufen, um dieses Stückchen Kiezkultur zu retten. Aber wer weiß, ob das alles hilft – denn das Rauchverbot ist einer der schlimmsten Feinde dieser Gastronomieform. Denn Qualm war einst eines der Kennzeichen einer Kneipe. Hinter der Tür dichter Zigarettenrauch, man konnte nur ahnen, wo der Gastwirt seinen Tresen hatte. Wenn sich die Augen an den Nebel gewöhnt hatten, gab es stets das gleiche Bild: Immer dieselben Gäste, immer am gleichen Platz, immer das gleiche Gedeck vor sich - eine Molle und ein Korn – und immer einen Glimmstengel im Mundwinkel. Es war, als hätte hier jemand die Zeit angehalten, hier war ein Hort an Beständigkeit und Verlässlichkeit. Aber vielleicht ist auf diese Weise die gute alte Kneipe auch aus der Zeit gefallen und damit unweigerlich dem Niedergang geweiht? Denn wohin zieht es denn die jungen Leute heute? Ins Erlebnisrestaurant, ins Gartenlokal, in die Strandbar, ins Musik-Café, in die Patisserie oder gar in die Kochschule. Natürlich sind das alles Nichtrauchereinrichtungen – die Süchtigen stehen dann im Pulk davor und pusten den Passanten den Rauch ins Gesicht. Allerdings sollen jetzt langsam die Studenten die Kneipe für sich entdecken. Aber nicht, um die alte Kneipen-Tradition fortzusetzen. Sie wollen auf diese Weise auch einmal Arbeitern und bildungsferneren Schichten nahekommen, aber eher so auf der Ebene eines Zoobesuchers, also nur als Beobachter eines Milieus, mit dem man sonst nicht in Berührung käme. Aber wer weiß - vielleicht beschleunigen sie damit sogar noch das Sterben der Kiezkneipe. Denn irgendwann wird so ein Rummel selbst dem treuesten Stammgast zu viel und er trinkt dann sein Bier lieber zu Hause. Und lädt sich seine Kumpels auf den Balkon ein. Ist eh viel billiger – und ich mache das schon so seit vielen Jahren.

Seien wir mal ganz ehrlich

03.11.2014

Es heißt ja, dass wir am Tag mehr als 100 Mal lügen. Oder es zumindest mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Und zwar nicht wir alle zusammen, sondern jeder einzelne von uns. Zum Glück sehen wir selbst unsere kleinen Lügen meist gar nicht als solche an, sondern denken, unserem Gegenüber damit sogar einen Gefallen zu tun. Was sollen wir auch antworten, wenn wir gefragt werden, ob das Baby mit dem schiefen Glatzkopf nicht wunderschön wäre? Oder die Freundin wissen will, ob sie das neue Kleid nicht schlanker machen würde? Genauso zählt es natürlich auch zu den kleinen Lügen, wenn man in mancher Situation, in der man anderer Meinung ist, gar nichts sagt. Mir ist es schon einige Male in meinem Leben passiert, dass ich auf diese Art in eine Schublade einsortiert wurde, in die ich gar nicht gehöre. Die großen Lügen dagegen helfen einem ja oft wirklich weiter. Für manchen begnadeten Lügner sind sie das halbe Fundament des Lebens. An ihnen hängen in diesen Fällen Karrieren, Partnerschaften oder oder. Bei diesem Gedanken wurde mir ganz mulmig. Ich beschloss, mich in dieser Hinsicht von der Menschheit abzukoppeln und künftig eine ehrliche Haut zu sein. Und da ich mich nicht für einen übermäßig großen Lügner halte, wollte ich mit den kleinen Alltagslügen beginnen. Also immer das sagen, was ich auch gerade denke. Nach Sätzen wie diesen „Gudrun, bei der Erziehung Deiner Kinder hast Du auf der ganzen Linie versagt“, „Petra, nasch nicht so viel – im letzten Monat hast Du bestimmt wieder zwei Kilo zugenommen“ oder „Paula, Du solltest Dich endlich von Deinem Mann trennen – der verarscht Dich doch nach seinem Gelübde genauso wie vorher“ gegenüber meinen Freundinnen gab es wie erwartet erst einmal Ärger. Hermine, Du wirst langsam komisch, Du willst wohl unsere Freundschaft aufs Spiel setzen oder lass Deinen Ärger nicht an mir aus, musste ich mir anhören. Den ganz großen Ärger gab es jedoch, als ich es bei meinem Chef mit der Wahrheit versuchte. Ihm sagte, dass er es bestimmt nicht durch seine Qualifikation auf seinen Posten geschafft hätte, sondern mit der Rücksichtslosigkeit eines Psychopathen. Zum Glück nahm er es mir nicht übel, sondern schickte mich nach Hause, meine Migräne auszukurieren. An diesem Punkt gab ich mein Vorhaben, ehrlich zu werden, auf. Und belasse es künftig bei der alten Weisheit: Die Gedanken sind frei. Seine Zunge jedoch sollte man manchmal an die Kette legen.

Mein erster Bestseller

27.10.2014

Die Anzeige war mir gleich ins Auge gesprungen: Lernen Sie schreiben – und werden Sie berühmt. Ja, einen Bestseller wollte ich schon immer mal schreiben. Und wenn ich dann einkaufen oder zu einer Party gehe, die Leute sagen hören: Hast Du schon den Roman von Hermine Kümmerlinde gelesen? Einfach toll, den musst Du Dir unbedingt besorgen. Also meldete ich mich für den Lehrgang an. Es gab viele Felder, mit denen ich mich beschäftigen konnte: Roman, Kurzgeschichte, Krimi, Erzählung, Kinder- und Jugendliteratur oder Prosa. Ich konnte und sollte mich hier austoben und meine Spielwiese finden. Zuerst versuchte ich es mit einem Krimi. Das war auch die Strecke, die ich bisher beim Lesen bevorzugte. Hier wusste ich, auf was es ankommt, das würde bestimmt gleich ein Knaller werden. Ich schrieb also drauf los und war guter Dinge. Bis ich auf Seite 64 kam und feststellen musste, dass infolge meiner hohen Kriminalitätsrate nur noch eine Person übrig war. Mein Krimi blieb also als Bauruine zurück. Als nächstes versuchte ich es mit einem Versdrama. Denn eines der beliebtesten Stücke ist ja auch heutzutage noch Shakespeares Romeo und Julia. Und wenn es funktionierte, wovon ich natürlich ausging, hätte ich gleich das fertige Manuskript für eine Musicalfassung. Ich sah vor meinem geistigen Auge schon die Zuschauerscharen nach Hamburg strömen. Nach zwei Monaten hatte ich mein erstes Kapitel zusammen und schickte es erwartungsvoll an meinen Mentor. Die Vier minus wollte ich dann aber doch nicht akzeptieren und meldete mich in einem Schreibzirkel an, um mein Stück einmal vor Leuten vortragen zu können. Als mein Text einstimmig zerrissen und als „Hurz“ bezeichnet wurde, verließ ich den Zirkel und suchte mir ein neues Betätigungsfeld. Mit einem Kinderbuch scheiterte ich auch – ich fand einfach keine kindgerechte Sprache und kam nicht über den Anfang hinaus. Nun musste ich feststellen, dass Schreiben doch nicht so einfach und jedermanns Sache ist. Obwohl jeder denkt, er hat das Zeug zu etwas Großem. Aber einmal wollte ich es doch noch versuchen, ich bin ja niemand, der so leicht aufgibt. Meinen Roman „Nachbarn auf den Tisch geschaut“ stellte ich fertig, war zufrieden damit und bekam auch eine Zwei. Nun musste ich ihn nur noch erfolgreich verkaufen. Bei den Verlagen musste ich feststellen, dass man selbst bei den besten Stoffen zögerlich ist und keine Neuen ins Boot holen will. So war es ja auch schon bei Harry Potter. Eines Tages werden sie sich ärgern, nicht mit mir ins Geschäft gekommen zu sein. Inzwischen bin ich auf die modernste Form der Vermarktung umgestiegen und verlege mein Buch selbst. Die Auflage beträgt schon 86 – zwar nicht verkauft, aber ich habe jetzt für jede Gelegenheit ein sehr persönliches Geschenk. Und mein erster Bestseller? Kommt später. Denn wie heißt es? Was lange währt, wird gut.

Hermines Nachhilfe

20.10.2014

Mit Handwerkern verschiedener Gewerke bin ich schon seit vielen Jahren befreundet. So kam es auch, dass mich eines Tages einige dieser Handwerker baten, bei Einstellungsgesprächen von Azubis als unparteiischer Zuschauer teilzunehmen. Denn es wird immer schwieriger, jemand, der geeignet ist, zu finden. Und das, obwohl es nicht an der Anzahl von Bewerbern mangelt, sagten sie alle. Und mit einem frischen Blick von außen sieht man ja vielleicht doch, was in dem einen oder anderen so steckt. Als erstes war ich bei einem Tischler zu Gast. Von den drei für diesen Tag eingeladenen Bewerbern kamen zwei gar nicht – sagten ihren Termin aber auch nicht ab. Der dritte Bewerber kam über eine halbe Stunde verspätet und hielt es nicht für nötig, sich zu entschuldigen. Als er ausrechnen sollte, wie groß die Fläche eines Tisches mit den Seitenlängen von einem und zwei Metern sei, kam er auf 8,4 Kubikmeter. Das Gespräch und die Lehrstelle waren damit natürlich erledigt. Was ich dann bei einer Freundin in deren Reisebüro erlebte, war auch nicht besser. Eine Bewerberin antwortete auf alle Fragen nur kurz und schnippisch. Bei einer Testaufgabe, sie sollte ausrechnen, wenn von 80 Flaschen Reinigungsmitteln 20 Flaschen leer seien, wie viel Prozent volle Flaschen es dann noch gibt, sagte sie: Ich will doch Reisekaufmann und nicht Putze werden! Okay, sagte die Chefin der Agentur und stellte eine leicht abgewandelte Aufgabe zum Thema Prospektmaterial. Würdest Du so einen Bewerber einstellen, Hermine, fragte sie mich hinterher. Wenn ich niemanden finde, der dann auch verspricht, einen guten Job zu machen, erledige ich die ganze Arbeit doch lieber selbst. Das spart sowohl Zeit als auch Geld. Obwohl die Absagen für alle Bewerber, die ich gesehen hatte, hundertprozentig richtig waren, taten mir die jungen Leute doch ein bisschen leid und ich wollte ihnen helfen. So machte ich also den Anlaufpunkt „Hermines Nachhilfe – der Ratgeber nach der ersten Ablehnung“ auf. Und siehe da, sie kamen auch zu mir. Ein bisschen geknickt, weil sie glaubten, man würde ihnen ihre Lehrstelle hinterherwerfen. Nun musste ich also in einem Crashkurs alles das vermitteln, was Schule und Elternhaus versäumt hatten. Als erstes führte ich ein, dass für jede Minute Zuspätkommen ein Euro gezahlt werden musste. Unbegründete Verspätungen gab es seitdem keine mehr. Zweitens musste mir jeder Teilnehmer für den Ausbildungsbetrieb, den er als nächsten ausgewählt hatte, ein Firmenprofil erstellen. Es war bei allen das erste Mal, dass sie sich mit einem möglichen Arbeitgeber beschäftigten. Und dann gab es noch den unvermeidlichen Benimmkurs, hier krachte es oft – aber wer durchkam, war gut vorbereitet. Mehr konnte und wollte ich nicht tun, fehlende Allgemeinbildung konnte ich nicht auch noch vermitteln. Jedenfalls hatten meine Schützlinge bei ihrem zweiten Versuch eine hohe Trefferquote. Selbst wenn es dann einmal nicht mit der Lehrstelle klappte – sie hinterließen stets einen guten Eindruck bezüglich Pünktlichkeit und Höflichkeit.

Wer kennt denn heute noch das Maß?

13.10.2014

Neulich stand ich an einem Fleischwarenstand an, die Frau vor mir verlangte zwei Pfund Hackepeter. Das heißt jetzt aber Kilo, sagte die Verkäuferin. „Ach so?“, sagte die Frau ganz erstaunt, „dann nehme ich eben zwei Pfund Kilo.“ Aber mal ehrlich - wer kennt sich denn heute wirklich noch mit Maßeinheiten aus? Allein wenn ich Maß sage, denkt doch fast jeder sofort an eine kühle Blonde in der großen Münchener Abpackgröße. Aber für manche Alltagserscheinungen scheint es nicht nur keine Maßeinheiten zu geben, sondern auch keine Maßstäbe. Damit meine ich zum Beispiel Höflichkeit, Freundlichkeit oder Hilfsbereitschaft ohne Gegenleistung. Denn das sind Dinge, da könnte man wirklich einmal übertreiben und sich der Völlerei hingeben. Aber vielleicht hat das auch damit zu tun, dass man uns überall da Maßhalten und Verzicht predigt, wo das Leben eigentlich richtig Spaß macht. Statt der Zigarette gibt es den Kaugummi oder das Pflaster. In einer Bar zu rauchen, kommt inzwischen dem Versuch gleich, die anderen Gäste um Prügel zu bitten. Bier und Wein ohne Alkohol sollen angeblich richtig gut schmecken und dazu lebensverlängernd sein. Schlagsahne und Käse gibt es ohne Fett und mein geliebtes T-Bone-Steak soll ich nach dem Willen einer immer größer werdenden Bewegung am besten gegen Fallobst eintauschen. Und dann soll man noch fröhlich durchs Leben gehen und sich uneigennützig für andere einsetzen? Gehört dazu nicht auch ein Mensch, der im Alltag seinen Genuss sucht und auch findet? Dazu gehört eben auch, scheinbar unvernünftig sein zu dürfen. Einmal einen über den Durst trinken, sich mit dem Lieblingsessen fast bis zum Platzen vollstopfen oder drei Tage lang Skat in einer Räucherhöhle durchspielen. Also auch einmal Kopfschmerzen riskieren oder sogar einen höheren Cholesterinwert. Bewusst ab und zu einmal unvernünftig sein, Spaß haben und damit gute Laune, die auf andere abfärbt. Denn das macht doch wohl ein gutes Leben aus und nicht das asketische Dasein nach strengsten gesundheitlichen Aspekten, die uns nur mürrisch durch den Tag gehen lassen und auch den anderen die Laune verderben. Also hilft wirklich nur eins: Lasst uns alle ab und zu einmal über die Stränge schlagen und sündigen! Wie bin ich jetzt bloß auf dieses Thema gekommen? Wahrscheinlich mal wieder durch das alljährliche Oktoberfest. Denn hier zählt nur die Gaudy und das ganze Leben fließt in eine Maß. Und noch eine, und noch eine, und noch eine ...

Klassentreffen

06.10.2014

Wir hatten uns seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Aber endlich klappte es mit einem Klassentreffen. Es war, wie Udo Lindenberg besingt: Letzte Woche war ein Klassentreffen, da sah ich sie wieder, die missglückten Helden, die jetzt Beamte sind, die Bonnies und Clydes von früher, jetzt als Herr und Frau Bieder, die Power von damals ist leider hin und Fritz der Cowboy wurde nur Manager bei der Müllabfuhr ... Bei Klassentreffen muss man sich wahrscheinlich wirklich vorher klar werden, ob man seine damaligen Mitstreiter ernsthaft sehen möchte. Denn im Extremfall kann so ein Ereignis die eigene Psyche zerstören. Wenn man im Hinterkopf noch die Gesichter und die Wünsche seiner Klassenkameraden von damals vor Augen hat und dann plötzlich alten, gescheiterten Existenzen gegenübersteht. Dann fragt man sich doch unwillkürlich: Bin ich denn hier in jeder Hinsicht die einzige Ausnahme? Aber wenn es schlimm läuft, fragt man sich vielleicht: Sehen mich die anderen genauso und ich habe einen Realitätsverlust? Sieht man sich alle fünf Jahre, mag es ja noch gehen. Dann ist man sensibilisiert für dieses Thema. Aber jetzt wie bei mir – nach geschätzten achtzig Jahren zum ersten Mal so sein Treffen … Ich kam also in unsere Gaststätte rein – und wirklich, die beiden ersten, die ich traf, waren alt wie der Wald. Das fängt ja gut an, dachte ich. Aber dann gab es erst einmal ein großes Durchatmen – die beiden waren Lehrer. Und da sieht man natürlich einfach alt aus. Meist sogar schon in jüngeren Jahren. Als ersten wirklichen Ex-Schüler traf ich Norbert, der jahrelang vor mir saß. Er war mir in gar nicht so guter Erinnerung, hatte immer abgeschrieben, war stinkefaul und mogelte sich auf Kosten der anderen durchs Leben. Hatte in Hamburg ein kleines Kabarett. Hier ist eine Freikarte, komm doch mal vorbei, Hermine, sagte er. Bist dann selbstverständlich mein Gast. Wahrscheinlich kann man sich im Leben doch ändern, dachte ich. Daniela hätte ich lieber nicht getroffen. In jungen Jahren konnte ihr hübsches Gesicht wenigstens kaschieren, dass gar nichts zu erwarten war. Aber jetzt passte ihr Gesicht wenigstens zu ihr – sie war nur vorbeigekommen, um sich von irgendwem zum Trinken einladen zu lassen. Dummerweise war das Uwe, der mit Geli, seiner Frau, hier war. Geli ging auch in unsere Klasse und die beiden sind seit der 10. Klasse ein Paar. Waren, muss man jetzt allerdings sagen. Ansonsten war aber alles unkompliziert und leicht wie früher – bei den meisten so, als hätten wir uns nur ein paar Wochen lang nicht gesehen. Kurz und gut: Es war wesentlich besser, als ich gedacht hatte. Vor allem hatte auch ich mich in jeder Hinsicht gut geschlagen. So sehe ich keinen Grund, mich nicht auf unser nächstes Treffen in fünf Jahren zu freuen.

Herr Fuchs und Frau Elster

29.09.2014

Dass ich keine Vorurteile habe, habe ich ja bestimmt schon hundertmal erwähnt. Meist scheint es nur so – aber man kommt auch immer viel zu schnell in einen solchen Verdacht. Jedenfalls war eines Tages mein goldenes Armband weg – ich hatte es auf mein Tischchen auf dem Balkon gelegt. Und wer sollte da schon rankommen, wenn nicht der Herr Fuchs über mir? Mit einer Angel würde das ganz bestimmt funktionieren. Und wer schon Fuchs heißt! Außerdem gab es da im Haus bereits einmal Gerüchte, vor ein paar Jahren. Da verschwanden in der Weihnachtszeit spurlos Umschläge mit Geldscheinen. Unser Postbote konnte sich noch genau erinnern, diese Briefe in die Kästen gesteckt zu haben. Genau zu dieser Zeit erwischte Frau Mürkels den Herrn Fuchs an ihrem Briefkasten. Er sagte zwar, da wäre ein Brief falsch bei ihm eingesteckt worden und er hätte ihn jetzt nur in den richtigen Kasten geworfen. Aber da Frau Mürkels gerade in diesem verdächtigen Moment dazukam, denkt sie bis heute, dass Herr Fuchs den Brief gerade herausgeangelt hatte und nun geistesgegenwärtig mit seiner Ausrede reagierte. In diesem Brief war übrigens auch Geld deponiert, so dass sich der Verdacht nicht gerade abschwächte und wie man sieht, auch heute noch nachwirkt. Also beschloss ich, eine Falle zu stellen. Ich kaufte billige Klunker aus Rauschgold, die aber auf den ersten Blick wertvoll aussahen. Damit wollte ich nun Herrn Fuchs beim Diebstahl überführen. Ich legte die glänzenden Stücke gut sichtbar und wirksam auf meinen Balkontisch. Da ich nun auch nicht den ganzen Tag Zeit hatte, alles live zu überwachen, zeichnete ich mit einer Kamera auf, was während meiner Abwesenheit alles passierte. Ein paar Tage geschah gar nichts. Dann lag auf einmal der Schmuck neben dem Tisch. Sollte sich Herr Fuchs da verangelt haben? Meine Aufzeichnungen zeigten aber, dass eine Taube über meinen Tisch spaziert war und den Schmuck dabei herunterwarf. Zwei Tage später musste ich mir am Bildschirm ansehen, wie eine – oder war es diese? - Taube auf meine Schmuckstücke kac...te. Die Überführung meines Hauptverdächtigen hatte ich mir wirklich leichter vorgestellt! Aber dann endlich passierte es doch – der Schmuck war weg! Jetzt hab ich Dich, dachte ich erfreut und rannte zu meinem Computer. Doch was musste ich sehen? Es war nicht Herr Fuchs mit seiner Angel, sondern eine Elster mit ihrem Schnabel, die meine Köder seelenruhig einsammelte. (Fucks, dachte ich!). Nun – sollte ich wirklich so danebengelegen haben? Davon sollte ausgerechnet Herr Fuchs mich endgültig überzeugen. Denn etwa eine Woche später klingelte er und brachte meinen Goldschmuck zurück. Aber nicht weil er ihn gestohlen hatte und nun reumütig geworden wäre. Er war gerade dabei, seine Umgebung vom Balkon aus zu filmen, als eine Elster bei ihm landete und meinen Schmuck in einer Balkonecke verstecken wollte. Einen besseren Beweis als einen Film hätte er gar nicht bringen können. Und dass ich Schmuck vermisste, wusste natürlich das ganze Haus. Übrigens: Die Geschichte mit den Briefumschlägen hatte ich eh nie geglaubt.

Die Buswette

22.09.2014

Darauf hatte ich mich schon ein halbes Jahr gefreut – mal wieder einen Tagesausflug mit meiner Freundin Luzie zu machen. Wir hatten uns diesmal Wernigerode im Harz ausgesucht. Um schon unterwegs unseren Spaß zu haben und die Fahrt in vollen Zügen genießen zu können, hatten wir uns für eine Reise mit der Bahn entschieden. Aber genau zu diesem Zeitpunkt las ich einen Zeitungsbericht darüber, wie Fernbusse der Bahn den Rang ablaufen und ihre Kunden mit einem guten Service verwöhnen. Lass uns doch lieber mit dem Bus fahren, versuchte ich Luzie zu locken. Ist auch wesentlich billiger und die Fahrt dauert auch nicht viel länger. Aber Luzie beharrte auf die Bahnfahrt. Da ich gerne experimentiere und auch mal Neues ausprobiere, bot ich ihr eine Wette an. Lass uns getrennt hinfahren – Du mit der Bahn, ich mit dem Bus. Zurück sollte es dann gemeinsam mit der Bahn gehen. Luzie war einverstanden und wir arbeiteten ein umfangreiches Dokument aus, in dem die Kriterien und die Punktewertung im Detail festgelegt waren. Fahrzeit, Service, Stimmung, Aussicht etc. Aber dann kam alles anders als gedacht. Mit meinem Bus saß ich in einem mächtigen Stau fest – nichts ging mehr. Luzie dagegen kam pünktlich und entspannt an und begab sich sogleich auf den geplanten Stadt-bummel – allerdings ohne mich. Als ich zu der Zeit, als wir zurückfahren wollten, immer noch nicht da war, fuhr sie mit unserem gemeinsam geplanten Zug allein zurück nach Berlin. Kurz darauf traf ich in Wernigerode ein. Kaufte mir aus lauter Frust noch ein paar Schuhe und ein Kleid, obwohl mir beides nicht wirklich gefiel. Dann fuhr ich mit einem Bus zurück, der zwanzig Minuten vor der geplanten Ankunft in Berlin eintraf. Wer die Wette nun gewonnen hat? Luzie natürlich. Nicht etwa, weil sie eher und pünktlich am Reiseziel war. Denn ihre Rückreise verlief katastrophal. Der Zug blieb mitten auf freier Strecke in einem Tunnel liegen und die Fahrt konnte erst nach acht Stunden fortgesetzt werden. Früh um sieben war sie erst zu Hause, da hatte ich schon einige Stunden Schlaf hinter mir. Allerdings bekam Luzie ihr volles Fahrgeld wieder zurück. Das hat nach unserer Bewertungsliste so richtig gepunktet – und ihr auch zum Sieg verholfen. Unseren nächsten Ausflug wollen wir mit einem Schiff machen. Hoffentlich gibt es dann keinen Schleusenstreik auf unserer Strecke.

Als Kräuterhexe abgestempelt

15.09.2014

Eigentlich fing es zum Frühjahrsfest im Haus damit an. Bei diesem Fest bringen die meisten Mieter eine Speise mit, die sie besonders gut zubereiten können. Ich hatte Törtchen und Tarteletts gemacht: Schwarzwälder-Cupcakes, Cassis-Schoko-Tropfen, Basilikum-Limetten-Tartelettes, Macaron-Herz-Lollies, Tartelettes mit pikantem Kräuter–Eier–Tatar, Kräuter-Tartelettes mit Lachs – und hier mein ganzes Wissen über Kräuter hineingepackt. Denn schon seit Jahrzehnen experimentiere ich mit der Kombination und der Wirkung von Kräutern. In geschmacklicher Hinsicht und bezüglich ihrer Wirkungen als Heilmittel. Allen hatte es vorzüglich geschmeckt, das Lob und Rezeptehabenwollen nahm kein Ende. Aber wie immer war auch diesmal jemand dabei, dem das gar nicht schmeckte. Denn über den Schichtsalat von Frau Groß hatte an diesem Abend niemand gesprochen. Und so erzählte sie im ganzen Haus, um mir nachträglich noch einen reinzuwürgen, dass einige meiner Kräuter stark pestizidbelastet wären und auch einige der Zutaten persönlichkeitsverändernd wirken würden. Welche Persönlichkeit sie damit verändern würde – ich glaube, das hatte sie weder geplant – geschweige denn überhaupt geahnt. Das war nämlich meine. Urplötzlich war ich die Kräuterhexe im Haus und bei der nächsten Feier blieb ich auf allen meinen Köstlichkeiten sitzen. Das besserte sich allerdings schlagartig, als nach einem Wochenendbesuch jemand im Haus mitbekam, dass ein berühmter bayerischer Sternekoch, der auch als deutscher Kräuterpapst gilt, ein Cousin von mir ist. Ganz plötzlich war ich mit meinem Essen wieder in und alle wollten meine Rezepte und meine Leckereien haben. Ob das mein Cousin auch so mache, hieß es immer wieder. So ist es eben im Leben – heute ganz oben, morgen schon wieder ganz unten. Aber halb so schlimm, wenn man damit umzugehen weiß. Vielleicht fragen Sie sich, ob ich mich an Frau Groß gerächt habe. Aber nein – so bin ich nicht! Ich habe nur einer unserer Nachbarinnen – der mitteilsamen Frau Öchel – erzählt, dass ich gehört hätte, dass Frau Groß die Zutaten für ihren Schichtsalat aus monetären Gründen aus der großen Tonne von Kaisers holen würde. Nun bin ich mal gespannt, wann und mit welchen Mitteln sie es wieder nach oben schafft.

Eigentlich nur Fenster geputzt

08.09.2014

Eigentlich. Denn begonnen hatte mein Fensterputz wie immer. Rahmen abwaschen, den gröbsten Schmutz von den Scheiben entfernen und sich dann dem Feinputz widmen. Doch dabei passierte es dann. Das Fenster, welches ich gerade bearbeitet hatte, riss aus der Verankerung und mich damit zwei Meter zur Seite. Hier verfing ich mich mit einem Bein in der Balkonverkleidung und wusste nun nicht, wie ich von hier aus wieder wohlbehalten „an Land käme“. Zumindest aber hing ich fest und drohte nicht auch noch abzustürzen. Und zum Glück war ich schwindelfrei. Denn im 8. Stock am Balkon zu hängen, das verkraftet auch nicht jeder einfach so. Schon nach ein paar Minuten hatten mich unten die ersten Schaulustigen entdeckt. Ein älterer Mann rief hoch, das kenne er noch von der Kampfgruppe, als sie Häuserkampf geübt hatten. Mit diesem Thema kam er auch sogleich mit einer Touristengruppe ins Gespräch und so musste ich mir nun zahlreiche kluge Ratschläge von unten anhören. Im Handumdrehen wurde aus dieser Runde eine mittelgroße Versammlung. Trotzdem hatte sich aber jemand gefunden, der die Feuerwehr über mein Missgeschick verständigte. Denn als mich nach 20 Minuten die gerufenen Feuerwehrleute über eine Leiter aus meiner misslichen Lage befreiten, hatte sich unten bereits eine neue Partei gegründet. Man bestimmte gerade den Vorsitzenden, den Schriftführer und den Sprecher. Donnerwetter, dachte ich mir. So etwas nennt man dann wohl Partei ergreifen für einen Menschen in Not. Wenn denn diese Partei eines Tages im Lande die Macht übernehmen sollte, dann heißt es bestimmt offiziell in der Tagespresse und später in den Geschichtsbüchern: Eingeleitet wurde diese ruhmreiche Epoche mit dem Berliner Fenstersturz der Hermine Kümmerlinde. Während jedoch mit dem Prager Fenstersturz der 30-jährige Krieg begann, hoffe ich doch, den ewigen Frieden gebracht zu haben.

Tauben füttern vorm Haus

01.09.2014

Seit Jahren schon ärgere ich mich über meine Nachbarin Frau Wings. Eigentlich ist sie eine nette alte Dame – aber ihr Hobby ist das Taubenfüttern. Und glauben Sie mir – ich bin nicht die einzige, die immer mal wieder darauf hingewiesen hat, dass man sich damit nur Schmutz und Krankheiten ins Haus holt. Aber das geht bei ihr zu einem Ohr rein – und auf dem anderen ohne Umwege gleich wieder raus. „Wir sind doch alles Gottes Geschöpfe, da darf man keins von verhungern lassen“, pflegt sie dann immer zu sagen. Inzwischen, so glaube ich jedenfalls, dürften sich die in unserer Gegend beheimateten Tauben verdoppelt oder gar verdreifacht haben. Vor ein paar Wochen kam mir aber eine rettende Idee. Ich sprach mit der kleinen Punkmaus Schantalle aus dem Erdgeschoss, ob sie mir mal ihre dressierte Ratte Wilhelm II für ein paar Stunden und gegen ein kleines Taschengeld überlassen könne. „Klar“, sagte sie, „ich helfe, wo ich kann“. Am nächsten Tag passte ich Frau Wings beim Taubenfüttern ab und erzählte ihr, dass ich einen neuen guten Kaffee entdeckt und noch von meiner selbstgebackenen Torte übrig hätte – und lud mich für den Nachmittag bei ihr ein. Sie strahlte über das ganze Gesicht, als ich dann mit Kaffee, Torte und – natürlich versteckt – Wilhelm II bei ihr auftauchte. Wir waren mitten im schönsten Plausch, als ich die Ratte freiließ. Die, an Menschen gewöhnt, inspizierte erst einmal neugierig das ganze Wohnzimmer. Plötzlich erspähte auch Frau Wings sie, blieb einen Moment wie versteinert sitzen, sprang dann behende auf den Tisch und quiekte wie ein Ferkel in den höchsten Tönen. Ich machte mich wie geplant auf die Jagd, fing die Ratte und deponierte sie in meiner leeren Tortenschachtel. Dann erzählte ich der verstörten Frau Wings, dass ich in einem Wissenschaftsmagazin gelesen hätte, dass sich Ratten gern da ansiedeln, wo es viele Tauben gibt. Von diesem Tag an war bei ihr Schluss mit Taubenfüttern – sie füttert jetzt die Fische im Zoo. Wahrscheinlich werde ich ihr lieber nicht erzählen, dass ständiges Fische füttern die Alligatoren auf den Plan ruft. Sonst kehrt sie womöglich wieder zurück zu ihren Tauben!

Treppenhaus möbliert

25.08.14

Eines Tages wollte ich mal wieder durchs Treppenhaus laufen – aber das war weitgehend zugestellt. Mit alten Schränken, Waschbecken, Zeitungsstapeln – sogar eine alte Badewanne war in eine Ecke gelehnt. Ich musste Slalom laufen und Hindernisse wie an einer Eskaladierwand überwinden, um nach einer geschätzten Stunde verschwitzt unten anzukommen. Mein Gott, dachte ich mir, wenn der Fahrstuhl einmal ausfällt, wird das Hoch- und Runterlaufen eine einzige Qual. Und an den abgestellten Gegenständen steht nun dummerweise kein Name, damit man einen Entsorgungsdienst auf Kosten dieser Hausschweine hätte bestellen können. Ich wollte unseren Hausmeister überreden, eine Überwachungskamera zu installieren. Nichts lieber als das, stöhnte er. Aber mir sind die Hände gebunden – der Datenschutz! Es wird also dem Zufall überlassen bleiben, ob wir da jemals jemanden in flagranti erwischen. Na, wenn nicht Du, dann eben ich, sagte ich mir. Egal, ob es nun der Inflagranti ist, ein anderer Nachbar oder jemand von außerhalb. Und da ich auch den Herrn Datenschutz nicht persönlich kannte, installierte ich ein paar versteckte Kameras. Bei mir in der Wohnung wurde alles aufgezeichnet. Was ich alles zu sehen bekam – glauben Sie mir, das müsste dem Datenschutz unterliegen! Dass Frau Mock etwas mit Dr. Roth hatte, das wusste nicht mal ich. Für ihre Schäferstündchen erwiesen sich die alten Möbel im Treppenhaus sogar als sehr nützlich. Nach ein paar Wochen gelang mir endlich der große Schlag. Innerhalb von zwei Tagen gingen mir vier dicke Fische oder besser gesagt Müllschweine ins Netz. Am Wochenende lud ich sie alle zu mir auf einen Kaffee ein und zeigte ihnen die Aufnahmen. Ich wolle sie nicht erpressen, sagte ich, aber ich würde mich über ihren Vorschlag freuen, wenn sie den Müll im Treppenhaus auf ihre Kosten entsorgen ließen. Seitdem haben wir keine Probleme mehr mit abgestellten Gegenständen im Haus. Aber außer mir waren da noch mindestens acht zusätzliche wachsame Augen, die die Ordnung und Sauberkeit im Haus akribisch überwachen.

Der Knaller aus der Bar oder ein Schluck russischer Seele

18.08.2014

Man hört ja in letzter Zeit so viel Schlechtes über Russland. Also beschloss ich eines Tages, mir das selbst einmal vor Ort anzusehen und gegebenenfalls einzugreifen. Aber für so einen Einsatz muss man natürlich in jeder Hinsicht gut vorbereitet sein. Ein paar Brocken der Sprache sprechen. Die wichtigsten Verhaltensregeln kennen. Und sich natürlich auch für die landestypischen Ess- und Trinkgewohnheiten akklimatisieren. Mit dem Essen kam ich bestens klar. Ob Blinis, Borschtsch, Soljanka, Piroggen oder Pelmeni, Sakuska oder Kascha – mir schmeckte alles. In Erwartung der russischen Gastfreundschaft versuchte ich auch, große Mengen in mich reinzustopfen. Denn wie sagte schon der Fabeldichters Iwan Krylow: „Greif recht zu, das lieb ich sehr, hier steht ein neuer Teller. Mach die Schüssel völlig leer, zwei sind noch im Keller." Ich machte also Fortschritte. Nur mit dem Sauf.. äh Trinken wollte es noch nicht so recht klappen. Obwohl ich mir sogar ein Fachbuch kaufte und alle Ratschläge beherzigte: Genieße eine reichhaltige Mahlzeit ein oder zwei Stunden, bevor du zu trinken beginnst. Koche die Speisen in Butter, das verzögert die Resorption von Wodka im Körper. Iss ein rohes Ei oder zwei, iss gekochte Kartoffeln, nimm ein oder zwei Teelöffel Oliven- oder Sonnenblumenö … Egal, was ich tat - bei Sto Gramm blieb ich beim Wodka immer kurz unter der Glasmitte stecken. Da hilft nur üben, üben, üben, sagte ich mir. Und lud mir nun immer mal einen Nachbarn dafür ein. Sagte nach Kaffee und Kuchen: „Mal sehen, was wir zum Abrunden noch in der Bar finden“. Dort fand sich natürlich immer ein Fläschchen Wodka. Und da wir stets auf die Gesundheit anstießen, wurde die Flasche auch immer leer. Natürlich gab ich mir Mühe, immer die größere Hälfte abzubekommen. Bis ich schließlich eines Tages eine verdorbene Flasche Wodka in meine Finger bekam. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass beide Flaschen verdorben waren. An die erste Flasche, die ich mit meinem Nachbarn Hugo trank, kann ich mich noch erinnern. Aber plötzlich war nicht mehr Freitagnachmittag, sondern Samstag kurz vor Mittag – als mich die Löws fanden. Im Treppenhaus liegend mit einer leeren Flasche in der Hand. Die Fotos sind jetzt dummerweise im Internet zu sehen. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Mission abzubrechen. Sollen die Russen doch sehen, wie sie allein klarkommen. Ich widme mich jetzt der schottischen Lebensweise – denn ehrlich gesagt, Whisky schmeckt mir auch viel besser.

Mir schwimmen die Fälle davon

11.08.2014

Es scheint wirklich so zu sein, dass ich nicht den Trends folge – sondern im Gegenteil Trends setze und sie bestimme. Seit Jahrzehnten schon bin ich ein absoluter Tatortfan. Nun scheint mir das Land auch in dieser Hinsicht zu folgen. Glaubt man den Einschaltquoten, müsste man Sonntagabend vor der Haustür fast allein unterwegs sein. Aber für meinen Geschmack werden die Kommissare und die Fälle immer austauschbarer. Hatte einmal jede deutsche Großstadt sein typisches Ermittlerteam, ist heute in jeder zweiten Kleinstadt ein Trupp unterwegs. Früher konnte man sich noch darauf verlassen, ein bisschen Standortcolorit mitzubekommen. Der Geiz der Schwaben zeigte sich zum Beispiel darin, dass der Hausherr bei seinem Mieter, Kommissar Bienzle, akribisch darauf achtete, dass der rechts die Treppe hoch ging und auf der anderen Seite herunterkam. Um die Treppe gleichmäßig abzunutzen. Oder Kommissar Palü aus Saarbrücken, der die französische Lebensart pflegte: er liebte Rotwein, klemmte sich beim Gang über den Wochenmarkt ein Baguette unter den Arm, fuhr einen schwarzen Citroen DX, war kulturell interessiert und kochte natürlich gerne. Heute muss ich mir ansehen, wie die familiären Verhältnisse der Ermittler die Fälle immer häufiger bestimmen und damit eher zu einem Alltagsfilm machen. Wie es der Frau oder der Familie von Sherlock Holmes erging, hat bisher auch niemanden interessiert. Zum Glück, sonst wären diese Filme heute vielleicht als Taschentuchfilme mit in die Rosamunde-Pilcher-Reihe aufgenommen. Das Allerschlimmste für mich ist aber, wenn der Stoff zur politisch korrekten Denke erziehen soll und der erzieherische Zeigefinger eineinhalb Stunden erhoben bleibt. In diesem Fall gehe ich an mein DVD-Regal und suche mir aus der langen Reihe meiner Krimisammlung etwas Schönes aus. Da ist es dann auch egal, ob ich den „Tod auf dem Nil“ schon 89 Mal gesehen habe. Denn er ist immer wieder gut und erfrischend. Und man kann sich auf die Handlung verlassen. Beim Tatort verliere ich dagegen schon langsam den Überblick. Berlin allein hat mit Ritter und Stark schon seine neunte Mannschaft ins Rennen geschickt. Und jetzt, wo ich mich an die beiden gerade mal gewöhnt habe, treten sie auch schon wieder ab. Aber wenn ich auch mal durcheinanderkomme, etwas nicht verstehe oder vor Spannung einschlafe – das Gute ist, ich habe immer noch eine Chance: denn die Wiederholung lässt nicht lange auf sich warten.

Der Fasching vor einem Jahr oder Maskenball im Haus

04.08.2014

Was den Münchnern ihr Oktoberfest, wird für uns vielleicht eines Tages noch unser Maskenball im Haus werden. Wir hatten zwar erst zwei, sind aber auf dem besten Weg dahin - auch was die Nebenwirkungen betrifft. Denn wenn bei uns im Haus etwas gemacht wird, dann aber auch richtig. Als Motto hatten wir ausgegeben: Alles ist erlaubt, wichtig ist nur, dass man nicht erkannt wird. Und alle geben einen Tipp ab, wer sich hinter welchem Kostüm verbirgt. Wer am seltensten richtig geraten wird, bekommt einen Preis „Haus-Maske des Jahres“. Da waren schon schräge Kostüme dabei. Herr Mierings kam als duale Fernsehstation mit den Sendern Satt 1 und Hunger 2, Frau Boesner als Flower Bauer oder die alte Meiern als Kuh Elsa. Die hätte auch kein Kostüm gebraucht, dachte ich mir im Stillen. Jedenfalls war es fast unmöglich, die eigenen Nachbarn hinter ihrer Verkleidung zu erkennen. Und bei dem Gedränge müssen sich zusätzlich noch viele Besucher von außerhalb unter uns Feiernde gemischt haben. Dummerweise musste gegen 3 Uhr die Party unfreiwillig beendet werden. Ein Betrunkener, als Feuerwehrhauptmann verkleidet, zündete ein Feuerwerk in der dritten Etage. Es fing an zu brennen – und die Polizei schickte uns nach Hause. Also in unsere Wohnungen. Da der Fahrstuhl überfüllt war, ging ich zu Fuß in meine Wohnung. Aber auch im Treppenhaus herrschte noch überall Stau. In allen Ecken standen Pärchen, total mit sich beschäftigt. Aber ich erkannte keinen – das Kostüm saß bei jedem wie eine Eins. Gewonnen hat übrigens Herr Kruse. Er kam als Herr Kruse – und darauf hatte nun wirklich keiner gesetzt. Und die Nebenwirkungen, besser gesagt die Nachwehen? Ein dreiviertel Jahr später kamen in unserem Haus fünf Kinder zur Welt. Aber die jungen Mütter wussten nicht, von wem. Nur gut, dass man die feuerroten Haare und die Knollennase Herrn Knauß oder das gezackte Ohr dem flotten Pierre zuordnen konnte. Zwei Frauen suchen allerdings immer noch nach den Vätern. Es sollen Darth Vader und Spiderman gewesen sein. Aber die wohnen nicht bei uns im Haus. Da kann wohl nur noch Superman helfen.

Einer muss ja die Brötchen backen

28.07.2014

Millionär werden ist gar nicht schwer. Man muss es nur wollen und dann auch ganz fest daran glauben. Hat mir jedenfalls letztens mal wieder ein Prospekt versprochen. Und diesmal hatte auch ich den festen Willen, endlich Millionär und damit alle Sorgen los zu werden. Schau jeden Morgen in den Spiegel und rufe: Tschakka, Hermine, du schaffst es! Dazu hatte ich nicht nur die passende Geschäftsidee, sondern obendrein eine ausgeklügelte Marketingstrategie: Der Mensch muss essen und hat es gern gemütlich, dachte ich mir. Und wenn er es gemütlich hat, isst er gerne Brötchen. Erst einmal wollte ich mein Haus, dann die Straße und danach möglichst den ganzen Kiez mit meinen Backwaren beliefern. Damit es richtig brummt, musste ich von Anfang an sparsam sein, um mir so einen Marktvorteil zu verschaffen. So dachte ich mir aus, nur sechzig Prozent der üblichen Teigmenge einzusetzen. Und dies als den ultimativen Vorteil für meine Kunden darzustellen. Kleine Brötchen als Brotkonfekt bezeichnet, kannten die meisten ja wohl. Also sollten meine Brötchen Brotpralinés heißen. Nur für Gourmets – zum Schnäppchen-Preis. Ich ließ meinen grafisch begabten Neffen ein Plakat entwerfen und hängte es im Haus aus. Mit der Möglichkeit, zu bestellen und innerhalb von fünf Minuten beliefert zu werden. Da Bequemlichkeit eine starke menschliche Komponente ist, hatte ich auch auf Anhieb Erfolg. Mein Briefkasten war stets so voll, dass ich kaum noch hinterherkam. Allerdings musste der Bäcker um die Ecke Wind davon bekommen haben. War auch nicht verwunderlich, schließlich dürfte ihm ein Großteil seines Brötchenumsatzes weggebrochen sein. So kam nun leider menschlicher Neid ins Spiel. Denn an drei Tagen hintereinander standen plötzlich Mitarbeiter der Hygiene, des Finanzamtes und der IHK vor der Tür und führten scharfe Kontrollen durch. Was wurde mir nicht alles vorgeworfen! Steuern falsch abgerechnet, die wichtigsten Hygienevorschriften nicht eingehalten, Betrug am Kunden, Nichteinhaltung deutscher und europäischer Backnormen und Wettbewerbsverzerrung durch aggressive Werbung und Einschüchterung der Nachbarn - und das alles ohne Beiträge an die Handwerkskammer zu zahlen! Mein Geschäft wurde natürlich geschlossen. Und ich blieb nicht auf einem Brötchenberg, sondern auf einem Berg Schulden sitzen. Nun war ich wieder einmal reich - reich an neuen Erfahrungen, die ich eigentlich lieber nicht gemacht hätte. Aber was ich jetzt auch weiß: Kleinere Brötchen backen lohnt sich auch nicht.

Die Kleiderspende geht an mich

21.07.2014

Jahr für Jahr hatte ich meine Altkleider brav in den Container bei mir unten an der Ecke geworfen. Immer mit dem guten Gefühl, damit jemandem zu helfen, dem es im Leben schlecht ergangen war. Aber dann las ich in der Zeitung, dass die meisten Container gar nicht den karitativen Einrichtungen gehören, deren Logo groß darauf prangt. Meist vermitteln sie diese an Geschäftsleute, die dafür einen kleinen Obulus an Miete zahlen. Die Kleidung wird dann ein bisschen aufgepeppt und gewinnbringend vor allem nach Afrika verkauft. Das wäre doch auch etwas für Dich, sagte ich mir, es ist Zeit, mal wieder etwas Neues zu unternehmen. Afrika war mir allerdings ein bisschen zu weit, zumal ich ja meist mit dem Fahrrad unterwegs bin. Aber hier im Kiez findest Du doch auch genug Abnehmer, dachte ich. Und besorgte mir einen Container. Das ging ganz einfach über das Internet. Ich sollte im Monat 500 Euro bezahlen und bekam sogar einen Betreuer zur Seite gestellt. Der versicherte mir, mindestens 5.000 Euro im Monat damit verdienen zu können. Und da man als Unternehmer in die Zukunft schauen soll, schloss ich gleich einen Fünfjahresvertrag mit ihm ab. Die ersten beiden Monate lief auch alles wie am Schnürchen, von den 5.000 war ich allerdings noch ein Stückchen entfernt. Aber dann blieb mein Container plötzlich leer, es war wie verhext. Eines Tages, ich wollte zwischendurch mal nach dem Rechten sehen, sah ich gerade noch einen Mann meinen Container abschließen, Kleidungsstücke in ein Auto werfen und wegfahren. Ich glaubte, meinen Betreuer zu erkennen, fuhr in sein Büro und wollte ihn zur Rede stellen. Er stritt alles ab und drohte mir, meine Monatsrate an ihn zu verdoppeln. Laut Kleingedrucktem könne er das. Was dummerweise auch stimmte. Es war so klein und verschwurbelt geschrieben, dass ich es glatt übersehen hatte. Zwei Wochen wartete ich noch ab. Aber mit meinem Container war es wie bei Hase und Igel. Immer, wenn ich vorbeikam, war er leer. Das war natürlich auch ein Geschäftsmodell. Und funktionierte, ohne dass man groß arbeiten muss. Das einzige, was man einbringen muss, ist Skrupellosigkeit. Mit solchen Partnern wollte ich nichts mehr zu tun haben, mir aber auch keinen Ärger einhandeln. So schnell, wie ich mein Geschäft aufgebaut hatte, wollte ich es nun auch wieder loswerden und annoncierte im Netz. Einen Tag später war der Deal perfekt – ich hatte mein angeblich gut gehendes Geschäft verkauft – na ja, fast verschenkt. Der neue Besitzer musste im Gegenzug nur die Kooperation mit meinen Betreuer - wie festgelegt - fortführen. Was er in Erwartung hoher Gewinne natürlich auch gerne tat. Das Internet ist eben doch eine feine Sache.

Wie ein Schwein ins Uhrwerk

14.07.2014

Vor längerer Zeit hatte ich mal wieder mein Auto von der Durchsicht abgeholt und eine riesige Rechnung bekommen. Was so alles an einem halbwegs neuen Auto schon wieder ausgetauscht werden muss, damit die Sicherheit gewahrt bleibt – kaum zu fassen. Als ich meinem Nachbarn Karl davon erzählte, winkte er nur ab und meinte, die bescheißen einen doch schon, wenn man nur auf den Hof fährt. Er hätte sich letztens auch mächtig geärgert. Bei seinem Auto wurde der Vergaser ausgetauscht – ein halbes Jahr später war das gute Stück wieder am Ende, fiel natürlich aus irgendeinem Grund auch nicht unter Garantie. Die haben mir bestimmt meinen alten Vergaser wieder eingebaut und einen neuen berechnet, murrte er. Aber wenn man nichts davon versteht, kann man auch nichts beweisen. Da muss doch was zu machen sein, dachte ich mir. Der Herr Puffaus aus der neunten Etage ist doch so ein alter Autofreak – sprich doch mal mit dem. Klar, Hermine, da lässt sich was machen, lachte er mich an. Ich zeige Dir mal, wie das bei mir läuft. Wir gingen zu meinem Auto und er baute je einen kleinen Fehler bei der Zündung und bei der Lenkung ein. Das lässt sich innerhalb von ein paar Minuten beheben und dürfte nicht mehr als 80 Euro kosten, meinte er. Lohnt sich auf jeden Fall. Den Einbau der Fehler dokumentierte er mit Videoaufnahmen und ließ im Hintergrund das Radio laufen. Weil sich so das Aufnahmedatum belegen lässt. Ich gab jedenfalls mein Auto ab und beschrieb genau, was für Probleme ich mit dem Auto hatte. Habe ich Ihnen sogar aufgeschrieben, sagte ich dem Meister. So hatte es mir Herr Puffaus geraten. Okay sagte er, wir schauen uns das an, morgen ist das Auto fertig. Wenn etwas Besonderes sein sollte, rufe ich Sie an. Er meldete sich jedenfalls nicht. Am nächsten Tag fuhr ich mit Herrn Puffaus, das präparierte Auto abholen. Das ist doch etwas teurer geworden, als gedacht, sagte der Meister. Wir haben einen Austauschmotor eingesetzt und die Gelenkantriebswelle erneuert. Macht 4.800 Euro – aber dafür haben Sie jetzt so gut wie ein neues Auto. Mir blieb die Spucke weg. Aber da schaltete sich Herr Puffaus ein uns sagte, lassen Sie uns mal die neuen Teile ansehen, zum Glück verstehe ich etwas davon. Als er dem Meister die Videos vorspielte und fragte, wie unsere Markierungen auf die ausgetauschten neuen Teile kämen, wurde der Meister zuerst kalkweiß und dann puterrot. Wir verabredeten Stillschweigen und künftig einen Spezialtarif für mich. Sozusagen als Belohnung, weil ich ein langjähriger guter Kunde bin. Nun kann ich sagen: Ich habe es geschafft, denn ich kann jetzt nicht nur jede Rechnung nachvollziehen, ich bin auch jedes Mal mit der Höhe der Kosten sehr einverstanden.

EHE: errare humanum est

07.07.2014

Es ist gar nicht so einfach, eine gute Ehe zu führen. Ich weiß das nur zu gut – schließlich habe ich es selbst ein paarmal probiert. Jedes Mal hatte es mit so vielen guten Vorsätzen begonnen, aber immer wieder kam er dazwischen – der Alltag. Dabei hatten wir nichts ausgelassen, alles probiert. Die gemeinsamen Interessen und Hobbys herausgefiltert, soviel freie Zeit wie nur möglich gemeinsam verbracht, um gemeinsam neue Dinge zu erleben. Jeder Ratgeber sagt, das schweißt zusammen – bei uns führte es regelmäßig zum Streit. Wir hatten uns einen neuen Freundeskreis zugelegt, den wir auch gemeinsam kennengelernt hatten. Aber als die Ehe zu Ende war, war es auch mit den Freunden zu Ende. Und zwar bei beiden. Wahrscheinlich sind doch die Freundschaften, die man im Sandkasten schließt, die dauerhaftesten. Beim nächsten Versuch habe ich mir ein paar neue Interessen zugelegt, die ich nicht mit meinem Mann teilen wollte. Aber auch diese Variante war - zumindest für mich - nicht das Richtige. Ich hatte mein altes Hobby wieder ausgegraben, ging einmal die Woche zum Stepdance und hatte viel Spaß dabei. Bis mich mein Mann eines Tages verdächtigte, ich würde meinen Sport nur als Vorwand nehmen und mich in Wirklichkeit mit einem anderen treffen. Ich lud sogar meine Sportfreundinnen zum Kaffeetrinken nach Hause ein – es nützte nichts, ein paar Wochen später reichte er die Scheidung ein. Mein nächster Mann dagegen war so tolerant, toleranter ging es schon gar nicht mehr. Ich wusste nichts damit anzufangen – schließlich wollte ich nicht meine eigenen Wege gehen. Aber er war auch schon ein paarmal verheiratet und pflegte noch einen intensiven Kontakt zu seinen Exen. Sahen sie mehr als mich, weil sie angeblich immer Probleme hatten, die sie alleine nicht lösen konnten und ihn unbedingt brauchten. Nach einem Jahr war ich am Ende und setzte ihm die Pistole auf die Brust: Deine Verflossenen oder ich, hieß die Alternative. Er entschied sich für weder noch. Daher reichte ich die Scheidung ein. Seit dieser Zeit lasse ich es locker angehen und pflege die moderne Variante der kurzfristigen Lebensabschnittspartnerschaften. Aber eigentlich warte ich auf ein Gesetz, dass die Ehe auf fünf - oder besser nur drei - Jahre begrenzt. Danach müsste man sofort einen neuen Partner wählen können, natürlich auch den alten. Aber würde das das Scheidungsproblem wirklich lösen? Ich glaube nicht, denn schließlich kommt das Wort Ehe eindeutig von errare humanum est – irren ist menschlich!

Mein Garten-Public-Viewing

30.06.2014

Mal ehrlich, wer weiss denn schon, dass Public Viewing im englischen Sprachraum eigentlich die öffentliche Aufbahrung einer Leiche bedeutet? Unserer Nationalmannschaft sollte man das lieber nicht mitteilen, vielleicht nimmt das dann doch die Motivation am Siegen – und das nach so einem guten Einstand. Schließlich gibt es noch mehr schwachsinnige Anglizismen, die ganz normal in unseren Sprachschatz eingeflossen sind und bei Muttersprachlern ein Lachen oder Unverständnis hervorrufen würden. So ist zum Beispiel der Bodybag nicht die modische Tasche der Saison, sondern ein Leichensack. Ein Slip ist im Englischen keine Damenunterwäsche, sondern ein Missgeschick oder ein Kassenbeleg. Mit Backshop ist kein Rückengeschäft gemeint, sondern eine Bäckerei und ein Tankshop verkauft schnödes Benzin statt Panzer. Oder nehmen wir die Werbung – die meisten Leute haben den Slogan einer bekannten Kosmetikkette „Come in and find out“ für sich mit „Komm rein und finde wieder hinaus“ übersetzt. Ist schon toll, Fremdsprachen zu beherrschen. Aber zurück zum Public Viewing. Während der Zeit der Fußball-WM sollte ich im Schrebergarten meiner Nachbarin Luzie, die im Urlaub war, immer mal nach dem Rechten sehen. Mach doch da Dein eigenes Public Viewing, dachte ich mir und hing in der Gartenanlage ein entsprechendes Plakat auf: “Public Viewing. Billig Trinking. Gesellig Gröling. - Das gibt’s nur bei Hermine“. Ich stellte meinen Beamer (ein Amerikaner sagt dazu übrigens Projektor, ein Beamer ist der Slangausdruck für einen BMW) und eine Riesenleinwand auf und lieh mir im geschlossenen Freiluftkino von nebenan jede Menge Klappstühle. Auf einem Riesengrill brutzelte ich lecker Bratwurst und verkaufte billiges Bier als Siegertrunk. Natürlich mit etwas Gewinn für mich. Die Stimmung war toll, die Verpflegung lief reibungslos und mein – sprich Luzies – Garten wurde besser besucht als die beiden Vereinsgaststätten in der Nähe. Allerdings sah der Garten schnell wie ein Kraut- und Rübenacker aus. So konnte ich ihn nicht an Lizie übergeben, zumal sie mich gebeten hatte, die Beete für die Vorbereitung der Herbstsaat umzugraben. Zum Glück hatte ich mal wieder die passende Idee, wie ich das auch ohne körperlichen Einsatz hinbekomme. Ich schrieb ein paar E-Mails an meine Nachbarin, mit denen sie gar nichts anfangen konnte. Teilte ihr mit, dass ich gehört hätte, dass in Luzies Garten Waffen vergraben wären. Drei Mails waren nötig – dann stand eine Polizeistaffel im Garten und grub diesen zwei Mal komplett um. Natürlich ohne Ergebnis. Aber Luzie war begeistert, was für eine gute Freundin sie hat.

Twittern wie früher

23.06.2014

Neulich war ich mal wieder beim Friseur. Es war rappelvoll – aber es waren alles gute alte Bekannte, die ich seit ein paar Wochen nicht gesehen hatte. Wir hatten uns also viel zu erzählen. So wusste die Johanna, dass über unserem ganz ruhigen Herrn Schlegelmilch ein Verfahren wegen Anlagebetrugs schwebt. Wenn ich das Uschi erzähle, dachte ich, die arbeitet doch mit ihm in einem Betrieb und dort hat sicher keiner eine Ahnung davon. Oder von der geheimnisvollen Blonden, die die glückliche Ehe der Meierings zerstören wollte. Ohne Rücksicht auf Verluste und die sechs Kinder. In unserem Haus dachten bisher alle, die Blondine wäre eine Enkelin von Opa Reus und kommt immer mal bei ihm vorbei, um ihm im Haushalt zu helfen. Dabei blieb sie nur vor seiner Tür stehen, tat, als ob sie klingle und verschwand dann ganz schnell in der Wohnung nebenan bei Herrn Meiering. Hätte nie einer gemerkt, wenn nicht Frau Mölders die volle Tasche umgekippt wäre und sie das alles beim Einsammeln von der Treppe aus unbemerkt beobachten konnte - oder besser gesagt musste. Sie sei jetzt noch fix und fertig, sagte Frau Mölders, aber gleichzeitig auch froh, dieses Geheimnis endlich einmal mit anderen teilen zu können. Oder der unscheinbare Herr Hindenburg, der seine Frau schlagen soll. Das wusste Frau Mundt zu berichten. Gesehen hatte sie es zwar nicht, aber so schnell, wie Frau Mundt immer durch das Haus huscht und von niemandem angesprochen werden will, kann es gar nicht anders sein. Dazu passen auch die Schreie, die manchmal aus der Wohnung zu hören waren. Die unterlegte Musik dazu konnte man in diesem Fall schon mal vernachlässigen. Was mir auch ganz neu war, dass die geizige Frau Suda im Lotto gewonnen haben soll. Man merkt ihr aber auch gar nichts davon an. Sie lebt zurückgezogen wie immer, kleidet sich nicht anders, war nicht im Urlaub und hat auch kein neues Auto vor der Tür. Wahrscheinlich sollte es niemand merken. Nicht mal mir hat sie einen ausgegeben – und ich hätte wahrhaftig keinem davon erzählt. Na ja, seit meinem Friseurbesuch weiß jedenfalls nicht nur ich Bescheid über all diese Neuigkeiten, sondern das ganze Haus. Sie wissen ja, man erzählt es ein paar Nachbarn und die erzählen es dann Leuten, die es auch weitererzählen. Ganz früher hieß das Jünger gewinnen, modern sagt man ja Follower dazu. Bei meiner Methode von Mund zu Mund dauert natürlich alles ein bisschen länger als beim Twittern und erreicht auch nicht so viele. Aber immer die Richtigen. Schließlich muss ja nicht jeder alles wissen. Das erspart so manchen Ärger – und auch den Shitstorm. Nur manchmal, wenn es ganz dicke kommt, kann es auch mal Prügel geben.

Mein Fahnenladen zur WM

16.06.2014

Bei der letzten Fußball-WM hatte ich beobachtet, wie Fahnen- und Flaggenverkäufer das Geschäft ihres Lebens machten. Also wollte ich diesmal auch dabei sein. Ich überlegte schon, wie ich die Fahnen der 32 Teilnehmerländer zahlenmäßig am besten aufteile. Schließlich möchte man ja nicht auf einem Berg nicht verkauften Stoffs sitzenbleiben. Aber dann merkte ich, dass mein größtes Problem der Vertrieb werden würde. Wie sollte ich mich gegen die vielen Flaggenläden, Souvenirkioske oder Straßenhändler durchsetzen? Schlau wie ich bin, gab ich das Vorhaben lieber auf. Natürlich nicht, ohne eine bessere Idee parat zu haben. Denn am Thema Fahne hatte ich mich irgendwie festgebissen. Und meine Nische gefunden: Jedem die Fahne seiner Lieblingsmannschaft – das musste doch auch anders gehen. Ich beschloss also, die Nationalgetränke der Teilnehmerländer zu vertreiben und jedem Käufer so vier Wochen lang eine typische Fahne zu verschaffen. Für Argentinien mit einem Likör namens Legui. Für Chile mit Pisco, einem Weinbrand. Für Russland mit Wodka. Für Japan mit Sake. Für die Schweiz mit einem Zaubertrank aus Wermut, Anis, Fenchel und anderen Kräutern – nämlich Absinth. Den Wacholderbranntwein Genever für die Niederlande. Soma, den Rauschtrank der Götter, für Iran. Für Kroatien den Sliwowitz. Für Spanien den Calimocho, auch Cuba libre für Arme. Und so weiter. Meine Idee kam bestens an, die Fans kauften und bestellten während der WM-Zeit so viel, dass ich mit dem Nachschub fast nicht hinterherkam. Wahrscheinlich war auch meine Werbung besser als die der Flaggenläden: Die Fahne für den Augenblick – immer die Hände frei und kein Problem mit dem Lagern. Als ich es dann noch mit einem Wettbewerb versuchte, wer die meisten Fahnen am Geruch erkennt – da stiegen meine Kunden allerdings aus. Aber wie gesagt – so eine Kundenbindungsaktion brauchte ich für die vier Wochen auch gar nicht. Mein Geschäft lief wie geschmiert, zumal ich jedem Kunden mit auf den Weg gab, lieber ein Glas mehr auf sein Wunschteam zu trinken. Eine kleine Enttäuschung hatte ich allerdings doch. Eigentlich hatte ich gehofft, dass Russland Fußball-Weltmeister wird. Dann hätte ich im Endspurt noch einmal kräftig zulegen können. Aber wie hat schon meine Mutter immer gesagt? Man soll mit dem zufrieden sein, was man hat.

Der Kugelfisch

09.06.2014

Eigentlich wollte ich nur wieder einmal im Mittelpunkt stehen. Mit einer verrückten Idee natürlich, sodass alle meine Bekannten nur achtungsvoll nicken und Mannomann, die Hermine mal wieder, sagen. Anlass sollte ein Essen mit Freunden sein, die alle der asiatischen Küche frönten. Als Motto hatte ich mir „Das letzte Abendmahl“ ausgedacht und versprach, Fugu, also Kugelfisch, zu servieren. Da Kugelfisch in Deutschland allerdings verboten ist, musste ich ein bisschen tricksen. Ich besorgte mir für viel Geld einen Eberfisch, einen Fisch also, der dem Kugelfisch sehr ähnlich sieht. Und sagte meinen Gästen, es handle sich um einen Tigerfugu, den König der Kugelfische - 30mal giftiger als Zyankali. Das kannst Du doch mit uns nicht machen, wir sind doch Deine Freunde, redete mein Besuch auf mich ein. Setzt Du das so leichtsinnig aufs Spiel? Quatsch erwiderte ich. Drei Jahre lang habe ich eine intensive Ausbildung bei einem japanischen Koch gemacht und schon zehn Mal leckeren Fugu unter seiner Kontrolle zubereitet, flunkerte ich. Außerdem würde ich von jeder Komponente als Erster vorkosten – und wenn ich nicht nach ein paar Sekunden unter dem Tisch läge, könnten alle anderen unbesorgt genießen. Natürlich lockte das Abenteuer des Nervenkitzels – und vor allem die Tatsache, hinterher jedermann von diesem einmaligen Erlebnis erzählen zu können. Kommt mit in die Küche und seht zu, wie ich das russische Roulette zubereite, sagte ich locker. Die giftigen Teile sind die inneren Organe und der Rogen, dozierte ich. Der darf nicht mit den Filets in Berührung kommen, denn dann passiert das, was nicht passieren darf. Meine Gäste schauten mir von da an akribisch auf die Finger und unterstellten mir ein paar Mal, die Filetstücke mit den giftigen Teilen berührt zu haben. Jedesmal warf ich dann ein Stückchen für die Katze auf den Fußboden, die vor Vergnügen schnurrte und keine Anzeichen von Lebensmüdigkeit zeigte. Und dann servierte ich das Mahl. Wie versprochen, machte ich den Vorkoster und überlebte jeden Gang. Allerdings merkte ich meinen Gästen beim Nachtisch ihre Anspannung an. Sie waren geschlaucht wie nach einem harten Arbeitstag oder einer wichtigen Prüfung. Aber sie hatten etwas erlebt, was sie in ihrem Leben wohl nie wieder erleben würden. Und das von und mit ihrer Freundin Hermine. Allerdings gab es speziell für mich noch einen kleinen Nachschlag in Form einer polizeilichen Vorladung wegen Verstoßes gegen das Gesetz. Zum Glück konnte ich glaubhaft darstellen, dass es sich nicht um einen Kugelfisch gehandelt hat. Schließlich war ich ja kein Profikoch und alle Beteiligten noch am Leben. Ich bin mir sicher, dass das ein Geheimnis zwischen der Polizei und mir bleibt.

Fernsehserie oder Hund

02.06.2014

Letztens war ich nach langer Zeit mal wieder zu einer Party eingeladen. Ich wusste gar nicht mehr, wie man sich da zurechtmacht, ob man etwas mitbringt, wen man dort trifft – und über was man sich so den ganzen Abend unterhält. Nicht, dass mir Smalltalk schwerfallen würde. Aber die Themen, die zu jeder Zeit die Runde machen, um in zu sein, sollte man schon kennen. Jedenfalls kam ich ahnungslos an, es waren bestimmt schon 40 bis 50 Leute hier, von denen ich nur die Gastgeberin kannte. Und die hatte natürlich keine Zeit für mich. Ich holte mir ein Glas Wein, stellte mich zur Seite und beobachtete erst einmal das Geschehen. Die Gäste standen in kleinen Grüppchen verteilt herum und unterhielten sich angeregt. Ich steuerte auf einen Vierertrupp mittelalterlicher Frauen zu, stellte mich dazu und hoffte auf ein Stichwort, bei dem ich ins Gespräch einsteigen konnte. Das kam aber nicht. Scheinbar war ich auf einen Fanclub der TV-Serie „Dexter“ gestoßen. Als ich passen musste, versuchte man mir den Inhalt schmackhaft zu machen. Es ginge nichts über diese Serie, bei der ein Forensiker mit dem Fachgebiet Blutspritzeranalyse als Nebenbeschäftigung nachts mit der Polizei von Miami durch die Stadt streift und als Serienkiller schuldige Verbrecher aus dem Verkehr zieht. Ich schlich mich weiter zur nächsten Gruppe und hoffte, hier mehr zur Unterhaltung beitragen zu können. Ich wurde zwar sofort ins Gespräch einbezogen, aber gleich mit der Frage, ob Daenerys Targaryen wohl wieder an die Macht gelangt. Davon gehe ich aus, sagte ich, aber man merkte mir schnell an, dass ich die Serie „Games of Thrones“ noch nie gesehen hatte. Eigentlich noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt. An diesem Abend war ich noch bei verschiedenen anderen Grüppchen. Aber weder meine natürliche Redseligkeit noch mein eigentlich gutes Allgemeinwissen brachten mich in ein Gespräch. Überall standen nur die Zuschauer der aktuellen Fernsehserien zusammen und tauschten sich dazu rege aus. Immerhin erfuhr ich so, dass „The Walking Dead“ nach einer Zombie-Apokalypse beginnt und der Polizist Rick Grimes mit Kollegen Shane eine Gruppe von Überlebenden anführt, die auf der Suche nach einem sicheren Unterschlupf und neuem Zuhause durch das Land reist. Oder von „Breaking Bad“, wo ein kranker Highschool-Chemielehrer selbst mit Zweitjob seine Familie kaum versorgen kann und beginnt, Drogen herzustellen, um seine schwangere Frau und seinen behinderten Sohn abzusichern. Auch wenn ich ahnungslos und stumm war, hat mir die Party Spaß gemacht. Allerdings stehe ich jetzt vor der Entscheidung, ob ich das öfters will. Dann muss ich mir unbedingt ein paar aktuelle Serien zulegen. Die Alternative dazu wäre ein Hund. Dann lerne ich bei jedem Gang neue Leute kennen – und um ein Thema ist man hier nie verlegen.

Gefreite Hanne von nebenan

26.05.2014

Eigentlich war Hanne ja ein nettes Mädel, ich kannte sie schon seit der dritten oder vierten Klasse, also seit der Zeit, als sie bei uns ins Haus zog. Die Schule war nie ihr Ding, wie man heute so sagt. Sie war eher da zu finden, wo gefeiert wurde oder sonst etwas los war. Die Hauptschule schaffte sie mit Ach und Krach und brach auch zwei Lehren schon nach kurzer Zeit ab. Das frühe Aufstehen und der lange Arbeitstag entsprachen nicht ihren Vorstellungen von Selbstverwirklichung. Irgendwann war sie dann auf einer Werbeveranstaltung der Bundeswehr. Die Argumente schienen zu greifen, denn hier reifte der Wunsch in ihr, das Abitur nachzuholen und Medizin zu studieren. Um dann mit der Karriere voll durchzustarten. Die Ministerin signalisierte ihr, dass Frauen im Heer alles werden können, auch oberster Boss. Aber erst einmal mussten die Mühen der Ebene bewältigt werden. Und die begannen gleich mit der Grundausbildung. Jeden Tag um 6 Uhr erbarmungslos aus dem Bett gepfiffen zu werden, eine halbe Stunde Frühsport machen und dann vor dem Frühstück – falls man das überhaupt als solches bezeichnen konnte – nicht einmal zehn Minuten Zeit zu haben, um sich dann für den Dienst schick zu machen, damit hatte sie überhaupt nicht gerechnet. Auch nicht mit der anschließenden Ausbildung. Wozu wohl muss sich eine erfolgreiche Ärztin Dreck ins Gesicht schmieren, damit sie der Feind nicht sieht? Welches Rezept gibt es gegen einen Fußmarsch über 20 Kilometer, gegen die Blasen an den Füßen, Kreuzschmerzen vom Marschgepäck und den Muskelkater? Dabei hatte man ihr doch gesagt: Wer mit Highheels über Pflaster hüpfen kann, hat kein Problem mit der Hindernisbahn der Bundeswehr. Wahrscheinlich war es dann doch nicht das richtige Pflaster, auf dem sie geübt hatte. Aber damit war der tägliche Drill noch nicht zu Ende – jeden Nachmittag gab es Unterricht, um das Abitur so schnell wie möglich nachzuholen. Ohne Abstriche das volle Programm an Wissen. Das alles hätte sie ja noch durchgestanden, sagt Hanne. Aber das Machogehabe ihrer männlichen Kollegen, diese ewigen Spötteleien bei allem was sie machte. Und so schaffte sie nicht einmal die sechswöchige Grundausbildung. Als ich ihr vor ein paar Tagen auf dem Flur begegnete, erzählte sie von einer neuen Ausbildung in einer Bar. Da müsse sie erst nachmittags da sein, toller Job also. Mit dem Bund das hätte sie sich eben ganz falsch vorgestellt. Unter die Soldaten wollte sie zwar gern, aber die täglichen Anforderungen waren eben für andere gemacht. Und Karriere – die kann man schließlich auf jedem Gebiet machen.

Unterwegs mit einem Ehepaar

19.05.2014

Wie hatte ich mich auf den Ausflug in die Sächsische Schweiz mit Ulli und Jutta gefreut! Mit den beiden im Auto würde es bequem, lustig und unabhängig von Bahn oder Bus sein. Mit diesem älteren Ehepaar hatte ich schon manche schöne Stunde verbracht, bei Busausflügen, Partys oder Spieleabenden. Immer war es fröhlich und locker. Also würde unser Ausflug auch ein Erlebnis werden. Allerdings war ich mit den beiden noch nie im Auto unterwegs – und da lag das Problem. Denn am Steuer eines Autos soll jeder sein wahres Gesicht zeigen, wie wohl schon Goethe gesagt haben soll. Dabei ging alles so wunderbar los. Bis wir auf die Autobahn kamen. Warum schleichst Du hier so rum, man kann hier 120 fahren, sagte Jutta. Muss ich aber nicht, erwiderte Ulli, ich fahr doch schon mehr als 110. Warum hast Du es denn so eilig? Ich möchte ja nur, dass wir heute noch ankommen, kam es zurück. Dann hättest Du Dich eben beim Anziehen und Einpacken ein bisschen mehr beeilen müssen. Aus Trotz nahm Ulli den Fuß vom Gas und fuhr nun nicht einmal mehr 100. Jetzt dachte ich, eingreifen zu müssen. Soll ich mal eine Stimmungs-CD raussuchen, sagte ich, dann kommen wir sicher so richtig in Ausflugsstimmung. Die Stimmung ist gut, tönte meine Freundin von vorn, wir müssten nur langsam aus den Puschen kommen, um noch etwas vom Tag zu haben. In 40 Minuten sind wir vor Ort, sagte Ulli, genau wie geplant, und dann haben wir noch einen ganzen Tag vor uns, den wir genießen können. So wie Du fährst, brauchen wir noch Stunden, krächzte Jutta gereizt. Wenn wir endlich ankommen, suchen wir bestimmt wieder ewig nach einem Parkplatz – und dann müssen wir schon wieder fast zurück. Ulli bekam einen hochroten Kopf, die Hauptschlagader schwoll an, dass sie zu platzen drohte, und sein Mund wurde schmal. Er trat das Gaspedal durch, der Wagen schoss nun mit über 200 Stundenkilometern über die Piste – und in diesem Augenblick blitzte es. Typisch, hörte ich es noch von vorn zischen. Total verärgert griff Ulli an den Steuerknüppel und schaltete. Dummerweise ohne zu kuppeln. Das Getriebe machte ein Geräusch, als ob eine Zentrifuge explodiert, Rauch stieg aus der Kühlerhaube und das Auto blieb stehen. Was die nächste Stunde abging – darüber schweige ich als Gentlewoman lieber. Zum Glück hielt ein Auto und nahm Jutta und mich wieder mit zurück nach Berlin. Ulli musste auf den Abschleppdienst warten – aber sicher war er froh, das alleine machen zu können. Was aber sagt uns das für künftige Unternehmungen? Fahr nie allein mit einem Ehepaar – nimm Dir immer einen Beistand mit!

Nur zu zweit aufs WC

12.05.2014

Manche Frage kommt so leicht daher, ist aber fast nicht zu beantworten. Nicht nur in der Wissenschaft, das gilt auch für ganz lapidare Alltagsthemen. So kommt zum Beispiel immer wieder die Frage auf, warum wir Frauen eigentlich immer zu zweit und nie allein auf die Toilette gehen. Komisch, dass sich darüber immer nur andere Gedanken machen. Mir kommt diese Frage nie in den Sinn. Nicht einmal, wenn ich zu zweit auf dem Weg zum WC bin. Aber was allgemein bewegt, ist es schon wert, auch einmal näher beleuchtet zu werden. Also prüfte ich alle gängigen Theorien. Dass es ein alter Urinstinkt ist, ein Schutzmechanismus, der früher dem Überleben diente, wenn man sagte: Geh niemals allein vor die Höhle - das glaube ich nicht. Dann würden sich Männer genauso verhalten. Ein Ort für vertrauliche Gespräche. Zuhause sind wir Frauen in der Küche unter uns, aber unterwegs? Da ist es die Toilette, wo man sich über Dinge auszutauschen kann, die für Männerohren nicht bestimmt sind. Von der sitzenden Frisur über den Ex bis zur Schwangerschaft der unverheirateten Freundin. Eine dritte Theorie sagt, man wolle damit nur Konkurrenz ausschalten. Ginge man allein, würde das Gespräch am Tisch ja weiterlaufen und man könnte eine Menge wichtiger Dinge verpassen. So nimmt man die größte Schwatzbacke mit und verliert so nicht den Gesprächsfaden. Ein anderer Ansatz lautet, im Doppelpack schütze man sich besser vor Übergriffen. Gerade in Diskotheken und Clubs stehen im Gang vor der Toilette immer besonders viele Menschen. Das kann zum einen bedeuten, dass diese anstehen, aber natürlich ist der ruhige Gang auch ein guter Ort zur Kontaktaufnahme. Und genau deswegen glaube ich, dass dieser Gedanke auch nicht stimmt. Denn nicht wenige sind hier auf ein Abenteuer aus und würden diese erhöhte Chance, angeprochen zu werden, keinesfalls vergeben. Meine letzter Theorieansatz ist der der dritten Hand. Neben dem normalen Toilettengang werden Frisuren gerichtet, Haare gefönt, sich nachgeschminkt, Flecken aus der Kleidung gewaschen, Fingernägel manikürt, Laufmaschen repariert und die Kleidung gerichtet. Eine weitere Frau ist dabei eine unschätzbare Hilfe. Und auf das Urteil der Freundin können wir uns obendrein noch verlassen. Außerdem ist es nicht schlecht, wenn jemand unsere Handtasche oder unsere Jacke halten kann, damit wir freie Hand haben. Nun ja, es gibt eben viele Theorien – da ist sicher für jeden eine dabei. Aber vielleicht sollte ich Herbert einmal fragen, ob er gemeinsam mit mir zur Toilette geht. Dann hätten wir schlagartig ein anderes aktuelles Thema.

Sie werden platziert

05.05.2014

Endlich hatte ich eine nette Gaststätte gefunden, gleich bei uns um die Ecke. Das heißt, ich hatte davon gehört und schaute mir mit meiner Freundin Evi alles erst einmal im Internet an. Sah gemütlich aus und die Speisekarte war genauso, wie wir sie uns wünschten. Also nichts wie hin und alles einmal testen! Wir waren schon vorher überzeugt – das kann unsere Lieblingsgaststätte werden. Als wir kamen, waren fast alle Tische leer. Das heißt, nicht ganz. Fast überall standen Reserviertschilder und am Eingang empfing uns ein großer Aufsteller mit dem netten Spruch „Sie werden platziert“. Nanu, das kannten wir doch? Waren wir etwa aus Versehen in eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit geraten? Nach einer gefühlten Ewigkeit kam auch ein Kellner und brachte uns zu einem Tischchen in einer dunklen Ecke. Unseren Wunsch nach einem Fensterplatz tat er achselzuckend ab und sagte lapidar, alles reserviert heute. Na ja, sagten wir uns – es soll ja ein gemütlicher Tag werden, verschieben wir also das mit dem Ärgern. Obwohl wir hier zwei Stunden verbrachten, wurde nicht einer der Fensterplätze besetzt. Wer weiß, vielleicht erwarten sie eine geschlossene Gesellschaft und haben uns großzügig noch dazwischengeschoben, versuchten wir uns einzureden. Aber auch unsere Nachbarn erzählten dasselbe: keine Gäste, die besten Tische reserviert, langsame, maulige Kellner. Und das sollte langfristig unsere Lieblingsgaststätte werden? Zum Glück hatte ich auch diesmal wieder eine gute Idee: Ich meldete unter verschiedenen Firmennamen große Veranstaltungen mit üppigen Buffetwünschen an. Die Termine gut verteilt über zwei Wochen und immer mit dem Versprechen auf große Umsätze bei Speisen und Getränken sowie einem üppigen Trinkgeld. Sie werden es nicht glauben – aber unsere Gaststätte schloss an allen diesen Tagen mit dem Hinweis auf eine „Geschlossene Veranstaltung“ komplett. Nur dumm, dass an keinem dieser Tage auch nur ein angemeldeter Gast, geschweige denn eine ganze Belegschaft, erschien. Nach dem zweiten Mal kam es dem Gaststätteninhaber sicher schon sehr merkwürdig vor – aber wie man weiß, stirbt die Hoffnung zuletzt. Bei unserem nächsten Test – etwa eine Woche nach den fiktiven Terminen – war alles wie verwandelt. Ein neuer Kellner erwartete uns an der Tür, fragte nach unserem Tischwunsch und brachte erst einmal einen Espresso auf Kosten des Hauses. Das Essen war köstlich und zwischendurch gab es sogar noch einen kleinen Gruß aus der Küche. Wir waren begeistert, nun schien es ja doch noch etwas zu werden mit unserem Lieblingslokal. Wir erzählten erst einmal vorsorglich allen Nachbarn von unserem lukullischen Erlebnis und empfahlen das Lokal wärmstens weiter. Denn nur eine gut besuchte Gaststätte würde uns auf Dauer Freude machen. Aber unser kleiner Coup hat doch mal wieder gezeigt: Manchmal muss man dem Glück schon ein bisschen nachhelfen, um seine Wünsche verwirklichen zu können.

Handtasche á la card

28.04.2014

Da hatte die Polizei doch letztens eine Freundin von mir, die blonde Uschi, 24 Stunden in Untersuchungshaft genommen. Sie wurde verdächtigt, in einen Mordfall verwickelt zu sein. Wie das kam? Man fand ein grünlich-schleimiges Fleischbündel in ihrer Handtasche und glaubte, dass es sich dabei um die Trophäe eines Serienkillers handeln könne. Zum Glück aber kam bei der Untersuchung heraus, dass es nur ein Kilo Hackepeter war, welches sie seit zwei Wochen völlig vergessen hatte und das seither vor sich hin verweste. Ein Glück für sie – aber ich dachte gleich an das Image von uns Frauen und dass man dadurch nur solche Vorurteile bediente, dass es in unseren Handtaschen schlimmer aussehen würde als bei Hempels unterm Bett. Also beschloss ich, eine Studie bei uns im Haus durchzuführen, die genau das Gegenteil beweist. Ich lud der Reihe nach 20 Probanden auf ein Käffchen ins Cáfe um die Ecke und setzte darauf, dass jede der Damen mindestens einmal auf Toilette müsste. Geh nur, sagte ich dann, auf deine Handtasche passe ich derweil auf. Das klappte auch – und so konnte ich ungeniert kundschaften. In der Tasche der flotten Isolde fand ich vor lauter Gerümpel erst einmal nichts. Doch dann – ein Fläschchen mit Ko-Tropfen. Hing wohl zusammen mit ihren häufigen Discobesuchen, jetzt wusste ich auch, woher der Spitzname Abschleppdienst rührte. Die Nächste war Roswitha, eine schon ältere, gemütliche Dame. Bei ihr fand ich vor lauter Glückssteinen, Tarotkarten und ähnlichen Dingen nicht einmal den üblichen Taschenkram - den hatte sie völlig untergemüllt. Die geheimnisvolle Nicole aus der obersten Etage hatte die Tasche voller Ratgeber: Psychotest für die Geliebte. Was tun gegen eifersüchtige Katzen? Immer Pech – was kann ich tun? Kein Wunder, dass sie immer neben sich steht, wenn sie alle diese Ratschläge berücksichtigt. Die Tasche von Ramona, einer Powerfrau aus unserem Haus, glich einem Überlebenspaket. Mehrere Ausweise und eine Vielzahl von Kreditkarten – alle selbstverständlich auf einen anderen Namen. So viel wollte ich über Handtaschen – und geschweige denn über meine Nachbarn - nun auch nicht wissen. Nach der nächsten Handtasche, sie gehörte der liebenswürdigen Ulrike, brach ich mein Unternehmen ab. Denn hier fand ich zwischen Pillendöschen und Arzneiflaschen, Handy und einem riesigen Verpflegungspaket eine Pistole. Wie sollte ich mich nur verhalten? Die Polizei rufen oder eine anonyme Anzeige aufgeben? Was hatte Ulrike bloß vor – und was hatte sie bereits hinter sich? Ich war noch am Überlegen, da kam sie schon zurück. Jetzt erst mal ein Zigarettchen, sagte sie. Fasste in die Tasche – und zog die Pistole heraus. Ich wollte schon die Hände heben, da zündete sie sich damit die Zigarette an. Tolles Spielzeug, nicht wahr Hermine? Sieht aus wie echt. Nun sage ich nichts mehr zum Thema Handtaschen von Frauen. Nur dann, wenn mir mal jemand über die Schulter schaut und in meine Tasche späht, rufe ich: Das ist nicht das, was Sie denken – das sieht nur so aus!

Wie ich fast gefastet hätte

22.04.2014

Jedes Frühjahr das gleiche Spiel. Von allen Seiten hört man fasten, fasten, fasten. Das große 12-Tage-Programm einer Frauenzeitschrift verspricht mir, den Körper von überflüssigem Ballast zu befreien. Eine Unzahl neuer Bücher zum Thema prophezeit mir enorme Gewichtsverluste, verbesserte Blutfettwerte und gute Laune. Und natürlich meine Freundinnen, die wochenlang scheinbar kein anderes Interesse mehr haben. Jeder dritte Deutsche soll inzwischen von dieser Welle erfasst sein. Viele wollen auf Alkohol verzichten und bis Ostern nur Bier trinken. Im Kommen ist auch der Verzicht auf Süßigkeiten, Fleisch und Zigaretten. Irgendwie war auch ich von diesem Hype angesteckt, war mir aber noch unschlüssig, auf welchem Gebiet ich zuschlagen sollte. Ein paar Pfunde weniger waren schon verlockend. Auch meine Blutwerte hatten noch Potential, verbessert zu werden. Aber dafür auf meine Lieblingsspeisen verzichten? Auf ein Likörchen beim Kaffeekränzchen? Oder ganz und gar auf Schokolade oder meine geliebten Gummibärchen? Da musste schon etwas anderes her. Schließlich ist das Wichtigste beim Fasten ja, dass man Teil der Bewegung ist, also mitreden kann. Egal, wie man fastet. Da kamen mir schon eher neue Trends entgegen wie Smartphone-, Internet-, Tablet- oder Fax-Fasten. Ich musste aber nicht lange nachdenken. Mein grenzenloses Mitteilungsbedürfnis nicht nur für einen Moment zurückzuschrauben, sondern eine Weile ganz einzustellen – also dieser Verzicht wäre mir ja noch schwerer gefallen. Also was tun? Eine strikte Pinguin-Diät machen – nichts essen, wo Pinguin drin oder dran ist? Oder einfach einmal 40 Tage auf Champagner oder Kaviar verzichten? Aber das mitleidige und überlegene Lächeln meiner Freundinnen wollte ich mir auch nicht zumuten. Da stieß ich auf die diesjährige Forderung des BUNDES zum Plastikfasten – das war ganz nach meinem Geschmack. Sieben Wochen lang auf Plastiktüten verzichten, Verpackungen in den Läden zurücklassen, zu Produkten ohne Plastikverpackung greifen, Getränke in Mehrwegverpackungen vorziehen – das würde ich doch locker schaffen. Aber schon nach einer Woche merkte ich, dass ich ständig gegen diese Grundsätze verstoßen hatte. Man ist eben doch ein Gewohnheitstier. Dann erfuhr ich von einer ganz neuen Methode, dem Fastenfasten. Hierbei verzichtet man bewusst auf jegliche Form des Fastens mit all seinen positiven Wirkungen. Das ziehe ich jetzt schon erfolgreich seit drei Wochen durch. Und wissen Sie was? Für die Fastenzeit im nächsten Jahr habe ich somit auch schon meine Methode gefunden. Vor allem aber kann ich wieder von Anfang an mitreden.

Na, wie war ich?

14.04.2014

Früher hörte man diesen Satz immer nur danach. Und nur vom jeweils momentanen Mann. Inzwischen, so ist zumindest meine Wahrnehmung, werde ich überall im Alltag von diesem Satz verfolgt. Bestelle ich mir eine Pizza nach Hause, übergibt mir der Pizzabote mit der Rechnung einen Fragebogen, wie ich ihren Service finde und ob es hoffentlich keine Verbesserungsvorschläge gäbe. Ich bin noch nicht mit meiner Pizza fertig, da klingelt das Telefon und der Pizzadienst ist dran. Ob ich denn den Fragebogen erhalten hätte und ob es noch Fragen zur richtigen Beantwortung gäbe. Man wünsche sich schließlich rundum zufriedene Kunden. Neulich hatte ich mein Auto zur Durchsicht. Es wurde doppelt so teuer wie erwartet und ich musste drei Tage warten, bis ich es wieder abholen konnte. Aber kaum war ich zu Hause, klingelte auch schon das Telefon und eine freundliche Stimme fragte, ob ich denn mit meiner Werkstatt auch, wie erwartet, absolut zufrieden sei. Zufrieden sei ja auch schon sehr gut, sagte ich. Doch damit wollte mich die Stimme nicht davonkommen lassen und erklärte mir, dass ich mit meiner Aussage zu ihrem Gehalt und damit zum Wachstum der Wirtschaft beitragen könne. Vor ein paar Tagen saß ich mit meiner Freundin Paula in einem Café. Nach einer viertel Stunde Wartezeit bekamen wir nicht einmal einen Fensterplatz, mussten eine gefühlte Ewigkeit auf unseren inzwischen kalten Kaffee warten und wurden abgewatscht, als wir uns beschweren wollten. Aber dann tauchte die Bedienung noch einmal auf, sch...freundlich und mit einer Karte in der Hand. Sie machten bei einem Wettbewerb mit und wollten kundenfreundlichstes Café der Stadt werden, sagte sie. Sie hätte die Karte schon einmal ausgefüllt – wir müssten nur noch unterschreiben. Letztens beschwerte ich mich bei der Post, weil die letzten acht Pakete in Folge nicht bei mir, sondern in der Poststelle abgegeben wurden. Angeblich war ich nicht zu Hause – aber es lag nur an der Faulheit des Postboten. Ich war schon ordentlich geladen, als ich mich beschwerte und den Vorschlag machte, mir ein paar Gutscheine zuzuschicken. Dann kam auch ein Brief und ich dachte, aha, haben sie es also eingesehen und sind auf deinen Vorschlag eingegangen. Aber was kam? Ein vierseitiger Fragebogen, wie ich ihren Kundendienst finde. Denn als Nummer 1 wären sie zwar sowieso die Besten, könnten aber gegebenenfalls hier und da doch noch ein kleines bisschen nachbessern. Als man mich dann sogar noch in meinem Supermarkt damit belästigte, wie gut sie denn seien, rächte ich mich. Ich machte früh kurz nach der Öffnung ein großes Schild an den Eingang „Heute wegen Inventur geschlossen“. Die Belegschaft wunderte sich über die ausbleibende Kundschaft und erst nach drei Stunden bemerkte ein Azubi das Schild. Mein Streich stand am nächsten Tag sogar in der Zeitung. Beim nächsten Einkauf fragte ich an der Kasse, ob mich denn keiner nach dem Service befragen möchte – ich hätte nämlich eine Beschwerde. Ich könne nicht nachvollziehen, wie so ein großes Geschäft mitten in der Woche für ein paar Stunden schließt.

Mein Nachbar, Herr Mops

07.04.2014

Letztens hatte ich mir mal wieder den Disney-Zeichentrickfilm „101 Dalmatiner“ angesehen. Noch nie zuvor war mir aufgefallen, wie ähnlich sich hier die Hunde und ihre Besitzer sind. Vom Körperbau über die Gangart bis hin zum Charakter. Es sah aus, als ob sich hier Mensch und Tier gesucht und gefunden hätten. Nun aber wollte ich in meiner Umgebung beobachten, ob das auch im Leben so ist oder ob sich da die Filmemacher wieder einmal etwas ausgedacht hatten. Beobachtungsmöglichkeiten rund um mich herum gab es jedenfalls in Hülle und Fülle. Als Erster lief mir der dicke Herr Murkel über den Weg, die Unterlippe hing bei ihm wie immer schlechtgelaunt bis fast über die Schulter. Kurz hinter ihm bog sein Hund um die Ecke – es war eine Bulldogge und die beiden sahen sich wirklich zum Verwechseln ähnlich. Eins zu Null, sagte ich mir, dann stimmt also diese Theorie! Auch meine weiteren Beobachtungen verstärkten meinen Eindruck, dass Hund und Herrchen oder Frauchen schon nach kurzer Zeit zu einer Einheit verschmelzen. Die gute Oma Wacker, nicht mal einsfünfzig groß, läuft schon seit ewig mit einem Dackel durch die Welt. Beide gleich groß und beide mit denselben O-Beinen. Oder Herr Bröders, ein Typ, der am liebsten die Beine hoch macht und schon Mittwoch Wochenende ruft. Er hat nicht nur einen Basset, er sieht auch selbst so aus. So verwundert es auch nicht, dass bei ihren kurzen Spaziergängen alle paar Minuten eine Pause fällig ist. Der Hund liegt dann faul und fix und fertig in der Gegend rum und das Herrchen macht eine kleine Zigarettenpause. Die Zöpfe der fröhlichen Frau Spießig sehen aus wie die Schlappohren ihres Cockerspaniels und unsere stark gewichtsreduzierte Frau Wuchtig hat genauso einen schmalen langgezogenen Schädel wie ihr Labrador Retriever. Herr Würdig, ein ehrbarer Managertyp aus der zehnten Etage, strahlt genauso wie sein Afghanischer Windhund Würde, Eleganz und Selbstsicherheit aus - ihr beider Markenzeichen ist ein ruhiges Wesen und ein federnder Gang. Und nicht umsonst hat unser Herr Press vom Finanzamt einen Dobermann – also einen temperamentvollen Hund mit Durchsetzungsvermögen, bei dem Bestechungsversuche völlig sinnlos sind.
Aber dann geriet mir unsere gesundheitsbewusste Susi ins Visier und ich erkannte, dass meine Theorie nur auf Äußerlichkeiten beruhte. Denn Susi wollte ihrem Hund ihre Ernährungsgewohnheiten aufdrängen – also nur zwei Mal am Tag ganz wenig und nur vegetarisch essen. Das Ende vom Lied war, dass ihr Hund total ausflippte, nicht mehr gehorchte und auf dem Spielplatz Kinder jagte. Schließlich gab sie ihn im Tierheim ab. Da bleibe ich doch lieber gleich bei meinen Katzen – auch wenn die Leute sagen, die wären wie ich: kratzbürstig und eigenwillig.

Der Arzt im Haus bin ich

31.03.2014

Habe ich doch letztens erst gelesen, dass eine der häufigsten Ursachen, vorzeitig abzuleben, die falsche Behandlung durch den Arzt ist. Und das, obwohl die Branche angeblich gut ausgebildet und noch besser bezahlt ist. Das übliche Gejammer lassen wir dabei mal weg, das macht auch jeder Händler so und verabschiedet sich gleich danach in den vierwöchigen Jamaikaurlaub. Da gibt es doch sicher auch was für dich zu holen, Hermine, dachte ich mir. Medizinische Kenntnisse hast du ja reichlich. Allein schon durch meine täglichen Gespräche im Treppenhaus, wenn wir in nachbarschaftlicher Verbundenheit den letzten Arztbesuch auswerten oder uns über den Gesundheitszustand der Nachbarn auslassen. Also eröffnete ich kurzentschlossen „Hermines Nachmittags-Sprechstunde. Die ultimative Schnell-Diagnose“. Darunter setzte ich noch „Nach einer Spezialmethode von Schwester Hermine“. Das war nicht ganz gelogen, denn schließlich habe ich ja wirklich einen Bruder. Und siehe da, es dauerte nicht lange und die ersten Nachbarn wollten sich von mir beraten lassen. Da ich von der heilsamen Wirkung von Placebos gehört hatte, setzte ich voll auf deren Wirkung. Denn Schaden am Körper oder an der Seele der Nachbarn wollte ich unter keinen Umständen anrichten. Also verabreichte ich normale weiße Lutschbonbons, liebevoll verpackt in Pillenschachteln. Wie erwartet, zeigte das auch gleich in etlichen Fällen den erhofften Erfolg. Herr Stürmer wurde sein Seitenstechen los, Frau Mumps konnte wieder Treppen steigen und Frau Müller hatte keine Einschlafprobleme mehr. Das sprach sich rum und ich musste meine Sprechstunde erweitern. Geld nahm ich natürlich keins – aber ich wurde mit Geschenken überhäuft und oft zum Essen eingeladen. So oder so – auf jeden Fall konnte ich nun die Hälfte meiner mir zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel einsparen und war langfristig auf dem Weg zu einer reichen Frau. Mein Plan war also aufgegangen. Bis dann eines Tages gleich zwei meiner Patienten mit Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Gegen Blinddarmdurchbruch und Gallensteine hatten meine Pillen nichts ausrichten können. Zum Glück bekamen die beiden noch rechtzeitig Hilfe und es geht ihnen wieder richtig gut. Und zu meinem Glück unternehmen die beiden nichts gegen mich, sagten, sie seien ja selbst schuld, nicht gleich zu einem richtigen Arzt gegangen zu sein. Froh wie ich war, habe ich mir auch gleich geschworen: Künftig werde ich mein umfangreiches medizinisches Wissen für mich behalten und nicht mehr der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.

Auf Schritt und Tritt

24.03.2014

Eigentlich hatte alles nur mit meinem Wunsch nach Selbstkontrolle begonnen. Da ich den ganzen Tag auf den Beinen bin, wollte ich einfach nur wissen, wie viel Kilometer da von frühs bis abends zusammenkommen. Also kaufte ich mir einen Schrittzähler und war erstaunt, dass ich am Tag doch so sieben bis zehn Kilometer zurücklege. Ganz stolz, nicht zu den oft zitierten Bewegungsmuffeln zu gehören, erzählte ich auch meiner Freundin und Nachbarin Edith davon. Doch das hätte ich mal lieber bleiben lassen sollen! Denn Edtih kam gleich auf die Idee, dass wir einen Wettbewerb starten und der Verlierer des Monats unsere monatliche Kaffeerunde bezahlt. Ich sagte JA und lief von nun an wie der Teufel – aber Monat für Monat war ich diejenige, die die Rechnung übernehmen musste. Natürlich blieb es auch nicht bei unserem Zweier-Wettbewerb. Wer Edith kennt, weiß, dass sie nicht zu den Schweigsamsten im Haus gehört. Und so dauerte es auch nicht lange, bis wir eine Gruppe von rund zehn Leuten waren, die nun um die meisten Schritte konkurrierten. Ich verlor zwar nicht immer, aber auf die vorderen Plätze kam ich nie. Ich wurde erst hellhörig, als der kleine Max aus der dritten Klasse – ich war gerade auf ein Käffchen bei Edith – hereinkam und nach dem Schrittzähler fragte. Er wollte für zwei Stunden auf den Fußballplatz und da kämen doch einige Kilometer zusammen. Empört stellte ich Edith zur Rede – und schuldbewusst lud sie mich zu einem teuren Essen bei einem Sternekoch ein. Wie wir kurz darauf erfuhren, wurde sie bei ihren Schummeleien von Herrn Faulhuber allerdings noch haushoch übertroffen. Herr Faulhuber lag die ganze Zeit auf Platz 1 – obwohl wir im Haus schon lange eine festgefügte Meinung von ihm hatten: Name bürgt für Qualität – und so wussten wir alle, dass er keinen Finger - geschweige denn einen Fuß - unnötig krumm machte. Wie kam er nun auf den ersten Platz? - Er hatte den Schrittzähler auf das Schrittmaß seiner dreijährigen Enkelin eingestellt – und so war bei ihm ein Kilometer nur 170 Meter lang. Aber selbst diese kurzen Strecken ließ er seine Frau laufen, der er den Schrittzähler früh auf dem Weg zur Arbeit in die Jackentasche steckte. Für mich steht jetzt jedenfalls fest: Das Beste ist es doch, ein Einzelkämpfer zu sein.

Nicht zur Nachahmung empfohlen

17.03.2014

Es erschüttert mich jedes Mal tief, wenn ich von zunehmender Kriminalität in unserer Stadt lese oder höre. Aber das war wie ein Paukenschlag, als ich von der großen kriminellen Energie einer guten Freundin aus Pankow erfuhr. Ihr Nachbar, der alte Herr Schunau, malte Bilder und hatte schon seine ganze Wohnung damit zugehängt. Meine Freundin Susi kam eines Tages auf die Idee, sich hier mit günstigen Weihnachtsgeschenken einzudecken. Eins der Gemälde schenkte sie ihrem Schwager Helmut, einem echten Kunstkenner. Der sagte gleich „Mensch Susi, das ist doch ein echter Max Ernst, was Du für Geschenke machst!“ Er ging mit dem Bild von Herrn Schunau zu einem Experten, ließ sich die Echtheit und den Wert von 30.000 Euro bestätigen. Das brachte Susi auf eine vermeintlich gute Geschäftsidee. Als Erstes hörte sie sich ein bisschen auf dem Kunstmarkt um. Bis dahin glaubte sie ja noch, dass ein 2-Millionen-Bild zwei Millionen wert sei. Als sie dann jedoch mitbekam, dass ein Rembrandt, falls er nicht von ihm selbst, sondern von einem Schüler gemalt worden wäre, plötzlich statt fünf Millionen nur noch für 20.000 Euro gehandelt wird, stieg ihr Interesse. Mit Herrn Schunau vereinbarte sie, groß in den Bilderhandel einzusteigen. Sie legte sich einen fiktiven Uronkel zu, der in den 20er Jahren in Ostpreußen gelebt haben sollte. Aus einer angeblich vererbten Sammlung zauberte sie dann immer mal wieder ein begehrtes Gemälde hervor, das Herr Schunau gerade fertiggestellt hatte. Es passierte also genau das, was sich niemand vorstellen kann – Galeristen, Experten, Auktionäre, sie alle fielen auf den Schwindel herein. Oder wollten nichts bemerken, schließlich verdienten sie ja alle kräftig mit. Innerhalb von zwei Jahren brachten die beiden nun zahlreiche Meister der Moderne, wie Max Pechstein, Heinrich Campendonk, Max Ernst, Fernand Léger oder André Derain, unter die Fach?leute. Sie verdienten das große Geld, wollten aber wegen der vielen Neider in ihrem Umfeld bescheiden bleiben. Das klappte ja auch gut – selbst ich habe nichts geahnt. Dann aber machte Herr Schunau einen großen Fehler, er unterschrieb einen Monet mit dem Namen Richter. Sie flogen auf und das ganze Geld war futsch. Man sollte also doch nicht allzu sparsam sein. Herr Schunau malt jetzt im Gefängnis. Da hat er sich auf van Gogh, Matisse und Picasso spezialisiert. Seine Bilder sind wieder gefragt und er verkauft zu einem guten Preis. Er darf sich nur nicht dazu hinreißen lassen, mit falschem Künstlernamen zu signieren. Nun hofft er, doch noch einmal einen Millionendeal zu machen. Dumme mit zu viel Geld gibt es genug unter den Sammlern, sagt er immer. Und meine Freundin Susi? Sie hat noch eine Klage wegen Hehlerei an der Backe – aber sie hat dem Richter schon einen Edvard Munch versprochen und daher große Hoffnung, ihr letztes Problem recht schnell lösen zu können.

Der Klingelstreich

10.03.2014

Ich dachte gleich: Das waren doch wieder bestimmt Kevin und Justin, die beiden Rabauken aus dem Haus. Denn seit zwei Wochen klingelte es jeden Tag Sturm, als ich mich gerade für ein Mittagsschläfchen hingelegt hatte. Und noch einmal abends, wenn ich es mir gerade vor dem Fernseher gemütlich machte. Ich dachte an unsere Klingelstreiche und wie man den Übeltäter wohl am besten dingfest machen könnte. Ein paarmal war es mir schon gelungen, einen Blick auf die Klingelanlage zu erhaschen, als es gerade klingelte. Aber es stand in diesem Moment niemand unten. Was war denn das für ein Trick? Den kannte nicht einmal ich! Aber wartet nur, ihr Bösewichte, sagte ich mir. Euch kriege ich! Wäre doch gelacht, wenn ich nicht pfiffiger bin als ihr. Schließlich war ich früher ein schulbekannter Streichemacher. Meine erste Idee war die Direktbeobachtung. Ich ging mittags in unser kleines Straßencafe und suchte mir dort einen Fensterplatz, von dem aus ich unseren Hauseingang voll im Blick hatte. Meinen Korridor hörte ich von hier aus mit einem Babyphone ab. Pünktlich wie jeden Tag hörte ich das Klingeln in meiner Wohnung. Dreimal eine Minute Dauerton. Aber vor meiner Haustür war nichts zu sehen. Kein Mensch. Sollte gerade heute jemand direkt an der Wohnungstür geklingelt haben? Und dann wieder so lange? Mir wurde klar, dass ich den Fall nicht vom Café aus lösen konnte. Nun musste auf Stufe 2 hochgeschaltet werden – auf den Einsatz moderner Technik. Heimlich montierte ich zwei kleine Kameras, mit denen ich meine Wohnungs- und die Hauseingangstür gleichzeitig beobachten konnte. Pünktlich, wie gewohnt, klingelte es frühs und abends Sturm bei mir, aber niemand war zu sehen. Ich war schon fast soweit, an unsichtbare Geister zu glauben. Doch schon eine knappe Woche später kam die Auflösung – ausgelöst durch einen Stromausfall im Haus. Ich muss sagen, es war mir fast peinlich, dass ich als Erstes Kevin und Justin in Verdacht hatte. Denn der Übeltäter war der tageslichtscheue Herr Ortlepp, ein introvertierter Bastlertyp aus dem Erdgeschoss. Er hatte seine Spielzeugeisenbahn maximal aufgerüstet und ließ die Bahnen rund um die Uhr fahren. Die Zeiten, wenn es bei mir klingelte, hatte er auf Fahrplanwechsel programmiert – ausgelöst durch ein Funksignal. Und das löste bei mir das Klingeln aus. Die Erklärung des Elektrikers dazu war, so ist das eben. Na gut! Aber was lernt man aus so einer Geschichte? Man sollte zur Abwechslung vielleicht einmal die Unscheinbaren verdächtigen, wenn etwas passiert.

Die Fahrstuhl-Reparatur

03.03.2014

Ein nagelneuer Fahrstuhl – das hörte sich erst einmal gut an. Aber der zweite Teil der Mitteilung klang schon ganz anders. Denn der Einbau bedeutete für alle Mieter unseres Aufgangs, drei Wochen zu Fuß zu laufen. Bei mir war das ja nicht so schlimm, ich wohne in der zweiten Etage. Aber wer für so lange Zeit in den 11. oder 12. Stock hoch muss, ich weiß ja nicht! Jedenfalls sprach mich Pauline aus der 10. an und fragte, ob sie während dieser Zeit nicht bei mir einziehen könne. Sie würde auch alles dafür tun, dass ich mich während dieser Zeit so wohl wie noch nie fühlen würde. Also volles Service- und Wohlfühlprogramm. Nun ist Pauline zwar 20 Jahre jünger als ich, wirkt aber 30 Jahre älter. Auf diesen ersten Eindruck hätte ich mich lieber mal verlassen und ihrerm Wunsch nicht zustimmen sollen. Denn gleich am zweiten Tag ging es los mit dem Ärger. Sie wollte gern ihre – also meine – Couch gegen mein großes Bett tauschen, weil sie und ihr Colly da mehr Platz hätten. Nun gut sagte ich, schließlich habe ich damals lange gesucht, ehe ich diese bequeme Couch gefunden hatte. Am vierten Tag holte sie meinen Fernseher in „ihr“ Schlafzimmer, da sie nachts nicht mehr schlafen konnte und mich nicht stören wollte. Auch diesmal gab ich nach, obwohl es in mir schon gewaltig rumorte. Ein paar Tage später, ich wollte gerade meine Einkäufe in den Kühlschrank packen – da war dieser weg! Ich dachte, ich spinne, sah im Bad, im Flur und auf dem Balkon nach – nichts. Ich klopfte bei Pauline – und wo stand mein Kühlschrank? Direkt neben ihrem Bett. Ich schrie sie an, was das solle und so hätte ich mir das Wohlfühlprogramm nicht vorgestellt. Sie fing an zu weinen und sagte, dass sie seit Jahren ein Magenproblem hätte und daher nachts immer etwas essen müsse. Sie hätte es nur aus Rücksicht auf mich getan, weil ich doch so eine einzigartig nette und gute Nachbarin wäre. Na ja, ich ließ mich noch einmal beschwatzen. Aber zwei Tage später platzte mir dann doch der Kragen. Pauline steckte mir einen Einkaufszettel zu und sagte zu mir, diesen Gefallen könne ich ihr ruhig einmal tun, denn durch den vielen Stress sei sie momentan nicht gut zu Fuß. Eine halbe Stunde später stand sie mit ihrem inzwischen zu einem größeren Berg angewachsenen Hausrat auf dem Flur. Wie ich gehört habe, soll sie die letzten zehn Tage, bevor der Fahrstuhl wieder fuhr, in einem Hostel zugebracht haben. Na ja – seither weiß ich auch, dass nicht nur das Wohlbefinden allgemein, sondern auch gut funktionierende Nachbarschaften von funktionierenden Fahrstühlen abhängen.

Nikolaustag

06.12.2013

Alle Nachbarn unseres Hauses stellten wie jedes Jahr am Vorabend des Nikolaustages die Schuhe vor die Tür. Wie immer hatten wir in einer geheimen Ziehung ausgelost, wer wen beschenkt. Keiner sollte den Absender seines Geschenkes kennen, sondern sich einfach nur freuen. Oft ahnten wir aber schon an der Art des Geschenkes, wer dahintersteckte. Und einige unter uns machten sich dann immer wieder den Spaß, gerade diese Nachbarn anzusprechen und zu fragen, ob sie nicht mit ihnen tauschen wollen, da ihnen ihr Geschenk überhaupt nicht gefalle. Aber in diesem Jahr ging unsere Stiefelüberraschung nicht mit soviel Spaß und Freude über die Bühne wie gewohnt. Diesmal hatten wir einen regelrechten Stinkstiefel unter uns. Denn als am Morgen des Nikolaustages die Bewohner unseres Hauses ihre Wohnungstür öffneten und neugierig in ihre Schuhe und Stiefel fassten, griffen sie in eine riesengroße Menge Senf. Keiner von uns wusste, wer wohl hinter dieser fiesen Aktion stecken könnte. Also gab es erst einmal jede Menge Verdächtigungen. Na warte, dachte ich mir. Auch diesen Fall löst du. Allerdings war Eile geboten. Kurzentschlossen stellte ich am folgenden Tag noch einmal einen Stiefel vor meine Tür – bestückt mit einem Zettel, auf dem stand “Nachzügler - ich war zum Nikolaustag nicht da“. Im Stiefel hatte ich ganz professionell eine Mausefalle angebracht. Die Idee hatte ich aus dem Buch „Lederstrumpf“, den Geschichten eines Fallenstellers und Jägers im wilden Amerika. Wer lesen kann, ist also mal wieder im Vorteil, dachte ich. Und hoffte, dass das Senfmonster wieder zuschlägt. Ich setzte mich mit einem Buch hinter meine Tür und harrte der Dinge, die da kommen würden – hoffte ich jedenfalls. Ein paar Mal war ich schon eingenickt – aber es hatte sich auch noch nichts auf dem Flur getan. Nur Herr Tyralla rollte mal wieder sturzbetrunken aus seiner Kneipe an und bettelte schon, bevor er bei sich klingelte, dass ihn seine Hertha nicht schlagen solle. Ich hörte noch das Scheppern einer Bratpfanne und ein leises Wimmern, dann war wieder Ruhe. Ich war gerade erneut am Wegdämmern, als ein Schrei über den Flur gellte. Ich riss die Türe auf und sah den netten, unscheinbaren Herrn Suhlke aus der dritten Etage, wie er gerade einen Rumpelstilzchentanz aufführte. In der einen Hand hielt er einen Senfbecher, die andere Hand steckte in meinem Stiefel – und in meiner Mausefalle. Natürlich kamen nun auch die anderen Nachbarn auf den Flur gelaufen. Es gab ja viele Verdächtigungen – aber mit Herrn Suhlke als Täter hatte keiner gerechnet. So fiel seine Strafe, als sich alle wieder beruhigt hatten, auch ziemlich gnädig für ihn aus. Im nächsten Frühjahr muss er für alle Stiefelgeschädigten auf seine Kosten einen Grillabend mit Steaks und Bratwürsten ausrichten. Mit reichlich Ketchup und Senf versteht sich.